29. September 2008

CSU nach der bayerischen Landtagswahl Brutus Ohneland

Das Vorleben einer Niederlage

Das bayerische Erdbeben hält auch diese Lehre bereit: Königsmord lohnt sich nicht immer. Der Sturm, der bei der Landtagswahl über die CSU hinwegfegte und sie auf 43 Prozent zusammenfaltete, ist derselbe Wirbelwind, der die SPD zum absolut historischen Uns-gibt-es-aber-doch-noch-Tiefstand von knapp 19 Prozent magetinalisierte, pardon: marginalisierte.

Den in Berlin fröhlich vor sich hin dilettierenden Großkoalitionären zeigte der bayerische Wähler, radikal wie eh, was eine Harke ist. Die Hinterzimmerfronde gegen Stoiber vor gut einem Jahr hat sich ebenso wenig ausgezahlt wie die noch ganz frische Rache der Altvorderen um Müntefering an Beck. Dass damit in München oder Berlin ein neuer Wind einzöge, ließ niemand sich weismachen.

Der Wille zur Ruchlosigkeit genügt nicht, um mit dem Dolch im Gewande zu reüssieren. Mindestens zwei weitere Zutaten sind vonnöten, damit aus der Machtablösung hinterrücks kein Diadochenkampf wird, der die eben noch Siegreichen hinwegspült: Pathos und Statur. Am ehesten versteht es noch der neue SPD-Prinz Steinmeier, pathetische Wortgirlanden zu flechten. Getäuscht hat er sich dennoch fatal, als er vorletzte Woche im Bierzelt verkündete: „Nutzen wir den Neubeginn in Berlin, das gibt Rückenwind. Auf die nächste Woche kommt es an.“

Wofür das Neue am Neubeginn stehen soll, warum es den Bayern gut tun könnte, verschwieg er. Ein Königsmörder aber ist ohne ganz grundsätzliche, allumfassende Visionen, die seine Tat rechtfertigen, nicht glaubhaft. Der bloße Gesichterwechsel legitimiert nicht den moralfreien Coup. Pathos in großen Dosen muss das moralische Vakuum anfüllen.

Damit wie auch mit Statur, die man dem weltmännischen Steinmeier immerhin wird zusprechen müssen, können Schnarch und Schleich aus der Staatskanzlei nicht dienen. Die doch recht kurze Auflehnung wider Stoiber nutzten sie nicht für neue Projekte, neue Töne, neue Emotionen – im Gegenteil. Der sprachstolpernde Stoiber mag zwar regelmäßig für einen Lacher gut gewesen sein, doch abgesehen von seinem finalen Zaudern bei der Besetzung einer Ministerstelle in Berlin repräsentierte er viele Bayern so, wie diese im fernen Preußen wahrgenommen werden wollen: kantig und trotz Heimatgebundenheit weitläufig. Der stets topmodische dreiteilige Anzug, eng geschnitten, akkurat geknöpft, symbolisierte die Bereitschaft zur bella figura, die manches Äh und Ah entscheidend abmilderte.

Huber und Beckstein hingegen, gleichermaßen verkniffen und bemüht, gelang es schon nach wenigen Wochen im Amt, den Anlass für den Aufruhr wider den Patriarchen vergessen zu machen. Zwei Zwergerl, so schien es, hatten den Löwen in einer schwachen Sekunde am Haupthaar gezupft, und nun saßen sie da, hielten die Mähne in Händen und wussten nicht, wie ihnen geschieht, in nun so schrecklich löwenloser Zeit.

Das personifizierte Interregnum sind die beiden, der unzufriedene Durchschnitt, den es nach Höherem drängt, das westenlose Sakko mit schräger Krawatte. So wie dieses ihre Figur plump verhüllt statt schmeichelnd kleidet, wurden sie Tag um Tag ihres politischen Profils weniger gewiss. Da passte in Auftritt und Gebaren nichts zusammen, mühte man sich durch Sätze, die weder phonetisch noch semiotisch diesen Namen verdienten.

Natürlich ist das Abstrafen der beiden auch ein wenig ungerecht, sind die politischen und wirtschaftlichen Rahmendaten doch unverändert beneidenswert. Das nützt aber wenig, wenn das Führungspersonal den Eindruck vermittelt, in eine Ruchlosigkeit gestolpert zu sein, für die sie trotz Autorschaft nicht vorbereitet war. Trauriger noch als der gestürzte König ist der überforderte Königsmörder. Ihm gerät alles zur Farce, während jener zu den Höhen der Tragik emporsteigt. Dort wärmt er sich am Verleben der anderen.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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