03. Juni 2008

Freiheitsbewegungen Die singende Revolution in Estland

Welche Lehren können aus den baltischen Erfahrungen gezogen werden?

Im Jahr 1989 befreiten sich mehrere Völker aus der europäischen Peripherie des Sowjetreiches. Doch den endgültigen Todesstoß erlitt die Sowjetunion erst zwei Jahre später, als nach dem gescheiterten Putsch vom August 1991 sich sämtliche Sowjetrepubliken für unabhängig erklärten. Der Auslöser dieses fast völlig unvorhergesehenen Ereignisses waren die hartnäckigen Unabhängigkeitsbestrebungen der drei baltischen Völker Litauens, Lettlands und Estlands.

Paul Vahur, Präsident des estnischen Vaba Ühiskonna Instituut (Institut für eine freie Gesellschaft), präsentierte den Teilnehmern der PFS-Konferenz am Abend des 23. Mai 2008 den Dokumentarfilm „The Singing Revolution“, der diese Geschichte, mit Schwerpunkt auf Estland, in emotionsgeladener Form nacherzählt.

Im Westen ist die Unabhängigkeitsbewegung der Balten am ehesten durch die 600 Kilometer lange Menschenkette vom 23. August 1989 in Erinnerung geblieben. Mit dieser äußerst eindrucksvollen Demonstration, an der weit mehr als eine Millionen Menschen von Vilnius über Riga bis Tallinn teilnahmen, wollten die Litauer, Letten und Esten an den 50 Jahre zuvor geschlossenen Hitler-Stalin-Pakt erinnern, in dessen „geheimem Zusatzprotokoll“ Estland und Lettland zur „Einflusssphäre“ Moskaus erklärt worden waren (Litauen sollte ursprünglich zur deutschen Sphäre gehören) und in dessen Folge nicht nur sie, sondern auch Litauen wenige Wochen später von der Sowjetunion annektiert wurden. Und sie wollten natürlich gegen ihre 1939 begonnene und seit 1944 ununterbrochen fortdauernde, völkerrechtswidrige Einverleibung in das Riesenreich protestieren.

In Erinnerung geblieben ist vielleicht auch noch der total misslungene Versuch Francios Mitterands und Helmut Kohls, im Jahr 1990 zwischen Litauen, das sich als erstes der drei baltischen Länder offiziell für unabhängig erklärte, und der Gorbatschow-Regierung zu vermitteln. In den westlichen Medien wurden diese Freiheitsbewegungen nicht unumwunden begrüßt und gefeiert; sie wurden eher misstrauisch beäugt, vielleicht, weil es „nationalistische“ Bewegungen waren, die, insbesondere da sie sich gegen die Sowjetunion richteten, automatisch als „rechts“ galten.

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Freiheitsbewegung der Balten, ähnlich wie im November 1989 in der (damaligen) Tschechoslowakei die „samtene Revolution“, einen besonderen Namen erhalten hat: Die „singende Revolution“. Der Grund hierfür ist die in diesem weitgehend friedlichen Aufstand besondere Rolle des Gesangs und der patriotischen Lieder auf Volks- und Rockmusikfestivals jener Zeit. Den baltischen Völkern war der Ausdruck jeder kulturellen Eigenständigkeit von den Sowjetbehörden verboten oder erheblich erschwert worden. Einzig im Gesang erkämpften sich insbesondere die Esten in den Jahrzehnten der Sowjetzeit einen äußerst begrenzten Freiraum beim den Ausdruck ihrer eigenen Kultur. Als aber die Perestroika begann, testeten die Esten mit Gesangs-Massendemonstrationen immer wieder die Toleranzgrenzen der Behörden aus. Die wohl unvermeidliche Konfrontation mit den Besatzungstruppen verlief in Estland, wieder unter Gesangsbegleitung, glimpflich ab.

Nationaler Zusammenhalt und eine gemeinsame Kultur, vor allem ihr öffentlicher Ausdruck, spielte bei der Befreiung dieser kleinen Völker aus den Klauen des übernationalen Sowjetimperiums offenbar eine treibende Rolle. Ein Staat mag ein Abstraktum sein, eine Nation ist offensichtlich keines, jedenfalls nicht im Baltikum. Sind „Kultur“ und „Nation“ auch in zukünftigen Freiheitsbewegungen unverzichtbar? „Nation“ vielleicht nicht in dem Maße wie „Kultur“. Bei der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA in den 1960er Jahren beispielsweise spielten Lieder eine wichtige Rolle, man denke nur an den Gospel „We Shall Overcome“ (der übrigens auch während der „samtenen Revolution“ gesungen wurde). Ein so starkes, in tiefste emotionale Ebenen reichendes Band einigender Kultur gibt es zum Beispiel bei der „Ron Paul Revolution“ - noch - nicht. In ihrem Ursprungsland gibt es zwar die Verfassung als gemeinsamen Nenner aller Unterstützer, doch im Vergleich zu einer Volksliedtradition, die möglicherweise Jahrtausende alt ist, ist das nicht viel. Erst recht außerhalb der USA ist selbst diese Klammer allenfalls theoretischer Natur, deren Kraft mit der einer Hymne nicht vergleichbar ist. (Zitat aus dem Film: „Wenn zwanzigtausend Leute anfangen, ein Lied zu singen, kann man sie unmöglich zum schweigen bringen.“) Ist dies möglicherweise ein Grund für die, trotz allen Enthusiasmus, aller Hartnäckigkeit und aller inhaltlichen Überzeugungskraft, bisherige relative Schwäche der Bewegung, die aus der Kampagne Pauls entstanden ist? Es ist im Zusammenhang mit der „Ron Paul Revolution“ schon von einer geographieunabhängigen, „digitalen Nation“ die Rede gewesen. Möglicherweise setzt Freiheit in einer globalisierten, vernetzten Welt die Entstehung solcher „digitalen Nationen“ voraus. Deren Mitglieder werden aber, wenn uns die Erfahrung aus Estland etwas lehren soll, nicht nur eine ideologische, sondern auch eine kulturelle gemeinsame Basis finden müssen, um Bestand zu haben und um sich langfristig gegen Zentralregierungen – in Washington, Peking, Moskau, Brüssel oder sonstwo – behaupten zu können.

Internet:

Wikipedia-Eintrag zur "Singenden Revolution"

www.singingrevolution.com


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige