06. Oktober 2008

Einwanderung Verwirrung der Zungen

Warum Großbritannien und Frankreich sich mit Migranten schwertun

Als ich neulich als Sachverständiger in einem Mordprozess auszusagen hatte, wurde ich mir eines kleinen rechtlichen Problems bewusst, welches der zunehmend multikulturelle Charakter unserer Gesellschaft mit sich bringt. Nach englischem Recht ist jemand des Mordes schuldig, wenn er jemanden mit der Absicht tötet, diesen entweder umzubringen oder schwer zu verletzen. Doch der Täter ist eines minder schweren Verbrechens namens Totschlag schuldig, wenn er zuvor in ausreichendem Maße provoziert wurde, oder wenn sein Geisteszustand zum Tatzeitpunkt so anormal war, dass es sich um einen Fall von verminderter Zurechnungsfähigkeit handelt. Der hier von Rechts wegen zur Anwendung kommende Lackmustest ist der Vergleich mit einem angenommenen Normalmenschen – dem Mann auf dem „Clapham omnibus“, wie er in Großbritannien auch bezeichnet wird. Die Frage lautet, ob dieser Otto-Normalbürger sich unter ähnlichen Umständen auch provoziert gefühlt hätte oder ob sich der Geisteszustand des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tötung sehr von dem eines Durchschnittsmenschen unterschied.

Doch wer ist dieser gewöhnliche Durchschnittsmensch heutzutage, wenn er aus hundert verschiedenen Ländern stammen kann? Der Angeklagte in meinem Fall war ein im Ausland geborener Sikh, der eine in England geborene Angehörige derselben Minderheit geheiratet und getötet hatte. Die Verteidigung argumentierte, jedoch ohne Erfolg, dass ein gewöhnlicher Mann aus der traditionellen Kultur seines Mandanten die wiederholte Untreue seiner Frau als besonders verletzend empfinden würde und daher genauso gehandelt hätte.

Vorerst weisen die Gerichte solche Argumente zurück. Doch zufällig fand der Prozess in der selben Woche statt, in welcher der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, kundtat, dass die Aufnahme eines Teils der islamischen Scharia in das britische Rechtssystem „unvermeidlich erscheint“ und dass Menschen in einer multikulturellen Gesellschaft wie Großbritannien wählen dürfen sollten, unter welcher Rechtsprechung sie leben möchten. Angesichts solcher Ansichten war es ermutigend, dass es in der Jury einen Mann gab, der einer anderen Minderheitengruppe angehörte, einer Gruppe zumal, die traditionellerweise in Feindschaft mit der Gruppe des Angeklagten verbunden ist. Das Recht, Juroren ohne Angabe von Gründen anzufechten, was in der Vergangenheit den Ausschluss dieses Mannes bewirkt hätte, wurde in den letzten Jahren stark eingeschränkt, vor allem aus Mangel an Juroren. Dies ist auch gut, denn diese Rechtspraxis unterminiert die Rechtfertigungsgrundlage für das gesamte Jury-System, wonach nämlich normale Menschen, egal woher sie kommen, ihre Vorurteile links liegen lassen und ihre Mitbürger allein aufgrund der Beweislage beurteilen.

Probleme bei der Rechtsauslegung sind nicht die einzigen und auch nicht die wichtigsten Probleme, die in einer zunehmend breitgefächerten Gesellschaft entstehen können. Es gibt sogar unter den schon länger hier lebenden Einwanderern ein weitverbreitetes Unbehagen darüber, dass Großbritannien seinen eigenen Charakter verloren hat. Oder besser gesagt, dass der Verlust eines eigenen Charakters jetzt das Hauptmerkmal dieses Landes ist. Das Land, in das früher einmal Einwanderer kamen oder glaubten zu kommen, existiert nicht mehr. Es hat sich bis zur Unkenntlichkeit ver- ändert, viel mehr und radikaler als dies beim unumgänglichen Wandel der Fall ist, der die Menschen seit Beginn der Zivilisation begleitet hat. Das Gefühl für Kontinuität ist verlorengegangen, was für ein Land mit einer ungeschriebenen und auf Kontinuität fußenden Verfassung beunruhigend ist.

