Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Tarifpolitik: Dichtung und Wahrheit

von Gérard Bökenkamp

Warum die Gewerkschaften die Lohnpolitik verteufeln, die sie selbst betrieben haben

13. Juni 2008

Die Bundesagentur für Arbeit meldet immer neue positive Zahlen. Selbst wenn man mit einbezieht, dass ein Teil davon nur ein statistisches Phänomen ist, wird man nicht umhinkönnen festzustellen, dass sich die Lage gegenüber dem Zustand in der Dekade zuvor gebessert hat. Gleichzeitig beklagt der DGB und ein Teil der Öffentlichen Meinung das Absinken des Reallohnes. Dabei werden zwei wesentliche Aspekte in der Regel nicht artikuliert:

Erstens ist der Fortschritt auf dem Arbeitsmarkt ohne das Absinken der Reallöhne in dieser Dimension kaum vorstellbar. Zweitens wird die Lohnpolitik in Deutschland nicht von der Bundesregierung, der FDP oder dem „neoliberalen“ Zeitgeist gemacht, sondern gerade von den Organisationen, die die Konsequenzen dieser Lohnpolitik lautstark attackieren, den Organisationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

An dieser Stelle soll eine Erklärung für dieses Auseinanderklaffen der „Realpolitik“ der Gewerkschaften und ihrer davon völlig unterschiedlichen Rhetorik versucht werden. Die Grundthese des Textes ist, dass es sich bei den lautstarken Klagen über die Reallohnverluste und über den „neoliberalen“ Zeitgeist um eine Scharade handelt. Die wesentlichen Figuren der Gewerkschaftsbewegung wissen, dass sie eine Lohnpolitik betreiben, die mit dem, was sie in Talkshows erzählen, wenig zu tun hat. Diese künstliche Entrüstung der Gewerkschaftsführer hat primär einen Adressaten: Die eigenen Mitglieder.

Unter den Gewerkschaftlern gab es immer sehr intelligente und überdurchschnittlich motivierte Leute, wenigstens in den Führungsetagen. Sie sahen eine Chance darin ihren sozialen Status dadurch zu verbessern, indem sie sich in einer Organisation engagierten, die ihnen den Aufstieg ermöglichte. Die Biographien vieler Funktionäre sind persönliche Erfolgsgeschichten: Leute aus kleinen Verhältnissen, die durch ihre Organisationstalent schließlich am Tisch der  großen Politik verhandeln, die Politik wesentlich mitbestimmen und deren Kinder selbst in die Privatwirtschaft gehen. Ich empfehle an dieser Stelle, die zwar sehr geschönte, aber trotzdem aufschlussreiche Autobiographie des früheren IG-Metallvorsitzenden Klaus Zwickel.

Oft stehen diese Funktionäre aller Klassenkampfrhetorik zum Trotz tatsächlich mental und persönlich den „Kapitalisten“ auf der anderen Seite des Verhandlungstisches näher als den eigenen Mitgliedern.  Nach außen darf diese Nähe natürlich nicht so deutlich werden. Denn nicht jeder Arbeitnehmer ist darüber erfreut seinen früheren Kollegen, mit dem er an derselben Maschine angefangen hat, plötzlich nicht mehr im Blaumann, sondern im Anzug und mit Dienstlimousine zu sehen. Daraus ergibt sich das schwierige psychologische Verhältnis zwischen den hohen Funktionären und ihren Mitgliedern.

Wenn man seine Biographie so stark wie die Gewerkschaftsführer mit einer Organisation verknüpft hat, dann ist das Fortbestehen dieser Organisation für den Betroffenen oft wichtiger als die ursprüngliche Intention, die der Gründung der Organisation zu Grunde lag. Nach Niklas Luhmann hat jedes soziale System zwei Ziele: Sich zu erhalten und zu wachsen. Wenn eine große und mächtige Organisation ihre Existenzberichtigung aus einer Unwahrheit zieht, dann ist das schlecht für die Wahrheit. Denn es gibt wohl kein historisches Beispiel dafür, dass sich eine starke Organisation aufgrund schlüssiger Argumente aufgelöst hätte.

Die von den Gewerkschaften am meisten bekämpfte und gefürchtete Wahrheit ist der simple Zusammenhang zwischen Reallohnhöhe und Beschäftigung:  Ist der Beschäftigungstand hoch steigen die Löhne, ist der Beschäftigungsstand niedrig fallen die Löhne. Bis auf das Niveau, ab dem wieder Vollbeschäftigung herrscht.  Gibt es Vollbeschäftigung steigen die Löhne ganz automatisch ohne jede Tarifverhandlung. Das zeigte sich zum Beispiel im Boom zwischen 1970 und 1973. Damals erhöhten die Unternehmer die Löhne freiwillig stärker als in den Tarifverträgen vorgesehen war, weil sie händeringend zusätzliche Arbeitskräfte suchten. Das war für die Gewerkschaften ziemlich peinlich. Die Gewerkschaftsmitglieder konnten nun auf die Idee kommen, dass sie die mächtige Organisation im Rücken gar nicht brauchten. Also musste aus Sicht der Gewerkschaftsführer ein ordentlicher Schluck aus der Pulle her.

Für die Gewerkschaften ist der Zusammenhang zwischen Reallohn und Beschäftigung ein Tabu, denn diese simple Wahrheit berührt ihr gesellschaftspolitisches Gewicht, ja die Rechfertigung ihrer Existenz. Die Behauptung, dass der Reallohn keinen Einfluss auf das Beschäftigungsniveau hat, ist also eine reine Schutzbehauptung. Die Gewerkschaftsfunktionäre, die als Betriebsräte oder Aufsichtsratsmitglieder oder gar selbst als Manager der gewerkschaftseigenen Firmen Einblicke in betriebswirtschaftliche Zusammenhänge aus erster Hand besitzen und keine blinden Ideologen sind, wissen, dass das, was ihre Organisation in der Öffentlichkeit kommuniziert, nicht der Realität entspricht. Sie gleichen damit den Führungskräften eines großen Zigarettenkonzerns, die selbst aus gutem Grund nicht rauchen, aber nach außen die Gesundheitsgefährdung durch Tabakkonsum bestreiten.

Ihre Dementis haben organisationspolitische Gründe. Würden die Gewerkschaften den Zusammenhang zwischen Reallohn und Beschäftigung zugeben, so würden sie sich selbst in die Defensive bringen. Man würde ihnen (nicht zu Unrecht) die Schuld für den Anstieg der Arbeitslosigkeit geben und ihre politische Position wäre erheblich geschwächt. Die Mitglieder würden sich die auf der Hand liegende Frage stellen, wozu ihre Mitgliedschaft in dieser Organisation überhaupt notwendig ist. Wozu das Ganze,  wenn mittel- und langfristig durch Lohnverhandlungen im Schnitt nicht mehr zu erreichen ist als die Lohnhöhe, die sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ohnehin ergibt. Dies aber ohne die erheblichen Reibungsverluste, die die verzögerte Anpassung an den Markt mit sich bringt.

Die Gewerkschaftsvertreter argumentieren in der Öffentlichkeit, dass die steigenden Reallöhne notwendig seien, um die Binnennachfrage anzukurbeln. Aber auch die Ikone der Nachfragepolitiker; John Maynard Keynes, hat nicht bestritten, dass die Senkung der Reallöhne die Grundlage für mehr Beschäftigung ist. Man kann Keynes Theorie sogar als den Versuch lesen, die Reallöhne zu senken, ohne einen Aufstand der Gewerkschaftsbasis zu provozieren. Dass dieser Ansatz früher oder später zu einer galoppierenden Inflation führen kann, steht auf einem anderen Blatt. Keynes plädierte nämlich dafür, die Nominallöhne stabil zu halten, aber die Teuerungsrate nicht auszugleichen. Er plädierte also genau für die Lohnpolitik, die in den letzten 10 Jahren betrieben wurde, und die die Gewerkschaften heute als Beweis für die „soziale Ungerechtigkeit“ in Deutschland anführen.

