05. Juli 2008

Kultur der Unterschicht Die unerträgliche Leichtigkeit des Bösen

Über das Anschwellen des Asozialen nicht nur in Großbritannien

Gefängnisinsassen sagen nach ihrer Entlassung oft, dass sie ihre gesellschaftliche Schuld beglichen haben. Das ist natürlich abwegig: Ein Verbrechen kann man nicht vermittels doppelter Buchführung entgelten. Man kann keine Schuld dadurch tilgen, dass man noch viel größere Kosten verursacht. Man kann auch nicht im voraus für einen Banküberfall bezahlen, indem man als Entgelt einen Gefängnisaufenthalt bietet. Vielleicht hat ja ein Häftling nach seiner Entlassung wieder eine weiße Weste, aber seine Schuld hat er nicht abgegolten.

Es wäre ebenso unangemessen, wenn ich selbst anlässlich des Rückzugs aus meiner Krankenhaus- und Gefängnistätigkeit sagen würde, ich hätte der Gesellschaft gegenüber meine Schuldigkeit getan. Ich hätte die Wahl gehabt, etwas Erfreulicheres zu tun, wenn ich das gewollt hätte, und ich wurde zwar nicht üppig, aber wenigstens angemessen bezahlt. Für meine berufliche Tätigkeit hatte ich mir deshalb eine unerquickliche Klientel ausgesucht, weil mich diese armen Seelen aus medizinischer Sicht im Vergleich zu Normalbürgern weitaus interessanter anmuteten: Ihre Pathologie ist facettenreicher und ihr Aufmerksamkeitsbedürfnis größer. Ihre Dilemmata sind zwar grobschlächtiger, aber auch stringenter und näher dran an den Grundlagen der menschlichen Existenz. Zweifellos glaubte ich auch, dass meine Dienste an dieser Stelle wertvoller sein würden beziehungsweise dass ich eine Art von Pflicht zu erfüllen hätte. Vielleicht habe ich aus diesem Grund, ähnlich wie der Häftling nach seiner Freilassung, das Gefühl, dass ich der Gesellschaft gegenüber meine Schuldigkeit getan habe. Sicherlich hat diese Arbeit mir viel abverlangt, und es ist Zeit für mich, etwas anderes zu tun. Sollen andere sich nun dem Kampf gegen die wuchernde Sozialpathologie Großbritanniens widmen. Ich jedenfalls werde jetzt ein Leben führen, das mir eine größere ästhetische Erfüllung bietet.

Meine Arbeit hat mich dazu gebracht, mich auf eine vielleicht ungesunde Weise mit dem Problem des Bösen zu beschäftigen. Warum tun Menschen Böses? Welche Bedingungen lassen das Böse gedeihen? Wie verhindert oder unterdrückt man es am besten? Immer wenn ich einem Patienten zuhöre, der mir erzählt, welche Grausamkeiten ihm widerfahren sind oder er selbst begangen hat – und ich habe mir 14 Jahre lang täglich mehrere solcher Patienten angehört –, gehen mir diese Fragen unablässig durch den Kopf.

Sicherlich haben auch meine früheren Erfahrungen mein Interesse an diesem Problem vertieft. Meine Mutter floh zur Nazizeit aus Deutschland, und obwohl sie nur sehr wenig über ihr damaliges Leben erzählte, reichte schon der bloße Umstand, dass es viele unaussprechliche Dinge bei ihr gab, die auf gespenstische Weise das Böse in unserem Haus präsent werden ließen.

Später habe ich mehrere Jahre damit verbracht, durch die Weltgeschichte zu reisen, oft an Orte, wo es kurz zuvor zu Greueln gekommen war oder wo diese immer noch begangen wurden. In Mittelamerika wurde ich Zeuge von Bürgerkriegen zwischen Guerillagruppen auf der einen Seite, die ihrer Gesellschaft ihre jeweilige Form einer totalitären Tyrannei aufzwingen wollten, und auf der anderen Seite von Armeen, die keine Skrupel besaßen, Massaker zu verüben. In Äquatorialguinea ist der jetzige Diktator der Neffe und ehemalige Handlanger des vorher herrschenden Diktators, der wiederum ein Drittel der Bevölkerung getötet oder vertrieben hatte und der jede Person hinrichten ließ, die eine Brille trug oder ein bedrucktes Stück Papier bei sich hatte, weil man durch diese Utensilien als Oppositioneller oder potenziell unzufriedener Intellektueller galt. In Liberia besuchte ich eine Kirche, in der mehr als 600 Menschen Zuflucht gesucht hatten und dann abgeschlachtet wurden, womöglich vom Präsidenten selbst, der wiederum kurze Zeit später dabei gefilmt wurde, wie er selbst zu Tode gefoltert wurde. Die Konturen der Körper waren immer noch auf dem getrockneten Blut des Fußbodens der Kirche erkennbar, und die langen Aufschüttungshügel des Massengrabes lagen nur ein paar Schritte vom Eingang der Kirche entfernt. In Nordkorea sah ich den Gipfel der Tyrannei, wo Millionen von Menschen terrorisiert werden, indem sie in elender Demut einem Personenkult um den Großen Führer Kim Il Sung frönen müssen, neben welchem der Sonnenkönig wie der Inbegriff der Bescheidenheit aussieht.

