04. Mai 2008

Bewältigung Der Sozialismus des Nationalsozialismus

Roter, Brauner und Grüner Sozialismus

Auf der Basis der Vorbemerkungen zu seinem Buch „Roter, Brauner und Grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus.“ (Grevenbroich 2008) hielt Josef Schüßlburner diesen Vortrag vor einem libertären Kreis Düsseldorf am 30.04.08, also am Vorabend des von den Nazis amtlich eingeführten Maifeiertages.


Am 24.09.1933 richtete Werner Sombart an Johann Plenge folgenden Brief: „Was  ... Ihren Anspruch auf die Vaterschaft des Nationalsozialismus betrifft, so geht es Ihnen nicht anders wie anderen auch. So ich mir bewusst, ebenfalls zahlreiche Ideen schon seit langem vertreten zu haben, die die heutige Politik bewegen ... Auch ich bin ´versunken und vergessen´. Man will keine geistigen Väter haben. Alle Gedanken fangen mit dem Jahr I der ´nationalen Revolution´ an... Wenn jetzt der Grundsatz für geistige Kinder gilt: ´la recherche de la paternité est interdite´ so ist dies längst nicht so schlimm wie in einem Alimentenprozeß“ (dieses Schreiben ist veröffentlicht bei: Dieter Krüger, Nationalökonomen im wilhelminischen Deutschland, 1983, S. 240).

Sozialdemokratische Vorarbeiten zum Nationalsozialismus

Es handelt sich dabei um einen brieflichen Austausch zweier Professoren, die zwar nicht Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD) gewesen, dieser jedoch sehr verbunden waren. An der Parteimitgliedschaft hatte zunächst der (gewissermaßen) „Radikalenerlass“ des Kaiserreichs gehindert und zur Zeit der Weimarer Republik fanden es ihre Freunde in der SPD durchaus vorteilhaft, Mitstreiter aus dem akademischen Bereich außerhalb der Partei zu haben, die dann deutlicher Positionen zum Ausdruck bringen konnten als die der demokratischen Parteidisziplin, dem Parteisoldatentum unterworfenen Mitstreiter innerhalb der SPD. Sombart war der erste etablierte Akademiker gewesen, der den Marxismus aufgriff und hatte sich diesem dabei so genähert, daß er Friedrich Engels als „etwas eklektischer Marxist“ erschien, der durchaus als künftiger SPD-Ideologe gehandelt wurde. Marx und Engels waren im Übrigen formal ebenfalls nicht SPD-Mitglieder, obwohl ersterer vom Parteitag der SPD (damals als „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ firmierend) zu Halle 1890 als „unser großer Führer“ ausgerufen wurde, ebenso wenig wie der entschiedene Antisemit und „freiheitliche Sozialist“ Eugen Dühring, der sich selbst schon als den künftigen Chefideologen der SPD gesehen haben dürfte. Plenge wiederum war Mitstreiter der sog. „Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe“ (so der Titel einer 1976 veröffentlichten Studie von Robert Sigel) innerhalb der SPD. Insbesondere Paul Lensch, der in der SPD-Reichstagsfraktion als „der Jakobiner“ bezeichnet worden war, leistete mit seinen Weltkriegsschriften die wesentlichen Vorarbeiten, die ideologisch zum Nationalsozialismus führten, indem er das Proletariat durch die Nation als sozialistische Fortschrittskategorie ersetzte. Ohne dass ihm dies wohl selbst bewusst war, griff MdR Lensch mit seinem Ansatz die von der SPD durch den Marxismus verdrängte Entwicklungstheorie von Lassalle auf, in welcher der deutsche Nationalismus wesentliches Element des Sozialismus dargestellt hatte. Dabei handelte es sich nicht um einen gemäßigten Nationalismus, sondern um einen, der einer fortschrittlichen, d.h. zum Sozialismus befähigten Nation durchaus das Recht zum Eroberungskrieg, zur damit einhergehenden Zwangsassimilation und Ausrottung („mehr das Aussterben bei Angehörigen fremder Rasse“) einräumte, um Sozialismus weltweit herzustellen. Plenge, der professoraler Mitstreiter dieser in den theoretischen Positionen von Lensch dominierten SPD-Gruppierung mit ihrem Organ Glocke gewesen war und sich selbst 1933 als maßgeblicher Vordenker des Nationalsozialismus verstand, war auch Doktor-Vater des späteren bundesdeutschen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher. Dieser hat lange Zeit zu verhindern gesucht (s. Krüger, S. 230 f.), dass seine mit magna cum laude bewertete Arbeit Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie veröffentlicht würde, weil er wohl erkannte, dass sie weitgehend mit den Grundpositionen identisch war, bei denen eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus schon deshalb nicht zu verkennen war, weil sich sein Dr. Vater ja selbst als theoretischer Vorläufer des Nationalsozialismus sehen sollte, dessen entschiedener politischer Gegner und auch Opfer Kurt Schumacher gleichwohl war. Nach Hermann Ebeling (s. Nachweise im Buch des Verfassers) hat die SPD im Kampf gegen den Nationalsozialismus gewissermaßen ihre eigene Lassalleschen Wurzeln bekämpft, die sie so nicht mehr wahrhaben wollte.  

