20. Juli 2008

Städte- und Wohnungsbau Soziale Durchmischung

Von der Gesamtschule zur Gleichheitsstraße

Der Häuptling der deutschen Stadtforscher, Hartmut Häußermann, gab kürzlich gegenüber Spiegel-Online das große Ziel des bundesdeutschen Städtebaus vor: Gleichheit. Er nennt es „Mischung“.

Ausgangspunkt der Überlegungen Häußermanns ist seine Beobachtung, dass sich eine „Unterklasse formiere“, die „weder Geld noch Kontakte in andere Stadtteile hat und sich zudem zu einem Gutteil aus ethnischen Minderheiten rekrutiert“. Dies ist dem 65-jährigen Soziologen ein gewaltiger Dorn im Auge, da müsse man planen und lenken und dirigieren. Denn, so Häußermann, „der freie Markt korrigiert soziale Unterschiede nicht.“ Die Menschen wollen schlicht nicht so, wie es der Stadtplaner plant. Er erkennt: „Vermieter wollen homogene Quartiere. Die werben ja sogar damit, dass eine bestimmte Klientel nicht bei ihnen wohnt. Für Makler und Property Developer sind sozial entmischte Viertel gutes Geld wert.“ Offensichtlich deshalb, weil auch Mieter diese Leistung nachfragen.

Doch das wäre ja gelacht, wenn Menschen bauen und wohnen und leben, wo und wie und mit wem sie wollen. Da weiß Häußermann eine bessere Lösung, seine eigene: Es müsse fortan „kleinteilig gebaut werden – und zwar von vielen Trägern mit Gemeinwohlorientierung, um einen guten Bewohner-Mix hinzubekommen.“ Staatseigene Betriebe sollten für ein amtlich gewünschtes Mischungsverhältnis wie beim Tabak sorgen. Zuviel Teer oder Kondensat in einer Zigarette und zuviel Wohlstand oder deutsche Sprache in einer Straße – dagegen sollten sich Politik und Bürokratie mit Nachdruck engagieren. Und zwar so: „Die Städte sollten“, so Häußermann, „vereinzelte Belegungsrechte von Privatvermietern kaufen, etwa in besseren Vierteln, in die sie dann benachteiligte Haushalte einquartieren.“ Das würde dann, klar, „für eine bessere soziale Mischung sorgen.“ Mischungsmacher Häußermann sieht sich selbst wenig bescheiden in der Arztrolle: „Man kann sich diese Strategie ein bisschen wie Akupunktur vorstellen. Man verteilt kleine Nadelstiche, um das Ganze zu heilen.“ Das Ganze, der „Volkskörper“ mal wieder, muss – dem Sozialtechnokraten zum Gefallen – gesunden.

Doch Häußermann ist durchaus innovativ in seinen Überlegungen. Nicht nur sollen Sozialwohnungen per politischen Zwang in bessere Wohngebiete mittels Akupunktur mangels menschlicheren Vokabulars hineinimplementiert werden. Vielmehr müsse auch umgekehrt vorgegangen werden, indem in sozial schwachen Gebieten künstlich „Wohnungen für höhere Einkommen staatlich gefördert“ werden. Denn schließlich sei „die soziale Mischung ein Wert an sich“. Man solle „also ruhig Mittelschichthaushalte mit subventioniertem Wohnraum in Quartiere locken, die an überdurchschnittlich vielen sozialen Problemen kranken.“

Das alles mag dem einen oder anderen bekannt vorkommen. Aus der Eintopfpädagogik per Gesamtschulkonzept hat Professor Häußermann ein Einheitswohnen per Gemeinbaukonzept gebastelt. Wie alle großen Menschenplaner von Honecker bis Lafontaine lässt auch der Professor für Regional- und Stadtsoziologie an der Berliner Humboldt-Universität nur eine einzige kleine Ausnahme gelten. Er selbst lebt nämlich im Berliner Edelszene- und Künstlerviertel Prenzlauer Berg. Bei einem Latte Macchiato fernab der „Migranten“- und „Hartz-IV“-Viertel lässt es sich dort gut mit dem Leben der deutschen Mittelständler planen, die eigentlich nur in Ruhe gelassen werden möchten von den menschlichen Ergebnissen bisheriger Großplanungskonzepte in Schulen, Universitäten und Sozialämtern.

Internet

„Wie Reiche die Armen aus den Städten verdrängen“, Spiegel-Online vom 18.07.2008


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Kaspar Rosenbaum

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