Man kann davon ausgehen, dass viele Gewerkschaftsspitzen selbst nicht an das glauben, was sie verbreiten. Denn wenn es, wie die Gewerkschaften behaupten,  keinen Zusammenhang zwischen Reallohn und Beschäftigung gibt, warum bieten sie dann in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Lohnzurückhaltung an. Sowohl der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Heinz-Oskar Vetter während der Beschäftigungskrise der siebziger Jahren als auch der Vorsitzende der IG-Metall Klaus Zwickel während der Beschäftigungskrise der neunziger Jahre boten öffentlichkeitswirksam an, gegen die Erfüllung bestimmter Bedingungen auf Lohnzuwächse zu verzichten. Ohne die Grundannahme, dass es einen Zusammenhang zwischen der Lohnhöhe und der Arbeitslosigkeit gibt, machten diese Vorstöße keinen Sinn.

Das sind allerdings nur die öffentlichkeitswirksamen Verlautbarungen, die lohnpolitische Wirklichkeit spricht noch eine viel deutlichere Sprache. Wenn die Gewerkschaftsspitzen die Nachfragetheorie wirklich ernst nehmen würden, müssten sie die Lohnpolitik ganz anders handhaben, als sie es gemeinhin tun: Jetzt im Aufschwung müssten sie gemäß der Nachfrage-Theorie eigentlich Lohnzurückhaltung üben, um den Boom zu bremsen,  und im Abschwung ordentlich zuschlagen, um die Rezession zu verhindern.

Bisher ist es in der Geschichte der Bundesrepublik aber noch immer so gewesen, dass die Gewerkschaften in Aufschwungphasen kräftige Lohnerhöhungen durchsetzten, was zu einem Anstieg des Reallohnes und zu einer Belastung des Arbeitsmarktes führte. In den Zeiten des Abschwungs, wenn sich die Folgen der Reallohnerhöhungen auf den Arbeitsmarkt auswirkten, schwenkten die Gewerkschaften auf eine  moderate Lohnpolitik ein. Heimlich, still und leise folgen die Gewerkschaften also durchaus der von ihnen nach außen so bekämpften klassischen Beschäftigungstheorie.

Nach dem Lehrbuch müsste dieser Kurs der Reallohnsenkung solange durchgehalten werden bis Vollbeschäftigung eingetreten ist. Das ist aber aus der politischen Logik der Gewerkschaftsorganisation nicht notwendig: Wenn als Folge der Reallohnsenkung die Beschäftigung steigt lässt auch die politische Brisanz der Arbeitslosigkeit nach. Dann ist für die Gewerkschaften die Zeit gekommen, ihren Kurs zu ändern und auf dieselbe Reallohnentwicklung zu schimpfen, die sie selbst -  manchmal über Jahre hinweg – mitgetragen haben. Nun steigt der Reallohn wieder und der Prozess beginnt von vorn. So geht die Entwicklung seit Jahrzehnten im Slalom hin und her. Dass bei jedem dieser Wendemanöver zehntausende oder hunderttausende Arbeitnehmer zeitweise oder für immer aus der Kurve fallen, ist der traurige Nebeneffekt. 

Der Autor dieses Beitrages wird sich an Karl Popper halten und zum Schluss eine falsifizierbare Prognose abgeben. Das Verhalten der Gewerkschaften selbst wird zeigen, ob die Thesen dieses Textes ihrer Lohnpolitik gerecht geworden sind oder nicht. Ich sage an dieser Stelle voraus: Wenn wir einen Abschwung bekommen und die Arbeitslosigkeit für einen längeren Zeitraum auf ein ähnlich hohes Niveau steigt wie in den Jahren vor 2005, werden früher oder später dieselben Gewerkschaftsfunktionäre, die heute die Reallohnsenkung der letzten Jahre als neoliberale Verirrung geißeln,  erneut moderate Lohnabschlüsse aushandeln und Reallohnsenkungen hinnehmen – Binnennachfrage hin oder her. Die Realisten unter den Gewerkschaftsfunktionären wissen das.

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