17. August 2008

Kaukasus Zum Konflikt in Georgien

Geschichte und Geschichten - Russland und die NATO

Am Anfang stehen die Fakten. Aus der Interpretation der Fakten folgt die Analyse des Geschehenen. Manchmal irrt man bezüglich der Fakten. Manchmal ist die Interpretation fehlerhaft. Die Qualität der Analyse steht und fällt mit der Kenntnis um die Fakten und der ihrer korrekten Interpretation. Dies ist das Grundproblem jeder Geschichtsschreibung, ob im Großen oder Kleinen, ob für die gerade eben passierte Geschichte als Gegenstand von Berichten der Tagespresse oder für monumentale Analysen den Untergang des römischen Reichs betreffend. Immer ist die Geschichtsschreibung Ergebnis der Interpretation von Fakten. Der postmoderne Zeitgeist hat die Beziehung zwischen Analyse und interpretierten Fakten in sein Gegenteil verkehrt. Inzwischen steht das nach herkömmlicher Sichtweise erst noch zu findende Ergebnis am Anfang des Nachdenkens. Es ist Ausgangspunkt für die Interpretation der Fakten. Die Fakten müssen zu dem passen, was der Erforscher der Geschichte zu finden trachtet. Fakten, die nicht zu den Geschichten passen, werden Verrückten zugeschrieben. Stalin und Ahmadinedschad werden die Fähigkeit zu rationalem Handeln abgesprochen und beide als „Madmen“ stigmatisiert. Dies zeigt, dass bei Unerklärlichkeiten die Fakten verändert werden, nicht die zur Erklärung des Gewesenen untaugliche postmoderne Methode. Es handelt sich nicht mehr um Geschichtsschreibung, sondern um das Schreiben von Geschichten. Der Wahrheitsgehalt solcher Geschichten ist meist begrenzt. Die Ähnlichkeit dieses Vorgehens zu dem bekannten Wort vom Sieger, der die Geschichte schreibt, liegt greifbar auf der Hand. Die postmoderne Geschichtenschreibung ist im Grunde Propaganda. Diese Propaganda ist unabsichtlich, da sich die Propagandisten der zugrunde liegenden Geschichten nicht bewusst sind.

Eine dieser Geschichten ist die Idee vom ewigen Kampf Gut gegen Böse. Bereits Marx hat sein Werk des angeblich wissenschaftlichen Sozialismus mit dem ewigen Klassenkampf der unterdrückten Arbeiter geschmückt. Am Ende aller Klassenkämpfe stehe der Kommunismus, der ewige Traum des Paradieses auf Erden. Der Marxismus hat sich überlebt, seine Geschichten sind tot, doch seine Idee vom Kampf gut gegen Böse lebt fort. Freilich ist sie mutiert und taucht widergängerisch inzwischen bei den Neokonservativen auf. Deren trotzkistische Wurzeln sind bekannt und ihre mutierte Geschichte des Klassenkampfes lautet wie folgt: Der gute demokratische Westen und seine Getreuen streiten unerbittlich gegen das ewig Böse, einmal organisiert als Achse, ein anderes Mal in seiner Erscheinungsform als kommunistisches China, imperialistisches Russland oder unterdrückerische Islamofaschisten. Zwar sind die Kämpfe hart und entbehrungsreich, doch führt die gewaltsame Demokratisierung der Welt ins Paradies des immerwährenden demokratischen Friedens. Vor diesem Hintergrund betrachten diejenigen, die an solche Märchen glauben, die Welt und die Ereignisse. So nimmt es nicht Wunder, wenn das Geschehen im Kaukasus innerhalb dieser Geschichte einsortiert wird. Der gute Westler (qua Assoziation) Saakaschwili und sein angeblich liberaldemokratisches Georgien sind Opfer des bösen russischen Imperialismus. Das erinnert stark an die Worte, die Orwell den Schafen auf der Farm der Tiere ins Maul legt: Westler gut, Russen schlecht. Richtigerweise darf die Welt jedoch nicht vor einem schwarz-weißen Hintergrund betrachtet werden. Vielmehr gilt es, sie aufgrund der verfügbaren Fakten zu interpretieren.

