07. Oktober 2008

Finanzkrise Die Gier, die Angst und die Zeit

Vor dem Untergang?

Erst war da die Gier, und jetzt regiert die Angst: So lautet der Refrain der ungezählten Schlagzeilen zur Finanzkrise, die keine Weltwirtschaftskrise sei. Gierig, heißt das, waren die Geldjongleure in Übersee und anderswo, die Hasardeure des Kreditmarktes, die winzige monetäre Elite. Die Angst hingegen geht nun jeden an, sie ist groß und weit und da für alle. Die Angst ist der große Gleichmacher dieser Tage, die Angst vor dem Ruin, vor dem Kollaps, vor dem Ende so vieler Lebensträume. Diese Angst erfüllt jene Zwecke, die früher allein dem Tod zukamen: Geduckt macht sie und unfrei, beklommen und klein.

Jede Ungewissheit kann ängstlich machen, jedes Schreckensszenario erst recht. Wenn die weltweiten Indizes, wie zu Beginn dieser Woche geschehen, an einem Tag zwischen sieben und zehn Prozent verlieren, wächst die Zeit, derer eine Erholung wird bedürfen, ins Unermessliche. Ein Kurs, der zwanzig Prozent verlor, muss fünfundzwanzig Prozent steigen, um sein Ausgangsniveau wieder zu erreichen. Bei halbierten Kursen ist schon eine Verdoppelung nötig und damit das, von heute aus gesehen, Allerunwahrscheinlichste. Wie soll man sich da nicht sorgen, ängstigen, panisch werden?

Angst ist eine Dimension der Zeit. Wo die Zeit schwindet, wächst die Angst – sei es nun die Lebenszeit, die Zeit, die eine Krankheit usurpiert, oder auch der berühmte Anlagehorizont. Wo Menschen in der Zeit leben, leben sie, zumindest latent, immer auch in der Angst. Erst im Zeitlosen ist kein Raum mehr für Angst. Insofern bringt die epidemische Angst dieser Tage einen ganz grundsätzlichen Zug der Zeit zum Vorschein: Zeit schafft Angst, und Angst ist immer auch eine theologische Größe. „In der Welt habt ihr Angst“, lesen wir im Neuen Testament, „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Kaum anders verhält es sich mit der Gier. Auch sie ist keineswegs, wie uns nun suggeriert wird, eine charakterliche Fehlbildung winziger Kreise, eine Déformation professionnelle der uns allen schon immer suspekten Geldkaste. Das Gegenteil ist wahr. Die Gier steckt, geradeso wie die Angst, in jedem von uns.

Davon abgesehen, dass die wenigsten der grandios gescheiterten Investmentbanker in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, vielmehr im Auftrag handelten von ihrerseits ganz durchschnittlichen Auftraggebern, Geschäftsführern, Kunden, letztlich all derer, die Anteil haben wollten an einem kommoden Leben – davon abgesehen kann eine Vorgehens- und Denkweise nur dann mächtig werden in der Spitze, wenn sie in der Breite verankert ist. Die Gier der anderen braucht unser aller Gier als Fundament, Nährboden, Treibstoff.

Die Gier ist eine Versuchung – theologisch: eine Haupt- oder Todsünde –, vor der niemand gefeit ist. Die Geldgier, lesen wir ebenfalls im Neuen Testament, sei „die Wurzel aller bösen Dinge“. Der Mensch habe „nichts in die Welt gebracht; so ist offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können.“ Ein gewaltiges Wort: Die Wurzel allen Übels sei die Liebe zum Geld, wahlweise als Gier oder als Geiz. Nutzt ein solcher Hinweis den panischen Anlegern im Oktober 2008, die bang auf eine karge Zukunft schauen?

Gewiss ist nun die Stunde der Besonnenheit und der Klugheit, der tätigen Umsicht und weniger der metaphysischen Spekulation. Mit der Angst wächst auch die Wut und damit der Tunnelblick, der unleidlich macht und reizbar. Doch auch die Selbstgerechtigkeit zählt nicht zu den erstrebenswerten Haltungen, und schon gar nicht ein aggressiver Neid auf „die da oben“.

Nein, die Angst gehört ebenso uns allen wie die Gier, solange wir Zeitwesen sind, Zwitter sind aus Abgründen und Tugenden. Nie war es anders, ob im Holozän oder an einem schwarzen Montag des Jahres 2008. Der Untergang lässt auf sich warten.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier"


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