03. Juli 2008

Kroatien Tudjman, Thompson und Telekom

Die versuchte Zähmung des „Balkantigers“

Ästhetisch gesehen kann die Globalisierung zugestandenermaßen ein echtes Ärgernis sein. So wird man auch in Kroatien nicht vor Schriftzügen in Magenta verschont, die in Kombination mit dem übersattsam bekannten Klingelton eines der größten Verbrechen der Werbegeschichte darstellen. Wenn dann auf Kroatiens Straßen nach dem Telekomplakat auch noch regelmäßig ein gelbes Ortsschild im BRD-Design auftaucht, fragt man sich, warum man nicht gleich in Deutschland geblieben ist.

Der Deutsch-Bonus in Kroatien ist noch nicht aufgebraucht, nachdem Hans-Dietrich Genscher Anfang der Neunziger Jahre die Anerkennung der abtrünnigen jugoslawischen Teilrepublik durch die EU durchgesetzt hatte. So macht sich auch der deutsche Einfluss in Medien, Rechtssystem und Politik Kroatiens immer mehr bemerkbar. In freudiger Erwartung eines bevorstehenden EU-Beitritts machen beide großen politischen Parteien – die sozialdemokratische und von Gegnern als postjugoslawisch beschimpfte HDS etwas nachdrücklicher als die konservativere HDZ des 1999 verstorbenen Staatsgründers Franjo Tudjman – große Zugeständnisse in Sachen Harmonisierung Richtung EU und politischer Korrektheit made in Germany. Gerade für staatstragende Parteien ist die EU stets ein Segen, verspricht sie doch eine enorme Pfründenvermehrung für die postenhungrige Parteibasis.

Symptomatisch für die neue deutsche Welle in Kroatien ist der Umgang mit dem Musiker Marko Perković Thompson. Seitdem er mit einem Rocksong während des Bürgerkriegs die Verteidiger seines Heimartorts Čavoglave erfolgreich gegen die vorrückenden Serben motivierte und sich nach seiner Kampfwaffe den Beinamen Thompson gab, gilt er als Inbegriff des patriotischen kroatischen Barden. Patriotismus war bis vor kurzem in Kroatien kein Makel, schließlich war dieses Nationalbewusstsein ja überhaupt erst der Grund dafür, dass man sich vom Multikultistaat Jugoslawien lossagen wollte. Der moderne kroatische Staat basiert also geradezu auf einem patriotischen Akt. Natürlich ist auch dieser Patriotismus von Politikern wie Tudjman gefördert und beflügelt worden, die sich die Unzufriedenheit der Kroaten über die Umverteilung zugunsten der strukturschwachen südlicheren Teilrepubliken zunutze machten. Separatismus, ob in Jugoslawien, Belgien, Italien, der Sowjetunion oder der EU hat halt immer auch handfeste ökonomische Gründe, was auch eine vernünftige Triebfeder für jeden betroffenen Bürger ist: Je kleiner die Zahl der Umverteilungsbegünstigten wird, desto überschaubarer werden die Lasten für die Leistungsträger und desto größer auch die potenzielle Kontrolle der Bürger über die Regierung. Entsprechend gibt es auch weltweit tendenziell eine direkte Korrelation zwischen Steuerquote und Bevölkerungsgröße eines Staates.

Im Vorfeld und während der Europameisterschaften entdeckte man in Deutschland plötzlich das Phänomen Thompson: Ein heimatverbundener Sänger, der problemlos im kroatischen Staatsfernsehen auftreten konnte. „Nazi-Rock“ bezeichnete der „Stern“ die Thompson-Musik am 10.6.2008 und zehn Tage später schreibt „Spiegel online“:

„[Thompson] feiert in seinen Texten die kroatische Nation und preist distanzlos den Ustascha-Faschismus der vierziger Jahre. Stücke Thompsons heißen zum Beispiel ‚Oh, mein Volk’ oder auch ‚Jasenovac und Stara Gradiška’. In diesen Orten gab es während des Zweiten Weltkriegs Konzentrationslager, in denen Juden, Roma oder politische Gegner zu Zehntausenden umgebracht wurden. Die Behörden in der Schweiz und Österreich haben unlängst Thompson-Konzerte wegen der Gefährdung der öffentlichen Ordnung verboten. Häufig kommen auch Neonazis zu den Auftritten der Rockgruppe.“

