07. Juni 2008

Explosion der Lebensmittelpreise Gehen uns die Nahrungsmittel aus?

Über die wirklichen ökonomischen Hintergründe der Krise

Der Starökonom und Kolumnist Paul Krugman schrieb kürzlich in der „New York Times“ über eine weltweite Nahrungsmittelknappheit, die von einer Preisexplosion begleitet werde. Aufgrund dessen würden arme Menschen in Afrika und anderen Orten an Hunger leiden. Die folgenden vier Gründe für die Misere nennt Krugman: Erstens die zusätzliche Nahrungsmittelnachfrage in China, zweitens der hohe Ölpreis, drittens das schlechte Wetter in wichtigen landwirtschaftlichen Regionen und besonders in Australien, viertens die Einschränkung von für den Anbau von Nahrungsmitteln verfügbarem Ackerland zugunsten des Anbaus von Biokraftstoff-Getreide zum Zweck der Herstellung alternativer, angeblich umweltfreundlicher Energiequellen wie Ethanol. Die von Krugman vorgeschlagene Lösung dieser Probleme ist es, der Regierung mehr Geld zu geben, damit sie das mit Erfolg tun kann, wozu der Markt offenbar unfähig sei.

Und nun die wahre Geschichte: Ungeachtet dessen, ob man glaubt, dass die oben gelisteten Faktoren überhaupt eine Rolle bei der weltweiten Nahrungsmittelknappheit spielen, gibt es in Wirklichkeit in Bezug auf die Knappheit und Kosten von Nahrungsmitteln zwei vorrangig wichtige Gründe, die Krugman nicht erwähnt und von denen er möglicherweise nichts weiß.

Erstens ist die zugrundeliegende Ursache einer jeden Knappheit das Fehlen eines freien Marktes, da am freien Markt echte Knappheiten nicht auftreten. Während Güterpreise zu Beginn eines Angebotsrückganges wahrscheinlich ansteigen würden, würden die fraglichen Güter immer zu irgendeinem Preis zur Verfügung stehen – und je höher der Preis, desto mehr würde das Angebot steigen, um die Nachfrage zu befriedigen, woraufhin natürlich der Preis sinken würde. Wenn wir freie Weltmärkte hätten, würden Nahrungsmittel aus einigen Ländern wie beispielsweise den Vereinigten Staaten oder Europa, wo es reichlich Lebensmittel gibt, in Länder exportiert, wo sie benötigt werden. Der Grund hierfür ist, dass es profitabel wäre, Güter in bedürftige Regionen wie Afrika zu verschiffen, wo Knappheiten die Preise ansteigen lassen.

Die Tatsache, dass dies gegenwärtig nicht passiert, kann nur die Folge von Preiskontrollen der Regierungen sein, die in bedürftigen Ländern einen Preisanstieg verhindern, von Handelsbeschränkungen oder von irgendeinem anderen Regierungshindernis, das Menschen davon abhält, das zu bekommen, was sie brauchen. Die Weltbank hat eine Liste von 121 Ländern aufgeführt, in denen es Preiskontrollen für Grundnahrungsmittel gibt. Wir alle erinnern uns an die Geschichten der hungernden Menschen in Äthiopien in den 1980er Jahren, als drei Millionen Menschen Hunger litten. Nicht berichtet wurde, dass es in Äthiopien zur gleichen Zeit 60 Millionen Menschen gab, die von der Hungersnot nicht betroffen waren. Der Transport von Nahrungsmitteln aus einem Teil des Landes, wo es im Überfluss vorhanden war, in den anderen von der Dürre betroffenen Teil, wurde durch Kämpfe zwischen der Regierung und Rebellengruppen in der Nähe des Dürregebietes verhindert. Ökonomische Anreize wurden durch die vom Staat erzwungene Vorenthaltung von Nahrungsmitteltransporten (so dass die Rebellen keinen Zugang zum Nachschub hätten), durch Preiskontrollen, durch das Verbot von Getreidegroßhandel in weiten Teilen des Landes und durch das Verbot des Privatverkaufs von landwirtschaftlichen Erzeugnissen oder Maschinen unterbunden. Eine ähnliche Situation gab es in Simbabwe in den frühen 2000er Jahren. Der indische Ökonom Amartya Sen gewann einen Nobelpreis für die Demonstration, dass die meisten Hungersnöte nicht durch einen Mangel an Nahrungsmitteln verursacht werden, sondern durch unüberlegte Eingriffe der Regierungen in funktionierende Märkte.