Verleugnung und Verneinung der (sozialdemokratischen) Vaterschaft

Warum wurde der Anspruch des ehemaligen SPD-Mitstreiter Plenge und des Sozialismus-Sympathisanten Sombart zurückgewiesen, Vordenker des Nationalsozialismus zu sein? Dem Reichspressechef der NSDAP, Dietrich, galt Plenge als opportunistischer Zeitgenosse und hat ihm vorgehalten: „Wo waren Sie denn, ... als Adolf Hitler die Unterstützung der wissenschaftlichen Welt brauchte? Etwa bei uns Nationalsozialisten?“. Außerdem wurde Plenge entgegengehalten: „Hitler, nicht Sie, war der erste Nationalsozialist“ (Nachweis bei Rolf Peter Sieferle, Die Konservative Revolution, 1995, S. 73 im Kapitel über Paul Lensch, der in einer problematischen Weise der im Buchtitel genannten Strömung zugerechnet wird, obwohl er mehr als sozialdemokratischer Vorläufer des NS einzuordnen wäre). Plenge durfte dann für sich in Anspruch nehmen, „der erste nationale Sozialist“ gewesen zu sein. Nach dem 2. Weltkrieg erkannte er sich - auch nicht ganz unrichtig - als einen Vater des Sozialstaatskonzepts.

Deutlich wird: Seiten des Nationalsozialismus wurde der Anspruch auf Vaterschaft seitens der Vertreter einer sozialdemokratischen Richtung und damit auch die explizite ideologische Einbettung des Nationalsozialismus in die Ideenströmung des gewissermaßen offiziellen Sozialismus zum einen aus partei-organisatorischen Gründen zurückgewiesen („Sie waren ja außerhalb der Partei!“), die bekanntlich für Parteipolitiker den wesentlichen Lebensinhalt darstellen. Vor allem aber sollte der Nationalsozialismus als Produkt erscheinen, das gewissermaßen voraussetzungslos („Jahr I“) dem Genie von Hitler entsprungen wäre. Deshalb finden sich, um nur ein zentrales Beispiel zu erwähnen, in der Propaganda-Broschüre von Gottfried Feder, Das Programm der N.S.D.A.P. und seine weltanschaulichen Grundlagen, 1934, außer Bezugnahmen auf Hitler keine Hinweise auf andere Autoren, Lehren oder anzuerkennende Vorläufer. Die Apotheose Hitlers, die damit vollzogen worden ist, ist insofern nachvollziehbar, weil ohne ihn und natürlich die besonderen politischen Umstände, die seinen politischen Aufstieg und propagandistischen Erfolg möglich machen sollten, der Nationalsozialismus in der spezifischen Weise sicherlich nicht in Erscheinung getreten wäre oder damit Erfolg gehabt hätte. Zwar sind alle Elemente, die den Nationalsozialismus kennzeichnen und ihm berechtigter Weise zum Vorwurf gemacht werden, in der sozialistischen Tradition nachweisbar, wie demokratisch begründete Parteidiktatur, Sozialdarwinismus, Rassismus und Antisemitismus (s. dazu ausführlich das Buch des Verfassers dieser Zeilen). Hitler hat diese Elemente jedoch in einer spezifischen Weise zum Ausdruck gebracht, die dem traditionellen Sozialismus, der sich durch den National-Sozialismus mit historisch Verdrängtem konfrontiert sah, mittlerweile zumindest teilweise peinlich vorkommen musste. Ohne Hitler und die besonderen politischen Umstände Deutschlands wären vermutlich die Elemente, die als „Nationalsozialismus“ verselbständigt in Erscheinung traten, weitgehend innerhalb der sozialistischen Ideenströmung integriert geblieben; sie wären dabei wohl nicht besonders aufgefallen und wie so vieles gerade beim Sozialismus ins Vergessen verdrängt worden. Um den Nationalsozialismus, der sich als Spezialerscheinung ergeben hat, als Besonderheit darzustellen, wurden auch durch NS-Ideologen teilweise skurrile Abgrenzungen vorgenommen: So meinte etwa Alfred Rosenberg, der als NS-Parteiideologe gehandelt wird (auch wenn er diesen Status offiziell nie hatte), den Nationalsozialismus vom „nationalen Sozialismus“ abgrenzen zu müssen, der ja nur eine nationale Variante des Marxismus wäre, und dies, obwohl in „Mein Kampf“ (S. 557) Hitler selbst die Nationalsozialisten „als nationale Sozialisten“ kategorisiert hatte! Die übliche bundesdeutsche Interpretation, falls sie überhaupt diese Problematik aufgreift, geht dann dahin, daß etwa die Ansichten von Plenge noch viel zu rationalistisch und mechanisch waren, als dass „sie sich letztlich in die verquaste NS-Ideologie eingefügt hätten“ (so etwa Krüger, S. 239). Auch Lensch hätte mit seinen Mitstreitern (so Sieferle, S. 72 f.) viel zu ökonomisch-materialistisch argumentiert, um zu expliziten Vätern der NS-Weltanschauung werden zu können, „wenn sich auch Elemente ihres Denkens im Umfeld des Nationalsozialismus finden“.