London ist jetzt eine der ethnisch diversesten Städte der Welt, ja nach einem Bericht der Vereinten Nationen ist die Vielfalt dort sogar noch größer als in New York. Und dabei geht es nicht bloß um bunte Bevölkerungssprenkel aus jeder Ethnie und jeder Nation oder um den bereichernden kulturellen Einfluss durch Fremde. Übrigens ist eine Kultur tot, wenn sie den Außenstehenden verschlossen bleibt, obwohl dies nicht unbedingt die einzige Art ist, wie eine Kultur aussterben kann. Gehen Sie nur einmal bestimmte Straßen in London entlang, um auf eine schier babylonische Sprachenvielfalt zu stoßen. Wenn ein Blinder sich lediglich an den Worten der vorbeigehenden Passanten orientieren müsste, um sich zurechtzufinden, wäre er verloren, obschon möglicherweise gerade das Fehlen einer vorherrschenden Sprache ein Hinweis auf den Standort sein könnte. Diese verwirrende Vielfalt heißt indes nicht, dass es nicht auch im heutigen Großbritannien monokulturelle Ausländer-Ghettos gibt.

Ein Drittel der Einwohner Londons wurde außerhalb Großbritanniens geboren. Das ist ein höherer Prozentsatz von Neuankömmlingen als in jeder anderen Stadt der Welt mit Ausnahme von Miami, und dieser Prozentsatz steigt sogar noch an. Und gleichermaßen zeigen die Ein- und Auswanderungszahlen für das Gesamtland, dass dessen Bevölkerung sich in einem rapiden Austauschprozess befindet. Viele der Neuankömmlinge kommen aus Pakistan, Indien und Afrika, andere aus Osteuropa und China. Wenn der jetzige Trend andauert, dann werden Experten zufolge in zwanzig Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der britischen Bevölkerung außerhalb des Landes geboren sein, und mindestens ein Fünftel der ursprünglichen Bevölkerung wird ausgewandert sein. Großbritannien hatte immer schon Einwanderer: Französische Hugenotten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes kamen, vor preußischer Repression flüchtende Deutsche, vor zaristischer Unterdrückung fliehende Juden und nach dem Zweiten Weltkrieg hier gebliebene italienische Kriegsgefangene – sie alle wurden absorbiert. Doch es waren nie so viele, und noch nie ging alles so schnell wie heute.

Es gibt durchaus Angst vor diesem nie dagewesenen demographischen Wandel, und die Bürger sagen mehrheitlich aus, wenn sie denn danach befragt werden, dass sie sich einen drastischen Rückgang der Einwanderung wünschen. Doch gleichzeitig scheut man sich davor, dies offen auszusprechen. Diese Zurückhaltung wird hervorgerufen durch Intellektuelle der selbsthassenden Sorte, welche die Zerstörung der nationalen Identität gutheißen und die, zum Teil auch zurecht, anführen, dass jede Person eine multiple Identität habe und dass Identität sich mit der Zeit verändern kann und sollte. Und eine zu starke Betonung der nationalen Identität habe in der Vergangenheit in die Barbarei geführt. Durch ständige Wiederholung haben sie den Leuten ein Schuldgefühl eingeimpft, so dass selbst leichte Zweifel an der Lebensfähigkeit einer Gesellschaft, die aus zig Ethnien und religiösen Gruppen besteht, die sich untereinander nicht sympathisch oder manchmal auch spinnefeind sind, dazu angetan sind, des extremen Nationalismus oder Faschismus verdächtigt zu werden. Sogar wenn man Zweifel an der Überlebensfähigkeit einer Gesellschaft hat, in der jeder sich als Teil einer unterdrückten Minderheit fühlt, wird man schnell mit Leuten wie Jean-Marie Le Pen oder schlimmeren in einen Topf geworfen. Diese Ängstlichkeit behindert eine Debatte über die Frage der Kultur. Angesichts der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa ist diese Hemmung verständlich. Daraus folgt aber, dass man kaum der Frage nachgeht, welche Verbundenheit die Einwanderer in Großbritannien mit den Traditionen und Institutionen ihrer neuen Heimat aufweisen.

