11. August 2008

Soziale Demokratie Graf Rotz, Baron von S. und der alte deutsche Dünkel

Das Mittelmaß schlägt zurück

Die vergangene Woche bescherte zwei bisher unbekannten Adligen den Aufstieg zur Prominenz: Der eine wurde ordentlich gemaßregelt, der andere in Untersuchungshaft geschickt. Der eine stolperte über seine deutliche Aussprache, der andere über seine Gier. Der eine war ehrlich bis zur Grobheit, der andere durchtrieben bis zur Hemmungslosigkeit. Der eine stammt von westfälischer, der andere von saarländischer Scholle, und sie beide schrieben nun endgültig Geschichte: Wolfgang Clement, vulgo: „Graf Rotz“, und „Baron von S.“ aus Mettlach, der Architekt eines weitverzweigten Schwindelimperiums.

61 Jahre alt ist der „mutmaßliche Millionenbetrüger“ aus Mettlach, gegen den nun wegen des Verdachtes der Geldwäsche, der Untreue und des Betruges ermittelt wird. Ein weitgehend fiktives Firmengeflecht mit Niederlassungen in Luxemburg, Frankreich und der Schweiz, auf den Bermudas- und den Cayman-Inseln sicherte „Baron von S.“ ein luxuriöses Leben und seinen Kunden hohe Verluste. Er warb mit sensationellen Renditen, gab Aktien aus von Gesellschaften, deren Vermögen im Papierwert der Wertpapiere bestand. Fünfzig Millionen Euro soll er seit 2005 eingesammelt haben. Vierzig Millionen davon sollen direkt in des manierlichen Gauners Tasche gewandert sein.

Obwohl mancher Nachrichtensender das zentrale Detail unterschlug: „Baron von S.“ gehört nach allem, was wir wissen, keineswegs dem Adel an. Eine Schöpfung eigenen Rechts war wohl der Titel, ein Entrebillet in jene Kreise, die er auszunehmen gedachte. Die Masche verfing, weshalb sich nun desto größerer Spott über ihn und seine Opfer ergießt: Jede Narretei reüssiere als Geschäftsidee, werden die Kontrakte mit blauem Blut gezeichnet – auf lange Sicht aber triumphiere die harte (Ermittlungs-)Arbeit der Bürgerwehr.

Auch Wolfgang Clement ist kein Adelsspross und schon gar kein „Graf Rotz“. Der despektierliche Ehrentitel wurde ihm von Jochen Ott verliehen, dem Vizechef der nordrhein-westfälischen SPD. Clement, sagte Ott, sei „absolut selbstverliebt“ und von „unerträglicher Arroganz“. Den Genossen Ott empört Clements fortgesetzte Weigerung, sich mit der hessischen SPD-Linken Andrea Ypsilanti und deren Energiepolitik zu solidarisieren. „Graf Rotz“ solle die Partei verlassen.

Geldgier und kriminelle Phantasie im einen, Narzissmus und Halsstarrigkeit im anderen Fall erscheinen hier als Signa eines nur in der Ablehnung präsenten Adels. Gesellschaft und Politik eint demnach der Wille, von Zeit zu Zeit dem Außergewöhnlichen und Raren kräftig einzuschenken. Am Adel als homogener Gruppe kann speziell die Sozialdemokratie ebenso leicht ihr Mütchen kühlen wie – beispielsweise – an Intellektuellen und Künstlern. Des Ex-Kanzlers Schmähwort wider den „Professor aus Heidelberg“ (gemeint war Paul Kirchhof) bediente dasselbe Vorurteil, das zusammenschweißt wie Pech und Schwefel und also programmatische Zwecke erfüllt: Wer herausragt, habe Dreck am Stecken, wer andere überragt, stehe auf geborgten Stelzen, die es ihm im Namen der Gerechtigkeit zu stehlen gilt.

Ja, natürlich: Clement ist kein Sympathieträger, der Saarländer und seine Opfer sind keine bemitleidenswerten Gestalten. Wer derzeit die TV-Doku-Soap „Gräfin gesucht“ erleidet, zweifelt ganz generell an manches Adligen Selbstachtung. Regelmäßig aber den Stammtisch zu bedienen und gegen Exzellenz und Exzellenzen zu wettern, gewordene wie geborene, zeugt von Dünkelei, nicht von (Sozial-) Demokratie. Eine Gesellschaft, die nur das Durchschnittliche ganz gelten lässt, kann unmöglich exzellent verwaltet werden. Und umgekehrt ist wahr: Nichts fürchtet das Mittelmaß, einmal an die Macht gelangt, mehr als die Trauben, die ihm ewig zu hoch hängen.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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