Die Tatsache, daß der Nationalsozialismus offiziell keine ideologische Vaterschaft anerkannt  und sich kaum explizit auf irgendwelche Vorläufer bezogen hat, erleichtert es heutigen maßgeblichen, d.h. im akademisch-politischen Bereich herrschenden „Interpreten“, dem Nationalsozialismus alle möglichen konservative, liberale, ja katholische und protestantische „Vorläufer“ zuzuschreiben, auf die er sich offiziell allerdings auch nicht bezogen hat, auch wenn entsprechende Zurechnungen nicht ganz falsch sein müssen, aber doch erkennbar den zentralen Punkt verfehlen. Diese Zuschreibung der Vorläuferfunktion von bestimmten Personen und Erscheinungen wird dadurch sehr erleichtert oder überhaupt erst in dieser zentralen Weise ideologisch einseitig möglich, weil zwar die Ansichten von Leuten, die man im weitesten Sinne als „rechts“ einstufen kann oder dort eine gewisse Wirkung erzielt haben, wie etwa  Comte Joseph Arthur de Gobineau oder Houston Steward Chamberlain bekannt gehalten werden,  gleichzeitig aber entsprechende Ansichten von Sozialisten wie diejenigen von Lapouge, Woltmann und Dühring nachhaltig verdrängt sind, sind doch sogar etwa die rassistischen Auffassungen von zentralen Sozialisten wie von Marx, Engels und Lassalle nachhaltig verdrängt wie auch diejenigen von weiteren Personen, die im weitesten Sinne der linken progressiven politischen Ideenströmung zuzuordnen sind, wie die Angelsachsen Knox, Kingsley, Jefferson, Roosevelt und die Webbs. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die genannten Personen des linken Spektrums teilweise, zumindest in hier interessierenden Punkten, eine Minderheitenposition innerhalb der sozialistischen Ideenströmung vertreten haben sollten, dann sind deren entsprechenden Auffassungen gegenüber den von rechter Seite als „Vorläufer“ zugerechneten Personen als besonders radikal zu kennzeichnen. So waren Rassentheorien, die außerdem nicht unbedingt politische Folgen haben mussten, in der Tat in fast allen politisch-ideologischen Strömungen des 19. Jahrhunderts verbreitet. Nachhaltig vergessen und verdrängt wird bei der „Bewältigung“, daß der Rassismus sehr wohl auch bei Sozialisten zu finden ist, vermutlich sind die radikalsten Folgerungen aus Rassentheorien gerade von Sozialisten gezogen worden: So findet sich das Völkermordmotiv als Verwirklichung des Fortschritts, d.h. als Beseitigung menschlicher Ungleichheit, eigentlich nur bei sozialistischen Theoretikern, mag sich dann anschließend im 20. Jahrhundert der Anti-Rassismus besonders nachhaltig von Sozialisten vertreten worden sein (durchaus als Element der Abgrenzung, die sich dann nicht hätte ergeben müssen, wenn es keinen verselbständigten Nationalsozialismus gegeben hätte). Bemerkenswert ist, daß schon die maßgebliche Klassenkampftheorie des Marxismus auf eine Rassenkampftheorie zurückgeht (Nachweise im Buch des Verfassers). Auch der Antisemitismus ging wesentlich mit dem Sozialismus einher, ja man kann sogar sagen, daß der spätmittelalterlich tradierte Antisemitismus, der aufgrund der Zinsprivilegien für Juden entstanden war oder sich zumindest an diesen festmachte, überhaupt der Vorläufer des Sozialismus ist, gewissermaßen als der sich seiner noch nicht selbst bewusst gewordene Sozialismus angesehen werden muss und von sozialistischer Seite im 19. Jahrhundert auch so verstanden wurde. Gerade der Antisemitismus, der nicht auf religiöse Vorbehalte zurückgeht, stellt sich als besonders gefährlich dar, weil er sogar die religiöse Konversion als „Lösung“ versperrte.

Es ist unbestreitbar, dass es etwa einen „Sozialdarwinismus“ gab, der von der politisch rechten, insbesondere nationalliberalen Seite vertreten worden ist, was insofern nahe liegend ist, weil das Darwinistische Entwicklungskonzept auf die politisch-gesellschaftliche Ebene übertragen in der Tat mehr für den Kapitalismus spricht als für den Sozialismus. Dies erlaubt dann heutigen Interpreten, auf die unbestreitbar vorliegenden sozialdarwinistischen Ansichten Hitlers zu verweisen, um ihn ohne weitere Erörterung ideologisch in einen „konservativen“ oder „rechten“ Kontext zu stellen. Dabei wird nachhaltig verdrängt, dass gerade der Marxismus sich nur deshalb als SPD-Parteidoktrin durchsetzen konnte, weil er in einer spezifischen Weise mit dem Darwinismus verschmolzen worden ist. Und dieser Darwino-Marxismus war Kern der SPD-Ideologie von etwa 1900 bis in die 1930er Jahre. Dieser sozialistische Sozialdarwinismus geht dabei insofern auf Marx zurück als dieser meinte, dass Darwin naturwissenschaftlich bestätigt hätte, was er selbst sozialwissenschaftlich erkannt habe. Während demnach sozialistischer Antisemitismus, Rassismus  und Sozialdarwinismus (was nicht identisch sein musste) nachhaltig verdrängt sind, wird der bei weitem weniger gefährliche konservative, mehr religiös begründete Antisemitismus in der „Erinnerung“ am Leben erhalten, um ideologiepolitisch einseitig entsprechende „Vorläufer“ für Hitler und den Nationalsozialismus ausfindig zu machen. Dabei müsste sich allerdings die Frage aufdrängen, weshalb sich dann der Nationalsozialismus explizit „sozialistisch“ nannte und nicht „konservativ“, wenn die Zurechnungen der „Bewältigung“ zutreffend oder die maßgeblichen wären. Gerade die Selbstverortung des NS als „sozialistisch“ müsste doch nahe legen, danach zu suchen, ob in der sozialistischen Ideenströmung Auffassungen vertreten worden waren, die den sozialistischen Anspruch des NS als berechtigt oder als unberechtigt erscheinen lassen. Entsprechende sozialistische Auffassungen, falls sie vorliegen (was in der Tat der Fall ist!), sind dann für den NS als wohl maßgebender anzusehen als vergleichbare, in der Regel bei weitem weniger radikale Auffassungen auf nicht-sozialistischer Seite.        

„Rationaler Sozialismus“ gegen „verquaste NS-Ideologie“?

