11. Oktober 2008

Kreditkrise Die Banken sind überschuldet

Kredit und Liquidität sind ausreichend vorhanden

Im Zentrum der Krise an den Finanzmärkten stehen die Banken. Sie haben zu leiden unter Abschreibungen. Grund der Abschreibungen ist der Verfall der Marktpreise für CDO, CDS und ABS, die sie entweder selbst oder über Zweckgesellschaften gehalten haben. Die Abschreibungen belasten nun die Aktiva. In aller Regel stehen diese Anlagen zum Marktpreis in den Büchern, so dass ein Verfall der Preise sich unmittelbar negativ auswirkt. Nun dient die Bilanzierung immer der Information, hat aber unterschiedliche Adressaten. Einmal dient sie dem Unternehmen selbst, um Klarheit über den eigenen Vermögensstand zu bekommen. Zum anderen dient sie aber auch den Anteilseignern, im Falle börsennotierter Gesellschaften also den Aktionären. Die aktuellen Marktpreise seien – so der medial vermittelte Eindruck – eine klare Übertreibung nach unten. Bei Fälligkeit der ABS und CDO werde sich der Verlust als geringer erweisen. Darin liegt der Grund für die gewagte Behauptung, dass es für den Steuerzahler ein prima Geschäft darstelle, wenn „er“ jetzt angeschlagene Banken stütze. Unterstellt man die Richtigkeit der Behauptung einer angeblichen vorübergehenden Übertreibung nach unten, so folgt daraus, dass bereits eine andere Bilanzierungstechnik das Problem der Banken lösen würde: Eine Abkehr von einer Bewertung zu Marktpreisen würde den Druck von den Banken nehmen. Man fragt sich, ob das den Banken vorgeschriebene Bilanzrecht das richtige ist. Würde den Anteilseignern, an deren Bedürfnissen das Bilanzrecht vorgeblich ausgerichtet sein soll, nicht besser gedient sein, wenn die Banken nicht nach Marktpreisen bewerten müssten? Kein Anteilseigner hätte wohl etwas dagegen, dass die Gesellschaft, deren Aktionär er ist, eine den Umständen angemessene Bilanzierungsart verwendet. Freilich hat der Gesetzgeber für derartige Bedürfnisse kein Verständnis. Der Gesetzgeber weiß – wie immer – bestens, was die Eigentümer von Unternehmen wollen und was ihnen hilft. Aus diesem Grund hat er sich für ein Bilanzrecht entschieden, das Banken zur sofortigen Abschreibung zwingt. Die Aktionäre werden durch dieses zwingende Bilanzrecht geschädigt. Pervers wird es, wenn sich der für das Bilanzrecht seiner Banken verantwortliche Staat die Aktien der betroffenen Gesellschaften – wie es im Falle der AIG geschehen und sowohl in den USA als auch Großbritannien geplant ist – zu Billigpreisen aneignet, um sie später mit Gewinn verkaufen zu wollen. Dieser Gewinn steht den Aktionären zu. Tatsächlich handelt es sich aber nicht um gewinnträchtige Geschäfte, die die Regierungen hier tätigen.

Denn wenn auch nicht auszuschließen ist, dass im Einzelfall Übertreibungen der Preise nach unten vorliegen, so ist doch nahezu mit Sicherheit davon auszugehen, dass die Preise der CDO, CDS und ABS korrekt auch die zukünftigen Aussichten auf Erholung widerspiegeln. Dies gilt schon deshalb, weil die populäre politische Phrase, der Steuerzahler habe einen Gewinn zu erwarten, für die Realität das Gegenteil nahe legt. CDO und ABS sind größtenteils jetzt abzuschreiben – eine Erholung der Preise in Zukunft oder bei Ablauf nicht in Sicht. Auch ein anderes Bilanzrecht könnte das nicht ändern. Daraus folgt, dass einige Banken ihr Eigenkapital aufgezehrt haben. Sie sind insolvent – aber nicht wegen mangelnder Liquidität, sondern wegen Überschuldung. Der Unterschied ist wichtig: Insolvenz aufgrund von Zahlungsunfähigkeit bedeutet, dass eine Bank nicht mehr in der Lage ist, ihre fälligen Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Überschuldung bedeutet, dass das Vermögen die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Trotz der zahlreichen Behauptungen, es handele sich um eine Liquiditätskrise, liegt eine solche nicht vor. Denn es wäre einfach, ihrer Herr zu werden: Man veräußert oder beleiht langfristig gebundene Vermögensgegenstände um die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu finanzieren. Solche Notverkäufe sind verbunden mit Preisabschlägen: Wer als Verkäufer nicht warten kann, der muss das erstbeste Angebot annehmen. Einige Banken haben sich dieser Möglichkeit bedient und beschlossen, Geschäftsteile zu verkaufen – es handelt sich um die solide oder wenigstens nicht schlecht finanzierten Banken. Den meisten Banken steht diese Möglichkeit jedoch nicht offen. Der Grund hierfür ist, dass nicht die schlechte Liquidität, sondern die Überschuldung der meisten Banken die Wurzel ihrer Probleme ist.

