Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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ef Television

Merz-Partei II : Volkstribune und Populisten

von Gérard Bökenkamp

Warum Harald Schmidt der beste Kandidat wäre

Volkstribunen sind Persönlichkeiten, die man je nach dem, wo man politisch steht, hasst oder liebt. Sie lassen einen aber nicht kalt. Sie sprechen das Gefühl an und nicht den Verstand. Sie erreichen mit einem Witz über den politischen Gegner mehr als ein anderer mit einer stundenlangen Darlegung sachlicher Argumente. Während für die Menschen Spitzenmanager und einfache Abgeordnete ein rotes Tuch sind, weil sie angeblich zu viel verdienen, können diese Leute in Schlössern leben, dem Luxus frönen und in Limousinen vorfahren – und irgendwie finden es ihre Anhänger in Ordnung. Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass sie für ihre Anhänger in dieselbe Welt gehören wie Schauspieler, Sänger und Spitzensportler, denen man Extravaganz ja auch nicht übel nimmt.

Es gibt gute Gründe, solche Leute für gefährlich zu halten und sich von dieser Art der Auseinandersetzung unangenehm berührt oder auch abgestoßen zu fühlen, aber eine neue politische Kraft kommt in der Regel ohne solche Charismatiker nicht aus. In der Politik spielte der Unterhaltungseffekt immer eine große Rolle. Schröder hat das gewusst, Fischer hat das gewusst, und selbstverständlich weiß es Lafontaine. Das, was Obama im Kampf gegen Hillary Clinton geboten hat, war  ganz großes Kino. Wenn Obama Präsident wird, dann genau aus diesem Grund. Das ist nicht ganz so irrational, wie es klingt, schließlich muss man die Politiker, die man wählt, ständig im Fernsehen ertragen. Das ist für die Lebenswirklichkeit vieler Menschen wichtiger als die Frage, wieviele Truppen in Afghanistan stehen.

Es gibt in Deutschland ein Paradoxon: Noch nie war das Bedürfnis nach Entertainment so groß, die Macht der Bilder noch nie so stark und die Politiker noch nie so langweilig. Die Live-Übertragungen aus dem Bundestag konkurrieren mit dem Wort zum Sonntag und den Bildabspielungen nach Sendeschluss um den Platz als eintönigste Fernsehausstrahlung. Die großen Zeiten der bedeutenden Parlamentsredner wie Strauß, Schmidt, Wehner sind vorbei. Das macht es den Lafontaines und Gysis einfach, zu punkten.

Einer der wenigen Politiker im bürgerlichen Lager, der in der Lage ist, eine Debatte mit Lafontaine in einer Talkshow nicht nur zu bestehen, sondern zu gewinnen, ist Friedrich Merz. Das hat die berühmte Debatte im Wahlkampf 2005 gezeigt. Unbestritten ist Merz einer der intelligentesten Köpfe, die das bürgerliche Lager zu bieten hat. Unbestritten ist auch seine finanzpolitische Kompetenz.

Unklar ist, ob Friedrich Merz eine stärkere Rolle spielen kann als Kurt Biedenkopf in den achtziger Jahren. Auch Biedenkopf galt damals als brillanter Kopf und wäre so gerne Kohl losgewesen wie Merz heute Merkel. Aber daraus wurde nichts. Ob Friedrich Merz das Zeug dazu hat, über seine akademisch gebildeten und unternehmerisch tätigen Fans hinaus einfache Bürger anzusprechen, ist unklar. Akademisch gebildete Leute überschätzen gemeinhin die Bedeutung von Sachkompetenz für den politischen Erfolg.

Wenn es einen idealen Kandidaten für eine bürgerliche Protestpartei in Deutschland gibt, mit wenigstens dem Hauch einer Chance gehört und gewählt zu werden, dann jemand wie Harald Schmidt. Harald Schmidt ist ein erfolgreicher Unternehmer, Patriot und glaubt an Leistung und Freiheit, war stets so politisch inkorrekt wie man das als Showmaster eben sein konnte und hat schon einmal Ernst Jünger und Gottfried Benn als Playmobilfigur auftreten lassen. Aber vor allem ist er berühmt und ein Medienprofi. Ihm wäre die Dauerberichterstattung bei "Bild"-Zeitung und RTL sicher, und zum ersten Mal hätten die Bürgerlichen einen Talkshowteilnehmer, der schlagfertiger ist als Gregor Gysi. Gegen einen Witz kann man nicht argumentieren. Wer die Lacher auf seiner Seite hat, hat in den Augen vieler Zeitgenossen schon grundsätzlich einmal Recht. Die FDP ist mit ihrem Projekt 18 als Spaßpartei vielleicht nur deshalb gescheitert, weil sie niemanden hatte, der wirklich lustig war.

Dieser letzte Abschnitt ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber es ist mehr als nur ein wenig Wahrheit dabei, dass man einen Medienstar braucht, um die Menschen wirklich noch für politische Großprojekte zu erreichen. Wer Obamas jüngsten Auftritt an der Siegessäule verfolgt hat, wird das bestätigt finden.

Informationen

Nächste Woche: Merz-Partei III: Bürgerliche Unzufriedenheit
Orientierungssuche zwischen Merz, Wulff, Koch und Westerwelle

25. Juli 2008

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