Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Migration: Wie wurde Deutschland ein Einwanderungsland?

von Gérard Bökenkamp

Eine neue historische Studie beleuchtet die Schlüsselrolle des Auswärtigen Amtes

27. Juni 2008

Warum hat es Einwanderung in die Bundesrepublik gegeben? Diese Frage wird nicht oft gestellt, obwohl sie sich eigentlich aufdrängt. Denn ganz selbstverständlich ist es nicht, dass Deutschland eine „multikulturelle“ oder wie die Kritiker sagen „multiminoritäre“ Gesellschaft geworden ist. Anders als Großbritannien, Frankreich oder die Niederlande hatte Deutschland keine Kolonien mehr, aus denen sich die Staatsbürger der zerfallenden Kolonialreiche in das Mutterland aufmachen konnten.

Es wäre genauso denkbar gewesen, dass die Bundesrepublik sich so entwickelt hätte wie etwa Japan, das nur einen bescheidenen Anteil von Einwanderern zu seinen Einwohnern zählt. Statt dessen hat die Bundesrepublik – obwohl seit 1918 keine Kolonialmacht mehr und auch kein „klassisches Einwanderungsland“ wie die USA, Australien oder Kanada – einen der größten Einwandereranteile der westlichen Welt.

Der Mythos sagt: Primär wirtschaftliche Gründe hätten zur Aufnahme von Gastarbeitern geführt. Der Einwanderung wird sogar eine wichtige Rolle bei der positiven Wirtschaftsentwicklung zugeschrieben. Dabei werden die positiven Effekte, die die „klassische Einwanderung“ etwa in die USA gehabt hat, verwechselt mit dem ganz anderen Prozess der sich in den sechziger Jahren ereignete.

Die Historikerin Heike Knortz kann durch die Auswertung der Akten des Auswärtigen Amtes, des Bundesarbeits-, Bundeswirtschaftsministeriums und des Bundeskanzleramtes zeigen, dass die Ursache für die Aufnahme von Gastarbeitern in den „Diplomatischen Tauschgeschäften“ des Auswärtigen Amtes zu suchen ist und ökonomische Überlegungen zweitrangig waren. Mit schwerwiegenden Folgen für die wirtschaftliche und soziale Entwickung der westdeutschen Gesellschaft.

Die erste Anbahnung eines „diplomatischen Tauschgeschäftes“, das die Aufnahme ausländischer Arbeitskräfte betraf, fand zwischen Italien und der Bundesrepublik bereits in den fünfziger Jahren statt und stand im Zusammenhang mit dem Währungsystem. Die italienische Regierung kam auf die kreative, aber wie sich zeigen sollten, nicht besonders realistische Idee, die negative italienische Leistungsbilanz gegenüber der Bundesrepublik durch die Entsendung von Arbeitskräften nach Westdeutschland auszugleichen.

Die zwei Regierungen spekulierten darauf, dass die italienischen Arbeiter ihr Einkommen ihren Familien in Italien schicken würden, so dass auf diesem Weg Devisen von der Bundesrepublik nach Italien strömen sollten. Gleichzeitig wollte die italienische Regierung auf diese Weise die hohe Arbeitslosigkeit reduzieren. Das deutsche Auswärtige Amt wollte mit den Konzessionen an die italienische Regierung ihre europapolitische Position stärken.

Angeregt durch das italienische Beispiel ergriffen auch Spanien, Griechenland, und Portugal und die Türkei in den frühen 60er Jahren die Initiative, um ihre Probleme mit der Arbeitslosigkeit und dem Devisenmangel durch die Entsendung von Arbeitskräften in die Bundesrepublik zu entschärfen.