Ist dann aber vielleicht die Ansicht richtig, daß Sozialismus und Nationalsozialismus schon deshalb geschieden sind, weil ersterer rational war und letzterer einfach in einer irrationalen Weise bestimmte Elemente des ersteren (wenn überhaupt) aufgriffen und zu einer „verquasten Ideologie“ (die natürlich dann nach den Prämissen bundesdeutscher Staatsraison schon als solche ideologisch „rechts“ einzustufen ist) zusammengeschmiedet hat? In der Tat werden in der „Bewältigung“ gerne die irrationalen Elemente des Nationalsozialismus aufgespürt und es werden etwa „okkulte Wurzeln“ entdeckt. Als Beispiel für zahlreiche derartige Veröffentlichungen kann das Buch des Linkskatholiken Wilfried Daim, „Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Die sektiererischen Grundlagen des Nationalsozialismus“ von 1985, angeführt werden. Dieses Buch mag einen Aspekt der nationalsozialistischen Ideenströmung zutreffend aufgedeckt haben. Um jedoch dabei eine angemessene geistesgeschichtliche Einordnung vornehmen zu können, müssten gleichfalls die „okkulten Wurzeln des Marxismus“ analysiert werden. Dies ist immerhin mit dem Werk von Boris Groys / Michael Hagemeister, „Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ von 2005 geschehen. Hier wird aufgezeigt, dass das Sowjetregime seine Unterstützung aus intellektuellen Kreise gerade deshalb erfuhr, weil es Projektion utopisch-okkulter Phänomene war, die aus dem sozialistischen Gerechtigkeitspostulat die durchaus nahe liegende Folgerung abgeleitetet haben, dass die Unsterblichkeit oder die Auferstehung der Toten zum politisches Programm gemacht werden müsse. Die Ausführungen von Groys / Hagemeister wären noch überzeugender, wenn sie aufzeigen würden, daß sich diese okkulten Postulate ziemlich schlüssig aus der Seinsphilosophie von Karl Marx ableiten lassen (s. dazu deshalb das Buch des Verfassers der vorliegenden Zeilen). Im Marxismus kommt nämlich eine gnostische Religiosität wieder zum Vorschein, die in der Vergangenheit von chiliastischen Unterströmungen des Mittelalters gepflegt wurde, die wiederum sowohl Marxisten als auch Nationalsozialisten als ihre Vorläufer akzeptierten. Nicht zuletzt aufgrund dieser quasi-religiösen Vorgeschichte ist der Sozialismus von einem grundlegenden Irrationalismus geprägt, wie im Buch des Verfassers, zumindest zu seiner eigenen Zufriedenheit, hinreichend dargelegt ist.

Marx und Engels haben den irrationalen Charakter des Sozialismus insofern anerkannt, als sie die so genannten „utopischen Sozialisten“ als Vorläufer ihres marxistischen Sozialismus akzeptiert haben, der zur offiziellen SPD-Ideologie werden sollte. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die „Endzeitvorstellungen“ des SPD-Vorsitzenden August Bebel wie folgt bewertete worden sind: „Das Irreale dieser Konstruktion ist grotesk“ (Gilg). Die Marxisten, angefangen von den Urhebern desselben, meinten zwar, den Utopismus ihrer als Vorläufer anerkannten Lehren in Form einer „Wissenschaft“ überwunden zu haben, doch ihre „Geschichtsgesetze“, die Engels im Anti-Dühring dogmatisiert hat, insbesondere die Dialektik, Umschlag von Quantität in Qualität, Durchdringung der Gegensätze sind völlig irrational. Die Geschichtskonstruktion, die auf eine deterministische Aufhebung der Determination hinausläuft, ist pseudo-naturrrechtlich (so Topitsch), indem normative Gerechtigkeitspostulate als objektive Seinsgesetzlichkeit formuliert werden, die sich ökonomisch-historisch, letztlich auch biologisch erfüllen „müssen“. Dann wird aber schon die politische Tätigkeit einer Parteigründung zur Herbeiführung oder Beschleunigung der Sonnenfinsternis vergleichbar! Dementsprechend liegt dem Hauptwerk von Marx ein methodischer Irrationalismus zugrunde (Nachweise im Buch des Verfassers). „Das Kapital“ vermag letztlich gar nicht darzustellen, was eigentlich am „Kapitalismus“ falsch ist; vorgeworfen wird letztlich der Warencharakter der Produkte, was aber nur dann vorwerfbar ist, wenn man sich im „Arbeiter“ einen Demiurgen (Welterschaffer) vorstellt, der sich durch Arbeit in ein Ich aufspaltet, dem im Prozess der Produktion ein entfremdetes Nicht-Ich gegenübertritt. Die ganze Konstruktion ist pseudo-religiös (gnostisch) und damit zutiefst irrational. Dementsprechend hat der Sozialismus nie wirklich begründen können, was er eigentlich will. Zu Recht ist das entscheidende Programm der klassischen SPD wie folgt bewertet worden: „Abgesehen davon, dass auch schon der Charakter des gesellschaftlichen Eigentums und der sozialistischen Produktion (im Erfurter Programm der SPD und bei den Erläuterungen von Kautsky, Anm.) nicht näher umschrieben wird, gibt das Programm erst recht keine Auskunft über die Organisationsform einer sozialistischen Gesellschaft (der Begriff „Staat“ wird grundsätzlich vermieden); es begnügt sich mit der Formel „Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst“ und „gleiche Rechte und gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Einzig das Gleichheitsprinzip steht demnach fest. Das Programm legt offensichtlich auf die politische Struktur der neuen Gesellschaft weiter weniger Wert als auf die wirtschaftliche und soziale“ (Gilg, s. genauen Nachweis im Buch des Verfassers). Damit kann auch eine Führerdiktatur sozialistisch sein, wenn sie nur „Gleichheit“ herbeiführt, eine Gleichheit natürlich, die auf die Rechtsgleichheit der Individuen pfeift und dabei Fortschrittshindernisse, die bekanntlich mit dem Fortschritt nicht „gleich“ sein können, auch rassenbiologisch zu erfassen vermag. Sozialistisch ist dann allemal die Vorstellung vom „Kampf für die Befreiung und Reinigung unseres Volks, eine Läuterung zum wahren Staat sozialer Gerechtigkeit und nationaler Freiheit“ (so Feder, S. 62).