Ungeachtet irgendeiner Form von jener Zurückhaltung, die das intellektuelle Establishment mir einzuimpfen vermochte, muss ich zugeben, dass ich ein ambivalentes Verhältnis zu dieser nie dagewesenen Diversität in der britischen Gesellschaft habe. Natürlich stimmt es einen auf gewisse Weise froh, wenn man so viele verschiedene Menschen offenbar friedlich ihren täglichen Geschäften nachgehen sieht. Man findet indische Geschäfte, die sich auf polnische Waren spezialisiert haben. Junge Frauen in somalischer Tracht sprechen Englisch in breitem regionalem Dialekt. Popmusik aus vielen Weltgegenden schallt aus Läden mit exotischen Produkten und klingt weitaus weniger schrecklich als entsprechende britische oder amerikanische Musik. Diese friedliche Mischung bestätigt, dass unsere Gesellschaft in der Tat offen, flexibel und tolerant ist. Und egal welche Auswirkungen dieser Zustrom von Menschen aus allen Ecken der Welt auch hat – zumindest brachte er eine dramatische Verbesserung des in Großbritannien erhältlichen Essensangebots.

Außerdem spricht einiges in meiner Familiengeschichte gegen eine allzu radikale Ablehnung von Einwanderung. Ich bin das Kind und der Enkel von Flüchtlingen, die damals mit genau den gleichen Argumenten gegen Einwanderung konfrontiert wurden wie heute, und es scheint sich für mich nicht zu ziemen, anderen die enormen Vorteile verweigern zu wollen, die ich selbst genießen durfte. Doch auf der anderen Seite ist es auch ganz klar möglich und sogar normal, dass Einwanderer und deren Nachkommen eine tiefe Verbundenheit mit der Kultur und den Institutionen des Landes entwickeln, das sie vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt hat.

Wenn ich mir dann mein eigenes soziales Umfeld anschaue, entdecke ich eine erstaunliche Bandbreite, was die Herkunft angeht, obgleich das etwa für Amerikaner nichts Überraschendes wäre. Neulich erhielten meine Frau und ich eine Einladung zu einem Mittagessen. Ich habe ja bereits meine eigene Herkunft erwähnt: Die Großeltern väterlicherseits meiner Frau waren Griechen aus Smyrna, die das Glück hatten, in Frankreich Aufnahme zu finden, als die gesamte griechische Bevölkerung der Stadt aufgrund des Krieges zwischen Griechenland und der Türkei im Jahre 1920 entweder getötet oder vertrieben wurde. Unser Gastgeber bei besagtem Mittagessen war Arzt und Angehöriger der Sikh-Religion, der in einem Krankenhaus in Delhi angestellt war. Als in dieses Krankenhaus die gerade von einem Sikh-Leibwächter ermordete Indira Gandhi eingeliefert wurde, musste der Arzt vor einem alle Sikhs meuchelnden Mob fliehen. Seine Frau war eine griechische Zypriotin, die als Kind vor der türkischen Invasion der Insel fliehen musste, wobei ihre Eltern alles verloren, bevor sie nach England kamen. Alle von uns kennen also entweder aus eigener Erfahrung oder durch nahe Verwandte, welch schreckliche Folgen eine zu exklusive nationale oder religi- öse Identität zeitigen kann. Und niemand von uns zweifelte je daran, dass es schlecht ist, jenen die Menschlichkeit abzusprechen, die nicht die eigene nationale, kulturelle oder religiöse Identität teilen.

Doch wir schlussfolgerten daraus keineswegs, dass es am besten sei, gar keine nationale, religiöse oder kulturelle Identität zu haben. Die Institutionen, die es uns ermöglichen, in Frieden, Freiheit und Sicherheit zu leben, verlangen Loyalität, wenn auch keine blinde Loyalität. Um loyal zu etwas sein zu können, muss man sich damit aber auch in gewisser Weise identifizieren. In einer Welt, in der es oberste Instanzen geben muss, ist auch eine Art von Identifikation mit diesen Instanzen notwendig. Eine zu rigide nationale Identität birgt Gefahren, aber eine zu lockere nationale Identität birgt ebensolche Gefahren. Ersteres resultiert in Aggression und Verachtung gegenüber anderen, das zweite verursacht eine Zersetzung der Gesellschaft von innen, was wiederum autoritäre Reparaturversuche provozieren kann.