Es kann daher auch nicht um Schuldzuweisungen gehen, denn dabei handelt es sich um eine rechtliche Bewertung. Vor einer rechtlichen Bewertung sind stets die Fakten aufzuklären. Inmitten kriegerischer Auseinandersetzung ist dies unmöglich. Seit es sich die USA zur Aufgabe gemacht haben, die Doktrin des präemptiven Krieges wider das bis dato geltende Völkerrecht zu etablieren, haben völkerrechtliche Bewertungen einen Großteil ihrer Bedeutung eingebüßt. Insofern entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn sich die USA im Sicherheitsrat um eine UNO-Resolution bemühen oder andere Zeitgenossen auf eine angebliche Illegalität des russischen Vorgehens verweisen. Erste Äußerungen eines deutschen Völkerrechtlers deuten derweil auf eine Zulässigkeit des russischen Einmarsches hin. Ein durchgängiger Mangel der derzeit verfügbaren Rechtsmeinungen liegt in der Vereinheitlichung der südossetischen und der russischen Seite. Diese Vereinfachung muss zu Fehlern führen. Zunächst hat sich die Analyse daher auf die Erklärung des Geschehenen zu reduzieren.

Davon ausgehend ist eine Zunahme der Konflikte in Südossetien und Abchasien seit Anfang des Jahres zu beobachten. Genauer gesagt begann die Krise am 6. März des Jahres, als Russland seine ökonomischen Sanktionen gegen Abchasien aufhob, die in 1996 verhängt wurden. Am 13. März wurde in der Duma die Anerkennung bisher nicht anerkannter früherer Sowjetrepubliken diskutiert. Der slowenische Außenminister war bereits zum damaligen Zeitpunkt besorgt, dass dies den Weg zur Anerkennung Abchasiens ebnen könne und erklärte das Interesse der EU an der territorialen Integrität Georgiens. Diese russischen Schritte kamen nicht aus heiterem Himmel. Der zeitliche Zusammenhang zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar ist offensichtlich. Die Anerkennung des Kosovo als unabhängiger Staat durch diejenigen westlichen Nationen, die keinen separatistischen Bewegungen ausgesetzt sind, hat die russische Entwicklung klar motiviert. Verhandlungsthema der Duma war eine Aufwertung der Beziehungen zu Abchasien, Transnistrien und Südossetien durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die Abschaffung von Importzöllen und verstärkte humanitäre sowie wirtschaftliche Hilfen für russische Passinhaber in diesen Regionen.

Anfang April findet die NATO-Konferenz von Bukarest statt. Russland ist dort zu Gast. Zwar scheitert wegen des deutschen und französischen Neins die Annahme eines Membership Action Plans für Georgien und die Ukraine, der einen Zeitplan für die NATO-Mitgliedschaft festgelegt hätte. Es besteht jedoch Einigkeit, dass Georgien Mitglied werden wird. Russland sagt verstärkte Kooperation in Afghanistan zu. Weiteres Thema ist der von den USA geplante Raketenabwehrschild mit Stützpunkten in Polen, der Tschechei oder Georgien. Hier werden die russischen Bedenken zur Kenntnis genommen. Albanien, Kroatien und Mazedonien wird die Mitgliedschaft in Aussicht gestellt. Am 5. April begründet Putin die russischen Bedenken gegen die Ausdehnung der NATO in frühere Sowjetrepubliken und den Raketenabwehrschild. Die Ausweitung der NATO nach Georgien und die Ukraine werde die Beziehungen zu Russland beschädigen. Sie stelle in Russlands Augen eine direkte Bedrohung des eigenen Landes dar. Des Weiteren führe die NATO-Mitgliedschaft selbst nicht zu einer Demokratisierung des beitretenden Staates. Die russischen Sorgen sind nachvollziehbar. Angenommen, der Warschauer Pakt bestünde fort, weil der Kalte Krieg anders ausgegangen wäre. Würden sich die Briten nicht bedroht sehen, wenn Frankreich und Deutschland nun Mitglieder des Warschauer Paktes würden und Russland dort ein Raketenabwehrsystem installierte? Würden sich die USA nicht bedroht fühlen, wenn Kanada Mitglied eines Warschauer Paktes wäre, der genauso friedlich wie die NATO ist? Wer über Jahrzehnte in der Angst vor einem Gegner lebt, wird diese Angst nicht innerhalb weniger Jahre der Annäherung überwinden. Berücksichtigung muss auch der Wandel der NATO zu einer politischen Organisation finden. Die NATO ist nicht mehr nur die Verteidigungsorganisation, die sie einmal war, sondern die institutionalisierte Form einer permanenten Koalition der Willigen. Sie verfolgt mit militärischen Mitteln politische Ziele. Die Stationierung von NATO-Raketen in Polen und die äußerst scharfe Reaktion eines russischen Generals (also wohl absichtlich nicht die eines Politikers von Rang und Namen), Polen mache sich zum Ziel von Nuklearwaffen, illustriert wie sensibel Moskau gegenüber der NATO-Politik geworden ist. Insofern ist das, was die Linke seit jeher der NATO vorgeworfen hat, mittlerweile Realität geworden. Letztlich, und wohl entscheidend für die russischen Bedenken ist, dass nach dem Fall des eisernen Vorhangs sowohl Jelzin als auch Putin zugesichert worden ist, dass die NATO nicht in die Länder des ehemaligen Warschauer Paktes ausgedehnt werde. Darauf wies Gorbatschow im Mai 2008 hin und warnte gleichzeitig vor den destabilisierenden Folgen der NATO-Expansion. Der Westen habe sich als nicht vertrauenswürdig in dieser Frage erwiesen.