Wegen der Unklarheit dessen, was „Sozialismus“, abgesehen von roten Fahnen und dergleichen wie das Singen von Liedern wie „Zur Sonne, zur Freiheit“ (die auch die Nationalsozialisten gesungen haben) darstellt, stellte sich gegen Ende des 1. Weltkriegs, als die Sozialdemokraten an die Regierung kamen, die verwirrende Frage, was man jetzt eigentlich machen solle. Die Sozialisten waren außer Schwadronieren mit „sozialer Gerechtigkeit“ politisch fast auf überhaupt nichts vorbereitet und mussten sich letztlich - realpolitisch („Kompromiss mit der Wirklichkeit“) - mit der Umsetzung von Programmpunkten begnügen, für die man nicht unbedingt Sozialismus mit seinem spezifischen Anliegen brauchte. Dazu zählt etwa die Einführung einer parlamentarischen Demokratie, die die sozialistische Mehrheit eigentlich auch nicht wirklich gewollt hat und die letztlich amerikanischer Invasionsdrohung ihre Entstehung verdankt. Noch die Aussagen des SPD-Chefideologen Karl Kautsky zur parlamentarischen Demokratie aus den 1920er Jahren sind ziemlich taktisch gehalten und der maßgebliche sozialdemokratische Austromarxist Otto Bauer behielt sich eindeutig die Diktaturoption zur Sozialismus-Verwirklichung offen. Hitler hat deshalb, noch in der Antwortrede auf die Rede des SPD-Vorsitzenden Otto Wels zum Ermächtigungsgesetz von 1933 (die jubiläumsbedingt gerade gefeiert, während die Hitlersche Antwort verschwiegen worden ist), der SPD-Führung zum Vorwurf gemacht, nicht auf die sozialistische Revolution vorbereitet gewesen zu sein; sie hätte dadurch den deutschen Staat gegenüber dem „Finanzkapital“, d.h. den westlichen Feindmächten (letztlich: „Judentum“), wehrlos gemacht, so dass sich statt Sozialismus nur eine bürgerliche Republik ergeben hätte. Ausdrücklich auf diesen historischen Kontext bezog sich Goebbels, wenn er es als Aufgabe des Nationalsozialismus definierte, den Fehlschlag von 1918 wettzumachen, die aufgegebene Fahne des Sozialismus aufzugreifen, um ihn endlich durchzusetzen (s. Nachweise im Buch des Verfassers).

In dem sicherlich sehr positiv gemeinten Eintrag der links-manipulierten „Wikipedia“ zum Stichwort „Sozialismus“ heißt es: „Gerade in der Ausbildung des eigentlichen Sozialismus gab es vielfältige Varianten. Frühsozialisten wie François Noël Babeuf, Claude-Henri Comte de Saint-Simon, Louis-Auguste Blanqui, Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon, William Godwin, Robert Owen oder Moses Hess legten politische Konzepte von quasi-absolutistischen Diktaturen bis hin zu einem anarchistischen Föderalismus vor. Einig waren sie sich einerseits in einer abwehrenden Reaktion gegen Effekte des Frühkapitalismus wie in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, die mittelalterliche Standesunterschiede ebenso überwinden würde wie neuere Klassengegensätze. Oftmals argumentierten sie sehr moralisch, eine sozialwissenschaftlich inspirierte Analyse wie sie von Marx geleistet wurde, fehlte.“ Abgesehen, dass die Kennzeichnung „sozialwissenschaftlich inspiriert“ schon äußerst problematisch ist: Wieso soll sich aufgrund der Unklarheit dessen, was „Sozialismus“ meint oder meinen könnte, dann nicht auch der Nationalsozialismus in die sozialistische Ideenströmung einordnen? Wieso soll die Forderung nach „Brechung der Zinsknechtschaft“ und damit Überwindung des „heutigen Unstaat(s) mit seiner Unterdrückung der arbeitenden Klassen, dem Schutz des Raubeigentums“ (Feder, S. 21) nicht sozialistisch sein? Die „Gegenargumente“, nämlich Diktatur, Nationalismus, Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus, Eroberungskrieg, Genozid greifen nicht durch, wenn man die sozialistische Ideenströmung wirklich kennt (was natürlich nicht heißt, daß jeder Sozialist automatisch etwa Rassist gewesen sein musste). Gemessen an der orthodox-marxistischen Politik, die sich dann doch, trotz der Vorstellung eines „Absterben des Staates“ (Engels) durch Sozialisierung, völlig paradox zu einer diktatorischen Totalverstaatlichung als Essenz des sozialistischen Gerächtigkeitspostulats gezwungen sah, nimmt sich die Art der von Hitler durchgeführten Sozialisierung, nämlich Abschaffung des verfassungsrechtlichen Eigentumsrechts (wie auch anderer Grundrechte) und Umwandlung desselben in ein jederzeit im Interesse des Gemeinschaftsgefühls und sozialer Gerechtigkeitspostulate widerrufbares Quasi-Lehen als geradezu rational aus. Dabei ist allerdings hinzuzufügen, dass der Nationalsozialismus, gefangen von der „Legalitätstaktik“ und der doch kurzen Dauer seiner Herrschaft, nicht das Ausmaß an Sozialismus durchsetzen konnte, das er gerne gewollt hätte. Hitler konnte dementsprechend nicht einmal das Maß an Sozialismus durchsetzen, das an das der Volksrepublik China der pseudokapitalistischen Phase nach Mao heranreicht. Die Kritik des NS am „Staatskapitalismus“ der Bolschewiken ist sozialismusadäquat dem Grunde nach durchaus nachvollziehbar, wie natürlich auch der umgekehrte Vorwurf, wonach das NS-Regime einen „Staatskapitalismus“ dargestellt habe. Anders lässt sich Sozialismus auch kaum verwirklichen, zumindest wenn man sich erst einmal zur zeitgenössischen Erkenntnis durchgerungen hatte, wonach die diktatorische Kriegswirtschaft des 1. Weltkriegs bereits deutlich gemacht habe, dass der Eintritt des Sozialismus geschichtsnotwendig vor der Tür stünde. Das insbesondere von der Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe vertretene Konzept des „Kriegssozialismus“ stellt die wesentliche konzeptionelle Weichenstellung von der Vorkriegsozialdemokratie zur späteren NS-Wirtschaftspolitik dar. Hier findet sich allerdings auch als gewissermaßen pazifistische Variante des Kriegssozialismus die Wurzel des Sozialstaatskonzepts, das kreiert werden musste, um „den Übertritt der Sozialdemokratie auf den Boden der rechtsstaatlichen Verfassung im Jahr 1919 möglich“ zu machen (so Forsthoff , genauer Nachweis im Buch des Verfassers). Im NS stellte sich dann explizit der innere Zusammenhang von Sozialstaatskonzept und Kriegssozialismus her.

