28. August 2008

Olympia-Nachlese Wettbewerb, Gleichheit und Biodiversität

Warum man Doping und Ungleichheit sportlich nehmen kann

Auf den ersten Blick scheint der Sport eine Oase der Leistungsbereitschaft und des fairen Wettbewerbs inmitten einer weltweiten Wüste der Gleichmacherei und des nivellierenden Konformismus zu sein. Sprüche wie „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ oder „Mindestlohn für alle“ finden hier keine Anwendung. Es gibt im Sport nur einen Sieger, unabhängig davon ob die anderen für dasselbe Ziel gleich viel oder sogar mehr gerackert haben. Und die Verlierer, die nichts gerissen haben, gehen leer aus. Sie bekommen nicht als Zeichen der Solidarität allesamt eine Bronzemedaille umgehängt, zumal die freiwillig für die Sportveranstaltung zahlenden Zuschauer dafür nicht ihre Einwilligung geben würden.

Das mit dem „freiwillig zahlen“ muss allerdings gleich etwas relativiert werden, denn natürlich zahlen alle Steuerzahler, auch der letzte Bewegungsmuffel und Sportschau-Hasser, die zum großen Teil aus „öffentlichen“ Geldern finanzierten Vereine, Athletenschmieden und Sportbürokratien mit und entrichten ihre GEZ-Gebühren für jene Sender, die sich in der Regel im Namen des „öffentlichen Interesses“ das Privileg der monopolisierten Berichterstattung über sportliche Großereignisse gönnen.

Die staatliche Durchsetzung attraktiver Sportarten führt auch dazu, dass Regelverstöße nicht vereinsintern, sondern mithilfe der staatlichen Rechtsorgane verfolgt werden. Wenn in einem reinrassig privaten Kaninchenzüchterverein die in einem wunderbaren Rosa glänzenden Löffel des Siegers „Schnuffel“ auf die Einnahme per Satzung untersagter Karotinzugaben zurückzuführen sind, dann werden Schnuffel und sein Herrchen eben für weitere Wettbewerbe gesperrt oder vom Verein ausgeschlossen, ohne dass die Polizei oder die Staatsanwaltschaft auf Steuerzahlerkosten eingreifen müssen.

Doch bei Sportereignissen unter Staatseinwirkung wie der Tour de France oder den Olympischen Spielen steht die Berichterstattung über Doping so sehr im Vordergrund, dass man meinen könnte, die Zuschauer seien weniger an den sportlichen Leistungen selbst als vielmehr an der Frage interessiert, welche Sportler denn als nächstes als kriminelle Betrüger überführt werden. Und hochinvestigative und verhörerfahrene GEZ-Journalisten wie Johannes B. Kerner tragen diesem angeblichen Informationsbedürfnis der Zuschauer Rechnung, indem sie im Deutschen Olympia-Studio in Peking Sportler wie den Ex-Sprinter Michael Johnson fragen, ob er denn nicht doch irgendwie gedopt habe. Und nicht nur bei der Eröffnungsfeier schaffen es staatlich anerkannte Journalisten wie Sandra Maischberger, in fast jedem zweiten Satz kritisch auf die mangelhafte Menschenrechts- und Umweltsituation im Gastgeberland China hinzuweisen und anzumerken, dass die KP in China die Spiele politisch instrumentalisiert.

Und tatsächlich: Wenn man in dem Ausmaß, wie das bei deutschen Olympia-Journalisten der Fall war, darauf hinweist, dass man die Pekinger Spiele nicht von der chinesischen Politik trennen dürfe, dann hat die KP ihr Propaganda-Plansoll übererfüllt: Nun wissen nämlich alle BRD-Zuschauer, dass die perfekt organisierten Spiele und die sportlichen Leistungen der Chinesen Produkte der chinesischen Politik sind. Wünscht sich der ans Gemeinwohl denkende gemeine Bürger solch großartigen Politik-Resultate nicht auch bei uns?