Nun waren all dies politische Ausgeburten des Bösen, die meine Heimat Großbritannien vollends hinter sich gelassen hat. Ich hatte optimistischerweise angenommen, dass das Böse bei Abwesenheit der schlimmsten politischen Abarten keine Chance habe, sich weiter zu verbreiten. Bald musste ich meinen Irrtum einsehen. Natürlich war nichts, was ich in einem britischen Slum sehen sollte, auch nur annähernd so schlimm wie das, was ich andernorts mit ansehen musste. Eine Frau aus Eifersucht zu schlagen, sie in einem Schrank einzuschließen und ihr absichtlich die Arme zu brechen, ist zwar furchtbar, aber bei weitem nicht dasselbe wie Massenmord. Es gab mehr als genügend verfassungsrechtliche, traditionelle, institutionelle und soziale Beschränkungen für großflächige politische Abscheulichkeiten, die in Großbritannien immer noch all das verhinderten, was ich anderswo erleben konnte.

Doch die Skala des Bösen beim Menschen ist nicht nur durch die betreffenden Folgen zu bemessen. Denn Menschen tun Böses innerhalb des Spielraums, den sie haben. Einige Genies des Bösen haben bekanntlich ihr Leben der Aufgabe gewidmet, diesen Spielraum so groß wie möglich zu gestalten. Doch ein solcher Charakter ist in Großbritannien bislang nicht aufgetaucht, und die meisten Übeltäter nutzen lediglich die meisten ihrer kleinen Gelegenheiten aus. Sie nehmen was sie kriegen.

Und dennoch ist das Ausmaß des Bösen, das ich hierzulande vorfand, zwar weitaus bescheidener als die Katastrophen der jüngsten Menschheitsgeschichte, aber nichtsdestotrotz durchaus beeindruckend. In meiner sechsbettigen Krankenstation bin ich mindestens 5.000 Straftätern, welche die von mir oben beschriebene Art von Gewalt ausgeübt hatten, und noch mal so vielen Opfern solcher Gewalt begegnet. Das ist fast ein Prozent der Bevölkerung meiner Stadt. Wenn man die spezifische Altersgruppe solchen Verhaltens mit einrechnet, ist der Prozentsatz noch höher. Und wenn man, wie ich, sich die Lebensgeschichten dieser Leute ansieht, dann stellt man schnell fest, dass deren Leben ebenso mit wahlloser Gewalt angefüllt ist wie das Leben der Bewohner so manch einer Diktatur. Doch anstelle eines Diktators haben wir es hier mit Tausenden kleiner Diktatoren zu tun, von denen jeder der absolute Herrscher seiner kleinen Sphäre ist, und dessen Macht lediglich beschnitten wird durch die Grenzen eines weiteren Minidiktators.

Gewalttätige Konflikte beschränken sich nicht auf Heim und Herd, sondern gehen auf die Straße über. Darüber hinaus habe ich feststellen müssen, dass es in britischen Städten, so auch in meiner Stadt, Folterkammern gibt. Diese werden zwar nicht wie in Diktaturen vom Staat betrieben, sondern von Vertretern von Slum-Unternehmen wie etwa im Drogen-Business. Schuldner und Schuldnerinnen von Drogendealern werden entführt, in Folterkammern gesteckt, an Betten gefesselt und geschlagen oder ausgepeitscht. Mitleid haben die Folterknechte nicht, lediglich etwas Angst vor den Folgen für den Fall, dass man zu weit geht.

