23. Mai 2008

Bericht aus Bodrum III Die Pistole im Auto

More guns, less crime

John Lott hat den Klassiker zum Thema geschrieben: „More guns, less crime“. Er redet in Bodrum wie eine geladene Kanone – mit viel Wut im Bauch. Man habe ihm, so beginnt er seinen Vortrag, einmal verständnisvoll gesagt, beim Thema Waffen zählten keine Fakten, sondern nur Emotionen. Deshalb würden die Fakten auch meist verschwiegen. Lott ist nicht dieser Meinung. Die Medien würden durchaus viel über das Thema Waffen berichten. Was fehle, sei vielmehr die Ausgewogenheit in der Information.

Berichtet würde ständig über tote Opfer nach dem Einsatz von Waffen. Nicht berichtet werde aber von der vier bis fünfmal höheren Anzahl von durch Waffeneinsatz verhinderten Verbrechen. Lott erzählt einige ergreifende Beispiele. So konnte eine bewaffnete Frau in einer Kirche einen Massenmord verhindern. Zwei Jugendliche in einem weltweit Aufsehen erregenden Schulmassaker mit zwei Toten eilten zu ihrem Auto, holten ihre Pistolen, und konnten so den Täter am gerade begonnenen weiteren Massaker hindern. Interessant sei, dass zwar über diese Rettung durch die Jugendlichen, nicht aber über das Detail des Waffeneinsatzes berichtet worden sei.

Und noch ein Beispiel: Eine andere Frau hatte jahrelang illegal eine Schusswaffe mit ins Restaurant zum Kellnern genommen. Sie fühlte sich schlecht dabei, da es an diesem Ort nicht erlaubt war. Irgendwann ließ sie deshalb die Pistole im Auto zurück. Dann kamen ihre Eltern zu Besuch – und an diesem Tag auch ein Amokläufer. Die Frau musste mit ansehen, wie beide Eltern nacheinander vom Killer erschossen wurden – dabei konnte sie, sich tot stellend, durch die durchschossene Scheibe des Restaurants auf ihr Auto schauen, worin ihre Waffe lag.

Lott erklärt, es werde grundsätzlich verschwiegen, warum etwa Schulen als bevorzugte Orte für Massaker gewählt würden, übrigens meist von bereits lange kriminell auffällig gewordenen erwachsenen Tätern und nur selten von Jugendlichen selbst. Der Grund sei einfach: Die Schulen seien schusswaffenfreie Zonen. Das gelte auch für die meisten Einkaufszentren oder Kirchen, die deshalb die beiden weiteren bevorzugten Orte seien. Ausnahmeslos alle Orte in den USA mit mehr als drei Opfern durch Schusswaffen in den letzten fünf Jahren fallen nach Lott in die Kategorie der künstlich geschaffenen Zonen ohne Gegenwehr.

Lott fragt die Zuhörer, ob sie ein großes Schild an ihr Haus anbringen würden, worauf steht: „In diesem Gebäude gibt es keine Waffen und keine Verteidigungsmöglichkeit.“ Genau dieses Schild würden Orte wie Schulen implizit oder gar explizit tragen. Solche Orte würden Verbrecher geradezu anziehen und oftmals erst zu ihrer Tat motivieren.

Amokläufer würden im übrigen geradezu ausnahmslos planen, am Ende ihrer Tat Selbstmord zu begehen. Viele davon ganz bewusst „mit Hilfe der Polizei“, indem sie ihre Waffe auf diese richten und die Polizei zum Waffeneinsatz gegen sich zwingen. Nur 25 Prozent der Amokläufer überleben die Tat und fast alle von ihnen berichten, dass gerade dies nicht geplant gewesen sei. Somit seien auch viele der in der Öffentlichkeit besprochenen „Maßnahmen“ für eine Verhinderung der Tat völlig irrelevant.

Dabei können in der Realität sehr wohl (weitere) Verbechen durch Prävention verhindert werden, nämlich durch bewaffnete Opfer oder Helfer. Nur sei dies eben meist keine Nachricht wert, da dafür am Ende die Toten fehlten.

Grotesk seien regelmäßige Umfragen in amerikanischen Medien (von den europäischen ganz zu schweigen), die etwa lauten: „Glauben Sie, dass strengere Waffengesetze Verbrechen a. stark verhindern, b. verhindern oder c. nur ein wenig einschränken.“ Vergessen werde dabei die Tatsache, dass jedes Gesetz sowohl Kosten als auch Nutzen bringe. Der Nutzen durch Schusswaffen zur Verteidigung würden aber systematisch ausgeblendet.

Der Einsatz von Schusswaffen im Zusammenhang mit Verbrechen sei zehnmal häufiger zu Verteidigungszwecken zu verzeichnen als zu Tatzwecken. Der durch die Waffenverbote verhinderte weitaus größere Nutzen – also „das, was man nicht sieht“, wie es der Ökonom Frédéric Bástiat auch für andere Politikphänomene analysierte (Lott vergaß im Eifer des Gefechts diesen ökonomiegeschichtlichen Hintergrund) – werde konsequent ausgeblendet.

Lott ist am Ende der einzige Redner des ersten Konferenztages von Bodrum, der überzieht. Lag es daran, dass Waffen verboten und die Zuhörer ihm damit wehrlos ausgeliefert waren?


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