Warum keine SPD-KPD-NSDAP-Koalition?

Das wesentliche Argument der „Bewältigung“ gegen die Einordnung des National-Sozialismus in die sozialistische Tradition stellt einen banal partei- und machtpolitischen Gesichtspunkt dar: Der NS ist im Bündnis mit der traditionellen deutschen Rechten an die Regierung gelangt und muss deshalb dieser zugeordnet werden, stellt also eine radikalisierte Erscheinung derselben dar. Die Verwendung einer parteipolitischen Machtkonstellation als ideengeschichtlicher Beleg kann aber allenfalls als eine (widerlegbare) prima facie-(Gegen-) Vermutung anerkannt werden, ergeben sich doch häufig dem Machtkalkül geschuldete politische Konstellation, in denen sich im vorübergehend gedachten Zweckbündnis ideologisch ferner Stehende gegen ideologisch näher Stehende sowohl aus rein taktischen Erwägungen, aber auch zur Überwindung institutionell bedingter politischer Lähmung zusammenfinden. Die derzeit sich abzeichnende Koalition aus CDU und Links-Grünen in Hamburg, was die SPD, die letzteren ideologisch sicherlich näher steht als der CDU, in der Opposition hält, wäre ein jüngstes Beispiel für diese Beobachtung. Dabei sind die derzeit anstehenden Schwierigkeiten, etwa in Hessen, zur Regierungsbildung noch wirklich harmlos im Vergleich zu den 1930er Jahren: Damals hat die traditionelle deutsche Rechte zunächst durch eine Phase eines Präsidialregimes den Nationalsozialismus von der Macht fernzuhalten gesucht (was allerdings in der „Bewältigung“ als Vorbereitung des NS-Regimes verstanden wird!), was aber, nicht zuletzt unter dem Druck von linker Seite (Drohung mit Präsidentanklage), verfassungsrechtlich konsequent zum parlamentarischen Regime zurückzukehren, nicht weiter aufrechterhalten werden konnte und damit aufgrund des Ergebnisses demokratischer Wahlen und der Notwendigkeit, parlamentarische Blockaden zu überwinden, zur Regierungs-Beteiligung des Nationalsozialismus führen musste. Offen war dann lediglich die Frage, in welcher parteipolitischen Koalitionskonstellation dies geschehen würde.

Es wäre allerdings weiten Teilen des Nationalsozialismus erkennbar lieber gewesen, im Bündnis mit den anderen Sozialisten (SPD und KPD) an die Macht zu gelangen als im Bündnis mit den Rechtsparteien. Aber etwa Sauckel musste im Zusammenhang mit der Regierungsbildung in Thüringen von 1930 auf die Frage, „Wie kommt es eigentlich, dass wir als Sozialisten nicht mit den anderen sozialistischen Parteien zusammengehen, sondern uns nun mit dem bürgerlichen Gruppen zusammenschließen?“ resigniert antworten: „Die Sozialdemokraten sehen uns als ihre ausgesprochensten Gegner an. Ihre Führer bekämpfen uns mit allen politischen Mitteln und mit persönlichem Hass, wie er eigentlich unbegreiflich sein müsste“ (s. Hitler aus nächster Nähe. Aufzeichnungen eines Vertrauten 1929-1932, hrg. von H.A. Turner, 1978, S. 311). Eine Koalition der Sozialisten (unter Einschluss der NSDAP) schien sich im Berliner Verkehrsstreik von 1932 abzuzeichnen (s. dazu das gerade erschienene Buch von Klaus Rainer Röhl, Die letzten Tage der Republik von Weimar. Kommunisten und Nationalsozialisten im Berliner BVG-Streik von 1932, 2008), wozu auch das gemeinsam von Dr. Frick (NSDAP), Dr. Breitscheid (SPD) und Törgler (KPD) eingebrachte und mit 365: 143 angenommene Amnestiegesetz gehört, das deutlich machte, dass der Versuch des rechten Präsidialregimes, aufgrund präsidialer Ermächtigung mit Schnellgerichten gegen hochverräterische Aktivitäten (darunter etwa gegen das SPD-Mitglied Otto Ring und das NSDAP-Mitglied Georg Zabel) vorzugehen, wegen der „sozialistischen Mehrheit des Reichstags, nämlich KPD, SPD und NSDAP, (die) eine Zweidrittelmehrheit ausmache“ (so Reichsinnenminister von Gayl in der Kabinettsitzung vom 9.11.1932) zum Scheitern verurteilt war und sich die traditionelle politische Rechte daher genötigt sah, eine der sozialistischen Parteien als vorübergehend gedachten Koalitionspartner auszuwählen.