Das Erschreckendste an diesem Bösen, das zwar auf einer unteren Ebene stattfindet, aber endemische Ausmaße hat, ist vielleicht der Umstand, dass es ohne Zwang und spontan erfolgt, also der Vorstellung von einer Ursünde am nächsten kommt. Niemand verlangt nämlich von den Leuten, diese Übeltaten zu begehen. In den schlimmsten Diktaturen werden einige Verbrechen von gewöhnlichen Männern und Frauen aus Furcht davor begangen, wegen Unterlassung bestraft zu werden. Hier ist Heldentum erforderlich, um gut sein zu können. In der Sowjetunion war es beispielsweise in den dreißiger Jahren so, dass jemand, der es unterließ, einen politischen Witz zu melden, sich selbst strafbar machte, was seine Deportation oder seinen Tod zur Folge haben konnte. Doch im zeitgenössischen Großbritannien gibt es solche Umstände nicht: Der Staat verlangt von seinen Bürgern nicht, sich derartig zu benehmen, er bestraft sie auch nicht, wenn sie es nicht tun. Das Böse fußt hier auf einer freien Entscheidung.

Es ist allerdings bei weitem nicht so, dass der Staat unschuldig an der freiwilligen Kriminalität ist. Intellektuelle haben die Idee vorgebracht, dass der Mensch von den Fesseln sozialer Konventionen und der Selbstkontrolle befreit werden sollte, und der Staat erließ ohne entsprechende Nachfrage seiner Untertanen Gesetze, die ein ungezügeltes Verhalten förderten. Und der Staat schuf ein Wohlfahrtssystem, das die Menschen in mancherlei Hinsicht vor den wirtschaftlichen Folgen eines solchen Fehlverhaltens bewahrte. Wenn die Hürden des Bösen herabgesetzt werden, dann gedeiht es. Und nie wieder werde ich versucht sein, an das grundsätzlich Gute im Menschen zu glauben oder daran, dass das Böse der menschlichen Natur wesensfremd und beim Menschen eine Ausnahmeerscheinung sei.

Natürlich handelt es sich dabei bloß um meine persönliche Erfahrung. Zugegebenermaßen habe ich von einem eigentümlichen und möglicherweise nicht repräsentativen Standpunkt aus die soziale Welt meiner Stadt und meines Landes in Betracht genommen, nämlich von einem Gefängnis und einer Krankenstation aus, wo praktisch alle Patienten versucht haben, sich umzubringen oder zumindest eine selbstmörderische Attitüde an den Tag legten. Doch diese persönliche Erfahrung ist nicht gering oder unbedeutend, und jeder einzelne meiner vielen tausend Fälle hat mir ein Fenster in die Welt aufgemacht, in der diese Personen leben. Und wenn meine Mutter mich fragt, ob ich nicht Gefahr laufe, dass meine
persönlichen Erfahrungen mich verbittern oder auf die Welt durch eine gallenfarbene Brille gucken lasse, dann frage ich sie, warum sie denn, so wie alle alten Leute im heutigen Britannien, nach Sonnenuntergang unbedingt zuhause bleiben möchte oder andernfalls entsprechende Konsequenzen tragen muss, und warum dies in einem Land der Fall ist, das seit Generationen stets gesetzestreu und sicher war. Hat sie mir nicht selbst erzählt, dass sie sich als junge Frau während der Stromausfälle beim Bombenkrieg völlig sicher fühlte, zumindest vor etwaigen Plünderungen ihrer Mitbürger? Dass sie im tiefsten Dunkeln nach Hause ging und dass es ihr niemals einfiel, Opfer eines Verbrechens werden zu können, während sie heute nach Anbruch der Dunkelheit nur die Nase aus dem Fenster stecken muss, um an nichts anderes zu denken? Stimmt es nicht, dass in den letzten zwei Jahren zweimal am hellichten Tage ihre Geldbörse gestohlen wurde, und dass die Statistiken, obwohl diese vom Staat manipuliert und weitestgehend geschönt werden, im Grunde genau das bestätigen, was ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus geschlussfolgert habe? Im Jahre 1921, als meine Mutter geboren wurde, gab es in England und Wales gerade mal ein erfasstes Verbrechen auf 370 Einwohner. Achtzig Jahre später war es ein Verbrechen auf nur zehn Einwohner. Es gab eine Verzwölffachung der Verbrechensrate seit 1941. Bei Gewaltverbrechen ist der Anstieg sogar noch größer. Persönliche Erfahrung ist zwar kaum eine vollwertige Messlatte für die gesellschaftliche Wirklichkeit, aber meine Eindrücke werden zweifellos durch die historischen Daten bestätigt.

Ein Einzelfall kann erhellend sein, vor allem wenn er statistisch banal, also mit anderen Worten alles andere als außergewöhnlich ist. Gestern kam zum Beispiel eine 21jährige Frau zu mir und meinte, an Depressionen zu leiden. Sie hatte eine Überdosis Antidepressiva geschluckt und dann den Notarzt gerufen.