Legt man dies zugrunde, so kann die Ausweitung der NATO, die vorgeblich wegen der Gefahr terroristischer Angriffe Irans erfolgt, auch den gegenteiligen Effekt haben und die Lage destabilisieren. Schon vor einiger Zeit geäußerte Worte aus dem Weißen Haus, man sei sich ob der fragwürdigen von China und Russland eingeschlagenen Pfade unsicher, verleihen dieser Lesart Gewicht. Nachdem der russische Bär seine schützende Pranke von Nordkorea und China genommen hat, gibt es kaum noch einen Grund, amerikanische Truppen in Japan und Südkorea zu stationieren. Weder Russland noch China geben Anlass, in dieser Richtung besorgt zu sein. Aus russischer Sicht muss man sich also fragen, welche unsicheren Pfade es denn nun sind, die Anlass zu amerikanischem Zweifel geben können und ob der Raketenabwehrschild nicht doch eher dazu beitragen soll, diesen unbekannten Zweifeln gegenüber Russland vorzuhalten.

Vor dem Hintergrund dieser von der russischen Seite öffentlich angestellten Überlegungen ist der Krieg im Kaukasus zu beurteilen. Bereits im April kommt es zu verstärkten Auseinandersetzungen in Südossetien und Abchasien. Diverse Bombenanschläge finden statt. Es wird von kleineren Feuergefechten berichtet. Russische Bahntruppen reparieren die Gleise in Abchasien. Mehrere Aufklärungsdrohnen, Abchasien berichtet von sieben Stück, werden abgeschossen. Georgien gesteht den Verlust von dreien zu. Bereits im Juni erhöht das georgische Militär die Zahl und Intensität von Übungen. Im von den Georgiern seit 2006 besetzten Kodori-Tal in Abchasien stocken die Georgier ihre Treibstoffvorräte über das übliche Maß auf. Im Juli verschärft sich die Lage weiter. Nach einem Bombenattentat in Gali mit vier Toten und sechs Verletzten macht Abchasien den "georgischen Staatsterrorismus" verantwortlich. Die Russen stellen eifrig Pässe aus. Außerdem halten die USA ein gemeinsames Manöver mit georgischen Truppen. Ab dem 15. Juli befinden sich über 1000 amerikanische Soldaten für zwei, nach anderen Quellen drei Wochen in Georgien. Die Briten sind klüger. Die ursprünglich im Anschluss geplante gemeinsame Übung Georgian Express 2008 wird vom britischen Kriegsministerium abgesagt.

