23. Mai 2008

Bericht aus Bodrum II. Die Kultur der Unterschicht

Der Sozialstaat produziert die Asozialen

Anthony Daniels ist ein englischer Psychiater, der in Krankenhäusern und Gefängnissen arbeitet. International bekannt ist er als sprachmächtiger und humorvoller Essayist unter dem Pseudonym „Dalrymple“. In Bodrum referierte er nun über die Kultur der Unterschicht – und bezog sich dabei nicht zuletzt auch auf seine Erfahrungen in einem britischen Krankenhaus und im Gefängnis. Das Gefängnis sei in mancherlei Hinsicht vorzuziehen und werde in der Realität von einigen auch vorgezogen.

Nicht anders als in Deutschland hat der moderne Wohlfahrtsstaat auch auf der Insel eine neue Unterschicht geschaffen, eine, die es als völlig „normal“, ja ausgesprochen „natürlich“ empfinde, auf Kosten der Steuerzahler zu leben. Dieses inzwischen alleine in Großbritannien aus mehreren Millionen Menschen bestehende Prekariat zeichnet sich durch eine bestimmte oft verblüffend gleichlautende Biographie aus.

Die Famileienverhältnisse in solchen Kreisen seien zu fast 100 Prozent völlig zerrüttet. Oft haben sich die Jugendlichen sehr früh von Mutter und Großmutter losgesagt, den Vater (und oft gar den Großvater) kennen sie meist gar nicht. Wenn Daniels nach dem Vater fragte, erntete er Unverständnis: „Meinen Sie den „father at the moment“? Oder: „Meinen Sie Daddy Mick oder Daddy John?“ Echte Geschwister gibt es entsprechend fast gar nicht, sondern meist eine Anzahl von Halbschwestern und Halbbrüdern. Wenn Daniels dann fragte, warum sich denn die Mutter vom Vater getrennt habe, lautet die Antwort meist: „Mutter wollte unabhängig sein!“

Problematisch ist nach Daniels weniger diese Kultur der Unterschicht als vielmehr die Tatsache, dass solche kulturellen Erscheinungen inzwischen mehrheitsfähig geworden sind, dass sich also die Kultur der Unterschicht zum Mainstream entwickelt hat. So werden heute bereits 42 Prozent aller Kinder in Großbritannien unehelich geboren. Mit dem eigenen Vater im Haushalt aufzuwachsen ist bereits ein Minderheitenphänomen und damit heute „abnormal“.

Die durch Daniels befragten Unterschichtsjugendlichen und bereits ihre von ihnen als „unabhängig“ bezeichneten Mütter leben selbst von Sozialhilfe. Die moderne Form dieser Unabhängigkeit in England ist nicht mehr die Arbeitslosigkeit, sondern die permantente Krankheit. Schließlich muss man sich „mit Krankenschein“ nicht einmal regelmäßig um einen Job bemühen und zudem sind auch die Alimentezahlungen noch um einiges höher denn als „nur Arbeitsloser“. Es sind diese Stilblüten des Sozialstaats, die wir auch in Deutschland kennen, etwa wenn Behinderungen belohnt werden.

Die Folge hier: Neben der neuen Unterschicht betrügen auch Englands Ärzte sich und ihre Patienten zu Millionen. Schon aus Selbstsschutz, denn 50 Prozent aller britischen Ärzte, erfahren wir von Daniels, wurden alleine in den letzten 12 Monaten mindestens einmal massiv bedroht oder gar tätlich angegriffen, wenn sie nicht gleich den begehrten Schein ausstellten.