Der Hass von SPD-Seite auf die NSDAP, der legitimer Weise von dieser als solcher aufgefasst worden ist, kann man nur damit erklären, daß die Sozialdemokratie im Nationalsozialismus Sozialismus-Häretiker erkannte, die an Ideologieelementen anknüpften und Forderungen aufgriffen, die der Sozialdemokratie mittlerweile peinlich geworden waren, von denen sie aber wusste, es aber nicht unbedingt zugestehen wollte, dass sie in der eigenen Ideologietradition zu finden waren. Vergleichbar stellte sich der Hass von Kautsky gegenüber den Bolschewiken dar, der damit zu erklären ist, daß sich die Kommunisten sehr wohl zu Recht auf Marx beriefen, nur wollte er sich dies nicht zugestehen. Offener gegenüber dem NS konnten deshalb linksextreme Gruppierungen am Rande der SPD sein: So hat der spätere SPD-Vorsitzende Willy Brandt seinerzeit den sozialistischen Anspruch der Nationalsozialisten insofern akzeptiert als er seine Genossen von der SPD-Linksabspaltung „Sozialistische Arbeiterpartei“ (SAP) aufforderte, das „sozialistische Element“ an der Basis des NS zu erkennen: „Das sozialistische Element im Nationalsozialismus, im Denken seiner Gefolgsleute, das subjektiv Revolutionäre an der Basis muss von uns erkannt werden“ (Nachweis im Buch des Verfassers). Brandt hat damit sicherlich nicht den Vorwurf des „Rechtsextremismus“ im bundesdeutschen Ideologieverständnis gegenüber der NS-Basis ausgesprochen. Vergleichbar war umgekehrt die Einstellung von Hitler gegenüber der SPD: Die Basis war bestens (s. nachfolgend), nur die Führung schlecht, die man deshalb entmachten musste, um ihre Anhänger für sich zu gewinnen, was Hitler dann nach der „Machtübernahme“ und der diktatorischen Ausschaltung der SPD-Führung in einem Ausmaß gelingen sollte, dass man schließlich sogar von „so etwas wie eine(r) Affinität sozialdemokratischer Arbeiter zu Hitler“ sprechen konnte, „die auch umgekehrt zutraf“ (so der ehemalige Spiegel-Redakteur Heinz Höhne, s. genauere Nachweis im Buch des Verfassers). Genau dies war dann, einmal etabliert, die wirkliche soziale Basis der Diktatur, wie die Exil-SPD (Sopade) ziemlich bald erkennen musste: „Stimmungsmäßig verfügt die Regierung über den meisten Anhang in der Arbeiterschaft“. Gerade „das Verhalten der Arbeiter“ gestatte es „dem Faschismus ..., sich immer mehr auf sie zu stützen“, heißt es in einem Bericht von 1934 und dieser Erfolg war die entscheidende Grundlage dafür, dass sich Hitler über die zeitliche Befristung des Ermächtigungsgesetz (Auslauf zum 1.04.1937) hinwegsetzen konnte, indem man über das Plebiszit zur Vereinigung der Ämter von Kanzler und Präsident die kommissarische in eine souveräne Diktatur nach sozialistischem Modell verwandelte. In der Tat hatte Hitler gegenüber den Sozialdemokraten eine extrem idealisierende  Einstellung: „Da finden wir die große Masse des braven, strebsamen, fleißigen deutschen Volkes aller Stämme und Schichtungen, verwachsen bis in die letzten Fasern, der ich mein Leben geschenkt habe und meine Kraft, meine Arbeit, mein Wollen, meine Hoffnung und meinen Glauben! Diese große, ungeheuere Masse des Volks, sie ist eigentlich das Volk selbst“ (Nachweis bei Turner, S. 348), weshalb schon klar ist, dass Hitler seine Partei als „Arbeiterpartei“ firmieren ließ, eine Bezeichnung, für die nur die sozialistische Tradition ein Vorbild abgibt. Der individuell unterschiedlich akzentuiert Übergang der maßgeblichen sozialdemokratischen Arbeiterdichter Max Barthel, Karl Bröger und vor allem von Heinrich Lersch zum National-Sozialismus macht deutlich, daß diese überaus positive Einstellung des NS zum deutschen Arbeiter durchaus Anklang fand und dem Regime eine Stabilität gab, von dem kommunistische Regimes nur träumen konnten (was den Hass von „Antifaschisten“ auf den Nationalsozialismus nicht unwesentlich erklärt).

