17. Juli 2008

Kalter oder heißer Krieg? Der marode Westen vor seinem Untergang

Geschichte könnte sich tatsächlich wiederholen

Erinnern Sie sich noch an die altersschwachen Führer der kommunistischen Welt? Die Greise Leonid Breschnew, Juri Andropow oder Konstantin Tschernenko, die am Ende immer schneller wegstarben, nachdem sie gerade noch forsch ihren Sieg im kalten Krieg der Systeme beschworen hatten? Natürlich war es in ihren Augen ein Verteidigungskampf gegen den „aggressiven, imperialistischen“ Westen.

John McCain, der womöglich kommende amerikanische Präsident ist ein alter Mann. Und als aggressiver Neokonservativer von durchaus ähnlichem Kaliber. Er beschwört wie seine roten Vorgänger das eigene System, das es weltweit gegen „das Böse“ zu verteidigen gäbe. Sein persönlicher intellektueller Berater und Vordenker Robert Kagan sprach nun auf Spiegel-Online Klartext: „Russland und China betrachten den Westen als feindlich.“ Ja, grundsätzlich: „Autokratien wollen ihre Autokratie erhalten!“ So wie einst die Kommunisten ihren Warschauer Pakt und der Westen die NATO gründeten, so strebt Kagan nun die Bildung eines „Bundes der Demokratien“ an. Auch der Gegner existiere schließlich bereits in Form der Shanghai Cooperation Organisation (SCO), angeführt von China und Russland.

McCain und Kagan sehen ihren Bund in der Nachfolge der NATO und die SCO als Erbe des Warschauer Paktes. Tatsächlich kann man die Geschichte eher umgekehrt deuten. Denn ähnlich wie einst das Sowjetimperium vor seinem Zusammenbruch steht heute die USA mit ihren gigantischen Militärausgaben vor dem Kollaps. Man hat sich schlicht in jeder Beziehung übernommen. Die Rechnung wird den eigenen Bürgern längst unvermeidbar präsentiert: Der Lebensstandard der einfachen Menschen in den westlichen Demokratien schrumpft wie einst im Ostblock Jahr für Jahr dahin, gefressen von immer mehr Inflation und immer höheren Steuern und Abgaben, erstickt von einer erstarrten, aufgeblähten Politbürokratie in Washington oder Brüssel. Der Gürtel des Volkes wird enger geschnallt, Jahr für Jahr. Und auch um die Gurgel herum wird es eng, denn von den im Westen längst genutzten technischen Überwachungsmöglichkeiten gegen die eigenen Bürger, von biometrischen Daten, Maut- und GPS-Ortung, elektronischen Fingerabdrücken, Handy- und Internetspeicherung etc. konnten die KGB-Agenten Andropow und Co. einst nur träumen.

Die kranken Bürokratien im Westen – die Hypotheken- und Finanzkrise sind erste deutliche Vorboten, Gesundheits-, Renten- und Sozialsystemkrisen werden zwangsläufig folgen – stehen vor dem Zusammenbruch. Wie Erich Honecker zu besten Zeiten beschwört Kagan den Lauf der Demokratien, den weder Ochs noch Esel aufhalten könne. Es ist ein Pfeifen im Walde, ein aufgeplustertes Umherflattern eines Regimes vor seinem Bankrott.

Denn so wie einst die Menschen im Ostblock neidisch auf den steigenden Lebensstandard im Westen blickten, so anziehend wirkt auch das vermeintlich Böse heute. Ausgerechnet der „Spiegel“ selbst titelt in der gleichen Woche mit dem unvorstellbar schnellen Wachstum und neuen Reichtum Moskaus. In China sieht die positive Entwicklung eher noch atemberaubender aus. Die verteufelten „Autokratien“ lassen ganz offensichtlich den Menschen und der Wirtschaft in ihren Ländern im täglichen Leben und Handeln wesentlich mehr Freiheit, als es die neidgetriebenen Umverteilungsdemokratien im Westen noch erlauben können. Der Einkommenssteuersatz in Russland etwa beträgt 13 Prozent – „flat“ für alle.

Erinnern Sie sich noch an den Urlaub in Ungarn oder der Tschechoslowakei und das komische Gefühl, dort auf die armen Ostdeutschen zu treffen, die etwas unkomfortabler untergebracht waren und auch nicht ganz so zuvorkommend bedient wurden? Ähnelt das nicht bereits heute der Situation in vielen schönen Orten am Mittelmeer im Sommer oder in den Alpen im Winter? Dabei ist es erst die russische Mittelstandsvorhut, die millionenfach mit ihrem neuen Reichtum protzt. Die Chinesen kommen in Massen erst im kommenden Jahrzehnt, während sich viele steuer- und inflationsgeplagte Deutsche oder Amerikaner kaum noch einen Urlaub leisten können.

Letzte Woche erst meldeten die Agenturen eher beiläufig, dass der russische Automarkt in diesem Jahr erstmals den deutschen als den größten Autoabsatzmarkt Europas abgelöst hat. Im nächsten Jahr bereits wird der Abstand des Wachstumsmarktes im Osten für den stagnierenden oder schrumpfenden Westen uneinholbar sein. Auch hier ist es nur ein Vorspiel für den in Kürze zu vermeldenden größten Automarkt der Welt in China. In Moskau, Peking oder Dubai schießen protzigste Immobilien wie Pilze aus dem Boden und sind bereits vor Baubeginn verkauft und bezahlt, während in Deutschland, den USA oder Spanien immer mehr Häuser leer stehen. Echter dynamischer Kapitalismus findet heute in China, in Russland und in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt – in den vermeintlich bösen Autokratien, die sich von den linken Neidideologien befreit haben. Vieles an ihnen erinnert an die Monarchien des wilhelminischen Deutschlands oder des Habsburger Reichs, einst auch dynamische, aufstrebende Länder ihrer Zeit, die dann durch die nationalistischen, sozialistischen und demokratischen Hirngespinste im Gefolge der Französischen Revolution und der durch sie irre gewordenen Völker im Ersten Weltkrieg besiegt und beerdigt wurden.

Vieles am altersschwachen Westen, der nicht zuletzt mit seinem kollektivistischen Demokratiemodell auch ideologisch im selben Fahrwasser der Französischen Revolution segelt wie einst sein kommunistischer Bruder, klingt am Ende nur noch lächerlich, etwa wenn Kagan beschwört: „Wir müssen Russland und China zu hohen Standards anhalten.“ Der ernste Kern seiner Aggressivität ist allerdings problematischer: Vordenker wie Kagan könnten erkannt haben, dass lediglich ein Dritter Weltkrieg ihr vor dem Untergang stehendes System noch einmal retten könnte.


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Kaspar Rosenbaum

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