Knortz schreibt: „Die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte sollte dadurch künftig gerade nicht von der Arbeitsmarktpolitik bestimmt werden, fortan vielmehr ohne konzeptionelle Grundlage den vielfältigen außenpolitischen Bedürfnissen folgen, die sich mit außenwirtschaftlichen durchaus decken konnten.“

Im Falle Spaniens etwa unterstützte das Auswärtige Amt die Aufnahme spanischer Arbeitskräfte im Tausch gegen die Erlaubnis Nachschub- und Übungseinrichtungen der Bundeswehr in Spanien aufzubauen. Trotz Bedenken gegenüber der Aufnahme außereuropäischer Arbeitskräfte glaubten die Diplomaten, dem Nato-Partner Türkei die Bitte nicht abschlagen zu können.

Der ganze Ablauf zeigt die unkontrollierte Macht der Ministerialbürokratie. Obwohl diese Abkommen die Gesellschaft der Bundesrepublik nachhaltig verändert haben und bereits 1973 mehr als 4 Millionen Gastarbeiter einschließlich ihrer Familienangehörigen in Westdeutschland lebten, wurde weder im Bundeskabinett noch im Bundestag eine Grundsatzentscheidung getroffen, geschweige denn eine Wahlentscheidung herbeigeführt.

Dass die Politik des Auswärtigen Amtes wenig Sinn und Interesse für die Marktmechanismen und die ökonomischen Konsequenzen ihrer „diplomatischen Tauschgeschäfte“hatte, hatte zur Folge, dass die Migration in die Bundesrepublik die wirtschaftliche Dynamik nicht steigerte, sondern bremste. Anders als die Einwanderung in den „klassischen Einwanderungsländern“

Da die Einwanderer vor allem in stagnierenden und schrumpfenden Branchen eingesetzt wurden, mehrte die Aufnahme von Gastarbeitern nicht nur nicht den Wohlstand der Bundesrepublik, sondern verminderte ihn sogar. Der Strukturwandel wurde durch die indirekte Subventionierung, die die Gastarbeiterpolitik darstellte, behindert.

Knortz fasst das richtig zusammen: Der Marktmechanismus blieb „solange ausgeschaltet, solange die Bundesregierung der deutschen Industrie  über die außenpolitisch motivierten Anwerbe- und Vermittlungsabkommen betriebswirtschaftlich kostengünstige Arbeitskräfte bereitstellte, deren tatsächliche Kosten der deutsche Steuerzahler trug.“

Der komparative Vorteil, den die internationale Arbeitsteilung mit sich brachte, konnte dadurch nicht voll ausgeschöpft werden, da Ressourcen weiter in Branchen und Arbeitsbereiche flossen, die früher oder später ohnehin ins Ausland verlegt werden mussten. Als der Prozess der Rationalisierung und Auslagerung – durch die Einwanderung Geringqualifizierter verzögert-  dennoch einsetzte, waren es genau diese ausländischen Arbeitnehme, die als erste und zum großen Teil ihre Arbeit verloren. Die Probleme, die heute mit den Schlagwörtern „Armut“ und „Integration“ bezeichnet werden, haben in diesen „diplomatischen Tauschgeschäften“ ihren Ursprung.

Die Perspektive auf diese Themen verändert sich, wenn man es historisch belegt findet, dass es sich bei der Masseneinwanderung weder um die Umsetzung wirtschaftlicher Interessen noch des Multikulturalismus, sondern schlicht um fragwürdige außenpolitische „Deals“ gehandelt hat, deren Zweckmäßigkeit in der Rückschau schwer nachvollziehbar ist.

Aus dieser Studie lässt sich die Schlussfolgerung ziehen: Das soziale Gefüge der Bundesrepublik, sowohl die alteingesessene Bevölkerung als auch die Einwanderer und ihre Kinder, leiden noch immer an den Folgen einer bevölkerungspolitischen Planwirtschaft, die im kontinentalen Maßstab betrieben wurde.

Literatur

Heike Knortz: Diplomatische Tauschgeschäfte. „Gastarbeiter“ in der westdeutschen Diplomatie 1953-1973, Böhlau Verlag 2008.

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