Heimatliebe hat für mich nie etwas zu tun gehabt mit Blindheit gegenüber den Defiziten des Landes oder mit Hass auf andere Nationen. Ich habe einen großen Teil meines Lebens glücklich im Ausland verbracht und habe in jedem Land, in dem ich lebte, besondere Vorzüge gesehen, von denen es einige in meinem eigenen Land nicht gibt. Und ich fühle mich weitaus wohler in der Gesellschaft gebildeter Ausländer als in der Gesellschaft so mancher Einheimischer des Landes, in dem ich geboren wurde. Diese Ausländer wissen in der Regel heutzutage weitaus besser als viele Eingeborene zu schätzen, was an der britischen Kultur so gut ist. Wenn Sie dieser Tage ein schönes Englisch hören wollen, dann suchen Sie nach gebildeten Indern oder Afrikanern.

Doch wenn man ehrlich ist, kann man auch nicht leugnen, dass viele Menschen, die im Rahmen des beispiellosen Zustroms von oft schlecht ausgebildeten Einwanderern – und das betrifft die meisten westeuropäischen Länder – zu uns gekommen sind, der sie aufnehmenden Gesellschaft nur wenig Interesse oder Wertschätzung entgegenbringen. Viele lernen kein Englisch oder sprechen es kaum und halten an Zwangsheiraten und anderen dem britischen Gewohnheitsrecht wesensfremden Praktiken fest. Eine Regierungsstudie fand vor ein paar Jahren heraus, dass die britischen Weißen und ethnischen Minderheiten ein völlig separates Leben führen und keinen Sinn für eine gemeinsame Nationalität haben. Und wie man heute weiß, ist eine verstörende Anzahl britischer Muslime bewiesenermaßen anfällig für die Ideologie des Islamismus. Eine Umfrage ergab jüngst, dass vierzig Prozent der britischen Muslime unter 24 unter der Scharia leben wollen. 36 Prozent befürworteten die Todesstrafe für den Abfall vom Islam. Was aufhorchen lässt, ist, dass die betreffenden Zahlen bei älteren Muslimen beträchtlich niedriger liegen. Eine andere Umfrage ergab, dass ein Fünftel der britischen Muslime Verständnis für die „Gefühle und Motive“ der Londoner Selbstmordbomber hatten. Lediglich ein Drittel der britischen Muslime wollten laut einer Umfrage des „Guardian“ mehr Integration in die britische Kultur.

Die Doktrin des Multikulturalismus entstand, das war zumindest in Holland so, als Antwort auf einen Zuwanderungszustrom, von dem man anfangs dachte, er sei nur temporärer Natur. Die ursprüngliche Absicht des Multikulturalismus war es, die Kultur der europäischen „Gastarbeiter“ zu bewahren, so dass sie sich nicht entfremdet fühlen, wenn sie nach Beendigung ihrer Arbeitskontrakte wieder nach Hause zurückgekehrt sein würden. Diese Doktrin wurde erst dann zu einem Schlagwort der Linken und ein nützliches Werkzeug der kulturellen Demontage, als der Familienzuzug im Namen des Humanitarismus während der 60er Jahre zur normalen Politik wurde und die Gastarbeiter eine ständige Aufenthaltserlaubnis bekamen.

Nachdem ich in zwei Ländern, Frankreich und Großbritannien, gelebt habe, fand ich es aufschlussreich zu vergleichen, auf welche Art und Weise diese beiden Länder diese Einwanderer zu integrieren suchten. Beide machten sowohl etwas richtig als auch falsch, aber die französische Situation ist zumindest theoretisch gesehen einfacher, trotz aller städtischen Gewalt, die 2005 unter muslimischen „Jugendlichen“ ausbrach.

