22. September 2008

Gesellschaft und Tod Das Verschwinden der Leiche

Von der Demokratie zur Thanatokratie

Täglich stärker wird der Tod zum wahren Souverän der Weltgesellschaft. Nein, dies ist keine Betrachtung zum abstoßenden Terror-Attentat von Islambad, dem über 50 Menschen zum Opfer fielen, zum tragischen Brand in einem chinesischen Nachtclub, der ähnlich viele Menschenleben kostete, oder zu den unzählbaren Brandherden, Krisenregionen, Konfliktfelder dieser Erde. Nicht geändert, höchstens zugespitzt haben sich extremistischer Todesdrang und technisches Todesrisiko weltweit.

Durchaus neu aber ist die Einordnung der Todesrede in den Alltag, sodass man geradezu von einer Hinordnung des Lebens zum Tode sprechen kann. Offensichtliches Kennzeichen ist die Abkehr vom Begriff der Leiche. Immer mehr Nachrichtenagenturen und Nachrichtensendungen sprechen stattdessen vom toten oder leblosen Körper. Von einem Menschen, der mit Herzstillstand aufgefunden wird, heißt es zunehmend, dessen toten Körper habe man abtransportiert.

Einerseits könnte man den Begriffswandel als verspäteten Anglizismus deuten, als plumpe Übertragung von „dead body“. Andererseits könnte es sich um eine Rückkehr zum Ursprung handeln, meint das mittelhochdeutsche „lich“ doch eben das, den Körper nach dem Leben. Es ist aber eher ein Drittes, das in die Sprache drängt, nachdem es ins Bewusstsein drang: die Neigung, in jedem Menschen vor allem den Körper zu sehen, die Materie, die dann in die Aggregatszustände tot und lebendig zerfalle.

Der Körper wird zum Kontinuum von Leben und Tod, da eben nur er das Ich tragen soll, kein Geist, keine Seele, nichts anderes. Die sprachliche Unangleichbarkeit von Leiche und Körper wird aufgehoben zugunsten ein und desselben Ausdrucks – weder begrifflich noch gedanklich soll es eine scharfe Trennlinie geben zwischen dem, was lebt, und dem, was lebte. Körper seien es eh’, nur Körper, davor und danach.

Gewaltig lügt man sich mit derlei Rhetorik in die Tasche. Der fundamentale Unterschied von Leben und Tod lässt sich nicht nivellieren, ohne dass der Tod an Normalität gewinnt und das Leben seine Fraglosigkeit einbüßt. Wenn der Körper bleibt, egal was geschieht, verliert der Tod sein lebensbeschützendes Tabu. Er steigt empor zu einer zwar grenzwertigen, aber ohne großen Schauder denkbaren Körpervariante. Die Leichtigkeit, mit der Todesbilder im öffentlichen Raum reüssieren, ist schon heute frappierend.

Mal sind es Künstler, die ein „echtes Sterben“ ausstellen wollen, mal Jugendliche, die medial multiplizierte Gewaltphantasien für ihr gutes Recht halten, mal junge Männer, die auf ihren T-Shirts die Botschaft weitertragen „Today I killed my best friend“, mal Kleinwagenfahrer mit der Heckscheibenbeschriftung „Jage nie etwas, das du nicht töten kannst.“

Da kann es nicht verwundern, dass in der zurückliegenden Woche ein weiterer Pfeil ausgesandt wurde, das Tötungstabu zu durchlöchern: Ein Mannheimer Jurist, Ex-Mitglied im Nationalen Ethikrat, plädiert dafür, die aktive Sterbehilfe, das Töten auf Verlangen, „im Einzelfall“ straffrei zu stellen. Ethik sei oft zwiespältig.

Der Tod triumphiert allerorten, wo man in ihm keine finale Schranke sieht, sondern eine bloße Abweichung, keine Neuheit, sondern ein irgendwie modifiziertes Jetzt. Dass es meist der Tod der anderen ist, der so umdefiniert werden soll, macht den Wandel von der Demokratie zur Thanatokratie nicht weniger bedeutsam.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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