20. September 2008

Pro Köln Nazis hetzen gegen Minderheiten

Ein Kongress wird für vogelfrei erklärt

In dunkelster Tradition wird mitten in Deutschland heute wieder von der Staatsmacht, von SA-Schlägertrupps und von der vereinten volkstreuen Presse gegen eine kleine rechtlose Minderheit gehetzt.

Die Minderheit wollte sich gestern und heute in Köln zu einem Kongress treffen. Bereits Wochen zuvor begannen Politiker und Medien in der Stadt, dann im Land und am Ende auch bundesweit, das Volk gegen die kleine Minderheit einzustimmen. Der Bürgermeister und der Ministerpräsident forderten die volkstreuen Bürger auf, die Fenster zu verschießen, wenn die Minderheit sich in der Nähe befände. Taxifahrer, Gaststättenbesitzer und Hoteliers wurden von Politik, Presse und Funk darauf eingeschworen, die Minderheit keinesfalls zu chauffieren oder zu bewirten. Wer sich dem nicht anschlösse, der solle sehen, wie er mit den zu Tausenden angekarrten extrem gewaltbereiten SA-Truppen zurechtkäme... Schon Wochen zuvor wurden von dieser SA Angehörige der Minderheit bei mehreren Überfällen schwer verletzt, ohne dass die Taten von der Polizei aufgeklärt wurden. Eine ganze Stadt müsse, so der einhellige Plan, die Minderheit an diesem Wochenende aktiv verhöhnen. Wer bei dem menschenverachtenden Spiel nicht mitmache, der sei einer von ihnen und müsse genauso behandelt werden.

Besonders perfide werden von den Medien die Opfer der Minderheit zu Tätern umdefiniert. Heute Nachmittag wird es, das ist fest geplant, Ausschreitungen der SA gegen die Minderheit geben, die Polizei wird dabei schon mal ein Auge zudrücken. Die Medien werden wie immer in solchen Fällen berichten, dass es „beim Kongress der Minderheit zu massiven Gewalttätigkeiten und Festnahmen kam“. Dass die Gewalt von der SA und nicht von der eingeschüchterten, rechtlosen Minderheit ausgeht, wird einmal mehr verschwiegen. Ein deutscher Volksschriftsteller, der seit Wochen besonders massiv gegen die Minderheit hetzt, wird seit Tagen immer wieder mit den Worten zitiert, dass die Minderheit, wenn sie könne wie sie wolle, ihn sofort ermorden würde. Dafür gibt es zwar nicht die Spur einer Erklärung oder auch nur eines Ansatzes, aber währenddessen wird die so zum virtuellen Täter (der angesehene Schriftsteller muss es ja wissen) hochstilisierte Minderheit in der Stadt für vogelfrei erklärt und gejagt.

Von den bundesweiten Medien ist es einmal mehr „Spiegel-Online“, das in „Stürmer“-Manier von der Hatz gegen die Minderheit berichtet. Deren Autor Lenz Jacobsen kann seine sadistischen Gelüste in kaum einer Zeile mehr verbergen. Wir möchten diesen neuerlichen Tiefpunkt deutscher Mediengeschichte dokumentieren und haben dazu lediglich die Minderheit und die SA-Truppen als solche ausgewiesen, ansonsten ist der in normalen Zeiten in einem normalen Land ungeheuerliche „Spiegel“-Text unverändert:

