12. Mai 2008

Ron Pauls Buch Fortpflanzung der Freiheitsidee

„The Revolution – A Manifesto“ soll den Fortbestand der neuen Freiheitsbewegung sichern

Betrachtet man die Kampagne Ron Pauls der vergangenen zwölf Monate, kann sich ein Vergleich mit dem Ackerbau aufdrängen. Mit seinem Präsidentschaftswahlkampf 2007/08 hat Paul den Boden für die Freiheit bestellt. Seine Worte wühlten die Leute auf wie ein Pflug die Erde. Überrascht stellte er fest, dass der Boden schon viel fruchtbarer war, als er, der anfangs skeptisch war, zu hoffen gewagt hatte. Auch er hatte die Kraft des Düngemittels Internet unterschätzt. Vermutlich deswegen hat er sich entschlossen, jetzt eine kräftige Saat auszusäen und brachte daher sein neues Buch „The Revolution – A Manifesto“ heraus. Wer ihn zu diesem Schritt bewogen hat, macht der Sohn eines Milchbauern in seiner Widmug deutlich: „An meine Unterstützer: Noch nie bin ich so von Demut erfüllt und so geehrt worden wie von Ihrer selbstlosen Aufopferung für die Freiheit und die Verfassung.“ Und offenbar als Begründung dafür, warum er das Feld noch nicht geräumt hat, ergänzt er: „Die amerikanischen Revolutionäre schafften das Unmögliche. Wir können es auch.“

Pauls Manifest fasst alle wichtigen Punkte seines freiheitlichen Programms, seine Prinzipien und politischen Überzeugungen in leicht verständlichen Worten zusammen, denen es dennoch nicht an Fundiertheit und Tiefgang mangelt. Länger als eine typische Wahlkampfrede, die nicht alle notwendigen Erläuterungen und Beispiele enthalten kann, und ruhiger im Ton, ist es dennoch nicht zu lang und in wenigen Stunden bequem zu lesen. Er schreibt über die Außenpolitik und die entsprechenden Ratschläge der Gründerväter der Nation, sich aus „umschlingenden Allianzen“ herauszuhalten und die Welt durch gutes Beispiel statt durch Gewalt anzuführen. Über die Verfassung und ihre richtige und falsche Interpretation. Über die wirtschaftliche Freiheit und die Österreichische Schule der Ökonomie, die ihn stark beeinflusst hat. Über Bürgerrechte und persönliche Freiheiten und ihr gegenwärtiges dramatisches Schwinden in den USA. Und über die Geldpolitik, das „unzulässige Thema“ amerikanischer Politik. Schließlich beschreibt er, auf welche Art er den Rückbau des Staates vornehmen würde. Sein Ziel ist es, möglichst keine Staatsabhängige (zum Beispiel Rentner) dabei ins Elend zu stürzen.

Immer wieder betont Paul, dass die Amerikaner so schnell wie möglich einen geordneten Rückzug des Staates vornehmen müssen. Die einzige Alternative sei nur noch ein ungeordneter Zusammenbruch. Als erstes müssten daher die 700 Militärbasen in 130 Ländern aufgegeben werden. Mit den vielen eingesparten Milliarden könnten die jetzigen Empfänger von staatlichen Sozialprogrammen übergangsweise unterstützt werden, während junge und arbeitsfähige Menschen aus der Verpflichtung entlassen werden, in diese Systeme einzuzahlen.

Dabei reichert Paul, ganz der Gelehrte, seinen Text mit hochinteressanten Wissensdetails an. Zum Beispiel wenn er seine Überzeugung untermauert, dass nicht religiöser Fanatismus, sondern die Besetzung eines Landes durch fremde Truppen die Hauptursache für Selbstmordattentate ist. „Während es zweimal so wahrscheinlich ist, dass al-Qaida-Terroristen aus Ländern mit starker Präsenz von Wahabisten (radikalen Islamisten) stammen, ist es zehmal so wahrscheinlich, dass sie aus einem Land stammen, in dem US-Truppen stationiert sind“, referiert Paul Erkenntnisse aus dem Buch „Dying to Win: The Strategic Logic of Suicide Terrorism“ von Robert Pape, der eine Datenbank sämtlicher 462 terroristischer Selbstmordattentate von 1980 bis 2004 zusammengestellt hat, und ergänzt: „Bis zur US-Invasion im Jahr 2003 hat es in der ganzen Geschichte des Irak nie ein Selbstmordattentat gegeben. ... Als die USA, Frankreich und Israel ihre Streitkräfte aus dem Libanon zurückzogen, gab es keine Attentate mehr. Pape zufolge werden die Attentate eingestellt, weil die Osama bin Ladens der Welt keine potentiellen Selbstmordattentäter mehr begeistern können, unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen.“

Im Kapitel über wirtschaftliche Freiheit lädt Paul die Leser zu einem Gedankenexperiment von Charles Murray ein: Wenn sämtliche sozialen Netze wegfielen, wie würden Sie reagieren? Würden Sie sich als freiwilliger Helfer bei einer Essensausgabe melden oder eher nicht? Würden Sie als freiwilliger Helfer bei einem Alphabetisierungszentrum melden oder eher nicht? Würden Sie, wenn Sie Arzt oder Rechtsanwalt sind, auch kostenlose Beratungen anbieten oder eher nicht? Der Gynäkologe Paul, der Zahlungen von staatlichen Krankenversicherungen Medicare und Medicaid immer verweigerte, erinnert daran, dass diese und ähnliche kostenlose Dienste für Bedürftige in Amerika vor der Errichtung staatlicher sozialer Netze die reinste Selbstverständlichkeit waren.

