André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Bericht aus Bodrum V.: Sissi aus Osmanien

von André F. Lichtschlag

Türkische Geschichtsstunde

Mustafa Akyol, ein türkischer Journalist, und Peter Mentzel, ein deutschstämmiger Amerikaner, bringen mit zwei Referaten über das Osmanische Reich und die moderne Türkei Lokalkolorit in die Bodrumer Konferenz.

Das Osmanische Reich war ein multireligiöser Vielvölkerstaat, in dem Moslems, Christen und Juden sechs Jahrhunderte lang weitgehend friedlich zusammenlebten. Das Imperium ging nach dem Ersten Weltkrieg etwa zweitgleich mit der in vielerlei Hinsicht vergleichbaren Habsburger Monarchie unter.

Auch das Osmanische Reich zeichnete sich durch religiöse Toleranz und zumindest gegen Ende hin großer Aufgeschlossenheit für freimarktwirtschaftliche Konzepte aus, erklärt Mentzel.

Akyol fügt hinzu, dass die heutige „liberal-islamistische“ Regierung der Türkei an diese Traditionen zaghaft anknüpft, nach vielen Jahren des Kemalismus, der immer eine Art nationaler Sozialismus war. Dieser türkische Nationalismus bezog sich, so Mentzel, auf marxistische Strömungen im spätosmanischen Reich. Ein weiteres beispiel dafür, wie stark geistesverwandt Sozialismus und Nationalismus allerorten sind. Im konkreten türkischen Falle bezogen sich beide offen auf das Vorbild der Französischen Revolution.

Akyol kommt das Verdienst zu, eine besonders schöne Überlieferung zum Charakter des Marxismus zu bieten: Marxismus sei, so wussten es bereits die alten Osmanen, das „Opium für die Intellektuellen“.

Mentzel bringt den Vorteil des multiethnischen, multireligiösen Vielvölkerstaats Osmanisches Reich auf den Punkt: Recht sei dort nie territorial definiert worden und erst recht nicht ethnisch, sondern personalisiert. Für das Reich war nämlich entscheidend, ob man etwa Muslim oder Christ war, der im Vergleich zu heute lachhaft niedrige Steuersatz bemaß sich danach. Dabei war es unerheblich, wo man lebte. Und in der Tat lebte man vor Ausbruch des Nationalismus in Europa weitgehend friedlich Haustür an Haustür, als Armenier, Grieche, Kurde, Serbe oder Türke. Selbst viele osmanische Sultane heirateten christliche Frauen, die danach Christen blieben.

Auch diese vergleichsweise Idylle wurde durch den nationaldemokratischen Völkerwahn im und nach dem Ersten Weltkrieg zerstört. Und Demokratisierung wie Sozialisierung in ihrem Lauf hielten kein osmanischer Ochs und auch kein habsburger Esel mehr auf.

24. Mai 2008

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