Auch in der deutschen Wikipedia-Version liest man, dass er in dem gleichnamigen Lied die Greuel in Jasenovac und Stara Gradiška verherrlicht habe. Und tatsächlich ist dieses Stück ein grauenhaftes Beispiel sprachlicher Verrohung und Menschenverachtung. Das Problem dabei ist nur, dass Thompson die Urheberschaft für dieses Anfang der Neunziger Jahre während des Bürgerkriegs entstandene Lied vehement abstreitet. Tatsächlich gibt es keinen handfesten Beweis dafür, dass es sich hierbei um ein Thompson-Lied handelt. Mag sein, dass die Stimme in dem auch auf Youtube veröffentlichten Machwerk etwas nach Thompson klingt, aber das heißt natürlich nichts. Kroatische Folksänger haben sowieso merkwürdigerweise fast alle diese gedehnte, etwas unsauber vibrierende und in den oberen Tönen erstickt wirkende Tenorstimme, aber auch einige von mir befragte Kroaten meinten, dass es sich bei der Youtube-Aufnahme um eine andere Stimme handle. Thompson distanzierte sich übrigens mehrfach vom Ustascha-Regime und vom Faschismus, aber auch von Konzertbesuchern, die durch Ustascha-Symbole und Hitlergrüße unangenehm auffielen.

Doch das ändert alles nichts am Image von Thompson im Ausland: Da der kroatische Nationaltrainer Slaven Bilić in der Halbzeitpause der EM 2008 gegen Österreich seiner Mannschaft zur Aufmunterung ein Thompson-Lied vorspielte und weil beim Spiel gegen die Türkei ein paar kroatische Fans „rassistische“ Sprüche losließen wie etwa „die Türken werden wieder vor Wien scheitern“, droht dem kroatischen Fußballverband eine Strafe der UEFA: Bei den nächsten Spielen muss die kroatische Elf womöglich auf eigenes Publikum verzichten.

Den EU-Befürwortern in Kroatien ist Thompson daher mittlerweile ein Dorn im Auge, da man zu recht meint, dass die EU-Oberen ein Land, in dem ein angeblich faschistischer Heimatsänger im Fernsehen auftreten dürfe, für noch nicht reif genug für den Beitritt halten. So ist auch in kroatischen Medien und bei kroatischen Politikern eine Debatte über Thompson im einzelnen und ganz allgemein um die Bewertung der jüngeren Vergangenheit entbrannt. Der sozialdemokratische Präsident Stipe Mesić hält dabei ausdrücklich den Faschismus für ein viel größeres Übel als den Partisanenkommunismus unter Tito, obwohl letzterer nach den Erhebungen des Demozidforschers Rudolph Rummel mehr als eine Million Opfer gefordert hatte.

Selbst in der als konservativ geltenden größten kroatischen Tageszeitung „Večernji list“ kritisieren einige Kommentatoren schon in vorauseilender Beschwichtigung den verderblichen Einfluss von Thompson auf die kroatische Jugend und fürchten um den Ruf Kroatiens im Ausland. Doch bei einer Umfrage in der gleichen Zeitung sprachen sich mehr als 70 Prozent der Leser gegen ein Fernsehverbot von Thompson aus. Und in einer Umfrage ein paar Tage zuvor sprachen sich dort ebenfalls 70 Prozent gegen einen EU-Beitritt Kroatiens aus. Kulturell und historisch gesehen gehört Kroatien eher zu Mitteleuropa als zum Balkan, was einem vor allem dann klar wird, wenn man die doch sehr stark an Alpenmusik erinnernde Volksmusik aus der Gespanschaft Medjimurje hört. Und als gute Mitteleuropäer nehmen sich die kroatischen Bürger nun offenbar lieber ein Beispiel an der Schweiz und an Liechtenstein als an den bereits EU-beigetretenen Balkanländern Rumänien und Bulgarien. Vielleicht ist die Zähmung des „Balkantigers“ Kroatiens ja noch aufzuhalten.

Internet:

"Stern"-Bericht über Thompson

"Spiegel"-Bericht über Thompson

Thompson auf Wikipedia

Das Cavoglave-Lied vom Thompson mit deutschen Untertiteln

Lied „Lijepa li si“, das von Kroatiens Nationaltrainer Bilic als Motivationskanone verwendet wurde.

Das angeblich von Thompson stammende Lied „Jasenovac i Gradiska Stara“


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