Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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CDU-Mitglieder: Die größte Gruppe sind die Marktorientierten

von Gérard Bökenkamp

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung untersucht die Basis der Partei

29. August 2008

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat die Antworten von über 7.000 CDU-Mitglieder, die repräsentativ befragt wurden, ausgewertet. Die Studie ist aufschlussreich und das Ergebnis hilft, die gegenwärtige politische Lage zu verstehen. Die CDU-Mitglieder werden in dieser Studie vier Gruppen zugeordnet: Es gibt die „Traditionsbewussten“, die „Christlich-Sozialen“, die „gesellschaftspolitisch Liberalen“ und die „Marktwirschaftsorientierten“. Diese Begriffe sind natürlich problematisch und könnten auch anders gewählt werden, aber zur Darlegung der Ergebnisse der Studie werden sie hier beibehalten.

Das Ergebnis der KAS-Studie

32 Prozent der CDU-Mitglieder ordnet die Studie den „Marktwirtschaftsorientieren“ zu; für sie steht die wirtschaftliche Freiheit im Mittelpunkt. 84 Prozent dieser Gruppe beurteile die Große Koalition als schlecht. Etwa die Hälfte fühlt sich an die Kirchen gebunden. Diese Mitglieder haben im Vergleich zu den anderen die höchsten Bildungsabschlüsse. 69 Prozent haben Abitur. 28 Prozent gehören zur Berufsgruppe der Selbstständigen im Vergleich zu 18 Prozent in der gesamten Partei. In dieser Gruppe werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften abgelehnt, aber auch das traditionelle Rollenbild der Geschlechter wird nicht mehr als zwingend angesehen. Im Vergleich zur übrigen Partei legt man weniger Wert auf die harten Themen Ausländer und Kriminalität, und „soziale Sicherheit“ spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Die „Traditionsbewussten“, der Begriff "Konservative" wird in der Studie vermieden, stellen 26 Prozent der Parteimitglieder. Sie vertreten in wirtschaftspolitischen Fragen sowohl marktwirtschaftliche als auch sozialstaatliche Vorstellungen. Ihre persönliche Bindung an die Partei ist besonders stark. Diese Gruppe ist vor allem ländlich und katholisch geprägt. Das traditionelle Familienbild wird hoch gehalten. Hier ist auch das höchste Durchschnittsalter zu finden. 75 Prozent der „Traditionsbewussten“ sind älter als sechzig Jahre, nur 10 Prozent jünger 50 Jahre alt.

Die „Christlich-Sozialen“ stellen 25 Prozent der Parteimitglieder. Dieser Mitgliederteil steht in sozialpolitischer Hinsicht „links.“ Die mittleren und unteren Bildungsabschlüsse sind hier besonders stark vertreten. Diese CDU-Mitglieder haben eine im Vergleich zur Gesamtpartei stärker ausgeprägte Bindung an die Gewerkschaften, aber auch an die Kirche. Selbstständige sind in dieser Gruppe nur selten zu finden.

17 Prozent der CDU-Mitglieder gehören zu den so bezeichneten „gesellschaftspolitisch Liberalen“. Ihre Einstellung in Fragen der Familienpolitik weicht stark von den Ansichten der übrigen Parteimitglieder ab. 55 Prozent von ihnen befürworten die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Sie sind dagegen, dass Frauen nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben. Für die Mehrheit dieser Parteimitglieder spielt das „christliche Menschenbild“ für ihr politisches Bekenntnis zur CDU keine Rolle. Sie könnten auf das „C“ gut verzichten. Wirtschaftspolitisch sind so wenig eindeutig festgelegt wie die „Traditionsbewussten“.

Zusammenfassend kann man sagen, dass etwa ein Drittel der Mitglieder eine klare marktwirtschaftlich-liberale Ausrichtung besitzt, ein Viertel zum konservativen Flügel gehört, ein weiteres Viertel zum Sozialflügel . Eine Minderheit von 17 Prozent liegt auf der Linie von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Ursula von der Leyen.

Eine die Gesamtpartei betreffende Tendenz ist der Trend zur „Akademisierung“ der Mitglieder. 1993 hatten etwa ein Viertel der Mitglieder Abitur und mehr als vierzig Prozent einen Hauptschuldabschluss. Inzwischen hat sich dieses Verhältnis fast umgedreht. Heute haben 46 Prozent der Mitglieder das Abitur und weniger als 20 Prozent einen Hauptschulabschluss.

Die Bruchstellen innerhalb der CDU

Die Studie ist nicht darauf aus, Konflikte und Brüche innerhalb der Partei hervorzuheben. Sie erklärt, dass die Einstellungen der Mitglieder zur Partei überwiegend „harmonisch“ sei. Eine solche Aussage ist für eine Parteistiftung auch nicht weiter überraschend. Tatsächlich lassen sich bei der Analyse Bruchstellen, ja tiefe Gräben innerhalb der Partei aufdecken. Diese Bruchstellen sollen hier kurz skizziert werden.

Die Lage wird dadurch kompliziert, dass es keinen linken und keinen rechten Flügel gibt, die sich bekämpfen, sondern Gegensätze auf verschiedenen Ebenen. Die Christlich-Sozialen sind „links“ in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, aber eher „konservativ“ in Fragen von Familie und Religion, wenn auch lange nicht so konservativ wie der „traditionsbewusste“ Flügel. Für diese Position steht der NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als selbst ernannter „Arbeiterführer.“ Sie sind der Hauptgrund, warum die Marktwirtschaftler in der Union ihre Partei als "links" von ihrer Position einstufen.

