20. Juni 2008

Jürgen Elsässer Durchblickender Ökonom der Linken

Was man so alles in kommunistischen Zeitungen lesen darf

In meinem letzten Beitrag unter dem Titel „Steuern oder Inflation? Wie Politik die Menschen verarmen lässt“ verwies ich die Interpreten des „Spiegel“ auf die bessere ökonomische Analyse der Linksaußenpostille „Konkret“. Der zitierte Artikel des antikapitalistischen Autors Stefan Frank ist nun beileibe kein Einzelfall.

Das Enfant Terrible der radikalsozialistischen schreibenden Zunft, Jürgen Elsässer, früher selbst bei „Konkret“, dann bei der nationalbolschewistischen Tageszeitung „Junge Welt“ angestellt und heute beim „Neuen Deutschland“ gelandet, schrieb bei allen seinen Arbeitgebern Analysen, die ungewöhnlich fundiert sind und im Vergleich zum Mainstream hellsichtig. In Januar erst sorgte Elsässer für einen Eklat bei der „Jungen Welt“. Nach seiner Kolumne „Rettet unsere Kohle“, die „nach Meinung der Geschäftsführung nie hätte erscheinen dürfen“, musste er das Blatt verlassen. Darin hatte er geäußert, nun verleihe „die US-Zentralbank Geld für fast umsonst. Der Börsenkrach hat damit ein Stadium erreicht, in dem man keine akademische Analyse mehr benötigt, sondern praktische Handlungsvorschläge. Beginnen wir mit einem guten Rat an unsere Leser: Legen Sie einen größeren Batzen Geld unters Kopfkissen und lassen Sie nicht alles auf der Bank. Sofern Sie Rücklagen haben, sollten Sie einen Teil davon in Gold tauschen. Damit werden Sie zwar nichts gewinnen, da dessen Kurs schon das Allzeithoch erreicht hat, aber wenigstens werden Sie nicht alles verlieren. Die Inflation der Papierwährungen jedenfalls wird weitergehen, und ein neues 1923 sollten wenigstens die nicht ausschließen, die ansonsten vor einem neuen 1933 warnen.“

An diesem Samstag legte Elsässer nun im mehr oder weniger ehrwürdigen „Neuen Deutschland“ nach. In seinem Artikel „Dollarabsturz und Weltwährungsschlacht“ führt er aus: „In schöner Regelmäßigkeit plädieren deutsche Finanzminister dafür, zur Stopfung ihrer Haushaltslöcher einen Teil des Goldschatzes zu verkaufen. Bisher hat die Bundesbank diese Vorstöße allesamt geblockt. Gott sei dank, wie man im Lichte der derzeitigen Götterdämmerung des Papiergeld-Kapitalismus sagen muss.“

Elsässer beschreibt „Nixons Gold-Putsch“, als der US-Präsident „am 15. August 1971 praktisch über Nacht die Goldbindung des Dollars aufhob. Hintergrund war die enorme Staatsverschuldung, die sich im Zuge des Vietnamkrieges eingestellt hatte. Für die USA hatte der Währungsschnitt Nixons den riesigen Vorteil, dass sie nunmehr ohne Rücksicht auf die Deckung durch eigene Goldvorhaben Dollars drucken und mit diesen wertmäßig nicht gesicherten Papierchen in der ganzen Welt auf Einkaufstour gehen konnten. Die anderen Staaten konnten sich einen Ausstieg aus dem Greenback nicht leisten, da Washington in Geheimabkommen mit der OPEC-Führungsmacht Saudi-Arabien sichergestellt hatten, dass Ölkäufe nur auf Dollarbasis getätigt werden durften.“