Alleine mehr als eine Million Menschen sind in Britannien heute permanent und dauerhaft „krankgeschrieben“. Über einige solcher „Fälle“ berichtet Dalrymple: Was genau haben Sie?, fagt er etwa. – „Ich habe einen Krankenschein“. – Nein, welche Krankheit, meinte ich. – „Ich sage doch, ich habe den Krankenschein.“ Später fragte er dieselbe Person: Welche Hobby haben Sie? – „Kampfsport!“. Als er danach den Hausarzt dieses dauerhaft krankgeschriebenen Kampfsportlers interviewte und fragte, warum er sowas macht, antwortete dieser ehrlich: „Ich bin nicht lebensmüde. Als ich mich mal weigern wollte, ihn krankzuschreiben, hat er meinen Comuper aus dem Fenster geworfen.“

Millionen Sozialhilfebrtrüger und Millionen Ärzte leben dergestalt in einem permanenten Zustand der Lüge, in einer Art „Twilight Zone“, in der moralisch richtiges und falsches Handeln nicht mehr unterschieden werde. Diese psychologischen Verwerfungen durch die Anreize des Wohlfahrtsstaat seien, so Daniels, womöglich weit schlimmer noch als die katastrophalen ökonomischen Folgen.

Das Prekariat selbst fühle sich „unabhängig“, aber gleichzeitig stets als „Opfer“. Denn schließlich wird genau dieser „Opferstatus“ subventioniet: „Er kann doch nichts dafür!“ Und: „Die Verhältnisse haben ihn so gemacht“, weiß jeder Schüler politisch korrekt zu urteilen.

An diesem hoch bezahlten Zustand der Unmündigkeit haben natürlich vor allem die Helfer, die Sozialarbeiter und Politiker, ein Interesse. Dalrymple vergleicht die politisch gewollte Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat mit dem ebenfalls politisch seit Jahrzehnten propagierten Opferstatus der Heroinabhängigen. Auch diese, so glaubt es jedes Kind zu wissen, hätten schließlich „keine Wahl“. Dabei sei es in Wirklichkeit anders als offiziell propagiert, so Daniels: Meist seien die Junkeys erst kriminell und dann drogenabhängig. Und vor allem nehen sie meist erst eine längere Zeit, mindestens ein Jahr lang, gelengentlich Drogen, erst danach permanent. Und in den 30er Jahren noch seien Millionen amerikanischer Opiumabhängiger täglich ganz normal arbeiten gegangen. Heutige Heroinjunkeys arbeiten auch oft den ganzen Tag, allerdings nicht offiziell, und meist in kriminellen Branchen. Die Passivität der Opfer sei ein Mythos, der ihnen erst durch den Sozialstaat verinnerlicht werde.

Dass man sich von Opiatsucht nicht befreien könne, sei ebenfalls ein politisch gewolltes Märchen, so Dalrymple. Es fehle lediglich am Willen. Wenn man jahrelang eingeredet bekomme, dass man ein Opfer sei und auch gar nichts gegen die Sucht tun könne, werde der zunächst noch vorhandene eigene Wille konsequent abtrainiert. Heraus kommen die Karikaturen von Menschen, die wir im Prekariat in England wie in Deutschland an der staatlich umverteilten Chipsstüte beobachten können.

Im China Maos waren mehr als 20 Millionen Menschen permanent und schwer opiatabhängig. Mao hat gezeigt, dass man sehr wohl von der „Sucht“ lassen könne, wenn man nur will: Er hatte einst von heute auf morgen befohlen, alle Drogenkonsumenten, die nicht sofort aufhören, auf der Stelle zu erschießen. Er musste fast niemanden erschießen lassen (jedenfalls keinen Drogenabhängigen mehr).

Der Wohlfahrtsstaat wie der Betreuungsstaat schaffe also Abhängige und zerstöre dauerhaft die Persönlichkeit der Subventionierten. Sozialstaatsempfänger wie Junkies werden zu ewigen Kindern erzogen, die an Freiheit ohne Verantwortung glauben, an eine Parodie von Freiheit also. Dalrymple zieht den letzten Schluss nicht, den wir unter der heißen Sonne von Bodrum (und damit vielleicht entschuldigt) in Thomas-Gottschalk-Manier ziehen wollen: Wetten, dass nach der Methode Mao auch 99 Prozent der deutschen „Sozialschwachen“, der bedauerlicherweise „arbeitsunfähigen“ Dauersozialhilfebezieher von heute auf morgen wieder arbeiten und für sich selbst Sorge tragen könnten? Und: Wären sie damit dann wirklich „bestraft“?


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