Der zweite Grund, den Krugman zu erwähnen versäumt, ist, dass hohe Nahrungsmittelpreise ein Symptom gegenwärtiger weltweiter Preisinflation sind. Regierungen in der ganzen Welt haben in diesem Jahrzehnt Geld in sehr schnellem Tempo gedruckt. Während die Vereinigten Staaten die Geldmenge „nur“ um ungefähr 10 bis 15 Prozent pro Jahr ausgeweitet haben, haben viele Länder Geld mit einer Zuwachsrate von mehr als 50 Prozent pro Jahr gedruckt. Dieses Geld, das zuvor hauptsächlich in den Aktienmärkten der Welt enthalten war, hat sich nun auch auf die Rohstoffmärkte ausgebreitet, aus denen die Preise für Nahrungsmittel hergeleitet werden. Da Geld derzeit schneller geschaffen wird als Güter, steigen die Preise.

Als weiteres Beispiel für dieses Phänomen des Geldmengenwachstums, das den Angebotszuwachs an Gütern übersteigt, können wir den Anstieg der Ölpreise anführen. Obwohl die Presse und andere öffentliche Foren dies der Spekulation, gierigen Ölfirmen und gestiegener Ölnachfrage aus China zuschreiben, ist die wahre Ursache die zunehmende Ungleichheit zwischen verfügbarem Geld und verfügbarem Öl. Entsprechend wäre der steile Preisanstieg – bei Häusern, Wertpapieren, Öl, Gold, Rohstoffen, Nahrungsmitteln und so weiter –, den wir in diesem Jahrzehnt gesehen haben, ohne die in der Weltwirtschaft zirkulierende gestiegene Geldmenge mathematisch unmöglich. Wenn das Güterangebot so wie geschehen angestiegen wäre und die Geldmenge gleichzeitig stabil geblieben wäre, würden die Preise notwendigerweise sinken.

Kein Zweifel: Aus verschiedenen fundamentalen Gründen in Bezug auf Produktion, Angebot und Nachfrage gibt es einen Mangel im Angebot einiger Rohstoffe relativ zur steigenden Nachfrage nach ihnen. Dennoch ist dieser Angebotsmangel weder die Grundursache für das Auftreten von Knappheit noch für den extremen Anstieg bei den weltweiten Nahrungsmittelpreisen um über 80 Prozent in drei Jahren. Hinzu kommt, dass, obwohl die Produktion vieler Rohstoffe wie Weizen in den letzten Jahren stagnierte oder rückgängig war, die Produktion anderer Rohstoffe weiterhin zunimmt; bei anderen Nahrungsmittelkategorien wie Getreide, Obst, Vieh sowie Fisch und Meeresfrüchten fanden meist Zuwächse statt. Daten der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen zeigen, dass sowohl die landwirtschaftliche Produktion als auch die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf seit 1990 gestiegen und seit 2000 gleichbleibend ist. Die Rohstoffpreise dagegen sind seit 1999 gestiegen.