Im August häufen sich die Gewaltakte. Der südossetische de facto-Präsident Kokoity warnt vor einem Angriff Georgiens im September. Am 8. August münden die Ereignisse schließlich in dem militärischen Einsatz der Georgier gegen die Südosseten. Vier Brigaden der Georgier rücken nach Südossetien vor. Zchinwali wird mit Mehrfachraketenwerfern beschossen. Diese können nicht zielgerichtet eingesetzt werden, sondern dienen der großflächigen Bombardierung. So lässt sich kein Aufstand militärisch niederwerfen, der in einem Wohngebiet stattfindet. So macht man sich nur Feinde. Das ist der ersehnte Anlass für die Russen, schnell und in großer Stärke durch den Rokitunnel die Grenze nach Südossetien zu überschreiten. Innerhalb kürzester Zeit werden die vier georgischen Brigaden kampfunfähig gemacht. Offensichtlich hat die georgische Führung nicht mit einem derart schnellen und massiven Eingreifen Russlands gerechnet und auch den Rokitunnel als einzigen Weg von Russland nach Südossetien nicht abriegeln können. Die Gründe dafür sind unbekannt und Spekulation. Angesichts der vorherigen gesteigerten Anspannung in Abchasien und Südossetien musste Saakaschwili jedoch klar sein, dass für Russland eine Militäraktion Georgiens keinesfalls überraschend kommen würde. Man mag dem russischen Militär einiges vorwerfen, unfähig ist es nicht. Das kommt auch in der umgehenden Verschiffung eines großen Truppenkontingents nach Abchasien zum Ausdruck. Auch politisch sind die Äußerungen Putins und sogar Gorbatschows für jeden aufmerksamen Beobachter eindeutig als Warnung zu verstehen, dass Russland bezüglich der Situation in Georgien nicht untätig sein würde. Saakaschwili musste also dringend mit einem militärischen Gegenschlag Russlands rechnen. Da, wie gesagt, die Theorie vom irrationalen bzw. verrückten Anführer nicht taugt, muss es für Saakaschwilis Verhalten andere Gründe gegeben haben. Möglicherweise versuchte er, dem ein Ruf als Spieler vorauseilt, mit einem Krieg die prekäre innenpolitische Situation zu retten. Vielleicht hat er diplomatische Zeichen westlicher Länder als Beistandsbekundung fehlgedeutet.

Nun jedenfalls stehen starke russische Truppen in Südossetien, Abchasien und dem georgischem Kernland selbst und es gibt so etwas Ähnliches wie einen Waffenstillstand. Die diplomatischen Mühlen mahlen. Lautstark ist der Ruf nach einem Rückzug der russischen Truppen in die eigenen Landesgrenzen, damit die georgische territoriale Einheit gewahrt bleibe. Dieser Hinweis ist völlig unerklärlich. Die georgischen Grenzen sind ein Produkt der Verwaltungsgliederung der UdSSR. Die unterschiedlichen Ethnien der Bewohner dieser Verwaltungsgliederungen waren keine Faktoren, die bei der Festlegung der Grenzen berücksichtigt wurden. Allenfalls genossen die einzelnen Ethnien eine gewisse Autonomie innerhalb ihrer Verwaltungsgliederungen. Diese machte sie eher gegenüber der Moskauer Zentralregierung rechenschaftspflichtig, aber nicht gegenüber den Sowjetrepubliken, in die sie eingebettet waren. Dies galt auch für Abchasen und Südosseten innerhalb der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Nach dem Zerfall der UdSSR entlang ihrer Verwaltungsgrenzen fanden sich die Südosseten und Abchasen als Minderheit innerhalb eines georgisch dominierten Staates wieder. Es ereilte sie das Schicksal so vieler ethnischer Minderheiten, nämlich das der Unterdrückung durch die Mehrheit. Mit Wegfall der Moskowiter Zentralgewalt hatte der georgische Nationalismus freien Lauf. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sich wenig von denen in Jugoslawien unterschieden. Beide Seiten ergingen sich in Bemühungen, der jeweiligen Minderheit das Leben auf dem jeweils kontrollierten Gebiet so schwer wie möglich, gern auch unmöglich zu machen. Der Unterschied zwischen Jugoslawien und Georgien ist nur, dass der Westen allein für Jugoslawien den politischen Willen entwickelte, kleinere politische Einheiten entlang der ethnischen Grenzen zu unterstützen.

