13. Oktober 2008

Deutscher Fernsehpreis Das TV und ein Unkraut namens Ignoranz

Marcel Reich-Ranicki demaskierte den Mutantenstadl

Diese Zitrone hat noch viel Kraft: Die damals 77-jährige jüdische Lebenskünstlerin, Sängerin, Schriftstellerin und Tänzerin Lotti Huber drang mit diesem forschen Bekenntnis 1990 an die Öffentlichkeit. Alter, wollte sie uns sagen, schützt vor Frechheit nicht. Das mag sich auch Marcel Reich-Ranicki gedacht haben, als er, mittlerweile 88-jährig, gestern für einen zehnminütigen „Eklat“ sorgte.

Dem gemeinsam von ARD, ZDF, Sat.1 und RTL veranstalteten „Deutschen Fernsehpreis“ bescherte er einen Moment der Besinnung. Er wollte den „Ehrenpreis“ partout nicht entgegen nehmen und formulierte unmissverständlich. „Blödsinn“ sei die ganze Veranstaltung, er gehöre nicht „in diese Reihe“. Per Interview legte er nach: „Fast alle“ prämierten Filmen „waren auf einem erbärmlichen Niveau, so ging es den ganzen Abend, und zwischendurch immer Köche, nichts als Köche. Es war schrecklich.“

Das Promi-Publikum lachte, als Reich-Ranicki von einer „ganz schlimmen Situation“ sprach, in die man ihn gebracht habe. Es lachte, als er seinen Wunsch artikulierte, den Preis für sein Lebenswerk am liebsten „von mir werfen oder jemandem vor die Füße werfen“ zu wollen. Es lachte nicht mehr, als Reich-Ranicki das Programm des Kulturkanals Arte lobte, es lachte sehr gequält, als er „Blödsinn“ sagte.

Ungerührt zeigte sich die Kamera: In Großaufnahmen wurden – wie den ganzen Abend über, der nur diesen Zweck zu haben schien – die Gesichter der Extremisten des Spaßfernsehens gezeigt, der Nichtse ohne Manieren, die lachen, wenn sie demütigen, und die grinsen, wenn sie tun, was Pierre Bordieu schon vor zwölf Jahren erkannte: „Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteils der Menschen.“

Gewiss, dieses Monopol wurde aufgebrochen durch die Internet- und SMS-Kommunikation und den Aufstieg der Ignoranz zum Lebensinhalt breiter Schichten. Da aber, wo das Fernsehen nach den Hirnen der Menschen giert, will es diese auch besitzen, entkernen und neu zusammenbauen. Wo ein Gedanke war, soll Dünkel wachsen. Aus Überlegung soll Überrumpelung, aus Urteil Vorurteil werden.

Gerade wenn das Fernsehen apolitisch zu sein vorgibt, ist es am politischsten. Keine andere Botschaft haben die sogenannten Unterhaltungssendungen, als dass es sich nicht lohnt, die Lebenszeit mit Denken zu verschwenden. Das schnelle Fortkommen, das schöne Aussehen, das schlechte Benehmen sind Programm. Nichts anderes darf zählen.

In Großaufnahme also sahen wir, mit durchaus trotzig vorgeschobenem Unterkiefer, den neuen Herold des Gedankenlosen, den ZDF-Intendanten Markus Schächter, der alles daran setzt, dass sein Sender zum dritten Spross der RTL-Familie wird. Wir sahen, tapfer lächelnd, die Frau von Anne Will, die Kommunikationsmanagementprofessorin Miriam Meckel. Sie gehört der Jury an, die nun allen Ernstes Dieter Bohlens Sado-Maso-Quälerei „Deutschland sucht den Superstar“ zur besten Unterhaltungsshow kürte. Und wir sahen die formatbedingt zu Spaßzombies mutierten Textaufsager, die sich Comedians nennen, Blondgesicht Guido Cantz etwa, oder den Ruhrpottproleten Atze Schröder. Reich-Ranicki aber sprach von Richard Strauß und Mstislav Rostropovich und Leonard Bernstein.

Effektvoll und medial bestens verwertbar war seine Wutrede. Das Fernsehen wäre nicht das Fernsehen, zöge es nicht aus tiefsten Beleidigungen Honig. Da läuft es zur Hochform auf. Gottschalk schlug eine Fernsehdebatte mit Reich-Ranicki über den Zustand des Fernsehens vor. Schächter nickte sanft und nannte den Abend eine „Sternstunde“. So wird nun am kommenden Freitag um 22h30 für eine halbe Stunde im ZDF der Zustand des ZDF beklagt werden, ehe dieser Zustand sich weiter verfestigen wird, dem Feigenblatt zum Trotz. Nach Reich-Ranicki und Gottschalk soll es um 23h00 wieder heißen „Lanz kocht“ – immer Köche, nichts als Köche.

Dennoch hat der Literaturkritiker gezeigt, dass das Alter eine kostbare Gabe schenken kann: die Freiheit, nein zu sagen, die Chuzpe, nicht mitzutun. Er hat den Mutantenstadl menschlich demaskiert. Er hat den Einheitsbrei tüchtig versalzen.

Vielleicht bleibt diese Botschaft über den Tag hinaus erhalten: Gegen Dummheit ist ein Kraut gewachsen. Es ist selten und lässt sich nicht züchten, bedarf der Mühe und der Anstrengung. Es hört auf den Namen Neugier. Denn das Leben begreift nur, wer täglich sich ihm öffnet.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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