„Reinfall der Minderheit. Von Lenz Jacobsen, Köln. Der Auftakt der Minderheitenkonferenz in Köln ist gefloppt – zumindest aus Sicht der Minderheit: Mit einem spektakulären Treffen wollten die Angehörigen der Minderheit Stimmung machen. Übrig blieb eine chaotische Lachnummer. Irgendwann fingen sie an, Karten zu spielen. Da saß die Minderheit bereits seit Stunden auf dem Rhein in Köln fest, an Deck des Ausflugsdampfers Moby Dick. Ziellos, mit einer eingeschlagenen Scheibe, trieben sie auf dem Fluss. An Land warteten die SA-Truppen auf die Angehörigen der Minderheit, an Bord hatte die Polizei das Kommando übernommen. Dann spielte die Minderheit eben Karten. Was sollten sie auch sonst tun? Der erste Tag des Minderheitenkongresses, groß angekündigt als Gipfeltreffen der Minderheit, war ein Flop – zumindest für die Angehörigen der Minderheit. Begonnen hatte alles im Vorort Rhodenkirchen. Dort wollte die Minderheit eine Pressekonferenz abhalten, traf aber auf wütende SA-Männer. Ein paar Steine und Farbbeutel flogen, zwei Angehörige der Minderheit mussten sich hinter die Linien der Polizei flüchten. In einer Kommandoaktion lotsten die Vertreter der Minderheit die Presse direkt zu einem Bootsanleger am Rhein. Dort wartete Moby Dick. Kapitän und Reederei hatten nicht gewusst, wen sie da über den Fluss schippern sollten, gemietet war das Schiff für ein Treffen von Rechtsanwälten. Wieder flogen Steine, eine Scheibe – einer der martialischen Deko-Zähne von Moby Dick – ging zu Bruch. Das wurde den Angehörigen der Minderheit zu heiß. Kurzerhand legten diese mit den Gästen und den paar Journalisten, die es bis dahin an Bord geschafft hatten, ab und flohen auf den Fluss. Mehr als vier Stunden sollten sie dort gefangen bleiben. Zuerst wetterten die Angehörigen der Minderheit auf dem Rhein ausgiebig gegen die ‚Gewalttäter’ der SA, darüber, dass die Polizei mit diesen gemeinsame Sache mache, dass dies die ‚Saat von Rüttgers und Schramma (dem Kölner Oberbürgermeister) ist, die hier aufgeht’. Ein ausländischer Gast der Minderheit wiederholte immer wieder, so etwas könne in seinem Heimatland nie passieren. Unterdessen prangerte die Polizei an Land das Katz-und-Maus-Spiel der Minderheit an – über den spektakulären Bootstrip hatten die Minderheitenvertreter sie nicht informiert. ‚Wir werten deren Vorgehen als ungeheure Provokation’, erregte sich ein Polizeisprecher. An den Ufern des Rheins verteilten sich die SA-Männer, insgesamt wohl kaum mehr als 200, um das Anlegen des Schiffes zu verhindern. Doch an Bord hatte schon lange die Polizei das Kommando übernommen. Der Kapitän wollte mit seinem beschädigten Schiff nicht weiterfahren. Moby Dick trieb in Begleitung von Polizeibooten auf dem Fluss. ‚Wir werden hier seit Stunden gefangen gehalten’, erregte sich ein Vertreter der Minderheit, ‚das wird ein ganz massives Nachspiel haben.’ Da waren die ausländischen Gäste schon zum Kartenspielen übergegangen. Gegen 15 Uhr schließlich hatten die Vertreter der Minderheit dann doch wieder festen Boden unter den Füßen. Unter Polizeischutz und von Dutzenden Kameras und Journalisten verfolgt, kletterten sie aus dem Bauch von Moby Dick – und wussten ein weiteres Mal nicht weiter. Denn auch ihr nächster Programmpunkt war da schon passé. Eigentlich wollten sie mit Bussen ‚eine Rundfahrt durch einige Stadtteile’ machen. Doch als die Busfahrer hörten, wen sie da durch die Stadt kutschieren sollten, fuhren sie einfach wieder nach Hause. Die Polizei setzte noch einen drauf und verbot die Rundfahrt – mit welchen Bussen auch immer. Beschimpft, gefilmt, verspottet. So stand das Häuflein der Minderheit in Zweireihern an seinem Bootsanleger, und war ein weiteres Mal gefangen. Rund herum hatten sich die SA-Männer, vielleicht hundert Aktivisten, aufgestellt. Es gab keinen Ausweg. Auch die Polizei wollte nicht helfen. ‚Wie kommen wir denn jetzt hier weg?’, fragte ein ausländischer Gast der Minderheit den Einsatzleiter. ‚Also, wir halten Sie ja nicht auf’, antwortete dieser, ohne eine Miene zu verziehen, ‚Sie können sich ja ein Taxi rufen’. Und so stand die Minderheit mit ihren Handys am Ohr am Ufer, umringt von Kameras, beschimpft von den SA-Männern, und versuchte verzweifelt, Autos für ihren Abtransport zu organisieren. Erfolglos. Keiner wollte sie fahren, die Taxifahrer weigerten sich, solche Gäste aufzunehmen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sahen die Angehörigen der Minderheit sehr verloren aus, war ihr Kongress zur chaotischen Lachnummer verkommen. Ein Minderheitenvertreter echauffierte sich vor den Kameras und Mikrofonen über die ‚skandalöse Polizeiarbeit’, ‚Armes Deutschland’, murmelte eine Frau immer wieder. Gegen 18 Uhr schließlich hatte die Polizei ein Erbarmen, packte die verbliebenen Angehörigen der Minderheiten in Bullis und brachte sie weg. Eine Stunde später fiel die ganze Minderheitenmannschaft, rund 50 Personen, bei Maic Zimmermann ein, dem Besitzer der Gaststätte Yachthafen in Köln-Porz. ‚Die standen plötzlich hier auf der Terrasse und wollten eine geschlossene Gesellschaft in unserem Saal machen’, erzählt der Wirt. Er wusste nicht, wen er da vor sich hatte und ließ sie zuerst Platz nehmen. Doch als ihn SA-Männer aufklärten, schmiss Zimmermann die Gäste raus. ‚Mit denen will ich echt nix zu tun haben, ich hatte auch gar keine Lust, mit denen zu diskutieren’, erzählt er. Ein Angehöriger der Minderheit schlug Zimmermann noch vor, doch mal eben gemeinsam vor die Tür zu gehen – dann machte sich der Tross wieder auf den Weg, auf die Suche nach einer anderen Bleibe, ‚wo man mal ein schönes Kölsch trinken kann’, wie ein Vertreter der Minderheit schon den ganzen Tag voller Vorfreude angekündigt hatte. Ob daraus an diesem Wochenende etwas wird, ist zweifelhaft. Denn die Wirte der Stadt haben schon vor Wochen erklärt: ‚Kein Kölsch für die Minderheit!’“