Nach dem „Kollaps des Neuen Marktes und dem 11. September 2001“, so das „Neue Deutschland“ via Elsässer, „verschärfte sich das Problem weiter: In den folgenden vier Jahren hat die Federal Reserve mehr Dollars in den Umlauf gebracht haben als in der gesamten 200-jährigen US-Währungsgeschichte zuvor. Im Herbst 2005 wurde überdies in den USA dekretiert, dass das Geldmengenwachstum nicht mehr statistisch erfasst wird. Es soll offensichtlich niemand merken, was da eigentlich vor sich geht. Parallel sind die USA zu einer Schuldnernation geworden: Bereits im Sommer 2001 betrug ihre Nettoauslandsverschuldung 3,5 Billionen, also 3.500 Milliarden Dollar. Das entspricht 35 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Zum Vergleich: Als die DDR 1989 bankrott schien, lag ihre Auslandsverschuldung bei etwa 16 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Keine westliche Bank hätte dem SED-Staat noch ein Darlehen gegeben. Im Falle der USA ist das anders: Milliardäre und Zentralbanker auf allen Kontinenten kaufen US-Staatspapiere und kreditieren damit den weltgrößten Schuldner. Tag für Tag fließen etwa drei Milliarden Dollar netto vom Ausland in die USA.“ Was nun, so fragt Elsässer, „macht die Anleger so sicher, dass sie ihr Geld zurückbekommen?“ Er beantwortet die Frage selbst mit einem „plausiblen Grund: Die US-Regierung kann, anders als die Regierung jedes anderen Schuldnerstaates, den Anlegern versprechen, jedermann jederzeit und an jedem Ort mit militärischer Gewalt zu zwingen, die an sich wertlosen dollarnominierten Papierschnipsel in Waren einzutauschen. Dass sie ein Land wie Irak, wo die zweitgrößten Ölvorkommen weltweit vermutet werden, unter ihre Kontrolle bekam, verschaffte ihr an den internationalen Kreditmärkten Bonität. Je instabiler umgekehrt die Lage in Bagdad wird, um so nervöser reagieren die Dollar-Gläubiger. Der schlimmste Fall würde eintreten, wenn große Ölförderländer aus der Rechnungslegung in Dollar ausstiegen. Dass Saddam Hussein damit drohte oder aktuell der iranische Präsident Ahmadinedschad, war und ist für die USA ein Casus belli. Je tiefer die USA in die roten Zahlen versinken und je offensichtlicher der Papiergeld-Schwindel wird, um so verzweifelter müssen die USA versuchen, ihre ökonomischen Nachteile durch militärische Erfolge wettzumachen. Die Flucht der Ölproduzenten wie der Ölimporteure aus dem Dollar lässt sich aber nur verhindern, indem sich die USA die wichtigsten Erzeugerländer unterwerfen.“ Elsässer schließt die Überlegung mit einem Paukenschlag ab: „Das sieht nach Ölkrieg aus, ist aber eine Weltwährungsschlacht. Natürlich wird diese Wahnsinnsstrategie auf lange Sicht nicht aufgehen können. Der Dollar wird kollabieren, das amerikanische Zeitalter zum Ende kommen.“

Liberale Ökonomen hätten es kaum anders formuliert, wenn auch anders motiviert. Wo Amerikafreunde besorgt oder wütend sind über den Verrat der „amerikanischen Idee“ durch die US-Politik, da mögen linke Amerikahasser aus Passion andere Motive haben, die Analyse bleibt dieselbe. Und auch der Streit über Worte ist überflüssig, etwa wenn Elsässer vom „Papiergeld-Kapitalismus“ spricht, wenn er die staatsmonopolitische und damit wohl treffender als typisch sozialistisch zu bezeichnende Währung ohne Deckung meint.

Auch wenn Elsässers finale Auffassung vom amerikanischen Währungskrieg fragwürdig ist, schließlich können diejenigen, die in Washington über Krieg und Frieden entscheiden, aus den Feldzügen sehr viel direktere, persönliche Vorteile ziehen, so geht er weit über die Erkenntniswillig- oder -fähigkeit der Mainstreampresse hinaus. Besondere Brisanz erhält der Grundsatzartikel Elsässers in der Linkspartei-Hauszeitung dadurch, dass er als enger Freund und Berater Oskar Lafontaines gilt. Vieles spricht nämlich für die unbequeme Einsicht, dass das, was für den Journalismus gilt, ebenso für die Politik Richtigkeit hat: Der halblinke Mainstream hat jeden Bezug zur Wirklichkeit längst verloren und befindet sich von „Spiegel“ bis „SPD“ im Blindflug. Die altsozialistische Erzlinke dagegen von Lafontaine bis „Neues Deutschland“ mag ebenfalls oft daneben liegen, manchmal aber – und das gilt nicht zuletzt auch für die Außenpolitik – landet sie alleine noch die linken Volltreffer.

 
Internet

Jürgen Elsässer: Dollarabsturz und Weltwährungsschlacht, in „Neues Deutschland“ vom 14.06.2008.

Literatur

Jürgen Elsässer, Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg, Pahl-Rugenstein-Verlag.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Kaspar Rosenbaum

Autor

Kaspar Rosenbaum

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige