Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Frühverrentung: Wettlauf gegen die Wirklichkeit

von Gérard Bökenkamp

Wie der Niedergang des „koordinierten Kapitalismus“ die jüngsten Rentner der Geschichte hervorbrachte.

Es gibt eine neue Rentendiskussion: Frühverrentung, Altersteilzeit und flexible Altersgrenze feiern in den Konzepten von SPD und IG-Metall ihre Wiederauferstehung.

Nach den Vorschlägen der SPD sollen künftig die Arbeitnehmer schon mit 60 anstatt bisher mit 63 Jahren in Rente gehen dürfen. Die IG-Metall bereitet Warnstreiks vor, um eine Alterteilzeit-Regelung durchzusetzen. Die Bundesanstalt für Arbeit soll aus ihren Mitteln die Altersteilzeit fördern, wenn „der Arbeitgeber die frei gewordene Stelle mit einem Absolventen in einem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf wiederbesetzt“.

Hinter der Frühverrentung stand und steht die Idee, dass durch die Verabschiedung aus dem aktiven Berufsleben, das Angebot von Arbeitskräften verringert werden kann.

Der Grund für diese Maßnahme zur Verschleierung struktureller Arbeitslosigkeit ist der institutionelle Anachronismus, in dem sich die deutsche Gesellschaft bewegt. Nichts ist schlimmer als die Herausforderung der Gegenwart, wenn man sich für alle Ewigkeit in der Vergangenheit eingerichtet hat. Die Frühverrentung war und ist der Versuch eine ganz bestimmte Wirklichkeit zu konservieren. Die soziale Wirklichkeit, die die Dekaden des „koordinierten Kapitalismus“ hervorbrachte.

Als „koordinierten Kapitalismus“ bezeichnet der Wirtschaftshistoriker Barry  Eichengreen in seinem Buch über die Wirtschaft Europas in der Nachkriegszeit die Verbindung aus freiem Markt mit starken korporativen und bürokratischen Elementen. Dieses Wirtschaftssystem erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa seine Hochzeit. Möglich wurde dies durch zwei Umstände:

Erstens stand Westeuropa in Systemkonkurrenz zur Zentralverwaltungswirtschaft im Ostblock und nahm sich im Vergleich dazu extrem effizient aus.

Zweitens war Europas Infrastruktur und vor allem die Deutschlands im Zweiten Weltkrieg  zerstört  worden. Unter diesen besonderen Umständen war es einfacher zu erkennen, wo der Schuh drückte. Die staatlichen Stellen brauchten nur den Wiederaufbau der Infrastruktur betreiben, um mehr oder weniger richtige Investitionsentscheidungen zu treffen.

Als es darum ging, zerstörte Brücken und zerbombte Städte wieder aufzubauen und Innovation noch darin bestand, in möglichst kurzer Zeit eine möglichst große Stückzahl für möglichst viele Verbraucher zu produzieren, konnte dieses System trotz seiner Schwächen ein kontinuierliches und hohes Wachstum erreichen. Selbst Ludwig Erhards Wirtschaftswunderland blieb von den „koordinierenden“ Eingriffen des Staates nicht verschont. Karl Schillers Globalsteuerung war eine logische Konsequenz.


Die Grundmerkmale des „koordinierten Kapitalismus“ waren in ganz Westeuropa ähnlich:

Der Staatsanteil erreichte annähernd fünfzig Prozent, die Tarifparteien und besonders die Gewerkschaften wurden endgültig zu einer staatlich privilegierten und sozial legitimierten Einrichtung. Staatskonzerne und staatliche Planung nahmen einen zentralen Platz ein.

Der „koordinierte Kapitalismus“ förderte normierte Lebensläufe. Der Eintritt in ein Unternehmen war oft identisch mit der Entscheidung sein Leben in diesem Unternehmen zu verbringen. In der Regel übte man von Beginn des Arbeitslebens bis zu dessen Ende den Beruf aus, den man einmal gelernt hatte. Dies spiegelte sich auch in der politischen Sphäre wieder. Ein bestimmter Verband und eine bestimmte Partei waren für die Vertretung einer bestimmten Berufsgruppe zuständig.

