André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Eurovision Song Contest: Ein Fall für den Verfassungsschutz

von André F. Lichtschlag

Die Demokratie wurde als minderwertig verworfen – oder: Von Moskau siegen lernen

Die Reaktion ist auf dem Vormarsch: Der Eurovision Song Contest wird zukünftig wieder eine Jury bekommen – zusätzlich zu den demokratischen Telefonabstimmungen der Zuseher. Ab 2009 – der nächste Musikmegawettbewerb wird am 16. Mai in Moskau stattfinden – sollen nationale Juroren über Sieg und Niederlage wieder mitentscheiden.

Motiv dafür war vordergründig das westliche Geraune über eine „Mafia aus Osteuropa“ – weil sich die dortigen Staaten die Stimmen gegenseitig zuschanzen würden. Tatsächlich waren es nationale Minderheiten in Ost und West, die – wie ef-online analysierte – für Verzerrungen sorgten. So verdankt Dima Bilan den letzten Sieg eher den vielen Millionen Auslandsrussen außerhalb der Russischen Föderation als seinem tänzerischen Talent. Und die Türkei erhielt aus mehr migrationsgeschichtlich denn musikalisch nachvollziehbaren Gründen in den letzten Jahren von Deutschland regelmäßig die Höchstzahl von 12 Punkten, ebenso wie in Frankreich und den Niederlanden, wo die Armenen als zweitgrößte Minderheit dann auch stets den zweiten Platz belegten, unabhängig davon wie schlecht die Darbietungen auch waren.

Was waren das noch gute alte Grand-Prix-Zeiten, als etwa ABBA mit einem guten Lied kompetent von Expertengremien zu Siegern erklärt wurde. Im demokratischen Europa hätten die Schweden nicht den Hauch einer Chance gehabt. In den letzten Jahren wurden die Jurys nach und nach durch Volksabstimmungen per Telefon ersetzt. Zuletzt wurde europaweit demokratisch entschieden – eine Katastrophe, vor allem im vorletzten Jahr mit der unansehnlichen serbischen Balkangewinnerin.

„Ausgerechnet in Moskau traf man sich, um der demokratischen, volksnahen Wahl des besten Sängers im Eurovision-Universum ein Ende zu setzen“, kommentiert heute bissig die „Welt“. „Da auf den Zuschauer kein Verlass ist“, so die „Welt“, „sollen nun professionelle Juroren mitentscheiden, wer die besten Lieder trällert.“ Die Jury soll das Ergebnis des jeweiligen Landes zukünftig mit 30 bis 50 Prozent mitbestimmen dürfen.

Das demokratische Experiment, so sind sich die deutschen Medien beim Musikrevisionismus wohlwollend einig, musste dringend abgebrochen werden, weil durch die Volkswahl der Nationalismus entfacht und gefördert wurde und die Qualität der Abstimmungsergebnisse schlicht zunehmend miserabel war.   

Und das soll bei politischen Wahlen, wo das demokratische Experiment nun in vielen Ländern schon einige Jahrzehnte andauert, so gänzlich anders sein?

Internet

Eurovision Song Contest: Westmafia, Ostlesbe und der vielleicht beste Grand Prix aller Zeiten


16. September 2008

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