24. Mai 2008

Bericht aus Bodrum IV. Zweierlei Korruption

Zur Verteidigung sinnvoller Selbsthilfe

Er ist Italiener und heißt Enrico Colombatto. Und er spricht in Bodrum „zur Verteidigung der Korruption“. Eine nette Kombination und in der Tat schafft es Monsignore Colambatto in einer halben Stunde, einige weit verbreitete Vorurteile zum Thema zu  entkräften.

Denn bei der Korruption sind sich Fachkökonomen, Moralapostel und Otto Normalbürger einmal einig, zumindest theoretisch; Korruption sei nämlich schlecht.

Einige wenige Ökonomen allerdings erkennen, dass Korruption manchmal auch wirtschaftlich sinnvoll sein kann. Sie unterscheiden in umfangreichen ökonometrischen Untersuchungen zwischen Korruption etwa in entwickelten Ländern oder in unterentwickelten Ländern. Dabei gehen einige vom Aspekt der Gesezgebung aus und andere beziehen sich auf das „Rent Seeking“, also auf die Vorteilssuche der „Kunden“.

Wenn die Gesetze als sehr schlecht bewertet werden (etwa in der „Dritten Welt“), dann sei Korruptikon zur Umgehung dieser schlechten Gesetze vorteilhaft. Wenn ein  Rechtsstaat sich zurückhält und weitgehend sinnvolle Gesetze erlässt, so diese Mainstreamökonomen, dann sei Korruption in diesen – sie meinen: unseren – Ländern eher wohlstandsvernichtend.

Ähnlich der andere Ansatz: Wenn durch das Suchen nach Vorteilsnahme am Ende Kosten reduziert würden, sei dies positiv zu bewerten. Wenn aber Extrakosten etwa für dritte entstünden, sei dies negativ.

Colambatto selbst schlägt eine andere Unterscheidung vor, jene zwischen der „Korruption ersten Grades“ und einer „Korruption zweiten Grades“.

Die Korruption ersten Grades sei meist legal, etwa der Stimmenkauf der Politiker bei Wahlen mit entsprechenden Gegenleistungen. Bei der Korruption ersten Grades werden meist besonders gut organisierte Interessengruppen und Großunternehmen begünstigt. Diese legale, politische, große Korruption sei ökonomisch und moralisch fast immer schlecht, so Colambatto.

Die Korruption des zweiten Grades dagegen, also das, was allgemeinhin mit Korruption nur bezeichnet wird, die Bestechung kleinerer Beamter durch Privatpersonen oder kleinere Unternehmen, diese sei moralisch und wirtschaftlich positiv zu beurteilen.

Colambatto erklärt, dass sich die meisten Unternehmungen in  Italien kaum lohnen würden, wenn sich der angehende Neuunternehmer eins zu eins an bestehende Gesetze hält. Mit ein wenig Extrazahlung an den richtigen Stellen aber kann sich der Einsatz lohnen und viele Handwerksbetriebe können so überhaupt erst entstehen.

Wenn die Korruption des zweiten Grades unverdientermaßen dennoch einen schlechten Ruf habe, dann deshalb, weil vom Ideal perfekt funktionierender Staaten ausgegangen werde. Eine realistische, nüchterne Sicht der Dinge mache jedoch sehr schnell klar, dass die Politik selbst diesem Ideal normalerweise nicht genügen kann. Politiker, so Colambatto, hätten stets ein Eigeninteresse daran, Menschen in Interessengruppen zu teilen und gegeneinander auszuspielen. Am Ende kassieren sie möglichst immer von beiden Parteien für ein wenig Vorteilsgewährung hier oder dort. Die Korruption der unteren Ebene sei daher eine Art legitimer und oft sinnvoller Notwehrmaßnahme.

Colambattos Thesen werden – wenn man genau hinschaut – auch in den täglichen Wirtschaftsnachrichten bestätigt. Etwa dann, wenn ein Entscheidungsträger von Ikea erklärt, dass man in Moskau ein neues Mega-Ikeazentrum innerhalb weniger Wochen genehmigt bekomme und bauen könne. In Paris oder Berlin würde man für den Antrag, die Genehmigung und den Bau viele, viele Jahre einkalkulieren müssen, wobei es unklar sei, ob das Unternehmen am Ende überhaupt je bauen dürfe – glückliche korrupte Russen.

Entsprechend wollen wir mit dem Rat an manchen internationalen Thinktank schließen, der mit dem einen oder anderen Freiheitsindex den Wohlstand der Nationen vergleicht. Man möge einmal Herrn Colambatto befragen, ob es wirklich sinnvoll ist, die Verbreitung der Korruption zweiten Grades als gewichtiges Negativmerkmal zu verwenden.


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