Im Nachhinein lässt sich der „Koordinierte Kapitalismus“ als ein Übergangsphänomen identifizieren. Vollbeschäftigung und hohes Wachstum führten aber in der Nachkriegszeit dazu, dass sich die Gesellschaft darauf einrichtete, dass dieses Zeitalter nie zu Ende gehen würde.

Ab Mitte der siebziger Jahre war es damit aber vorbei: 

Das Zeitalter industrieller Massenproduktion wurde vom Informations- und  Dienstleistungszeitalter abgelöst. Die Wirtschaft wurde endgültig zu komplex für den Planungseifer keynesianisch geprägter Wirtschaftspolitiker.

Die so genannten Entwicklungsländer begannen im Zuge der globalen Arbeitsteilung zu erst im Textilbereich und dann auch in anderen Branchen die Massenfertigung zu übernehmen.

Damals entwickelten sich die Arbeitsmärkte in den USA und in Westeuropa in verschiedene Richtungen. Während  in den Vereinigten Staaten Arbeiter von den niedergehenden Branchen in aufstrebende Bereiche der Volkswirtschaft wechselten, unterblieb dieser Wechsel in Europa.

Die Verantwortlichen  in der alten Welt  lehnten ab, dass ein Kohlekumpel oder ein Metallarbeiter etwas anderes werden konnten als eben Kohlekumpel oder Metallarbeiter. Dazu trug auch die anachronistische Trennung von Arbeitern und Angestellten bei, die für die deutsche Sozialgeschichte eine besondere Bedeutung besitzt. Entweder war man Selbstständiger oder man war Angestellter oder man ist Beamter oder Landwirt oder Hausfrau und Mutter usw.

Das man Verschiedenes zugleich sein oder seine Rolle auch wechseln kann, war in dem System des „koordinierten Kapitalismus“ einfach nicht vorgesehen. Dass unsere Gesellschaft irgendwo zwischen dieser Welt und der neuen sozialen Wirklichkeit stecken geblieben ist, kann man z. B. im Umgang mit Behörden merken, wenn man etwa zu vermitteln sucht, dass man gleichzeitig abhängig beschäftigt und freiberuflich tätig sein kann. Da kann es schon vorkommen, dass es dafür kein passendes Formular gibt.

Für die wechselhaften Biographien, die die  postindustrielle  Dienstleistungsgesellschaft  schreibt, sind die vorhandenen staatlichen und tariflichen Systeme denkbar ungeeignete Organisationsformen. Die Sozialversicherungssysteme, allen voran die Altersvorsorge, die Tarifverträge, die Großverbände – Keine dieser Institutionen war bereit, sich auf die Gegebenheiten der neuen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft einzustellen.

Diese neue Gesellschaft lässt sich nicht zentral koordinieren, Arbeitszeiten sind flexible, die Biographien entziehen sich einer bestimmten Norm. Angestellte können Selbstständige und Selbstständige Angestellte werden. Das Einkommen variiert mit den Anforderungen des Marktes oder der Präferenz einer bestimmten Lebensphase. Für Institutionen, deren Hauptaufgabe die Koordination und Normierung sozialer Prozesse ist, ist diese Perspektive ein graus. Dasselbe gilt für viele, die die Normen des „koordinierten Kapitalismus“ zur Grundlage ihres eigenen Lebensentwurfs gemacht haben.

Da diese  „koordinierenden“ Systeme nicht vorhatten historisch einfach abzudanken, noch ihre Funktionsweise zu verändern, beschlossen sie, den Wandel so weit wie möglich zu ignorieren.  Sie wollen die  starren Regeln konservieren, an die sie sich in den Jahrzehnten der staatlichen Koordination des Marktes gewöhnt hatten. Sie konnten aber nicht ignorieren, dass immer mehr Menschen Arbeit suchten und in den regulierten Wirtschaftsbereichen keine Arbeit mehr fanden. Auf jeden Fall nicht nach den Bedingungen, die nach den alten Spielregeln als akzeptabel angesehen wurden.

Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muss der Berg eben zum Propheten gehen. Da das System des „koordinierten Kapitalismus“, mit seiner Ausrichtung an der industriellen Massenproduktion, dem regulierten Arbeitsmarkt und den standardisierten Biographien nicht mehr genug Beschäftigung für alle Beschäftigungssuchenden zur Verfügung stellen konnte, beschlossen die Verantwortlichen sich für eine denkbar simple „Lösung“.  Die Zahl der Arbeitskräfte sollte einfach dem niedrigeren Beschäftigungssockel angepasst werden.

Kurz: Sie begannen systematisch und massenhaft Arbeitsleistung stillzulegen.

Dies sollte den Druck von den regulierten Systemen nehmen, indem sie die Arbeitskräfte, die „zu viel“ waren, mit dem berühmten „goldenen Handschlag“ verabschiedeten.  Die Auswirkungen der systematischen Stilllegung von Arbeitsleistung waren nicht auf die betroffenen Industrien beschränkt, sondern pflanzten sich fort durch das gesamte Wirtschaftssystem. Diese Politik führte dazu, dass Deutschland bald die kürzesten Arbeitszeiten, den längsten Urlaub und die jüngsten Rentner aufzuweisen hatte.

Das Ergebnis war ein Zustand den Kanzler Helmut Kohl seinerzeit als „Freizeitpark“ bezeichnet hat. Nun ist ein Freizeitpark ja an sich nichts Schlechtes. Es gibt  schlimmere Schicksale als das, sich ab Mitte Fünfzig nur noch um seinen Garten zu kümmern.

Das Problem ist nur, dieser „Freizeitpark“ war extrem teuer. Denn immer weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in den „koordinierten“ Wirtschaftsbereichen müssen diesen Freizeitpark finanzieren. Schon Mitte der neunziger Jahre war deutlich, dass der eingeschlagene Weg nicht fortgesetzt werden konnte. Ironischer Weise war es das „Bündnis für Arbeit“, der Runde Tisch zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften – ein typischer Ausdruck des „koordinierten Kapitalismus“ - der die Kraft fand, die Frühverrentung einzuschränken.

Zu den direkten Kosten des frühen Ruhestandes für die Bundesanstalt für Arbeit, den Steuerzahler und die Rentenversicherung kommen die indirekten Wirkungen auf die Produktivität unserer Volkswirtschaft. Eichengreen kommt zu dem Ergebnis, dass das Auseinanderklaffen der Wachstumsentwicklung in den USA und Europa zu Ungunsten der Westeuropäer seit Beginn der neunziger Jahre ein Effekt dieser systematischen  Arbeitsstilllegung ist.

Ein Desaster muss offenbar nur einige Zeit zurückliegen, dann erscheint es plötzlich wieder als die Patentlösung. Das zeigt das Wiederaufwärmen der Frühverrentungsregelungen als hätte es die Verwerfungen auf dem Arbeitmarkt und in den Rentenkassen in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben. Es ist klar: Man ist mit seinem Latein langsam am Ende, darum verfallen die Protagonisten in einen Wiederholungszwang. Um die Illusion zu retten, alles könne so weitergehen wie bisher, soll es jetzt also wieder der „Goldene Handschlag“ richten.

Dass politische Institutionen der wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit hinterhinken ist die Regel, nicht die Ausnahme. Es ist das Spiel von Hase und Igel, das man beobachten kann. Regel um Regel wird geschaffen, um den Wandel aufzuhalten, aber jeder Schritt, der die Vergangenheit konservieren soll,  führt nur dazu, dass der Umbruch schließlich noch schmerzhafter wird. Vermutlich wird erst ein sehr harter Rückschlag dazu führen, dass wir in Deutschland die Wahrheit akzeptieren, dass das Land diesen Wettlauf gegen die Wirklichkeit nicht gewinnen kann.

20. Juni 2008

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