Wenn wir nun zu den „Gründen“ Krugmans zurückkehren, können wir erkennen, dass die von ihm aufgezählten Ursachen für Nahrungsmittelknappheiten und steigende Preise unlogisch sind. „Zusätzliche Nachfrage“ aus China zum Beispiel würde notwendigerweise nicht nur dazu führen, dass die Chinesen selbst mehr Nahrungsmittel produzierten, um diese Nachfrage zu befriedigen, sondern der Rest der Welt ebenfalls. Tatsächlich hat China seine landwirtschaftliche Produktion auch pro Kopf seit 2000 um 22 Prozent gesteigert. Können wir uns wirklich vorstellen, dass die Nahrungsmittelproduzenten der Welt diese Nachfrage nicht erkannt und nicht versucht hätten, davon zu profitieren, indem sie sie befriedigten? Tatsächlich haben sie sie erkannt und haben daher mehr Nahrungsmittel produziert. Die Bevölkerung Chinas wächst nur um ein halbes Prozent pro Jahr. Wie ist es dann möglich, dass die Chinesen plötzlich in den vergangenen Jahren den Wunsch und das Bedürfnis nach ungefähr 30 Prozent mehr Nahrungsmitteln pro Jahr haben konnten? Ferner: Wie konnten sie, selbst wenn sie mehr Nahrungsmittel gewollt hätten, dafür bezahlen?

„Nachfrage“ ist ein Begriff, der in Gefahr steht, missverstanden zu werden, weil wir das Wort auf verschiedenerlei Art gebrauchen. Ich könnte die Nachfrage (den Wunsch) nach einem Haus im Süden Frankreichs verspüren, damit ich einen Platz habe für meine Yacht, die ich ebenfalls nachfrage (wünsche). In diesem Fall ist „Nachfrage“ folgenlos, weil ich nicht die Mittel habe, mit denen ich diese Gegenstände bezahlen könnte. Echte Nachfrage kann die Preise nur beeinflussen, wenn es echte Kaufkraft in Form von Geld gibt, die diese Nachfrage stützt. Chinesische Konsumenten können keinen zusätzlichen Nahrungsmittelkonsum nachfragen und somit bezahlen ohne zusätzliches Geld, das in ihren Taschen erst landen kann, wenn es zuvor von ihrer Zentralbank gedruckt worden ist. Sie können eine zusätzliche reale Nachfrage über den Weg der zusätzlichen Produktion von Gütern entwickeln, mit denen sie ihre zusätzlichen Nahrungsmittel bezahlen würden, aber dies würde zu einer Senkung der Preise führen, nicht zu einer Erhöhung.

Natürlich produzieren nicht die Unternehmen, für die die Menschen arbeiten, das Geld, da Unternehmen das Geld, das sie in Form von Löhnen auszahlen, nicht produzieren; sie produzieren Güter. Damit Unternehmen mehr Geld erhalten (das heißt ihre Güter zu höheren Preisen verkaufen als im letzten Jahr) und dann mehr Geld in Form von Löhnen an Arbeiter auszahlen, muss ihre Regierung mehr Geld in Form von Kreditausweitung schöpfen. In Bezug auf China bedeutet dies: Wenn es so viel mehr Nachfrage nach Nahrungsmitteln in China gäbe wie Krugman behauptet, gäbe es unter der Bedingung einer gleichbleibenden Geldmenge in der Wirtschaft notwendigerweise einen entsprechenden Rückgang der Nachfrage und der Preise anderer Güter. Daher mag es sehr wohl sein, dass die Chinesen mehr Nahrungsmittel konsumieren. Aber dieser zusätzliche Konsum wäre nicht für die absolut höheren Preise oder Knappheiten verantwortlich.

Wie ist es dann mit dem schlechten Wetter? Schlechtes Wetter könnte kurzfristig sehr wohl eine Rolle spielen. Längerfristig jedoch, selbst wenn Australien fünf Jahre hintereinander schlechtes Wetter hätte, könnten und würden andere Länder ihre Produktion ausbauen und das Angebot erhöhen. In den Vereinigten Staaten beispielsweise würde Bodenfläche der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden. Nahrungsmittelknappheiten in einem Land würden vorübergehend das Angebot aus anderen Ländern steigen lassen, ein Ergebnis, das dann den Preis wieder drükken würde. Es ist möglich, dass das Nichtvorhandensein freier Märkte diese Entwicklung verhindert hat. Aber es ist sicher, dass ein freies Angebot und eine freie Nachfrage die Möglichkeit einer globalen Notlage ausschließen würden.

