Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Umwelt und Finanzkrise: Rückkehr zur Realwirtschaft?

von Edgar L. Gärtner

Zeitenwende in der Roller-Coaster-Ökonomie?

Führt die sich mehr und mehr zur Katastrophe ausweitende Finanzkrise, ausgelöst durch die künstliche Schaffung des „Subprime“-Segmentes der Wohneigentumsfinanzierung durch die Politik und eine Verselbständigung des undurchsichtigen Handels mit Derivaten und anderen virtuellen Werten, zu einer Rückbesinnung auf die Grundlagen der Old Economy und vielleicht sogar zu einer Wiederkehr des Goldstandards? Vorgänge wie die kürzlich erfolgte Verdrängung des Erlebnis-Konzerns TUI durch den Düngemittel-Hersteller Kali + Salz aus dem deutschen Aktienindex DAX könnten es nahe legen, diese Frage zu bejahen. Doch dürfte sich das als voreilig erweisen. Andererseits erscheint es mir aber auch verfrüht, schon von einer „Epochenwende“ zu reden, wie es der keynesianische deutsche „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger am 29. September in Spiegel-Online tat.

Mein Freund Henri Lepage, ein noch bis vor kurzem im Ruhestandsalter im Europäischen Parlament als Berater beschäftigter liberaler französischer Ökonom, wie ich Mitglied des Institut Hayek in Louvain-la-Neuve (Belgien), warnte in einer seit Jahresbeginn im Internet stehenden Auseinandersetzung mit alarmistischen Thesen des Oberspekulanten George Soros davor, die aktuelle Finanzkrise schon als Beginn der „großen Krise“ nach dem Vorbild der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu betrachten, wie das auch dogmatische Verfechter einer Rückkehr zum Goldstandard tun. Die fortgeschrittene Globalisierung und insbesondere die wirtschaftliche und technologische Dynamik in „Schwellenländern“ wie China mache eine tiefe Depression weniger wahrscheinlich. Das Platzen der US-Subprime-Blase werde vermutlich nur zu einer schmerzhaften, aber alles in allem noch verkraftbaren Rezession führen. In einer im Februar erschienen originellen Analyse der „Roller-Coaster-Ökonomie“ zeigte Lepage: Spekulationsblasen auf der Grundlage zu niedriger Zinsen und der damit zusammenhängenden Bevorzugung spekulativer Kapitalanlagen in „Zukunftstechnologien“ gegenüber kurzfristig rentablen Anlagen in der Konsumgüterindustrie haben die klassische Rolle der Inflation übernommen. Er stützt sich dabei auf die Konjunkturtheorie von Friedrich August von Hayek. Wie andere nicht vom Markt, sondern durch Signale der Politik ausgelöste Spekulationsblasen im Bereich Telekommunikation und Internet (Dotcom-Blase) werde auch die US-Immobilienkreditblase bald durch eine neue Spekulationsblase abgelöst werden: höchstwahrscheinlich von einer Blase im Themenfeld „Klimaschutz – erneuerbare Energien“ (Öko-Industrie-Komplex), vielleicht aber auch im Geschäftsfeld „Gesundheit und Wellness“.

Die politischen Weichen für beide Blasen sind längst gestellt. US-Finanzminister Henry Paulson, der den inzwischen vom US-Repräsentantenhaus abgelehnten Aufkauf fauler Hypotheken durch den Staat auf den Weg gebracht hat, ist auch als glühender Verfechter des CO2-Emissionshandels bekannt. Beide Kandidaten für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ebenso. So könnte es sogar passieren, dass es statt zur Aufwertung der Belange der Realwirtschaft gegenüber dem Finanzsektor zu einer noch stärkeren Konzentration auf virtuelle Werte kommt. Eigenartigerweise gilt der Emissionshandel noch immer als solideres Geschäft als die Immobilienwirtschaft. Andererseits zeichnet es sich in Europa schon jetzt ab, dass die ebenso ehrgeizige wie selbstmörderische „Klimapolitik“ der Rezession zum Opfer fallen wird. Die Blase um Wind- und Solarwerte könnte noch schneller platzen, als von den dort engagierten Shortsellern erhofft…

Man muss sich vor Augen halten, dass die von Paulson geforderte Nothilfe von 700 Milliarden Dollar gegenüber den in den USA von Privathaushalten, den Banken und dem Staat angehäuften Schulden in Höhe von über 50.000 Milliarden Dollar ohnehin ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Von daher scheint es mir sicher: Der Beginn des 21. Jahrhunderts wird nicht als „Zeitalter der Umwelt“ (Ernst Ulrich von Weizsäcker, 1990) in die Geschichtsbücher eingehen, sondern als „Zeitalter platzender Blasen“. Dieses dürfte allerdings, da es so offenkundig den Nachhaltigkeits-Lippenbekenntnissen unserer „Elite“ widerspricht, nicht lange anhalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die gegenwärtige Phase unvollkommener Globalisierung, gekennzeichnet bis vor kurzem durch eine Überproduktion billigen Geldes in den USA unter anderem infolge der marktwidrigen festen Bindung des chinesischen Renminbi (Yuan) an den US-Dollar, durch eine völlige Flexibilisierung der Wechselkurse und der Zinssätze abgelöst werden wird. Dann käme den Spekulationsblasen sozusagen die Luftpumpe abhanden. Denjenigen, die alles auf die Karte des Handels mit heißer Luft gesetzt haben, droht dann ein böses Erwachen.

Internet

Peter Bofinger: „Wir stehen vor einer Epochenwende“

 

Pourquoi je n’y crois pas (Homepage von Henri Lepage)

 

Henri Lepage: L’économie de Roller-Coaster

 

30. September 2008

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