Bestimmung des ideologischen Verhältnisses: Sozialdemokratie – Kommunismus - Nationalsozialismus

Unbestreitbar kann konstatiert werden: „Der nationale Sozialismus teilte eine Reihe von Überzeugungen mit der Linken, aber konnte sich nicht auf der Linken einfinden...; die National-Sozialisten waren Häretiker der Linken und wurden deshalb von der Orthodoxie mit besonderem Hass verfolgt“ (Karlheinz Weißmann). Versucht man über diese zutreffende Beobachtung hinausgehend das Verhältnis der drei Sozialismusvarianten, Sozialdemokratie, Kommunismus und Nationalsozialismus zusammenfassend zu bestimmen, dann vermag vielleicht eine Analogie des Verhältnisses der drei Religionen, für die man neuerdings den Begriff „abrahamistische Religionen“ geprägt hat, zu einem Verständnis zu verhelfen. Im Falle der genannten Religionen geht man neuerdings davon aus, dass das Christentum nicht „Tochter“ des Judentums ist, sondern beide gewissermaßen als „Geschwister“ aus dem klassischen Tempeljudentum nach dessen Vernichtung durch die Römer hervorgegangen sind, wobei das nachklassische Judentum in Teilbereichen durchaus als Antwort auf das Christentum zu verstehen ist. Dagegen ist der Islam aus dem Christentum hervorgegangen, hat dabei aber von diesem verdrängte jüdische Wurzeln (wie etwa Beschneidung, Speisegesetze etc.) wieder zum Vorschein gebracht. Das so verstandene nachklassische Judentum und Christentum sind insofern theologisch einander näher, weil sie gemeinsame Schriften teilen (auch wenn sie diese durchaus konträr verstehen). Dagegen bezieht sich der Islam nicht auf diese Schriften, erscheint als neue Stiftung (der Koran ist danach kein „drittes Testament“!), setzt aber die Kenntnis zumindest der wesentlichen Figuren und Glaubenselemente der beiden anderen Religionen voraus, auf die er sich wie selbstverständlich bezieht und in einer charakteristischen Weise umformuliert. In der Praxis stehen sich aber Judentum und Islam in vielem näher als dem Christentum, weil dieses aufgrund seines Eingehens auf einen Kontext außerhalb der monotheistischen Tradition, den Hellenismus, einen anderen Charakter bekommen hat: So versteht dieses, um nur ein Beispiel anzuführen, die Abraham-Tradition („Kinder Abrahams“) mehr symbolisch, während Judentum und Islam dies konkret meinen und sich dabei nur unterschiedlichen Erstgeborenen (Isaak gegenüber Ismael) zuordnen (ein wesentlicher Grund, weshalb die Trennung von Politik und Religion im Judentum und Islam weniger leicht möglich ist als im Christentum).

Damit in Analogie kann gesagt werden: Sozialdemokratie und Kommunismus sind beide gegen Ende des 1. Weltkriegs aus der klassischen Sozialdemokratie hervorgegangen. Nachklassische SPD und Kommunismus teilten noch einige Zeit, im Grunde bis heute fortdauernd, gemeinsame Schriften und Überzeugungen, wenngleich sie daraus etwas unterschiedliche Folgerungen ableiten. Dagegen bezog sich der National-Sozialismus nicht auf dieses Schrifttum, verstand sich als eigene Schöpfung, setzte dabei aber die sozialistischen Ideen und Ressentiments als bekannt voraus, die er allerdings auf seine Weise formte. Insbesondere die Verwendung des traditionellen sozialistischen Liedgutes, das er teilweise etwas modifizierte, teils auch textlich beibehielt (wie etwa im Falle des in der BRD nicht verbotenen Kampflieds „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“) zeigen die mentalen Anknüpfungspunkte des Nationalsozialismus an die sozialistische Tradition. In diesen Kontext gehört auch, wie von v. Hayek bemerkt, die Verwendung spezieller Grußformeln („Genossen“ bei SPDlern und Kommunisten, „Volksgenossen“ bei NSlern), Parteiuniformen, Indoktrinationen und vor allem rote Fahnen:
„Wir sind das Heer vom Hakenkreuz / Hebt hoch die roten Fahnen / Der deutschen Arbeit wollen wir / Den Weg zur Freiheit bahnen“ (zitiert bei Feder als Schlusssatz, S. 62).

Beim Aufgreifen der sozialistischen Ideen, Ressentiments und Propagandaformeln durch den Nationalsozialismus kam manches zum Vorschein, was in der klassischen sozialistischen Tradition verdrängt oder zumindest an den Rande gedrängt worden war. Mögen sich auch nachklassische Sozialdemokratie und Kommunismus ideologisch näher stehen, so ähneln sich in der politischen Praxis dann doch bei weitem mehr Kommunismus und Nationalsozialismus, was darauf zurückzuführen ist, dass sich die nachklassische Sozialdemokratie stärker von der eigentlichen sozialistischen Tradition lösen konnte, weil sie sich am weitestgehenden auf den Liberalismus einließ. Damit konnte Sozialismus tendenziell zu einer Metapher domestiziert werden, die sich dann etwa als ethisches Prinzip formulieren ließ. Im Kommunismus und National-Sozialismus behielt dagegen der Sozialismus seine konkretere Bedeutung, die in einer unübertrefflichen, aber auch prophetischen Weise der Philosoph Friedrich Nietzsche formulierte, der noch die klassische sozialistische Ideenströmung vor Augen hatte, die aber zumindest für Kommunismus (International-Sozialismus) und National-Sozialismus noch immer zutrifft (und auch für die nachklassische Sozialdemokratie nicht völlig ohne Relevanz sein dürfte):

„Der Sozialismus ist der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reaktionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, daß er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und durch ihn in ein zweckmäßiges Organ des Gemeinwesens umgebessert werden soll… Deshalb bereitet er sich im stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt den halbgebildeten Massen das Wort „Gerechtigkeit“ wie einen Nagel in den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu schaffen….“ (in: Menschliches, Allzumenschliches)
 
Die weiteren Belege sind dem Buch des Verfassers zu entnehmen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Josef Schüßlburner

Über Josef Schüßlburner

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige