12. Juli 2008

Schule Kein Essen ohne Führerschein

Ernährungsbürokraten besetzen die Grundschulen

Kinder müssen in die Schule, um dort die notwendigen Dinge des Lebens zu erlernen. So sagt man. Was lebensnotwendig ist, das entscheiden die kreativen Köpfe in den Kultusministerien, die den Lehrplan entwerfen. Sie entscheiden, dass Mathematik, Deutsch, Gemeinschaftskunde, manchmal auch Musik und Kunst zum Lehrplan gehören. Sie entscheiden auch darüber, in welcher Klasse Geometrie und in welcher die Bruchrechnung zum Lehrplan gehört, wann die Pausewang und wann von Faust gelesen wird. Der Lehrplan ist für alle Kinder einer Jahrgangsstufe gleich. Es ist bekannt, dass dieses System nicht besonders erfolgreich ist. Freilich hat die politische Klasse ein Bewusstsein für das schlechte Funktionieren des Systems erst entwickelt, als eine länderübergreifende Studie auf die gravierenden Mängel an deutschen Schulen aufmerksam machte. Seitdem suchen die für Schule zuständigen Minister und Bürokraten die Schuld für die Misere jeweils beim parteipolitischen Gegner.

Gebessert hat sich das erst, seit die ehemaligen Gegner temporär gemeinsame Sache machen müssen und als schwarz-rote Koalition zusammenarbeiten. Wie es in Zeiten großer Koalitionen üblich ist, wird die politische Nutzbarmachung von Missständen nicht in dem Maße betrieben, wie es ansonsten der Fall ist. Mit dem Ausbleiben der täglichen Schuldvorwürfe haben sich die Meinung machenden Medien anderen Themen zugewendet. So hat man das Gefühl, dass es um das deutsche Schulwesen besser bestellt ist. Unterdessen liegt das System nicht weniger in Trümmern als zuvor. Der Kenntnisstand der belehrten Schulabgänger in den Grundfertigkeiten  Rechnen, Schreiben und Lesen ist so gering wie ehedem.

Nichtsdestotrotz findet die Regierung Zeit, den Lehrplan für Grundschüler um weitere Nebensächlichkeiten zu erweitern. Mit Hilfe des Landfrauenverbandes und eines Vereins namens aid-infodienst werden Schulkinder gezwungen, die von selbigem Verein entwickelten Ernährungsführerscheine zu machen. Der vom aid entwickelte Ernährungsführerschein soll „den Schülerinnen und Schülern Alltagskompetenzen vermitteln und sie ganz praktisch an Grundkenntnisse über Herkunft, Verarbeitung und Zubereitung von Lebensmitteln und eine gesunde Ernährung“ heranführen. Der Ausweis soll neben Seepferdchen und Fahrradführerschein etabliert werden. In bester Tradition prangt auf dem Ausweis auch ein Passbild des Kindes neben dem Schulstempel. Das Kind, das die Abschlussprüfung erfolgreich bestanden hat, ist somit offiziell für tauglich erklärt, sich seiner eigenen Ernährung anzunehmen. Möglicherweise bedeutet dies, dass das Kind in einer nicht allzu fernen Zukunft die Wahl zwischen mehreren in der Schulmensa angebotenen Gerichten sogar höchstselbst treffen darf. Für die Durchfaller wird es tägliche Zwangsspeisungen in Form eines gesunden Gerichts mit Gemüse aus staatlich kontrolliertem Anbau geben.

Die Mittel für die Ernährungsbeschulung stammen vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Offenbar erfordert der Kampf gegen einerseits unterernährte Kinder, deren Eltern das Geld oder die Zeit für ein belegtes Pausenbrot nicht erübrigen wollen, und andererseits fettleibige Kinder, die nichts außer Fastfood und Videospielen kennen, die föderale Zuordnung des Schulwesens an die Länder zu ignorieren. Das mag damit zu tun haben, dass der Ernährungsausweis Teil eines „Nationalen Aktionsplans“ namens "IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung" ist, gemeinsam vorgelegt vom Bundesernährungsministerium und Bundesgesundheitsministerium. Im Rahmen des Aktionsplans stehen offensichtlich ausreichend Mittel zur Verfügung, um auch den Landfrauenverband zu bedenken. Dieser erhält Fördermittel, um den Ernährungsausweis in den Schulen zu verbreiten. Die schon immer gut funktionierende Verzahnung der Bauernlobby mit ihrem Ministerium hat das rot-grüne Intermezzo unter Frau Künast gut überdauert. Es wäre, schlussendlich, geradezu verblüffend, wenn sich der aid-infodienst e.V. die Mittel für die wissenschaftliche Erarbeitung seines Ernährungsausweises aus privaten Quellen besorgt hätte.

Überraschen kann das nicht. Gesundheit ist ein privates Gut. Wenn die Kosten für ihre Erlangung bzw. Aufrechterhaltung jedoch vom Staat getragen werden, dann wird dieser der unausweichlichen Kostenexplosion entgegensteuern. Hinzu kommt, dass derjenige, der sie bezahlt, die Musik bestimmt. Wenn die Kosten für Gesundheit auf den Staat überwälzt werden, dann wird dieser folgerichtig auch Vorschriften machen, wie die Gesundheit der Bürger zu erhalten ist. Eine sozialisierte Gesundheitsversorgung muss daher früher oder später dazu führen, dass staatlicherseits Vorschriften über den Umgang mit dem eigenen Körper erlassen werden. Zwangsvorsorgeuntersuchungen, Genussmittelverbote und Kontrolle der Nahrungsmittelaufnahme können nicht anders, als Realität zu werden. Vielfach sind sie es bereits. Das Rauchverbot ist ein beredtes Beispiel, der Ernährungsführerschein ein zweites. Den Verfechtern eines Sozialstaats im Gesundheitswesen muss auf den Weg gegeben werden, dass dieser nicht ohne freiheitsbeschränkende Eingriffe zu erhalten ist. Potenziert wird die Stärke der Eingriffe, wenn auch das Schulsystem in der Hand des Staates ist. Er wird es nutzen, um die behördlich ermittelte Wahrheit ebenso zu vermitteln, wie um seine anderen Institutionen zu schützen. In diesem Fall ist das Schulsystem Mittel des Versuchs, das Gesundheitssystems des Staates langfristig zu sichern. Früher oder später wird sich auch dieser Versuch als untauglich erweisen. Wem Freiheit etwas bedeutet, der muss deshalb die Sozialisierung der Kosten von Schule und Gesundheit ablehnen und frühzeitig selbst Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen.

Seehofer und Schmidt bringen Deutschland IN FORM
Der aid-Ernährungsführerschein

Mehr aid-Ernährungsführerscheine mit den LandFrauen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige