08. September 2008

SPD-Führungswechsel Kurt Beck und das Dussel-Prinzip

Über das Prinzip des Nachrichten-Durchstechens

Es war in der 22. Minute des Fußballweltmeisterschaftsqualifikationsspieles zwischen Liechtenstein und Deutschland, als der deutsche Nationalspieler Serdar Tasci einen Pass ins Niemandsland zuwege brachte. Die Fehlleistung kommentierte der Reporter mit der neudeutschen Floskel, das sei aber ein optimistischer Pass gewesen. Daran haben wir uns schon gewöhnt: Zu lange oder zu kurze Pässe, zu frühe oder zu späte Torwartparaden werden neuerdings optimistisch genannt. Misslungenes aller Art wird als Ausfluss eines unangebrachten Optimismus gebrandmarkt.

So gesehen, war Kurt Beck ein sehr optimistischer SPD-Vorsitzender. Er scheiterte, und sein Scheitern trägt die Züge eines Meuchelmords. Er selbst sprach in der gestrigen Rücktrittserklärung nicht ganz zu unrecht von „gezielten Falschinformationen“ aus dem Herzen seiner Partei, die dazu geführt hätten, dass die Medien den „Ablauf meiner Entscheidung“ irrig darstellten. „Das war und ist darauf angelegt, dem Vorsitzenden keinen Handlungs- und Entscheidungsspielraum zu belassen.“

Inwieweit die Chronologie der Ereignisse falsch wiedergegeben wurde, ob Beck also vielleicht doch ein Akteur, ein Täter und kein Getriebener gewesen ist bei der Kür Frank-Walter Steinmeiers zum Kanzlerkandidaten, sei dahingestellt. Auf jeden Fall aber waren es gezielte, von sogenannten Parteifreunden strategisch eingesetzte Informationen, die ihm das Genick brachen. Wichtige Teile der SPD wollten den Belastungsfaktor Beck, das Umfragemonster aus der Pfalz, loswerden. Das kann man Mobbing nennen, Putsch oder Notbremse. Eine Zukunft mit Beck konnte es nicht geben.

Im Journalistenjargon, der es am Sonntag bis in die Hauptnachrichten brachte, ist solches absichtsvoll weitergereichtes vertrauliches Material eine „durchgestochene Info“. Damit soll ausgedrückt sein, dass die Wand aus Verschwiegenheit und Loyalität, die jeden Machtzirkel idealtypisch umgibt, hier ausnahmsweise durchbrochen ward. Mit dem Messer des eigenen Interesses machte sich da jemand auf, griff zum Hörer, lud zum Vieraugengespräch und reichte die heikle Nachricht zum Vorteil des Überbringers weiter, stach eben durch.

Solche Durchstecherei ist des Reporters täglich’ Brot und alles andere als die Ausnahme, sondern die Regel im tagespolitischen Geschäft. Die Titelseiten der Zeitungen wären leer, würde nicht jeden Tag Material zuhauf durchgestochen. Immer will der eine den anderen bloßstellen, der andere den einen kleinhalten. Und umgekehrt.

Kurt Beck ist nun gewiss an seiner Führungsschwäche, seiner mangelnden politischen Intelligenz und einem unzuverlässigen Instinkt gescheitert. Der Abgang aber war, wie es die Metapher vom Durchstechen andeutet, Mord an einem König, der längst schon keiner mehr war, ein gnadenloser Gnadentod. Gerade auf seiner letzten Wegstrecke als Parteivorsitzender wurde der weinfesterprobte Pfälzer mehr und mehr eine Gestalt nicht von tragischer, sondern von komischer Gestalt. Er wurde zur Verkörperung des Dussel-Prinzips.

Der Cousin des notorischen Pechvogels Donald Duck, mit langer Zipfelmütze, langen, dünnen Haaren und unablässig neuen Plänen und Ideen, die zu stets größeren Katastrophen führen, ist ein sympathischer, einfallsreicher Naivling. Zwar nicht die gute Laune des Dussel Duck war Becks Markenzeichen, wohl aber dessen ungetrübte Bereitschaft, jeden Tag sich in neue Pläne zu stürzen und jeden Abend zu vergessen, dass diese gerade fürchterlich missrieten. Dussel ist neugierig, aber lernunfähig, einsatzbereit, aber geschichtsblind.

Einmal lockt er Donald zum Wasserski aufs Meer, setzt sich selbst ins Elektroboot und zieht den armen Vetter hinter sich her. Als das Gaspedal klemmt und Donald bös unters Wasser gerät, lacht Dussel nur – „Stoppen ist nicht“. Prompt versagt auch noch das Lenkrad. Dussel hält es bei Höchstgeschwindigkeit wirkungslos in die Höhe, es ist abgebrochen. Dussels launiger Kommentar erschöpft sich in der Weitergabe der Information an den hinter ihm mit den Fluten ringenden Donald: „Das nenn ich Extremsport, Donni! Guck mal, ohne Steuer!“

Dussel stellt nur fest und werkelt stets weiter. Er überbringt Mal um Mal schlechtere Zwischenstände, die er herbeigeführt hat, für die er sich aber nicht zuständig fühlt. Und tags darauf hat er sein eigenes Versagen vergessen: War da was?

So müssen wir uns rückblickend das fehlende Navigationstalent des Kurt Beck im Elektroboot namens SPD vorstellen. Er zog eine Partei hinter sich her, die dank seiner unsteten Tempowechsel und schlingernder Richtungsvorgaben sich nicht mehr an der Oberfläche halten konnte. Sie tauchte ab und unter, kämpfte mit dem Seegang, ermüdete und wurde schließlich böse. Kurt Beck sah erst hinter sich, da die Partei die Messer schon wetzte. Da durchfuhr es ihn.

So zeigt denn die Komödie um den Abgang des einen und den Aufstieg des anderen Politikers, dass das herrschende politische Personal momentan aus Naivlingen und Durchtriebenen besteht. Viel wäre gewonnen, kämen statt ihrer die echten, die realistischen Optimisten an die Macht – Menschen, die um die Gefährdungen eines jeden Optimismus wissen und dennoch nicht ins Nieselprimige, Novemberhafte, Bedenkenträgerische abdriften. Solche ganz undurchtriebene Optimisten braucht das Land, das unser zu nennen heute schwerer fällt denn je.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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