Dieser Wille fehlt den Westmächten selbst heute noch und sogar trotz des heißen Krieges. Ein Grund dafür ist die generelle Unwilligkeit vieler Staaten, separatistischen Bestrebungen die notwendige Anerkennung zuteil werden zu lassen. Spanien hat die Basken und Katalanen, Frankreich die Korsen, Großbritannien die Schotten, China die Taiwanesen und Tibeter, Indien die Muslime in Kaschmir und Russland eine ohnehin hohe Anzahl von Minderheiten, die jeweils die Unabhängigkeit anstreben. Keiner dieser multiethnischen Staaten hat ein besonderes Interesse an einer Befürwortung von Separatismus. Hinzu tritt, dass seit der so genannten Rosenrevolution Georgien in westlichen Staaten den Ruf einer liberalen Demokratie genießt. Georgien war allerdings nie ein freiheitlicher Staat. Selbst bei seiner Besetzung durch die rote Armee im Jahr 1921 stand Georgien unter sozialistischem Regime. Anders als in Moskau hatten die Menschewiki die Macht an sich gerissen. Ihr kurzes Interregnum endete jäh, als sich die bolschewistischen Sozialisten Georgiens bemächtigten. Zwar wird behauptet, Saakaschwili habe liberale Reformen durchgesetzt, doch ändert sich eine hundertjährige Kultur der Unfreiheit nicht über Nacht und nicht durch den Erlass einiger Gesetze. Tatsächlich profitiert Saakaschwili innenpolitisch hauptsächlich von der Beackerung eines starken Nationalgefühls. Seine Idee eines Groß-Georgiens fällt auf fruchtbaren Boden. Nationalismus gedeiht überall dort, wo gemeinsame Ziele und gemeinsame Gegner zu identifizieren sind. Diese gemeinsamen Gegner der georgischen Mehrheit sind die Südosseten und Abchasen. Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch weiß wenig Gutes von den Wahlen und der Pressefreiheit in Georgien zu berichten. Bereits 1991 waren Abchasen und Südosseten von den Wahlen ausgeschlossen. Saakaschwili geht mit harter Hand gegen seine politischen Gegner vor. Noch im November 2007 fanden mehrtägige Aufstände Oppositioneller statt. Kriegsrecht galt für 15 Tage, Presse und Rundfunk wurden zensiert. Der Sender Imedi TV wurde von Polizisten gestürmt und abgeschaltet, seine Sendelizenz vorübergehend entzogen. Innenpolitisch ist Saakaschwili weitaus umstrittener als es die derzeitigen Berichte zu erkennen geben.

Aus westlicher Sicht genügt leider der liberaldemokratische Schein, um einem Regime freundlich gegenüber zu stehen. Eine tatsächlich bestehende liberale Demokratie ist für die Gewährung dieser Freundlichkeiten nicht erforderlich. Dies gilt umso mehr, wenn weitere Umstände es erforderlich machen, nicht genauer hinzuschauen. Die strategische Lage Georgiens ist extrem bedeutend. Georgien ist Transitland für Öl und Gas aus dem Kaspischen Becken. Vier wichtige Transportlinien existieren für das kaspische Öl. Neben Georgien existiert zweitens der Weg durch Russland mittels der dort schon vorhandenen Pipelines. Drittens können kaspisches Öl und Gas durch den Iran an den Persischen Golf transportiert werden. Viertens steht der Weg durch Afghanistan und Pakistan offen. Dort wird bereits eine Pipeline durch Unocal, ein amerikanisches Unternehmen, gebaut. Der Iran wird aus offensichtlichen Gründen nicht als ernsthafte Möglichkeit für den Öltransit erwogen, gerade wenn nach einer Alternative zum Öl vom Golf gesucht wird. Georgien böte eine Alternative zum russischen Transportmonopol nach Europa und die einzige Möglichkeit für den Transport zum Mittelmeer. Russland hat sicher kein besonderes Interesse an dieser Konkurrenz, insbesondere da mit einer größeren Verfügbarkeit kaspischen Öls der Preis für die eigenen Rohstoffe fiele. Militärstrategisch ist auch die Lage Georgiens am Schwarzen Meer bedeutsam. Über georgische Häfen wird kaspisches Öl verschickt. Im Jahr 2017 wird Russland seinen Militärhafen in Sewastopol auf der ukrainischen Krim aufgeben müssen und wird dann mit dem derzeit im Ausbau befindlichen Noworossijsk über nur noch einen Stützpunkt für die einst mächtige Schwarzmeerflotte verfügen. Ein freundlich gesonnenes Abchasien kann diese Situation durch die Bereitstellung weiterer Häfen ändern. Außerdem haben bereits im Laufe des Jahres russische Unternehmen von Abchasien aus mit der Ölexploration im Schwarzen Meer begonnen. Eine wichtige georgische Radarstation, die ins NATO-Netzwerk eingebunden war, ist im Krieg soeben zerstört worden. Georgien ist aus geopolitischer Sicht in verschiedener Hinsicht interessant - für Russland und die westlichen Staaten.

