Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Perspektive: Schöne Aussicht 1910

von Edgar L. Gärtner

Der Westen wird 100 Jahre zurückfallen

15. Oktober 2008

Was jetzt kommt, ist keine Geschichte über das Ausflugslokal gleichen Namens im Kaiser-Wilhelm-Turm auf der Dübener Heide, sondern ein kurzer Blick in eine mögliche Zukunft. Auf die Idee brachte mich ein unheilbar an Krebs erkrankter alter Freund, dem man jetzt unter Hinweis auf die so genannte Gesundheitsreform weitere Untersuchungen verweigert. „Edgar, Du wirst sehen, dass es jetzt mit noch so viel politischem Aktivismus wie der Teil- oder Komplettverstaatlichung des Kreditwesens nicht wieder gelingen wird, den völligen Zusammenbruch unseres Finanzsystems noch aufzuhalten. Der Westen wird 100 Jahre zurückfallen“, prophezeite mir der ehemalige Kommunikationsmanager eines großen DAX-Konzerns, der noch immer einen guten Durchblick hat.

Ich muss gestehen, dass mich diese manchen wohl düster erscheinende Prognose, der ich mich selbst nicht anschließen möchte, nicht vom Hocker riss. Wobei man wissen muss, dass ich gerade, wie fast jeden Abend, mit meiner Labrador-Hündin Thia in der Stammkneipe saß, als der Freund mich anrief. Anhänger der Glaubensfreiheit werden auch ohne weiteres verstehen, dass mir die Perspektive einer Rückkehr in die von Stefan Zweig beschriebene „Welt von gestern“ keinen Schrecken einjagt, sondern sogar ausgesprochen sympathisch erscheint. Denn um 1910 ließ es sich ganz gut leben – sofern man zu den Schichten gehörte, die über Dienstboten verfügten. Aber selbst die Dienstbotenperspektive sollte ja inzwischen kaum noch jemanden schrecken. Denn ohnehin lässt auch die EU in ihrer durch das „Klima-Paket“ vom 23. Januar 2008 offiziell vorgezeichneten „kohlenstoffarmen“ geschlossenen Hauswirtschaft der Zukunft den meisten Menschen nur die Rolle des Gesindes, das nicht frei über sein Leben entscheiden kann, sondern Tag und Nacht damit beschäftigt wäre, auf Anordnung der Obrigkeit angeblich klimaschädliches Kohlendioxid einzusparen.

In der im Ersten Weltkrieg untergegangenen „Welt von gestern“ hingegen verstanden die Menschen, wenn sie vor schwer- oder unlösbaren Problemen standen, noch zu beten und einander die Wahrheit zu sagen. Nicht zuletzt ging die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, trotz etlicher Krisen, vor allem deshalb als goldenes Zeitalter in die Geschichtsbücher ein, weil das Geld damals noch mit realem Gold gedeckt war. Das ermöglichte es, ohne politische Hilfe weltweit gültige Verträge abzuschließen, in denen vereinbarte Kaufsummen auf vier Stellen hinterm Komma genau in Gold aufgewogen wurden. Der Erste Weltkrieg setzte dieser goldenen Zeit der Globalisierung ein abruptes Ende. Um ihn durch Inflation zu finanzieren, gab eine Regierung nach der andern den Goldstandard auf.

Hätte mein krebskranker Freund Recht, eröffnete uns nun der fortschreitende Verlust des Vertrauens in die Papiergeldschöpfung der Notenbanken die Chance, bald wieder zum Goldstandard zurückzukehren. Und ich könnte mich schon darauf freuen, endlich wieder richtig reaktionär sein zu dürfen. Aber leider (oder zum Glück?) gibt es in der Geschichte keine Rückfahrkarten.

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