Natürlich ist Paul sich bewusst, dass in den Schulen, Universitäten und Medien ein ganz anderes Bild von einer Gesellschaft ohne regulierenden und umverteilenden Staat vermittelt wird. Eine „Comic-Buch-Version der Geschichte“ soll die Menschen vor der freien Marktwirtschaft ängstigen „und sie dazu konditionieren, die ständig zunehmenden Belastungen, die die politische Klasse dem privaten Sektor aufbürdet, als unabänderliche Aspekte des Lebens zu akzeptieren, die zu ihrem eigenen Vorteil existieren.“ Dabei sei die Armut in den USA in Wahrheit von 1950 bis 1968 ständig gesunken. Seit dem jedoch, also seit der Einführung angeblicher Armutsbekämpfungsprogramme, stagniere die Armut auf dem Niveau von vor 40 Jahren.

Bekannt ist, dass Paul gerade wegen seines kompromisslosen Eintretens für den Freihandel gegen die Welthandelsorganisation WTO ist. Im Buch berichtet Paul über einen Fall, wo die Europäische Union über die WTO eine Gesetzesänderung in den USA durchsetzte. Steuervergünstigungen für Unternehmen, die Geschäfte mit dem Ausland unterhielten, sollten fortan gestrichen werden, weil sie aus Sicht der EU, in denen es keine Vergünstigungen dieser Art gibt, der USA einen ungerechten Vorteil verschafften. Paul berichtet, dass Pascal Lamy, Mitglied der französischen sozialistischen Partei und damals der Handelskommissar der EU, extra nach Washington angereist kam, um sicherzustellen, dass die Details der Gesetzesänderung seinen Forderungen genügten. Ein Vorgang, der die übliche europäische Sicht vom globalen Hegemon USA nicht unbeträchtlich relativiert. (Paul hätte noch erwähnen können, dass der scheinbar mit asketischen und diktatorischen Tendenzen ausgestattete Pascal Lamy – siehe dessen englischen Wikipedia-Eintrag – inzwischen seit 2005 der Generaldirektor der WTO ist.) Und ein Vorgang, der klar macht, wie illusorisch der Glaube ist, dass man mit internationalen Organisationen wie der WTO mehr für den Freihandel tun könnte als ohne sie. So weist Paul darauf hin, dass Philip Cortney, ein enger Freund Ludwig von Mises, ein Buch über die WTO, in Anlehnung an das als „Appeasement“ kritisierte Abkommen von 1938, mit „The Economic Munich“ betitelte.

Dieses Buch, schreibt Lew Rockwell in einem Kommentar dazu auf Amazon.com, ist Ron Pauls Vermächtnis. Mit ihm will er den Impuls, den sein Präsidentschaftswahlkampf ausgelöst hat, in Gang halten. Es ist die Fortsetzung seines polit-ökonomischen Seminars, den sein Wahlkampf im Grunde immer war. Was ihn zu diesem Seminar bewog, lässt er vielleicht im allerletzten Kapitel durchblicken: Er habe im Verlauf seiner Karriere mit vielen jungen Menschen gesprochen, schreibt er dort, von denen manche noch nie von seinen Ideen gehört hatten. „Doch sobald ich ihnen die Philosophie der Freiheit erklärte und ihnen ein wenig amerikanische Geschichte vom Standpunkt dieser Philosophie her erzählte, leuchteten ihre Augen auf. Hier war etwas, wovon sie noch nie gehört hatten, das aber unwiderstehlich und ergreifend war, und das an ihren Sinn für Idealismus appellierte. Ihnen war Freiheit schlicht und einfach niemals als Alternative präsentiert worden.“

Mit „The Revolution“ präsentiert Paul diese Alternative nun. Wer noch tiefer in die Materie einsteigen will, dem empfiehlt der Autor auf nicht weniger als vier vollen Seiten zum Schluss weitergehende Literatur, die auch Werke von Hayek, Rothbard, Mises und Rand umfasst. Das Manifest, das in diesen Tagen bei Amazon.com und in der „New York Times“ erste Plätze auf den Bestsellerlisten errang, ist also eine potente Saat, deren Reifung ein spektakuläres Schauspiel zu werden verspricht – egal, ob die Ernte schon in diesem Herbst eingefahren wird oder erst später.

Internet:

Ron Paul: „The Revolution – A Manifesto“ bei Amazon.com

Robert Grözinger: „Wer ist Ron Paul – Der Kandidat aus dem Internet“, beim Lichtschlag-Verlag

Über Pascal Lamy


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