Nach dem derzeitigen Zwischenstand kontrolliert Russland Georgien. Tiflis wird nach dem Verlust der vier in Südossetien eingefallenen Brigaden von den eilig und mit Hilfe amerikanischer Unterstützung aus dem Irak rückgeführten Truppen in der Stärke einer einzigen Brigade verteidigt. Russland hat viel Wert darauf gelegt, die militärische Infrastruktur Georgiens zu zerstören. Ein Flugplatz bei Tiflis wurde bombardiert, was den Nebeneffekt eines verzögerten Rücktransports der Brigade aus dem Irak hatte. Kasernen in Georgiens Hafenstädten wurden geschleift. Auf absehbare Zeit wird Georgien weder für Russland noch für Abchasen oder Südosseten eine Bedrohung darstellen können – selbst als NATO-Mitglied. Kurzfristig wird durch die immer noch andauernde Besetzung von Gori das Land in zwei Teile geteilt. Politisch ist die Situation ungeklärt, aber explosiv. Insbesondere der amerikanische Ton hat sich verschärft, seit Sarkozy mit seiner Friedensmission im Namen der EU leidlich erfolgreich war. Der Weg zu einer NATO-Mitgliedschaft Georgiens ist wahrscheinlich aufs Erste versperrt. Russland wird nicht weniger als die Unabhängigkeit Abchasiens und möglicherweise die Wiedervereinigung Ossetiens betreiben. Die Passverleihung an so viele Osseten und Abchasen wie irgend möglich beweist dies. Russland wird außerdem besonderes Augenmerk darauf legen, dass Saakaschwili nach der von ihm zwar nicht unbedingt verschuldeten, aber doch verursachten Eskalation seinen innenpolitischen Rückhalt verliert. Es ist wahrscheinlich, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein russlandfreundlicherer Premier Georgiens Staatsoberhaupt sein wird. Die georgische Opposition betreibt bereits die Ablösung Saakaschwilis. Für die westlichen Investitionen in die Öl- und Gasinfrastruktur in Georgien mag das ohne Konsequenzen bleiben. Der Transitpreis selbst wird jedoch einer sein, mit dem Moskau leben kann. Dabei ist daran zu erinnern, dass sich der Ölpreis seit dem Irakkrieg vervielfacht hat und es besonders Russland ist, das von hohen Ölpreisen profitiert. Mit steigendem Ölpreis steigt auch der geopolitische Wert Georgiens als Öltransitland. Gleichzeitig wächst die Macht Russlands. Will der Westen Russland treffen, so wäre es am einfachsten, Maßnahmen zu ergreifen, die den Ölpreis senken. Ein Ende des Irakkriegs würde allein durch den Wegfall des Verbrauchs des dort eingesetzten Militärs dämpfend auf den Preis einwirken. Ein starker, nicht inflationierender Dollar würde gleiches bewirken. Die weiteren Auswirkungen betreffen insbesondere die Ukraine. Diese ist historisch Russlands Verbündeter und hat eine starke russische Minderheit. Das Ob und Wann eines NATO-Beitritts der Ukraine ist das Thema, das die Medien schon in einigen Monaten interessieren wird, wenn sich die Lage im Kaukasus beruhigt hat. Wenn sich dort für Russland Nachteiliges ereignet, ist damit zu rechnen, dass Russland auch in Transnistrien Schritte unternimmt, die als wiederholende Lektion für die NATO und die westlichen Staaten dienen. Dass Russland die NATO-Mitgliedschaft Moldawiens oder der Ukraine ohne weiteres hinnimmt, ist jedenfalls nicht vorstellbar.

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