Frankreichs Aufgabe ist vielleicht einfacher, da es ein ideologisch oder zumindest philosophisch grundierter Staat ist, während es sich bei Großbritannien um einen organisch gewachsenen Staat handelt. Der französische Staat ist trotz der weit zurückreichenden Geschichte Frankreichs ein neuer, wiedergeborener Staat. Er hat einen Gründungsmythos, nämlich die Französische Revolution, die in das Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit führte. Es spielt dabei keine Rolle, ob Frankreich jemals eines dieser Wunschziele in der Praxis umgesetzt hat – gibt es überhaupt ein politisches Ideal, das jemals eindeutig erreicht wurde? – oder dass der Sturm auf die Bastille in Wirklichkeit vielmehr recht schmutzig denn ruhmreich war. Es gibt die Begriffe „republikanische Gleichheit“ und „republikanischer Elitismus“. Der republikanische Elitismus meint, dass ein bestimmter gesellschaftlicher Status durch Fleiß und Talent erreicht wird, und basiert daher auf der republikanischen Gleichheit. Diese Begriffe bedeuten also etwas Greifbares und üben eine magische Anziehungskraft auf alle aus, die mit ihm konfrontiert werden. Und die Erhöhung dieses Mythos, der nahelegt, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit das Geburtsrecht jedes Menschen darstellen und dass Frankreich das Leuchtfeuer der Vernunft für die ganze Welt sei, bedeutete in der Theorie, dass jeder, der Frankreich zu seinem Heimatland macht, unmittelbar zu einem Franzosen wird, nicht zu einem armenischen, einem malischen oder einem anderen Bindestrich-Franzosen, sondern schlicht zu einem Franzosen.

Dieser Mythos hat in der Tat die französische Kulturpolitik geleitet. Dass Frankreich als Ergebnis der Revolution seit langem von Rechts wegen und nicht nur de facto ein säkularer Staat ist – auch Großbritannien ist ein säkularer Staat, wo religiöse Toleranz indes eine Folge der Gewohnheit, nicht des Rechts ist – ermöglichte es diesem Land, Kopftücher an öffentlichen Schulen zu verbieten, ohne sich dem Ruch antimuslimischer Bigotterie auszusetzen. Das Verbot basierte eben einfach auf der Gründungsphilosophie des Staates. Der real existierende Multikulturalismus ist nicht kompatibel mit der Gründungsmythologie der Aufklärung in Frankreich. Assimilation, nicht Integration ist das Ziel. Jeder lernt dieselbe Geschichte in Frankreich. Und „unsere Vorfahren, die Gallier“ bedeutet keine biologische, sondern eine leicht zu verstehende kulturelle Realität.

Die Situation Großbritanniens gestaltet sich anders. Großbritannien ist kein ideologisch fundierter Staat und hat keinen Gründungsmythos, mit dem man sich leicht identifizieren kann. Die Schlacht von Hastings ist zu lange her und psychologisch gesehen zu fern, um heute irgendeine Resonanz zu zeitigen. Die Glorious Revolution von 1688 war eine zu unspektakuläre Angelegenheit und einfach nicht blutig oder heroisch genug. Und die moralische Bedeutung des englischen Bürgerkriegs ist zu widersprüchlich: Wie W.C. Sellars und R.J. Yeatman es in ihrem Buch „1066 and All That“ ausdrückten, hatten die „Roundheads“, also die Parlamentsanhänger, zwar recht, aber sie wirken zu abstoßend, während die royalistischen „Cavaliers“ zwar unrecht hatten, aber romantisch rüberkommen.

Der französische Staat begann mit einem philosophischen Urknall, während der britische Staat sich evolutionär entwickelte. Der französische Staat schrieb vor, und der britische Staat verbot nichts. Die Traditionen des britischen Staates sind daher weitaus günstiger für den Multikulturalismus, da man hier den Menschen immer erlaubte, sich für alle möglichen Zwecke zwanglos zusammenzuschließen. Dieser Mangel an zentraler Steuerung tat der Gesellschaft gut, solange die Differenzen zwischen den Gruppen relativ unbedeutend und die Zahl der Einwanderer gering waren. Doch auf einmal gibt es viele verschiedene Gruppen, die nichts miteinander gemein haben, und jede dieser Gruppen ist stark genug, um ein eigenes Ghetto zu bilden. Und was noch schwerer wiegt ist, dass einige dieser Gruppen der übergreifenden Ordnung der britischen Gesellschaft offen feindselig gegenüberstehen. Und genau dann bringt der Laissez-Faire-Ansatz Probleme mit sich. Man kann eine Ideologie schwerlich mit Hilfe einer Tradition bekämpfen.