An dieser Stelle muss ich ein paar Bemerkungen über den Begriff „Depression“ loswerden, der das Wort „Traurigkeit“ und sogar den Begriff der Traurigkeit fast völlig aus dem modernen Leben verdrängt hat. Von Tausenden von Patienten, die ich gesehen habe, sagten nur zwei oder drei über sich, unglücklich zu sein. Alle anderen meinten, sie hätten Depressionen. Diese Bedeutungsverschiebung ist ziemlich signifikant, denn sie schließt ein, dass Unzufriedenheit mit dem Leben an sich schon pathologisch sei, also ein medizinischer Zustand, für dessen Aufhebung ein Arzt unter Zuhilfenahme medizinischer Mittel verantwortlich ist. Jeder hat ein Recht auf Gesundheit, und Depressionen sind ungesund. Daher hat jeder auch ein Recht auf Glücklichsein, also auf das Gegenteil von Depressionen.

Diese Vorstellung bedeutet im Gegenzug, dass der Geisteszustand oder die Laune eines Menschen unabhängig davon sein sollte, wie man sein Leben führt. Dieser Glaube muss die menschliche Existenz all ihrer Bedeutung berauben und ganz grundsätzlich die Belohnung vom Benehmen loslösen.

Es ergibt sich ein lächerlicher Pas de Deux zwischen Doktor und Patient. Der Patient gibt vor, krank zu sein, und der Doktor gibt vor, den Patienten zu kurieren. In diesem Prozess wird der Patient vorsätzlich blind gemacht für das Verhalten, das ihn in erster Linie und unvermeidlich ins Elend stürzt. Ich musste daher feststellen, dass es heutzutage eine der wichtigsten Aufgaben des Arztes ist, seine eigene Kompetenz und Verantwortung zu leugnen. Die Einbildung des Patienten, krank zu sein, hindert ihn daran, seine Situation zu verstehen, und ohne dieses Verständnis kann kein moralischer Wandel erfolgen. Der Arzt, der so tut, also ob er behandle, ist ein Hindernis für diesen Wandel, und trägt eher zur Blendung als zur Erleuchtung bei.

Meine Patientin hatte bereits drei Kinder von drei verschiedenen Männern, was nichts ungewöhnliches für meine Patientinnen und auch nicht ungewöhnlich für dieses ganze Land ist. Der Vater ihres ersten Kindes war gewalttätig, und sie verließ ihn. Der zweite starb, als er mit einem gestohlenen Wagen einen Unfall baute. Der dritte, mit dem sie nun bis vor kurzem zusammen war, verlangte von ihr, dass sie seine Wohnung verlasse, da er, eine Woche nach der Geburt des Kindes, feststellte, dass er nicht länger mit ihr zusammenleben könne. Die Entdeckung dieser Unverträglichkeit eine Woche nach der Niederkunft kommt so häufig vor, dass sie statistisch gesehen als normal gelten muss. Sie konnte nirgendwo hin, hatte nirgendwo Rückhalt, und das Krankenhaus diente als zwischenzeitlicher Zufluchtsort vor ihrem Kummer. Sie hoffte, dass wir sie irgendwie wiederherrichten würden.

Zu ihrer Mutter konnte sie nicht zurückkehren – wegen eines Konflikts mit ihrem „Stiefvater“ beziehungsweise dem aktuellen Freund ihrer Mutter, der tatsächlich nur neun Jahre älter als sie selbst und sieben Jahre jünger als ihre Mutter war. Diese Verdichtung der Generationen ist heute ein gängiges Muster, selten aber ein Rezept für menschliches Glück. Übrigens versteht es sich fast von selbst, dass ihr eigener Vater bei ihrer Geburt verschwunden war und sie ihn seitdem nie mehr wiedergesehen hat. Der letzte Freund in einer solchen Art von Partnerschaft will die Tochter entweder zum sexuellen Missbrauch zur Verfügung haben oder sie aber des Hauses verweisen, da sie ansonsten nur einen Störfaktor darstellt und unnötige Ausgaben mit sich bringt. Im vorliegenden Fall wollte der Freund sie aus dem Haus haben und tat sein Bestes, um eine Atmosphäre zu schaffen, die sie baldmöglichst in die Flucht schlagen sollte. Der Vater ihres ersten Kindes hatte natürlich ihre Verletzlichkeit erkannt. Ein 16-jähriges alleine wohnendes Mädchen ist eine leichte Beute. Er schlug sie von Anfang an und war betrunken, besitzergreifend, eifersüchtig und chronisch untreu. Sie dachte, dass ein Kind aus ihm einen verantwortungsvolleren Mann machen, ihn ausnüchtern und beruhigen würde. Der gegenteilige Effekt trat ein. Sie verließ ihn. Der Vater ihres zweiten Kindes war ein Serienkrimineller, der bereits mehrere Male gesessen hatte. Ein Drogensüchtiger, der immer so viel Stoff nahm wie er kriegen konnte und dann daran starb. Sie wusste das alles, bevor sie sich von ihm ein Kind machen ließ. Der Vater ihres dritten Kindes war viel älter als sie. Es war er, der vorgeschlagen hatte, dass sie ein Kind haben sollte, ja er verlangte dies sogar von ihr als Bedingung dafür, dass er bei ihr blieb. Er hatte bereits fünf Kinder von drei verschiedenen Frauen, von denen keine auch nur die geringste Unterstützung von ihm bekam.

Die Bedingungen für die endlose Fortsetzung des Bösen waren nun komplett. Sie war eine junge Frau, die nicht alleine sein wollte und lange Zeit keinen Mann hatte. Doch mit bereits drei Kindern zieht sie genau jene Sorte von Mann an wie den Vater ihres ersten Kindes, von denen es nun viele gibt. Diese Männer suchen nach verwundbaren und ausbeutbaren Frauen. Mehr als wahrscheinlich wird zumindest einer von ihnen – denn es wird zweifellos nicht bei einem bleiben – ihre Kinder missbrauchen, sexuell, physisch oder beides.

Sie war natürlich ein Opfer des Verhaltens ihrer Mutter zu einer Zeit, als sie noch wenig Kontrolle über ihr Schicksal hatte. Ihre Mutter hatte gemeint, dass ihre eigene sexuelle Beziehung wichtiger war als das Wohlergehen ihres Kindes, was eine sehr verbreitete Art des Denkens im heutigen Wohlfahrtsstaat Großbritannien ist. Am gleichen Tag zum Beispiel wurde ich von einer jungen Frau konsultiert, die vom Lebensabschnittspartner ihrer Mutter mehrere Male vergewaltigt worden war, als sie zwischen acht und fünfzehn Jahre alt war, und das mit vollem Wissen ihrer Mutter. Diese Mutter hatte das alles nur zugelassen, um die Beziehung mit ihrem Gefährten nicht zu gefährden. Es könnte durchaus passieren, dass meine Patientin eines Tages genau so verfahren wird.

Meine Patientin war jedoch nicht nur Opfer ihrer Mutter: Sie hatte sich wissentlich von Männern schwängern lassen, von denen sie nichts Gutes erwarten konnte. Sie wusste genau, welche Konsequenzen und Bedeutung das hatte, was sie tat. Das bewies nämlich ihre Reaktion auf das, was ich ihr wie auch Hunderten anderer Patientinnen in ähnlichen Situationen sagte: Das nächste Mal, wenn du mit einem Mann ausgehen willst, bring ihn vorher zu mir, und ich werde dir sagen, ob du das tun kannst.

Das verfehlt seine Wirkung nie, auch auf die elendsten und „depressivsten“ Frauen: Sie lächeln breit oder lachen herzlich. Sie wissen genau, was ich meine, und ich brauche das nicht näher zu erläutern. Sie wissen, dass ich meine, dass die meisten Männer, die sie sich auserkoren haben, das Böse bereits auf der Stirn stehen haben, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes als tätowierte Sprüche, die da lauten „Fuck off“ oder „Mad dog“. Und sie kapieren, dass ich das Übel sofort ausmachen kann, da sie genau wissen, wonach ich schaue. Und genau das können sie eigentlich auch, und deshalb sind sie größtenteils verantwortlich für ihr Verderben, wenn sie sich der Gewalt übler Männer aussetzen.

Außerdem wissen sie, dass ich es sowohl für töricht als auch für verfehlt halte, Kinder von Männern zu bekommen, ohne auch nur eine Sekunde lang überlegt zu haben, ob diese Männer irgendwie qualifiziert sind, gute Väter zu sein. Natürlich kann man auch Fehler machen: Ein Mann kann sich als etwas anderes entpuppen als das, was die Frau erwartet hatte. Aber sich nicht einmal die Frage zu stellen, ob der Kerl als Vater seinen Mann steht, ist für einen Menschen an Verantwortungslosigkeit nicht zu übertreffen. Dadurch vergrößert man ganz bewusst das Böse in der Welt, und früher oder später wird die Summe all dieser kleinen Übel zum Triumph des Bösen an sich führen.

Meine Patientin hat nicht mit der Absicht gehandelt, Beihilfe zum Bösen zu leisten oder selbst Böses zu tun. Und doch war ihre Weigerung, die von ihr wahrgenommenen Zeichen ernstzunehmen und entsprechend zu handeln, keineswegs die Folge von Blindheit und Ignoranz. Diese Weigerung war gewollt. Sie wusste aus eigener Erfahrung und aus dem Erfahrungsschatz vieler Menschen um sie herum, dass ihre Wahl, die aufgrund eines momentanen Vergnügens und Begehrens erfolgte, zu Elend und Leid nicht nur für sie selbst, sondern vor allem für ihre eigenen Kinder führen würde.

Das ist natürlich nicht so sehr die Banalität, sondern vielmehr die Frivolität des Bösen: Die Präferenz des flüchtigen eigenen Vergnügens ohne Rücksicht auf das langfristige Elend anderer, für die man verantwortlich ist. Was könnte die Frivolität des Bösen besser beschreiben als das Benehmen einer Mutter, die eine 14 Jahre alte Tochter aus dem Haus schmeißt, weil der letzte Freund der Mutter sie nicht mehr da haben will? Und welche Phrase beschreibt die Haltung jener Intellektueller besser, die in diesem Benehmen nichts als eine Erweiterung der menschlichen Freiheit und der menschlichen Auswahlmöglichkeiten sehen, also nur einen weiteren Baustein im komplexen Mosaik des Lebens?

Auch die Männer in diesen Situationen wissen ganz genau, welche Bedeutung und Konsequenzen ihr Tun hat. Am gleichen Tag, an dem ich die eben beschriebene Patientin traf, kam ein 25 Jahre alter Mann in unsere Krankenstation, um sich ein folienverpacktes Kokainpaketchen herausoperieren zu lassen, das er verschluckt hatte, um von der Polizei nicht erwischt zu werden. Wäre das Paketchen geplatzt, wäre er sofort gestorben. Zufälligerweise hatte er gerade seine letzte Freundin verlassen, eine Woche, nachdem diese ein Kind auf die Welt gebracht hatte. Er sagte, dass sie miteinander nicht klarkämen und er seinen Freiraum bräuchte. An das Kind dachte er natürlich keinen Moment lang.

Ich fragte ihn, ob er noch andere Kinder habe. „Vier“, entgegnete er. „Von wie vielen Müttern?“ „Drei.“ „Sehen Sie ihre Kinder?“ Er schüttelte den Kopf. Es gehört wohl nicht zu den Pflichten des Arztes, darüber zu urteilen, wie seine Patienten zu leben gewählt haben, doch wahrscheinlich hatte ich leicht die Stirn gerunzelt. Jedenfalls spürte wohl der Patient etwas von meiner Missbilligung. „Ich weiß“, sagte er. „Ich weiß. Das brauchen Sie mir nicht zu sagen.“

Diese Worte waren ein komplettes Schuldeingeständnis. Ich hatte Hunderte von Gesprächen mit Männern, die ihre Kinder auf diese Weise verlassen hatten, und sie alle wussten nur zu genau, welche Folgen das für die Mutter und vor allem für die Kinder hatte. Sie alle wussten, dass sie ihre Kinder zu einem Leben verurteilten, das von Brutalität, Armut, Missbrauch und Hoffnungslosigkeit geprägt sein würde. Sie sagten es mir selbst. Und doch taten sie es immer wieder, und das in einem Ausmaß, das mich annehmen lässt, das nun fast ein Viertel der britischen Kinder auf solche Weise aufwächst.

Das Ergebnis ist eine steigende Welle von Vernachlässigung, Grausamkeit, Sadismus und fröhlicher Bösartigkeit, die mich überrascht und verblüfft. Nach 14 Jahren bin ich noch angewiderter als am Tag, wo ich mit alldem angefangen hatte.

Wo kommt dieses Böse her? Offenbar ist die menschliche Seele irgendwie defekt, wenn der Mensch sich auf diese verkommene Art benehmen will. Metaphorisch gesprochen ist dies das Vermächtnis der Erbsünde. Doch wenn vor nicht allzu langer Zeit dieses Verhalten weitaus weniger weit verbreitet war als heute, dann bedarf es einer anderen Erklärung. Und denjenigen, die meinen, Armut würde alles erklären, sei gesagt, dass die Leute damals weitaus weniger wohlhabend waren.

Eine notwendige, wenn nicht erschöpfende Bedingung dafür, dass dieses Verhalten möglich ist und sich manchmal sogar lohnt, ist der Wohlfahrtsstaat. So wie der IWF die höchste und rettende Bankeninstanz ist, die andere Banken dazu ermutigt, unvernünftige Länderkredite zu vergeben, da man weiß, dass der IWF einem letztendlich aus der Patsche helfen wird, so ist auch der Staat die höchste Elterninstanz, oft sogar die allererste Instanz. Der Staat wird von der scheinbar großzügigen und humanen Philosophie geleitet, dass kein Kind, egal welcher Herkunft, darben soll. Also unterstützt er jedes Kind oder besser gesagt, die Mutter eines jeden Kindes, sobald es geboren wurde. Was Sozialwohnungen angeht, ist es in der Tat von Vorteil für eine Mutter, wenn sie sich in eine nachteilige Situation begibt, wenn sie allein erzieht, nicht von den Vätern unterstützt wird und in Bezug auf ihren Lebensunterhalt vom Staat abhängig ist. Sie wird dann privilegiert behandelt. Sie bezahlt dann keine lokalen Steuern, keine Miete und keine Stromrechnungen.

Und die Männer werden vom Staat von jeglicher Verantwortung für ihre Kinder befreit. Der Staat ist nun der Vater des Kindes. Der biologische Vater kann daher ganz unbehelligt all seine Einkünfte als Taschengeld verwenden, für Unterhaltung und kleine Vergnügungen. Er wird so auf den Status eines Kindes reduziert, eines verdorbenen Kindes indes, das über die physischen Fähigkeiten eines Mannes verfügt: Launenhaft, fordernd, nörgelnd, egozentrisch und auch gewalttätig, wenn es nicht nach seinem Willen läuft. Die Gewalt eskaliert und wird zur Gewohnheit. Ein verdorbener Balg wird zum üblen Tyrannen.

Doch der Wohlfahrtsstaat ist zwar eine notwendige Voraussetzung für die Verbreitung des Bösen, nicht jedoch die einzige. Schließlich ist der britische Wohlfahrtsstaat weder der teuerste noch der großzügigste der Welt, und doch nimmt die Rate unserer sozialen Pathologie, nämlich öffentliche Trunkenheit, Drogenkonsum, Teenager-Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten, Hooliganismus und Kriminalität einen weltweiten Spitzenplatz ein. Irgendetwas musste dieses Ergebnis ja verursachen.

Hier betreten wir das Reich der Kultur und der Ideen. Denn es ist nicht nur notwendig zu glauben, dass es ökonomisch gesehen sinnvoll ist, sich auf die von mir beschriebene unverantwortliche und geltungsbedürftige Art zu benehmen, sondern man muss auch glauben, dass dies moralisch statthaft ist. Und diese Idee wurde von der intellektuellen Elite Großbritanniens seit vielen Jahren verklickert, und zwar unablässiger als irgendwo sonst, und in einem solchen Umfang, dass diese Haltung nunmehr gemeinhin akzeptiert wird. Es gab einen langen Marsch nicht nur durch die Institutionen, sondern auch durch die Köpfe der jungen Leute. Wenn junge Leute sich anpreisen wollen, dann beschreiben sie sich als „nonjudgmental“ (nicht auf eine Meinung festgelegt). Die höchste Form der Moral ist für sie die Nichtmoral.

Es gab eine unheilige Allianz zwischen den Linken auf der einen Seite, wo man glaubte, dass der Mensch mit Rechten, nicht aber mit Pflichten ausgestattet sei, sowie auf der anderen Seite den Libertären, die glaubten, dass Konsumentenfreiheit die Antwort auf alle sozialen Fragen sei, eine Idee, die von den Linken genau da übernommen wurde, wo sie nicht anwendbar ist. Die Leute haben demnach das Recht, dass es ihnen an nichts fehlt, zumindest an nichts Materiellem. Wie Männer und Frauen sich zueinander gesellen und Kinder haben, ist lediglich eine Sache der Konsumentenauswahl, hat aber nicht größere moralische Implikationen als die Wahl zwischen schwarzer und weißer Schokolade. Und der Staat darf nicht bei den verschiedenen Formen der Partnerschaft und Kinderaufzucht diskriminieren, selbst wenn diese Nichtdiskriminierung den gleichen Effekt hat wie die britische und französische Neutralität während des Spanischen Bürgerkriegs.

Die Folgen für Kinder und Gesellschaft werden dabei nicht berücksichtigt. Denn es ist sowieso stets die selbstgestellte Aufgabe des Staates, mithilfe von Umverteilung die materiellen Folgen individueller Verantwortungslosigkeit auszubügeln, und die emotionalen, erzieherischen und geistigen Folgen durch eine Armee von Sozialarbeitern, Psychologen, Pädagogen, Beratern und dergleichen mehr zu beheben, also alles Leute, die sich ein machtvolles Recht erworben haben, vom Staat zu leben.

