20. September 2008

Kreditkrise Die Zeichen stehen auf Stagflation

Der zentralbänkerische Wahnsinn setzt sich fort

In der vergangenen Woche spitzte sich die Krise an den Märkten für Immobilienkredite zu. Sie hat fast jedes größere Kreditinstitut erfasst. Aus dem Kreis der namhaften amerikanischen Investmentbanken haben sich die meisten traditionsreichen Stars verabschiedet. Bear Stears war das erste Opfer, zwischenzeitlich sind Lehman Brothers und gegen Ende der Woche nahezu auch Morgan Stanley gefolgt. Der größte Versicherer AIG, dessen Geschäftsmodell der Einvernahme von Kreditrisiken der Akteure an der Wall Street gescheitert ist, ist mit der unglaublichen Summe von 85 Milliarden US-Dollar gerettet worden. Zuvor sind bereits die staatlich unterstützten Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac durch die Fed ausgelöst worden. Nun trumpfen Paulson und Bernanke mit einem umfassenden Rettungsplan auf, nach dem die in die Krise geratenen Forderungen von ihren Eigentümern auf eine neue Institution transferiert werden sollen.

Zu einer freien Marktwirtschaft gehört neben dem Profitprinzip auch das Verlustprinzip. Wer im Wettbewerb schlecht agiert, der wird durch die unweigerlich folgenden Verluste diszipliniert, auf dass er fortan seine Tätigkeit entsprechend anpasst. Dieses Verlustprinzip wird durch die Fed aufgehoben. Sie hält Unternehmungen und deren Investments am Leben, indem sie deren Verluste übernimmt. Diese Übernahme erfolgte bislang größtenteils aus eigenen Mitteln der Fed, indem sie zunehmend ihre Standards für Kreditsicherheiten absenkte, unter denen sie bereit war, frischen Kredit zu gewähren. Dies begrenzte die Kreditmengenausweitung.

Mit der Rettung der AIG hat sich das geändert. Am Abend des 16. September hat die Fed die Federal Reserve Bank of New York ermächtigt, der AIG eine Kreditlinie in Höhe von 85 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von 24 Monaten zur Verfügung zu stellen. Als Sicherheit dienen solche Forderungen der AIG, die von niemandem anders mehr akzeptiert werden und insbesondere die Gesellschaftsanteile aller Tochtergesellschaften der AIG. Außerdem erhält die Fed of New York eine Option auf 79,9 Prozent des Eigenkapitals der AIG selbst. Die AIG zahlt für diesen Kredit einen Aufschlag von 850 Basispunkten über dem LIBOR. Mit anderen Worten: Die Fed of New York gewährt der AIG einen Kredit, der die Kreditgeberin zum faktischen Eigentümer der AIG macht. Aus der sofortigen Genehmigung des Boards der AIG folgt, dass es keine andere Möglichkeit für ihren Vorstand gab, den eigenen Arbeitsplatz zu retten. Daraus folgt auch, dass es am Markt niemanden mehr gab, der die AIG zu besseren oder ähnlichen Konditionen übernommen hätte. Wieder anders gewendet: Die AIG ist verstaatlicht worden.