Selbst ohne die Doktrin des Multikulturalismus wäre es nicht einfach gewesen, die Vorteile und die philosophische Untermauerung des Burkeschen nicht-ideologischen Staates Bauern zu vermitteln, die zum Beispiel aus dem pakistanischen Pandschab oder aus Bangladesch kommen. Die Vorteile und Fundamente sind wie die Cricket-Regeln: Man kann sie mit viel Übung und Hingabe lernen, aber es ist viel einfacher, sie als Teil des geistigen und kulturellen Erbes anzunehmen und in sie hineingeboren zu werden. Was würden Sie den Einwanderern zum Lesen geben, um ihnen die politische Tradition Großbritanniens nahezubringen? Vielleicht „Reflections on the Revolution in France“ oder Michael Oakeshotts „Rationalism in Politics“? „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ dagegen ist ein Slogan und viel einfacher zu vermitteln und zu verinnerlichen.

Was das ganze noch verschlimmerte, war der Umstand, dass der Multikulturalismus in Großbritannien zahllose Gelegenheiten für eine berufliche Karriere und eine Quelle der politischen Patronage bietet. Sogenannte Experten für kulturelle Sensitivität und Chancengleichheit – das sind in aller Regel Leute, deren Ambitionen bei weitem ihr Talent übersteigen, wenn man mal vom Talent für bürokratische Intrige absieht – schufen sich kleine Imperien, deren fortdauernde Existenz abhing vom Vorhandensein ethnischer und anderer sozialer Brüche. Das Krankenhaus, in dem ich einst arbeitete, schickte neulich dem Personal einen Fragebogen, in dem die Personalabteilung mit Details über Rasse (17 Kategorien), sexuelle Orientierung (sechs Kategorien), Familienstand (sechs Kategorien) und Religion (sieben Kategorien) versorgt werden sollte, um Diskriminierung in jeder der daraus resultierenden möglichen 4.284 Kategoriekombinationen beseitigen zu können. So geht natürlich den Gleichstellungsbürokraten die Arbeit niemals aus.

Es überrascht daher vielleicht nicht wirklich, dass französische muslimische Einwanderer kulturell gesehen besser integriert sind als britische. Eine Studie des Pew Center zeigt, dass sechs mal mehr Muslime in Frankreich als in Großbritannien ihre nationale Identität für wichtiger halten als ihre religiöse Identität: 42 Prozent im Vergleich zu sieben Prozent. Dieser Unterschied resultiert wahrscheinlich nicht allein aus der Kulturpolitik, da Muslime aus Nordafrika, woher die meisten französischen Muslime kommen, von vorneherein mehr geneigt sind zu glauben, dass der Islam mit einer westlichen Bürgerschaft kompatibel ist. Muslime in Frankreich stechen vom Rest der Bevölkerung auch weniger durch ihre Kleidung hervor als dies bei den Muslimen in Großbritannien der Fall ist. In den muslimischen Gegenden in Frankreich sehen die Menschen zwar auch anders aus, aber man denkt nicht, wie das in zunehmendem Maße in Großbritannien der Fall ist, dass die Bevölkerung des pakistanischen Nordwest-Territoriums massenweise in die Innenstädte und Vorstädte eingewandert ist. Und diese größere kulturelle Assimilation ist real, trotz der Tatsache, dass muslimische Viertel in Frankreich räumlich gesehen oft so isoliert von den Innenstädten gelegen sind wie früher nur die schwarzen Townships von den Weißenvierteln in Südafrika, was wiederum für britische Verhältnisse nicht zutrifft.