Während also meine Patienten im Grunde ihres Herzens wissen, dass ihr Tun absolut falsch ist, werden sie dennoch dazu durch den starken Glauben ermuntert, dass sie das Recht dazu hätten, so zu handeln, da ja alles nur eine Frage der freien Auswahl sei. Fast niemand hat diesen Glauben in Großbritannien öffentlich infragegestellt. Und kein Politiker hatte den Mut, ein Zurückfahren jener öffentlichen Wohltaten zu fordern, die dieses von mir 14 Jahre lang beobachtete Böse verstärkt und die Gewalt, Vergewaltigung, Erpressung, Grausamkeit, Drogenabhängigkeit und Vernachlässigung florieren lässt. Angesichts von 40 Prozent unehelich geborener Kinder mit steigender Tendenz und des Umstands, dass eine Scheidung eher die Norm als die Ausnahme ist, wird es bald keine Wählerschaft mehr geben, die diese Entwicklung rückgängig machen kann. Es wird bereits als politischer Selbstmord angesehen, so etwas zu fordern, auch von denen, die eigentlich wissen, dass eine solche Umkehr bitter nötig ist.

Ich bin nicht sicher, ob sie recht damit haben. Jedenfalls mangelt es ihnen an Mut. Mein einziger Anlass zu Optimismus in den letzten 14 Jahren war die Tatsache, dass meine Patienten bis auf ein paar Ausnahmen von mir dazu gebracht werden konnten einzusehen, dass sie nicht depressiv sind. Sie sind unglücklich. Und sie sind unglücklich, weil sie es sich ausgesucht haben, auf eine Weise zu leben, die sie notwendigerweise unglücklich machen muss. Alle sagen, dass sie nicht möchten, dass ihre Kinder so leben wie sie selbst. Doch der soziale, wirtschaftliche und ideologische Druck und vor allem das elterliche Vorbild machen es wahrscheinlich, dass ihren Kindern der gleiche unschöne Lebenslauf blüht.

Letztendlich ist also die moralische Feigheit der intellektuellen und politischen Eliten verantwortlich für das andauernde soziale Disaster, das Britannien heimsucht, ein Disaster, dessen ganze gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen noch zu spüren sein werden. Ein scharfer wirtschaftlicher Rückgang wird zeigen, wie weit die Politik mehrerer Regierungen hintereinander, die sich alle der Wertefreiheit verschrieben hat, die britische Gesellschaft atomisiert haben, so dass jegliche soziale Solidarität innerhalb von Familien und Gemeinden, die vormals in schweren Zeiten so viel Schutz zu geben pflegte, zerstört wurde. Die Eliten können nicht einmal zugeben, was ganz offensichtlich passiert ist, denn andernfalls würden sie ja ihre Verantwortung dafür zugestehen müssen, und das würde ihnen ein ungutes Gefühl geben. Es ist also besser, dass Millionen von Menschen ein widerliches und elendes Leben führen als dass sie irgendwie Reue verspüren, was ein anderer Aspekt der Frivolität des Bösen ist. Wenn darüber hinaus die Mitglieder der Elite die soziale Katastrophe zugeben würden, die sie durch ihre ideologische Liederlichkeit herbeigeführt haben, dann müssten sie auch ihrem eigenen Verhalten Beschränkungen auferlegen, denn man kann schließlich nicht lange von anderen etwas verlangen, was man nicht selbst vorlebt.

Es mag zweifellos Spaß machen, als einsamer Rufer in der Wüste zu gelten, als jemand, der weiter und scharfsinniger gedacht zu haben meint als die anderen. Doch die Freude daran vergeht mit der Zeit. Für mich hat die Wüste ihren Charme verloren. Ich höre auf – hoffentlich für immer.

Theodore Dalrymple

Anthony Daniels, geboren 1949, lebt in Frankreich und schreibt unter dem Namen Theodore Dalrymple Kolumnen, vorwiegend im britischen „Spectator“ sowie im amerikanischen „City Journal“. Der Psychiater beendete mit dem vorstehenden Artikel seine Zeit als Krankenhaus- und Gefängnisarzt in Großbritannien.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst im „City Journal“ in englischer Sprache und bildete eine Grundlage für den Vortrag des Autoren unter dem Titel „The Culture of the Underclass“, gehalten am 23. Mai 2008 in Bodrum, Türkei, anlässlich des dritten Jahrestreffens der Property and Freedom Society.

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