Menschenrechte und Doping hingen wie ein grauer Schatten über der deutschen Olympia-Berichterstattung und haben so manchen Zuschauern die Freude an den sportlichen Aspekten dieser Spiele gründlich verdorben. Wenn bei jedem Rekord und jeder von Chinesen, Osteuropäern oder Amerikanern gewonnenen Goldmedaille unverblümt Zweifel darüber artikuliert werden, ob vielleicht nicht doch Doping im Spiel war, dann lautet die implizite Botschaft: „Es gibt eigentlich keine Gewinner und Verlierer. Die Gewinner haben gewonnen, weil sie sich möglicherweise einen ungerechten Wettbewerbsvorteil verschafft haben, ansonsten hätten sie nämlich nicht mehr Chancen gehabt als die Verlierer, die genauso hart oder noch härter gearbeitet haben als die Gewinner.“

Und da ist sie doch wieder, die Idee von der Gleichheit der Menschen und vom Erfolg als Symptom der Ungerechtigkeit gegenüber den Nicht-Erfolgreichen. Am besten veranschaulicht diese Anschauung der deutsche Sprinter Tobias Unger, der seinem Unbehagen gegenüber den Weltrekorden des schwarzen Jamaikaners Usain Bolt freien Lauf ließ: „Bolt läuft im Mai 9,80 Sekunden und Ende September auch. Er zeigt keine Schwächen nach langen Reisen, keine Müdigkeit durchs Training. Er hat sich nicht mal warmgelaufen. Der kam in Badehose und Joggingschuhen, hat eine Steigerung und einen Start gemacht, seine Spikes angezogen und ist dann die 100 Meter in 9,92 Sekunden gejoggt. Für mich ist das eine Riesenverarschung.“

Es kann also nicht sein, dass jemand nicht genauso hart trainiert hat wie Unger und trotzdem schneller läuft. Diese Ansicht läuft auf die Vorstellung hinaus, dass Sprinter, die genau gleich viel gearbeitet haben, auch genau schnell laufen und sich infolgedessen die Medaillen teilen müssen. Die Idee einer naturgegebenen Begabung oder Veranlagung, die manche Menschen privilegiert, ist Unger und vielen anderen in Mitteleuropa sozialisierten Zeitgenossen offensichtlich zuwider. Dass die Kurzstrecken-Finale mittlerweile allesamt von schwarzen Läufern bestritten werden, darf also bloß nicht auf eine biologische Disposition zurückzuführen sein. Das würde nämlich dem Idealbild der Gleichheit aller Menschen widersprechen. Nein, die schwarzen Läufer gewinnen, weil sie entweder härter gearbeitet oder eben gedopt haben. Und gerecht ist dabei nur der Erfolgsvorsprung durch härtere Arbeit.

Doch diese Gleichheitsvorstellung wird im olympischen Staatssport noch nicht konsequent durchgezogen. Denn sonst dürfte es in einigen Disziplinen wie beim Boxen keine unterschiedlichen Gewichtsklassen geben, genauso wenig wie es dann bei den allermeisten Disziplinen getrennte Wettbewerbe für Männer und Frauen geben sollte. Würde man das Prinzip, dass Wettbewerbe nur unter Menschen mit gleicher biologischer Ausgangslage stattfinden, umfassend anwenden, dann müsste es beispielsweise Basketball für Männer unter 1,80 m, 100m-Läufe für nicht aus Afrika stammende Sprinter oder auch Bogenschießen für Grobmotoriker geben, man müsste mithin eine ähnliche Kategorienvielfalt wie bei den Paralympics schaffen. Und man müsste es den Bürgern aberziehen, immer nur den absolut größten, stärksten und wendigsten Menschen beim Boxen, Korbspielen und Turnen zusehen zu wollen. Der Weltergewichtsweltmeister Joshua Clottey hat also den gleichen Stellenwert wie Wladimir Klitschko und verdient genauso viel Zuwendung. Die ansonsten so hochgehaltene Biodiversität ist beim Menschen offenbar für viele Gleichheits-Ideologen ein Störfaktor, dem man entweder durch Leugnen oder durch die Schaffung unzähliger Kategorien beikommen muss, um doch noch Gleichstellung und Gerechtigkeit herzustellen.

Dabei könnte man die gesamte Doping-Problematik dadurch lösen, dass man Doping einfach legalisiert oder, wie vom Satire-Magazin Gustloff vorgeschlagen, eine eigene Olympia-Kategorie für Gedopte einführt. Vielleicht bekommt dann Tobias Unger irgendwann doch noch seine Goldmedaille, und zwar in der Disziplin „Hundertmeterlauf der ungedopten, nicht-negroiden männlichen Ü-30-Athleten“.


Internet:


Satiremagazin Gustloff: Dopolympics in Chemnitz eröffnet

Bild: Thomas Unger über Usain Bolt


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