Dies erklärt, warum die Geldleihe der Banken untereinander nahezu eingebrochen ist. Niemand leiht jemandem Geld, wenn die Rückzahlung des Prinzipals gefährdet ist. Kein Zins kann hoch genug sein, wenn die Höhe der Rückzahlung der Quote im Insolvenzverfahren entspricht. Die Banken untereinander wissen das, denn sie kennen ihre eigene Bilanz und sehen, welche Löcher die Abschreibungen auf CDO und ABS gerissen haben. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang der Anstieg der Tagesgeldzinsen für Privatanleger und die nun häufig gehörte Empfehlung, Geld auf dem Sparbuch anzulegen. Die Banken besorgen sich Kapital nicht mehr im Geschäftsverkehr, sondern von Privatkunden und der Zentralbank. Dazu passt die politische Erklärung von Frau Merkel, sie garantiere die Einlagen auf Sparkonten. Dass es sich tatsächlich nicht um eine Liquiditätskrise handelt, wird auch an dem anhaltenden Geschäft mit Unternehmen und Privatleuten deutlich: Die meisten Unternehmen haben weiterhin keine Schwierigkeiten, ihre Kreditlinien zu verlängern. Die Jagd der Banken nach Privatleuten, um diesen Konsumentenkredite anzudienen, hat gleichfalls nicht nachgelassen.

Es ist demnach ausreichend Liquidität und Kredit vorhanden – nur eben nicht für die überschuldeten Banken. Dem versuchen die Zentralbanken gegenzusteuern. Dabei sitzen sie einem verhängnisvollen Irrtum auf. Es ist nämlich nicht erforderlich, dass das Kreditvolumen immer wachsen muss. Es kann und muss auch geringer werden können. Denn nicht jeder Schuldner ist es wert, dass seine Fehlinvestitionen auch in der Zukunft finanziert werden. Es muss auch die Möglichkeit geben, dass Fehlinvestitionen liquidiert werden und die, die sie getätigt haben, den Markt verlassen. Die Zentralbanken verhindern das. Die dieswöchige Ankündigung der Fed, auch kurzfristige unbesicherte Anleihen (Commercial Paper) zu erwerben, passt in dieses Bild. Commercial Paper wird häufig von Banken emittiert. Es ist möglich, dass Banken derzeit Schwierigkeiten haben, sich über Commercial Paper zu finanzieren, da niemand diese zeichnen will. Die Fed springt ein erwirbt diese direkt.

Sie rettet dadurch die Banken vor der Insolvenz. Vor dem Hintergrund der Überschuldung der Banken wird klar, dass die Maßnahmen der Zentralbanken inflatorisch wirken: Die Banken sind überschuldet. Die Zentralbanken haben dem durch die Einführung neuer innovativer „Facilities“ entgegengesteuert, mit denen sich Banken kurzfristig refinanzieren können. Es besteht keine Aussicht, dass diese in ihrem Umfang gestutzt werden können. Die gleiche Wirkung hat der Bailout: Schrottinvestments werden zu über dem Marktpreis liegenden Kaufpreisen aus den Bankbüchern genommen und die Banken dadurch auf Kosten der Steuerzahler subventioniert. Das aber wiederum bedeutet, dass die Geldmenge dauerhaft erhöht worden ist, wenn auch nicht um den Nominalbetrag der „Facilities“ oder der Bailout-Milliarden, sondern nur um die Differenz aus den Geschäften mit den Banken. Die Inflation der Geldmenge schädigt alle, die nicht an ihrer Vermehrung unmittelbar teilnehmen. Die Kosten für die Überschuldung der Banken werden so auf alle Geldnutzer abgewälzt. Inflation erlaubt den Banken als Erstnutzern des Geldes die Rückkehr aus der Überschuldung. Dieser Prozess wird sich nicht von heute auf morgen vollziehen, sondern höchstwahrscheinlich über Jahre hinweg. Die Banken werden in dieser Zeit überwiegend gesunden, alle anderen die Kosten dafür tragen. Es hätte auch anders kommen können: Die Zentralbanken hätten darauf verzichten könne, die überschuldeten Banken zu retten. Ein funktionierendes Geschäftsmodell wird durch Überschuldung nicht beeinträchtigt, wenn das Unternehmen rekapitalisiert wird. Dieser Prozess wäre von wesentlich kürzerer Dauer gewesen. Offensichtlich ziehen die Zentralbanken einen langsamen schmerzhaften Anpassungsprozess einem schnellen Schnitt vor.

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