Das bedeutet nun nichts anderes, als dass die Signalfunktion von Verlusten, ja die Möglichkeit von Verlusten selbst, nicht mehr gegeben ist. Kapitalismus ohne Verluste gibt es nicht. Richtig wäre es gewesen, die AIG Pleite gehen zu lassen. Das hätte bedeutet, dass das gesamte Eigenkapital der AIG aufgezehrt wird und die das Eigenkapital übersteigenden Verluste von den Fremdkapitalgebern getragen werden. Danach sind die alten Fremdkapitalgeber nun die neuen Eigentümer und können mit dem Unternehmen verfahren, wie ihnen beliebt. Sollte das Geschäftsmodell tragbar sein, dann resultiert allein aus dem Verzicht der alten Gläubiger auf die Durchsetzung ihrer Forderungen ein schuldenfreies Unternehmen, das wieder Geld verdienen kann. Die alten Eigenkapitalgeber hätten gelernt, dass das von ihnen betriebene Geschäft zu waghalsig war und andere Aktionäre und Vorstände von anderen Unternehmen der gleichen Branche hätten ihre Schlüsse daraus gezogen. Die Fremdkapitalgeber anderer Unternehmen hätten sehen können, wie es um die Sicherheit ihrer Forderungen bestellt ist und entsprechend ihr Risiko reduziert, möglicherweise Kredite nicht verlängert. Volkswirtschaftlich gesehen wären Schlechtinvestments, die ein zu gewagtes Risikoprofil aufweisen, liquidiert worden und das freiwerdende Kapital hätte neuen, lohnenderen Projekten zur Verfügung gestanden. Denn es wäre offensichtlich gewesen, dass die Investition in immobilienbesicherte Forderungen nicht die beste aller Anlagealternativen gewesen ist.

Üblicherweise vollzieht sich in einem freien Markt dieser Anpassungsprozess schnell. Hier ist es aber anders. Die Übernahme der AIG durch die Fed verhindert die schnelle Durchführung des Anpassungsprozesses. Die Eigenkapitalgeber der AIG erleiden keinen Totalverlust, sondern werden mindestens 20 Prozent des eingesetzten Kapitals behalten. Noch besser ist die Situation für die Gläubiger der AIG. Sie werden für mindestens zwei Jahre aus dem Vermögen der Fed of New York bedient und erleiden für diesen Zeitraum überhaupt keine Verluste, sofern die bereitgestellten 85 Milliarden US-Dollar ausreichen. Davon ist auszugehen, da es sich wahrscheinlich hauptsächlich um eher kurzfristige Schulden handelt, die die AIG begleichen muss.

Was bezüglich der AIG im Kleinen durchexerziert wurde, soll der bislang nur grob umrissene Rettungsplan für die Branche im Großen bewirken, nämlich den Transfer schlechter Investments weg von schlechten Spekulanten. Dadurch werden weder die Spekulanten noch ihre Investments besser, so dass der neue Eigentümer die Risiken daraus trägt – und der Spekulant womöglich weiter macht wie bisher. Da es derzeit wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt Käufer für diese Anlagen gibt, ist das Geschäft für den neuen Eigentümer mit Sicherheit ein schlechtes. Wer hat je geglaubt, dass die Anlageentscheidungen des Staats besser als die einer Investmentbank oder reichen Privatanlegers sind? Den Schaden aus dem AIG-Geschäft und dem avisierten Großdeal tragen die Steuerzahler. Sie werden das Geschäft letztendlich finanzieren müssen. Alle Verwender des US-Dollars bezahlen zusätzlich mit einer höheren Inflation, denn das AIG-Geschäft wird über die Ausgabe neuer US-Staatsanleihen finanziert. Deren Erlös wird bei der Fed geparkt, um ihre mittlerweile gebeutelte Eigenkapitalbasis zu verbessern. War vor einiger Zeit noch unklar, ob die derzeitigen Aktionen der Fed eine höhere Inflation bedeuten, so signalisiert der Markt mittlerweile, dass sich zumindest die aktuellen Rettungsmaßnahmen hochgradig inflationär auswirken. Am 17.09.2008 konnte der Goldpreis den höchsten Tagesgewinn aller Zeiten verzeichnen und stieg um 90,40 US-Dollar oder 11,6 Prozent. Der Goldpreis ist – ungeachtet aller industriellen und schmückenden Verwendungsmöglichkeiten für Gold – der beste Indikator für eine befürchtete Inflation. Es steht zu vermuten, dass auch der Rettungsplan von Paulson und Bernanke inflationserhöhend wirken wird, wenn auch der Goldpreis am Freitag zunächst gefallen ist.

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