Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Landtagswahlkampf: Bayern, das Stimmvieh und die Eigentlichkeit

von Alexander Kissler

Über den Unernst von Ehrgeizlingen

In Bayern wird wahlgekämpft: Jahrzehntelang wäre eine solche Nachricht die Mutter aller sauren Gurken gewesen. Landtagswahlen in Bayern bedeuteten nämlich exakt zwei Alternativen. Entweder kämpfte die CSU lausig, dann landete sie bei 55 Prozent. Oder sie kämpfte furios, dann standen hinterher 60 und mehr Prozent zu Buche. Ein Drittes gab es tatsächlich nicht, denn Bayern hieß CSU, und die CSU war Bayern. Im Jahr 2008 ist manches anders. Huber und Beckstein könnten die absolute Mehrheit verfehlen. Deshalb grassiert nun auch zwischen Aschaffenburg und Traunstein eine gesamtdeutsche Malaise: Die Hatz auf den Wechselwähler.

Langfristige Bindungen schwinden, die Schar der Wahlverweigerer wächst, Vertrauen ist ein scheues Reh und eher nicht zu erwarten. Diese Lektionen der sozialen Feldforschung haben die Anbieter wie die Nachfrager auf dem Markt der politischen Möglichkeiten verinnerlicht. Da kann eine Angela Merkel noch so gewinnend wirken, ihre Partei, die CDU, will in den Umfragen dennoch nicht die früher notorische 40-Prozent-Marke zurückerobern. Die Zeit der Volksparteien scheint perdu, weil das Volk nicht weiß, wohin es aufbrechen will, zerfallen in unzählbare Milieus und Submilieus. Ergo, denkt man sich in Parteistrategenkreisen, müssen wir neue Schichten für uns erschließen: Die alten Wurzelgründe sterben ab, also auf zu frischen Weideflächen!

Darum empfiehlt sich die CSU auf ihren Stellwänden als „Die Umweltpartei“, während die Grünen als Ansammlung tiefbayerischer Gaudiburschen und fescher Madeln daherkommen. Ihr Spitzenkandidat heißt Sepp Daxenberger, trägt Vollbart und ein grundsolides Lachen, ist Bauer und Schmied und Bürgermeister und dreifacher Familienvater. So, schlussfolgert der Laie, muss ein typischer bayrischer Lokalpolitiker aussehen, mit Händen wie Mühlrädern und tiefer Dialektstimme. Daxenberger will dem bürgerlichen Wechselwähler die Angst vor der ehemaligen Bürgerschreckpartei nehmen. Uns können sie wählen, sagen die Bilder, wir sind fast wie die CSU, nur umweltbewusster und emanzipatorischer.

Im Gegenzug will die CSU das bessere grüne Projekt sein. Die „Umweltpartei“ verspricht einen ebenso sorgsamen Umgang mit der Natur, die sie zuweilen Schöpfung nennt, doch weniger gesellschaftliche Experimente. Beckstein, Huber etc. wollen den konservativen Vogelfreund und Fauna-Flora-Habitat-Aktivisten überzeugen. Im Grundsatzprogramm von 2007 heißt es: „Notwendig ist eine präventive Umweltpolitik, die unserer konservativen und christlichen Wertorientierung entspricht. Mit allen persönlichen und politischen Entscheidungen müssen wir unserer Verantwortung für die Schöpfung und für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen Wasser, Boden, Luft gerecht werden.“

Wer mag da widersprechen? Dennoch bleibt ein Beigeschmack. Unmittelbar vor Wahlen der Wechselwählerschar schöne Augen zu machen, ist mittlerweile eine konventionelle Übung und doch vielleicht Ursache, nicht Ausweg aus der wachsenden Verdrossenheit. Die Parteien kranken nicht nur an ihrem Personal und ganz disparaten Eitelkeiten, sondern auch am Verlust des Eigenen. Der vielbeklagte Verlust der Mitte folgt auf diesen, nicht umgekehrt.

Wohin nämlich flüchtet sich der einstige Stammwähler, sei es der Grünen, sei es der CSU, wenn man ihn so ostentativ links liegen lässt, ihn also als marginalisiertes Stimmvieh betrachtet, das so oder so bei der Stange bleibt? In die Enthaltung flüchtet er oder aus Trotz an die politischen Ränder. Und was wird der Wechselwähler tun, wenn er erstmals für CSU oder Grüne votiert und dann merken muss, dass die Schwarzen doch nicht so grün, die Grünen doch nicht so bürgerlich sind? Er wird schmollen, also beim nächsten Mal gar nicht wählen.

Dieses Paradox müssen Parteien, denen an dauerhaften Erfolgen, mithin an bestätigtem Vertrauen gelegen ist, überwinden: dass sie mit großer Geste um neue Kunden werben, während sie zwinkernd der Stammkundschaft bedeuten, bitteschön dennoch am Tisch des Hauses sitzen zu bleiben. So heiß werde das alles schon nicht gegessen. Wer diesen Unernst nicht hinter sich lässt, der züchtet sich Autisten oder Ehrgeizlinge heran.

Den Trend zur Ununterscheidbarkeit umkehren, das Eigene, das Widerständige, mitunter auch das Schroffe stärken, wäre das Gebot der Stunde. Überzeugen kann man nur, wenn man von seiner Wahrheit überzeugt ist.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"

04. August 2008

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