Die „gesellschaftspolitisch Liberalen“ sind „links“ in Fragen der Familien- und Gesellschaftspolitik. Für sie steht Familienministerin Ursula von der Leyen mit ihrer Politik staatlich geförderter Betreuungsmaßnahmen, der Konzentration auf die Interessen gut ausgebildeter Frauen und der Förderung der Emanzipation. Sie befürworten eine Politik, die bislang eher den Grünen und der SPD zugeordnet wurde. In wirtschaftspolitischen Fragen sind sie wohl eher dem liberalen Spektrum zuzuordnen.

Die marktwirtschaftlich Orientierten sind Gegner der Christlich-Sozialen, aber in familienpolitischen Fragen weniger stark involviert. Ein Teil lehnt die Politik von Ursula von der Leyen als Eingriff des Staates in das Privatleben ab, ein anderer Teil stimmt der Politik zu, da diese Unionsanhänger die Freistellung der Frauen von der Familie für wirtschaftsfreundlich halten. Ganz anders die „Traditionsbewussten“: Für sie ist das traditionelle Familienbild der Dreh- und Angelpunkt und die Familienpolitik von Ursula von der Leyen ist aus ihrer Perspektive ein Frontalangriff auf ihre politische Identität.

Der Gruppe der „gesellschaftspolitisch Liberalen", obwohl unter den Mitgliedern der Union die kleinste Gruppe, wird von Merkel ein sehr großer Einfluss auf die Familienpolitik, das Herzensthema der „Traditionsbewussten“, eingeräumt. Der Grund ist wohl in folgendem Kalkül zu suchen: Die „Traditionsbewussten“ sind überaltert und gehören zu den treuesten der treuen CDU-Anhänger. Für sie gibt es im demokratischen Spektrum der Bundesrepublik keine politische Alternative und für sie steht auch keine mächtige Führungsfigur mehr. Ohne eine gewisse Bereitschaft zum Protest oder der Drohung der politischen Abwanderung fehlt das politische Druckmittel. Derzeit sind sie politisch daher fast bedeutungslos.

Damit fällt dieser Flügel als politischer Faktor weitgehend aus, soweit die Zumutungen der Parteiführung nicht noch bis ins Unerträgliche gesteigert werden. Also kann es sich die Partei zu einem gewissen Grade leisten, sie vor den Kopf zu stoßen. Die Aufgabe des traditionellen Familienbildes soll neue Anhänger und Wähler im großstädtischen Millieu und bei den gut ausgebildeten Frauen bringen. Dass diese Bemühungen bisher erfolglos blieben, ist leicht zu verstehen. Diejenigen, die sich von dieser Politik angesprochen fühlen, belohnen diese Aufgabe traditioneller CDU-Positionen mit der Zustimmung für Merkel als Kanzlerin. Sie wollen aber die CDU als Partei nicht unterstützen. Denn sie möchten mit dem konservativen Flügel der Union nicht in einem Boot sitzen. Der kulturelle Gegensatz ist fast unüberbrückbar.

Der Wirtschaftsflügel ist nicht so einfach zu bändigen wie der konservative Flügel

Der marktwirtschaftlich orientiere Flügel ist durch Merkel und Co. weniger leicht unter Kontrolle zu halten. Mit Friedrich Merz gibt es einen profilierten potentiellen Renegaten und mit der FDP eine mögliche politische Alternative für die Mitglieder und Wähler. Hinzu kommt, dass diese Gruppe größer als alle anderen Flügel ist und inzwischen so etwas wie das Herzstück der Partei bildet. Spätestens die gemeinsame Wanderschaft von Merz und Westerwelle hat die CDU-Führung aufgeschreckt und wird wohl zu einer leichten Kurskorrektur führen.

Das zeigt aktuell der Umgang mit Josef Schlarmann, der seit 2005 die Mittelstandsvereinigung führt. Diese CDU-Vereinigung hat immerhin rund 30.000 Mitglieder. Nachdem Schlarmann in einem „Spiegel"-Interview Bundeskanzlerin Merkel für ihre auf die SPD ausgerichtete Politik scharf kritisiert hatte, wurde zunächst massiver Druck auf ihn ausgeübt und versucht, den unbequemen Kritiker zu isolieren. Jetzt bemüht sich die Parteiführung wieder darum, Schlarmann einzubinden.

Er soll an einem Antrag mit dem Titel „Die Mitte stärken“ mitarbeiten. Schlarmann glaubt: „Die CDU-Spitze hat eingesehen, dass wir die bürgerliche Mitte und damit auch den Mittelstand brauchen." Im September dieses Jahres veranstaltet die Bundestagsfraktion der Union einen „Unternehmertag.“ Laut „Spiegel" darf jeder der 223 CDU/CSU- Bundestagsabgeordneten vier Mittelständler mitbringen. Dass solche substanzlosen Papiere und Veranstaltung den CDU-Wirtschaftsflügel wieder mit der Politik der Bundeskanzlerin versöhnen, ist allerdings fraglich.


Informationen

Fortsetzung des Themas demnächst: "CDU-Liberale: Der Wirtschaftsflügel und die FDP"

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