15. August 2008

Rohstoff-Woche No Power – much Cry

Uran kommt

Die wichtigsten Metalle boten auch in dieser Woche kein verändertes Bild zu den Vorwochen. Gold testete die 800er-Marke und konnte diese zunächst knapp behaupten um dann doch deutlich auf bis zu 780 US-Dollar zu fallen. Bei Silber das gleiche Spiel mit der 12US-Dollar-Marke, wobei diese Schwelle wie erwartet hielt und einen Rebound um 10 Prozent folgen ließ. Platin setzte seinen bereits seit Anfang Mai andauernden Tiefflug erfolgreich fort und bewegt sich aktuell knapp unter 1.400 US-Dollar je Unze, während Palladium momentan versucht bei 300 US-Dollar einen Boden auszubilden. Und auch nahezu alle Industriemetalle dümpeln auf schwachem Niveau dahin. Hängt das nun alles an Rezessionsängsten oder an den – teilweise – exorbitanten Preissteigerungen im Rohstoffsektor innerhalb der letzten Jahre?

Bei den Edelmetallen – zumindest bei Gold und Silber – sollte eigentlich eher das Gegenteil der Fall sein (wie in der Rohstoff-Woche KW31 dargelegt). Doch auch hier, wie im gesamten Rohstoffbereich, regeln – neben der, für viele physische Anleger lästigen Papierspekulation (Puts, Calls, Shorts, Longs, Waves und ähnlich Begriffe spielen hierbei eine entscheidende Rolle) – noch immer Angebot und Nachfrage den Preis, wenngleich ein Teil davon häufig „künstlich“ geschaffen und gesteuert wird, zum Beispiel durch Zentralbankverkäufe etc.. Oder durch Großereignisse, die im Vorlauf zunächst für eine fast unersättliche Nachfrage nach Rohstoffen und Energiereserven aller Art sorgen, während ihrer Durchführung aber ganze Volkswirtschaften lahm legen, die Nachfrage gegen Null laufen lassen, die Shortseite in Sicherheit wiegen lassen, nach ihrer Beendigung aber einen immensen Nachfrageschub generieren können.

So sollte man spätestens nach Beendigung der Olympischen Spiele auf der Hut vor steigenden Preisen, vor allem auf Seiten der wichtigsten Metalle sein, da viele chinesische Betriebe aktuell nur mit einer begrenzten Kapazität verarbeiten oder ihren Betrieb auf Grund der anhaltenden Energiekrise (hohe Energiekapazitäten sind aktuell im Großraum Peking gebunden, um einen reibungslosen Ablauf der Olympischen Spiele zu garantieren) komplett eingestellt haben. Die chinesischen Lager sind zwar gut gefüllt, werden ihren Bestand aber nach Rückkehr zur Normalität relativ zügig abgebaut haben, was wiederum eine steigende Nachfrage zur Folge haben dürfte. Ein gewisser Zwang, festgesetzte Ziele aufholen zu müssen, dürfte ein Übriges dazu beitragen, dass die LME-Lagerbestände der meisten Metalle sinken werden – immer ein gutes Anzeichen für steigende Preise.

Von einer Energiekrise zur nächsten

Die mangelnde Energieversorgung in Südafrika mit anhaltenden Stromausfällen in vielen Bergbaubetrieben wird keinesfalls von kurzer Dauer sein. Südafrikas – und allgemein Afrikas – größter Stromversorger Eskom (Electricity Supply Commission) wird das Problem nach eigener Aussage bis 2012 nicht in den Griff bekommen. Und die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wird dabei zu ähnlichem Chaos in der Stromversorgung führen wie aktuell die Olympischen Spiele in China. Eines der prominentesten „Opfer“ dieses massiven Problems ist First Uranium, die im Januar und Februar 2008 für einige Tage alle Arbeiten an ihrer Ezulwini-Mine herunterfahren musste. Innerhalb einer Radiodebatte auf Classic-FM über Südafrika kam man am 26. Februar 2008 zu folgender Zusammenfassung der Gesamtsituation: Schuld an der Misere sei – laut Diskussionen – die Planung der südafrikanischen Regierung, welche es als nicht wichtig genug erachtet hatte, Eskom früher zu unterstützen. Weil nicht genug Strom zur Verfügung steht, wird dieser in verschiedenen Intervallen und Zonen rationiert, was täglich zu zwei- bis dreistündigen Stromausfällen führt. Eskom will, beziehunsgweise hat bereits die Minen des Landes dazu verpflichtet, etwa 10 Prozent ihres eigenen Energiebedarfs einzusparen. Die Minen können dann jedoch nicht mehr effektiv arbeiten und es wird sich dadurch vermutlich ein Einbruch von ca. 20 Prozent der Förderung ergeben, denn 50 Prozent der Energie werden benötigt, nur um die Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Der Rest wird zur Förderung selbst verwendet. Also bedeutet eine Einsparung des Stromverbrauchs von 10 Prozent gleichzeitig eine Einbuße von 20 Prozent der Förderung. Die Schlussfolgerung des Ganzen: Eine kurzfristige Lösung sei nicht in Sicht und man würde bis ca. 2012 noch Stromversorgungsprobleme haben. Paradoxerweise hatte Eskom jedoch noch im Januar 2008 einen Vertrag mit den Nachbarländern Botswana und Mozambique geschlossen, um mindestens 1040 MW Energie zu liefern.