Übrigens, mal ehrlich: Ich mag diese Minderheit (Pro Köln) auch nicht! Und ihr Anliegen (der Anti-Islamisierungs-Kongress und das Verbot des Baus einer Gebetsstätte) ist falsch. Aber inzwischen ist mir in diesem Lande mehr als mulmig zumute.

Internet

„Spiegel“: Rechter Reinfall, von Lenz Jacobsen

Nachtrag, Samstag, 12.30 Uhr, Geiselhaft am Flughafen

Heute soll der eigentliche internationale Kongress der Minderheit stattfinden. Die Angehörigen der Minderheit haben für 13 Uhr eine Pressekonferenz auf dem Flughafen Köln/Bonn angekündigt. Derzeit sitzen mehrere hundert Angehörige der Minderheit am Flughafen fest, da SA-Männer die Bahnstrecke blockieren und die Polizei nach eigenen Angaben nicht für die Sicherheit auf dem Weg zum Kongress garantieren kann. Ein Polizeisprecher warnte die Angehörigen der Minderheit davor, „ihr Leben aufs Spiel zu setzen“. Bei "Protestkundgebungen" von Tausenden SA-Männern kam es heute morgen bereits zu massiven Gewaltausschreitungen in der Kölner Innenstadt. Ministerpräsident Rüttgers zeigt sich in einer ersten Stellungnahme dennoch zufrieden: "Es ist ein wichtiges Zeichen, dass so viele Menschen in Köln gegen die Minderheit demonstrieren".

Nachtrag, Samstag, 12.40 Uhr, Verbot der Minderheitenmeinung

Der Kongress der Angehörigen der Minderheit wird kurz vor seinem Beginn von der Polizei verboten. Randalierende SA-Männer, Presse und Politik haben ihr Ziel erreicht, der Kongress der Angehörigen der Minderheit "findet nicht statt". Die gewaltlosen, verprügelten Angehörigen der Minderheit werden nun wie erwartet zu Tätern umgeschrieben, deren "Veranstaltung die Sicherheit der Bürger gefährdet" habe, während die Vorhut der SA-Männer einen politischen Freifahrtsschein hat und wie Vandalen noch den ganzen Tag durch Köln ziehen wird. Dabei dürfte so manches Automobil oder Geschäft in Flammen aufgehen und auch dies wird am Ende der "Provokation durch die Minderheit" in die Schuhe geschoben. Am Morgen, so wird jetzt bekannt, hatten bereits Hundertschaften von "gegendemonstrierenden" SA-Männern versucht, Polizisten die Pistolen zu stehlen. Ein Polizist zeigte sich verwirrt: "Unser Ziel war es doch, die Gegendemonstranten zu unterstützen."


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Kaspar Rosenbaum

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