05. September 2008

Paul Potts Der ewige Pop

Singend gegen das System

Er heißt Paul Potts und sieht aus wie Teekessel: Spätestens aber seit er mit Pavarottis Bravourarie „Nessun Dorma“ die aktuelle Bundesligasaison in der Münchner Allianz-Arena eröffnete, seit er mit Single und Album zeitgleich Platz eins der deutschen Verkaufs-Charts belegt, müssen wir den ehemaligen Handyverkäufer aus Bristol einen Star nennen. Aber in welchem Metier? Ist er Popsänger, Opernheld, Selbstvermarkter, Ich-AG? Von allem ein wenig und zudem ein neuer Typus in Sachen Instant-Marketing. Er ist, der er scheinen will, und er weiß, dass er nur scheint.

Die meisten bisherigen Retortenstars, die einen „Je-ka-mi“-Marathon mitsamt derben Jurorensprüchen überstanden, waren „sudden Flops“. Sie sangen nur einen Sommer lang, dann oder eher trieb das nächste Wettbewerbchen ein neues Opfer durchs TV-Dorf. Darob wiederum waren die Jungspunde rechtschaffen erzürnt. Man gebe ihnen partout keine Zeit, man wolle sich jetzt aber entwickeln, etwas ganz Eigenes machen. Man schalt die Nährlauge, der man entstiegen war. So erging es Alexander „Superstar“ Klaws oder „Nu pagadi“ oder Tobias Regner oder Max Mutzke oder der rothaarigen Bayernröhre Elli Erl.

Bei Paul stehen die Dinge anders. Er ist mit 37 Jahren jenseits des Nachwuchsalters und obendrein so authentisch unattraktiv, dass er sich keinem antizyklischen Verkaufskonzept verdanken kann. Seine proletarische Vita rührt. Dass er zwischen den Jobs als Regalauffüller und Kleinwagenverkäufer auch Zeit fand für den einen oder anderen Sangeskurs und manche semiprofessionelle Operndarbietung, schmälert den Reiz des „Von Null auf Hundert“ nicht. Er stand bis zu seinem Sieg im Sommer 2007 bei „Britain’s Got Talent“ auf der Schattenseite des Lebens. Seine Frau, nicht minder übergewichtig, fand er per Internet.

Während die deutschen „Superstars“ allesamt am kollabierenden Interesse zugrunde gingen und darum nichts mehr haben, womit sie wuchern können, hat Paul Potts eine famose Ausgangslage. Er brachte nämlich sein Talent dort an den Mann, wo es zum Alleinstellungsmerkmal taugte. Er machte nicht mit beim Contest des „Wer schreit schräger?“ oder „Wer ist nackter?“, sondern schuf sich eine eigene Konkurrenz, in der er konkurrenzlos war. Er sang als Möchtegern-Opernstars unter lauter Möchtegern-Popstars. Das war extrem clever und konnte nur mit dem Sieg enden. Alles sprach dafür: das Überraschungsmoment, der Überrumpelungseffekt, der groteske Kontrast zwischen Innen und Außen, Stimme und Outfit und natürlich die Fähigkeit, jeden Ton tatsächlich zu treffen. Wir sahen Juroren weinen.

Ja, natürlich: Der Hessische Rundfunk hat Ton um Ton nun dargetan, wie weit doch Potts hinter Carreras, Pavarotti, Domingo zurückbleibt. Es fehlt an den Bögen, am Volumen, an der Kraft gerade im Piano- und Pianissimo-Bereich. Das verschlägt nichts. Er wird auch künftig der opernsingende Popstar bleiben und damit selbst auf Opernbühnen außer Konkurrenz stehen. Die Herkunft seines Ruhms, ein Kainsmal bei der Popfraktion, verbürgt gerade den außergewöhnlichen, geschützten Status. Er ist nicht noch ein Wettbewerbsgewinner, nicht noch ein Pop-Klon am endlosen Fabrikationsband, sondern der erste Opernheld, der aus der Popwelt kam. Er nutzte das entwürdigende Spektakel, um es zu entwaffnen und sich so seine Würde zu sichern.

Man kann offenbar auch im 21. Jahrhundert mit dem System gegen das System rebellieren. Nicht alles ist geregelt. Dauerhafter Ruhm ist ihm deshalb nicht gewiss – aber ein Schein, der bleibt. Singe also, Paul, singe und denk nicht an Morgen!

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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