18. August 2008

Geklonter Hund Booger Einmal Zukunft und zurück

Joyce McKinney, Ra Jeong Chan und Frankensteins Nasenschleim

In China essen sie Hunde, in Südkorea klont man sie, und darum müssen wir jetzt unbedingt von einem dreibeinigen Pferd, einem entführten Missionar und der „Miss Wyoming“ von 1973 reden. Damals war Joyce McKinney süße 22 Jahre jung. Sie gab zu Hoffnungen Anlass. Vermutlich aber trug sie schon jene Leidenschaft im Herzen, die sie nun endgültig stranden ließ: ihre Liebe zu den Hunden.

Versuche, statt der unmenschlichen Kreatur einem Manne sich zu verbinden, schlugen fehl. Die alsbald nach ihrem Schönheitstriumph zur Mormonin gewordene Joyce McKinney spürte zwar Amors Pfeile heftig brennen. Man schrieb das Jahr 1977, noch immer gab sie Anlass zu Hoffnungen. Der Angebetete jedoch, ein 21 Jahre junger Mormonenmissionar, war nicht hinreichend angetan. Flugs betäubte ihn die zur Liebe fest entschlossene Joyce. Gemeinsam fuhren sie zweihundert Meilen durch England. In einem Gartenhaus in der Grafschaft Devon zwang sie ihn aufs Bettgestell. Mehrere Tage soll er dort verbracht haben, gefesselt und darum weitgehend immobil.

Auch nach der Flucht des frommen Mannes verlor sie ihn nicht aus den Augen. Joyce stellte ihm munter nach, weshalb sie 1984 in Utah eingesperrt und verurteilt wurde. Nun war es an ihr zu fliehen. Beschloss sie jetzt endgültig, keines Menschen Herz mehr an sich zu ketten? Auf jeden Fall drang sie 1993 gewaltsam in das Veterinäramt von Washington County ein, um das Einschläfern einiger Pitbulls zu verhindern, die ein Ehepaar angefallen hatten. Und 2004 ermunterte sie einen 15-jährigen Jungen zum Einbruch. Er sollte ihr helfen, Geld aus einem Haus zu entwenden. Mit der Beute wollte sie eine Prothese kaufen für ihr dreibeiniges Pferd.

Warum wir das alles (und noch manches delikate Detail) in der zurückliegenden Woche erfahren haben? Joyce McKinney lächelte die Weltöffentlichkeit plötzlich als strahlende Welpenmutter an. Auch in Devon und Utah und Washington County sah man die Fotos einer glücksstolzen Frau, 58-jährig mittlerweile, wie sie fünf frisch geborene Pitbulls in den Armen hält. Man erinnerte sich der alten Geschichten. Joyce McKinney ist die erste Kundin der südkoreanischen Firma „RNL Bios“. Sie zahlte 50.000 US-Dollar für die fünf Klone ihres Lieblingspitbulls Booger.

Den törichten Gang in die Öffentlichkeit begründet McKinney mit dem Willen zur Güte. Eine Katharsis habe sich ereignet, ein innerer Imagetransfer, „die Leute sollten Respekt gewinnen und sehen, dass ich ein Mensch bin, der etwas Gutes tun will.“ Worin das Gute besteht, wenn man aus dem eingefrorenen Gewebe eines Pitbullohrs viele todgeweihte, missgestaltete, schwerkranke und fünf lebensfähige Klone sich produzieren lässt, führte Joyce McKinney nicht aus. Oder versteht sie sich als Botschafterin eines jungen und riskanten Gewerbes, der Haustierklonierungsindustrie?

Selbige in Gestalt des „RNL Bios“-Bosses will auch künftig die Kundschaft keinem ethischen Screening unterziehen. Nein, heißt es aus Seoul, gerade Kriminelle könnten durch die Auferstehung ihres geliebten Schoßhündchens auf den Pfad der Tugend zurückfinden. Die Tiere könnten zur Verbrechungsbekämpfung beitragen, indem sie Herrchen und Frauchen „Stabilität“ zurückgeben. Sprach Ra Jeong Chan.

Sowohl die verwirrte Kundin als auch der trickreiche Dienstleister berufen sich auf das Gute. Sie meinen also, ihrem vollendet egoistischen Treiben ein moralisches Tarnmäntelchen umhängen zu müssen – das also wäre die „gute Nachricht“ dieser schillernden Story.

Die schlechte folgt gleich hintendrein: Was als Hoffnung begann, in der Euphorie wuchs und im Betrug sich konsolidierte, hat nun das Stadium seiner rücksichtslosen Reife erreicht. Die einst für therapeutisch vielversprechend gehaltene Klonierungsmethode à la Schaf Dolly gibt den Stoff ab für Räuberpistolen. Profilneurotiker tummeln sich, wo Ärzte wirken wollten. In bunten Blättern wird verhandelt, was in Fachjournalen geboren wurde.

Von diesem trüben Ende aus dunkelt das Beginnen nach. Das Duplizieren der Tiere ist ebenso wie das verwandelnde Behandeln und Verzwecken der Menschen weder tierfreundlich noch menschengemäß. Es war und ist gespeist aus Größenwahn und Unschuldskult, ist ein Anschlag auf das Band, das alle Kreatur verbindet, die geschaffen ist und nicht gemacht ward. In bunten Blättern bereitet sich eine zweite Schöpfung vor, die ein Fließband sein wird mit angeschlossener Müllverbrennung.

„Booger“ übrigens meint in Joyce McKinneys Land verdickten Nasenschleim. Sollte auch das etwas zu bedeuten haben?

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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