15. September 2008

SPD Eulenspiegel, Phönix und die sozialdemokratische Lust am Unverdauten

Eine Partei auf dem Weg unter die Gürtellinie

Ein Schattenminister sprach den angemessenen Wochenkommentar: „Shit happens“. Dixit Hermann Scheer, fest verankert am dunkelroten Rand der weiland sozialdemokratischen SPD, womöglich künftiger Minister einer Ypsilanti-Landesregierung von der Linken Gnaden. Der hessische Hoffnungsträger bezog sein derbes Statement auf die Flucht Kurt Becks, die Hinterzimmermachtübernahme durch Frank-Walter Steinmeier und den neuen Akt im unendlichen Drama „Müntefering aus der Asche – Ein Phönix startet durch.“

Das mag man so sehen, das muss man nicht so formulieren. Es passt aber in die neue Lust einer Zwanzigprozentpartei an Kakophonie und Skatologie: Hatte nicht Müntefering, immerhin in seinem 69. Lebensjahr, die Devise ausgegeben „Lieber heißes Herz als Hose voll“? Und war das wiederum nicht die größtmögliche Absatzbewegung von Kurt Beck, der am Beginn seines letzten Sommers als Parteivorsitzender hinter verschlossener Tür die Seinen anherrschte, er könne „den ganzen Scheiß“ nicht mehr hören? Was wiederum ein Echo gewesen sein muss auf des ewigen Kanzlers Helmut Kohl Maxime, entscheidend sei, „was hinten raus kommt“.

Wenn Männer, die als Senioren und Patriarchen durchgehen, zur verbalen Kesselflickerei neigen, befinden sie sich im Wahlkampf oder stehen mit dem Rücken zur Wand. Beides trifft auf die Partei zu, von der die Rede ist. So sehr spürt man sich in die Enge getrieben, dass bloßes Schimpfen und Granteln nicht weiterhilft – selbst Finanzminister Peer Steinbrück diagnostizierte in der zurückliegenden Woche eine „kommunikative Inkontinenz“.

Die Fixiertheit auf das Ausgeschiedene, Unverdaute, Schmutzige soll den Rückfall der Partei in ein unreifes, kleinkindliches Dasein verhindern, von dem es gerade Zeugnis ablegt. Als echte Kerle, als potente Jünglinge wollen die Männer an der Spitze wahrgenommen werden, während sie verbal in die Analphase regredieren. Sie hauen mit Patschehändchen jene Sandburgen der Macht zu Brei, die sie errichteten. Deftig bedecken sie die Leerstelle namens Inhalt.

Das ist interessant zu beobachten und ein trauriger Fall. Vom Bemühen, dem Volk aufs Maul zu schauen, bleibt der Versuch, so ungezügelt und drastisch zu reden, wie dieses vielleicht einmal geredet hat. Vom Ehrgeiz, endlich wieder unterscheidbar zu werden und souverän zu wirken, bleibt der Ausflug ins verbale Proletentum. Damit lässt sich – quod erat demonstrandum – eine kleine Weile Aufmerksamkeit erzielen, sehr bald aber nur Überdruss. Nicht von kleinkindlichen Greisen will der mündige Bürger vertreten sein, nicht im fluchenden Besserverdiener sieht die Unterschicht sich gerne gespiegelt.

Die letzte Figur, der die Verbindung von Bauernschläue, Boshaftigkeit und Analsprache gelang, war Till Eulenspiegel. Wandelt die SPD auf dessen Spuren?

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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