Dass die Energiekrise wohl vielmehr auf Eskom selbst zurückzuführen ist, wurde dabei nicht zum Ausdruck gebracht. Seit Beginn des Privatisierungsprozesses im Jahre 1999 wurde kaum mehr in moderne Stromverbindungen, geschweige denn in größere Kraftwerke investiert, die den gestiegenen Bedarf hätten befriedigen können. Seit diesem Zeitpunkt wurden ganze drei Kraftwerke neu in Betrieb genommen, wovon die neuesten beiden, die Gasturbinenanlagen Ankerlig und Gourikwa allenfalls als „Tropfen auf den heißen Stein“ bezeichnet werden können. Alle anderen Kraftwerke (12 Steinkohlekraftwerke, ein Nuklearkraftwerk, 8 Wasser(speicher)-Kraftwerke und zwei Gasturbinenkraftwerke) stammen fast ausnahmslos aus den 60er, 70er und 80er Jahren (4 Kohlekraftwerke aus den frühen 90er Jahren) und gelten als marode und technisch überaltert (von der Effizienz der Anlagen ganz zu Schweigen). Aktuell plant Eskom zwar den Bau von 6 weiteren Anlagen, von denen allerdings nur 3 halbwegs Entlastung schaffen könnten (für eine dieser Anlagen ist als Anlaufdatum Mitte 2012 angesetzt, für die anderen beiden gibt es noch keinen genauen Produktionsbeginn). Es sieht also weiter relativ trostlos aus mit der Energieversorgung, der Rohstoffförderung und damit verbunden dem Angebot an Rohstoffen aus Südafrika. First Uranium hat Eskom übrigens geraten, eigene Generatoren und Kraftwerke zu errichten, da man selbst bis 2012 nicht in der Lage sei, das Stromnetz dauerhaft am Leben zu erhalten.

Zurück zum aktuellen Marktgeschehen

Der aktuell wichtigste und meistbeobachtete Rohstoff Öl konnte Mitte dieser Woche, nach einem zwischenzeitlichen Rückgang auf knapp 110 US-Dollar je Barrel auf Grund guter und bullisher Zahlen der DOE (US-Behörde United States Department of Energy) wieder an Boden gewinnen und schloss am Mittwoch bei 116 US-Dollar. Mittlerweile hat dieser jedoch wieder an Boden verloren und es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, wann die 110-Dollar-Marke erneut getestet werden wird. Die mögliche, einstweilige Entschärfung des Kaukasuskonflikts scheint zunächst für ein weiteres Sinken der Rohölpreise zu sorgen. An der Tankstelle merkt man davon freilich herzlich wenig, da sinkende Rohölpreise zum Einen meist recht verzögert weitergegeben werden (bei steigenden Preisen geht das im Allgemeinen bedeutend schneller) und zum Anderen der schwächelnde Euro (von einer – im Umkehrschluss – Erstarkung des Dollars wird an dieser Stelle bewusst nicht ausgegangen, die amerikanischen Druckerpressen laufen schneller als die europäischen) den Autofahrern die Benzin- und Dieselpreise vermiest.

In dieser Woche mussten vor allem auch einige Uranwerte kräftig Federn lassen, nachdem Cameco zugeben und vermelden musste, dass erneut Wasser in die firmeneigene Cigar Lake Mine eingedrungen ist. Dass allein bedingt zwar nicht einen Vertrauensverlust in ganz andere Werte in ganz anderen Ländern auf fernen Kontinenten, jedoch scheinen viele Anleger immer wieder gerne für irrationales Verhalten zu haben sein. Vor allem wenn es aktuell im Allgemeinen in die falsche Richtung zu laufen scheint. Die Planungen hinsichtlich neuer Nuklearkraftwerke werden dabei gerne außer Acht gelassen. Nur zur Erinnerung: Die Anzahl der neu geplanten Nuklearreaktoren stieg weltweit von Januar 2007 bis Januar 2008 um 93 von 222 auf 315. Vor 24 Monaten ging man dabei noch von lediglich 153 aus – das bedeutet eine Steigerung von 106 Prozent innerhalb von nur 24 Monaten!

Darüber hinaus sind aktuell weltweit 439 Reaktoren in Betrieb und weitere 34 in Bau. Allein China plant in den nächsten Jahren 116 neue Reaktoren in Betrieb zu nehmen. Das Reich der Mitte will dabei seine nukleare Energiegewinnung auf 60 GWE in 2020 und auf 120 bis 160 GWE bis 2030 erweitern. Zum Vergleich: Aktuell laufen in China 11 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8,6 GWE! Und die Zeiten billigen Urans aus Abrüstungsprogrammen sind so gut wie vorbei, viele Länder gehen sogar eher wieder verstärkt in die entgegengesetzte Richtung, nämlich in die einer verstärkten Aufrüstung.

Alle diese Beispiele sollen zeigen, dass der gemeine Anleger bei anstehenden Investitionsentscheidungen nicht nur ausschließlich auf die Situation auf der Nachfrageseite achten, sondern immer auch einen Blick auf die Angebotsseite riskieren sollte.

Information

Dieser Artikel erschien heute als „Die Rohstoff-Woche“.
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Autor

Tim Roedel

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