18. Juni 2008

Steuern oder Inflation? Wie Politik die Menschen verarmen lässt

Und wie der „Spiegel“ seine eigene Statistik richtig interpretieren könnte

Der „Spiegel“ gibt Entwarnung: Die Steuerbelastung in Deutschland sei gar nicht so hoch. Vor allem sei die Belastung des durchschnittlichen Bürgers in den letzten 10 Jahren deutlich gesunken. Netto habe der Staat nicht etwa Steuern und Abgaben erhöht, wie viele vermuten würden, sondern verringert. Das mit der staatlichen Abgabenbelastung, so verkündet es bereits die Überschrift, sei schlicht nur „gefühlt“.

Die „Spiegel“-Redakteure Christian Reiermann und Janine Wergin haben sich in Statistik vertieft. Heraus kam: „Den meisten Steuerzahlern geht es heute besser als vor zehn Jahren.“ Wir können uns also freuen: „Als Gewinner erscheint alles in allem der Bürger, nicht der Staat.“ Die beiden Statistik-Experten errechnen „einen Steuernachlass von insgesamt über 30 Milliarden Euro seit 1999“.

Auch Bundesfinanzminister Steinbrück ist begeistert von der Klarstellung durch den „Spiegel“. Wir von eigentümlich frei müssen die Euphorie aber etwas drosseln. Möge Peer Steinbrück doch einfach mal auf den hauseigenen Internetseiten des Finanzministeriums nachschauen und die Gesamtsteuereinnahmen vergleichen. Vor zehn Jahren betrug das Steueraufkommen der Bundesbürger 425 Milliarden Euro. 2007 liegt der Vergleichswert bei 538 Milliarden Euro. Das bedeutet, wenn sich das Ministerium nicht verrechnet hat, 26 Prozent mehr „gefühltes“ Steueraufkommen. Vielleicht sollte jemand dem „Spiegel“, der gerade sein hauseigenes Statistik-Portal „Statista“ online gestellt hat, erklären, dass man sich „gefühlt“ etwas verrechnet hat.

Andererseits: Tatsächlich entsprechen 26 Prozent mehr Steuereinnamen inflationsbereinigt nach zehn Jahren im Euroraum eher einer realen Steuerentlastung, denn der Euro von 1998 ist heute „gefühlt“ allenfalls noch die Hälfte wert. Und genau das macht real die Verarmung der gegenüber der (Geld-)Politik ohnmächtigen Steuerzahler in Deutschland aus.

Ausgerechnet das stramm neosozialistische Nischenmagazin „Konkret“ erklärt dem „Spiegel“ die Gründe der Verarmung. In vielen Ländern nämlich, erfahren wir in „Konkret“, wütet ein „Inflations-Tsunami“, der durch die jüngste Blase im Lebensmittelbereich viele Menschen „innerhalb eines Jahres um 25 Prozent ärmer gemacht“ habe. „Um einige Banken“ – und wir wollen hinzufügen: vor allem den Staat selbst – „mit billigem Geld vor dem Bankrott zu bewahren“, schreibt „Konkret“-Autor Stefan Frank, „nimmt man in Kauf, dass Millionen Menschen  verhungern“.

Die Steuersätze – allen voran die Mehrwertsteuer – sind in den vergangenen Jahren in Deutschland so stark angestiegen, dass Mehrleistung systematisch bestraft wurde und am Ende inflationsbereinigt der Staat eher weniger einnahm. Ökonomen erklären dieses Phänomen mit der Laffer-Kurve. Die Kaufkraft eines Euros staatlichen Papiergeldes aber ist heute nur noch 50 Cent wert. Und das bedeutet, dass es den meisten Steuerzahlern heute eben doch alles andere als besser geht im Vergleich zum Wohlstand vor zehn Jahren.

Literatur

Stefan Frank: „Billiges Geld, teures Brot“, in: „Konkret“, Juni 2008.

Internet

Christian Reiermann und Janine Wergin: Gefühlte Belastung, Spiegel-Online, 16. Juni 2008.


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Kaspar Rosenbaum

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