Wenn es gleichzeitig in den meisten Regionen der Welt schlechtes Wetter gäbe, würde das Angebot an Nahrungsmitteln tatsächlich sinken und die Preise steigen. Aber in einer freien Marktwirtschaft würden dennoch keine Knappheiten entstehen. Und in einer Welt mit gleichbleibender Geldmenge wäre diese Wirkung vorübergehend, da Preise sinken würden, wenn das Angebot später erhöht wird. So wie die Preise für Nahrungsmittel steigen, so würden die Preise für andere Güter fallen müssen. Beständige Preiserhöhungen bei allen Gütern können nur das Ergebnis von neuem Geld sein, das in den (Welt-) Markt eingeführt wird.

Krugmans letztes Argument, dass für den Anbau von Nahrungsmitteln geeignete landwirtschaftliche Flächen stattdessen für den Anbau von Rohstoff für Biokraftstoff verwendet werden, ist mit einem Fragezeichen zu versehen. Wenn es in einer freien Marktwirtschaft zu Nahrungsmittelknappheiten käme, und wenn die notwendigerweise damit verbundenen hohen Nahrungsmittelpreise dem Markt das entsprechende Signal gäben, dann würde Boden, der anderen Zwecken dient – Rohstoff für Biosprit, Autoparkplätze, Kinos, Häuser oder was auch immer – für die landwirtschaftliche Nutzung umgewandelt. Bei andauernder Nahrungsmittelknappheit in den Vereinigten Staaten beispielsweise würde dies geschehen. Tatsächlich trug die Landwirtschaft dort zu Beginn des vorigen Jahrhunderts 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bei, liegt aber jetzt bei weniger als einem Prozent. Landnutzung hat sich gewandelt, um sich der veränderten Nachfrage anzupassen. Aber wenn Amerikaner Nahrungsmittel bräuchten, könnten und würden sie die Landwirtschaft wieder auf das 50-Prozent-Niveau anheben. Auch weltweit würde Land bei steigenden Nahrungsmittelpreisen für den profitableren Anbau von Nahrungsmitteln genutzt statt für den weniger profitablen Anbau von Rohstoffen für Biosprit.

Nur wenn Regierungssubventionen hoch genug sind, um diese Marktsignale zu verschleiern, oder wenn die Regierung Energieunternehmen zwingt, Biorohstoffe zu kaufen (was nach Informationen des Autors in den Vereinigten Staaten der Fall ist), könnte die landwirtschaftliche Produktionsstruktur insofern verzerrt werden, als diese natürliche Reaktion des Marktes nicht stattfinden würde. Wenn gleichermaßen aufgrund von Regulierungen der Regierung, zum Beispiel um die gegenwärtigen Bauern zu schützen, die Entwicklung landwirtschaftlicher Flächen schwierig würde, gäbe es Schwierigkeiten bei der Ausweitung der Produktion.

Fazit: Die wahre Ursache für kontinuierlich steigende Nahrungsmittelpreise ist das weltweite Gelddrucken der Regierungen. Und die wahre Ursache der tatsächlichen Nahrungsmittelknappheiten ist, dass unüberlegte Politiken der Regierungen gerade der hungernden Menschen den profitablen Welthandel im Nahrungsmittelsektor verhindern. Insofern als jegliche anderen vorgetragenen Gründe zu einem länger als vorübergehenden Angebotsrückgang beitragen, ist es wahrscheinlich, dass Regierungen die Funktionsfähigkeit des Marktes behindern. Diese hauptsächlichen Antreiber der gegenwärtigen weltweiten Nahrungsmittelknappheiten zu ignorieren heißt entweder, ökonomische Logik bewusst abzulehnen, oder sich ihrer nicht bewusst zu sein.

Kel Kelly

Ist ein Finanzberater, der sich auf Globalisierungsforschung und -analyse spezialisiert hat. Er lebt in Atlanta, wo er sich freigenommen hat, um ein Buch über politische Ökonomie zu schreiben. Seine Website: www.theproletariatsnews.com

Internet

Der vorstehende Artikel erschien zuerst in englischer Sprache hier: http://mises.org/story/2958


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