Es gibt noch einen anderen größeren Unterschied zwischen den muslimischen Vierteln in Frankreich und Großbritannien, doch diesmal liegt der Vorteil bei Großbritannien: Die relative Leichtigkeit in Großbritannien verglichen mit dem schwer regulierten Frankreich, ein Unternehmen zu gründen, hat zur Folge, dass Kleinunternehmen die britischen Muslimviertel dominieren, während es so etwas in den französischen Banlieues nicht gibt, es sei denn, man erkennt Drogenhandel als unternehmerische Tätigkeit an. Das ist einer der Gründe dafür, dass London nun die siebtgrößte französischsprachige Stadt der Welt ist, denn viele ehrgeizige junge Franzosen, darunter viele Muslime, ziehen dorthin, um Unternehmen zu gründen. Da viele der Unternehmen in den muslimischen Vierteln Großbritanniens Restaurants sind, die von nicht-muslimischen Kunden bevorzugt werden, ist die Isolation von Muslimen von der Restbevölkerung nicht so groß wie in Frankreich.

Doch vermehrter Kontakt zwischen Menschen führt nicht unbedingt zu mehr gegenseitiger Sympathie. Ein gro- ßer Teil der in Großbritannien geborenen muslimischen Terroristen, die hier gefasst wurden, sind Kinder vermögender Kleinunternehmer, die die Universität besucht haben und deren jeweilige Berufsaussichten gut gewesen wären, hätten sie den normalen Karrierepfad eingeschlagen. Es sind erstens die kulturelle Entfremdung, zweitens die Bereitschaft, sich einer Ideologie des Hasses auszuliefern, die eine Antwort auf das persönliche Bedürfnis nach einer fixen Identität gibt und die eine Beseitigung der kulturellen Verwirrung verspricht, und drittens ein verfügbares Einkommen, die sie zu Terroristen machen. Armut spielt dabei keine Rolle.

In Frankreich sind die Kinder der muslimischen Einwanderer vielleicht nicht so entfremdet von der einheimischen Kultur wie in Großbritannien, doch die fehlende Flexibilität des französischen Arbeitsmarkts führt zu einer Frust verursachenden Langzeitarbeitslosigkeit. In Großbritannien hat dagegen ein relativer wirtschaftlicher Erfolg nicht zu einer kulturellen Integration geführt. Daher haben wir Stra- ßenschlachten in Frankreich und Terrorismus in Großbritannien.

Für eine Lösung ist es vielleicht nun schon zu spät, obwohl nach den Bomben von London Premierminister Tony Blair und der damalige Finanzminister Gordon Brown jenen nationalen Werten ihre Reverenz erwiesen, die sie zuvor so sehr unterminiert hatten. Eine Lösung wäre eine Kombination aus französischer kultureller Robustheit und britischer wirtschaftlicher Flexibilität. Das wäre so etwas wie das amerikanische Ideal des Schmelztiegels, welcher, früher mehr als heute, auf einer klaren Vorstellung davon basiert, was es heißt, Amerikaner zu sein, verbunden mit wirtschaftlicher Freiheit. Die britische Vorstellung, dass wirtschaftliche Chancen allein zu einer blühenden Gesellschaft führen können, ohne dass man eine gemeinsame Kultur hat, ist an der Realität gescheitert, während die französische Vorstellung, dass es genüge, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu lehren, dabei aber die Chancen eines echten wirtschaftlichen Sprungs nach vorne behindert werden können, ebenso problemanfällig ist.

Die Labour-Regierung unter Brown ist sich der Umfragen zur Einwanderung bewusst und hat gerade ein paar zögerliche, aber wirksame Schritte getan, indem sie die Staatsbürgerschaft auf Probe eingeführt hat, damit die Anwärter vor der Einbürgerung zeigen können, dass sie Englisch sprechen, Steuern zahlen und Gefängnis vermeiden können. Großbritannien und Frankreich waren nie gut darin, voneinander zu lernen: Der Ärmelkanal kann schon ein Ozean sein.

Theodore Dalrymple

Anthony Daniels, geboren 1949, lebt in Frankreich und schreibt unter dem Namen Theodore Dalrymple Kolumnen, vorwiegend im britischen „Spectator“ sowie im amerikanischen „City Journal“, dessen Mitherausgeber er inzwischen ist.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst im „City Journal“ in englischer Sprache sowie in eigentümlich frei Nr. 86.


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