20. Oktober 2008

Peter Sodann Der Kandidat und die Fettbemme

Der dritte Clown der Linken

Das Mitspracherecht des Schauspielers ist sein Text: Diese Wahrheit, dereinst einmal ausgesprochen von Fritz Kortner, gilt weiterhin – im Allgemeinen und im Besonderen, im Fall Peter Sodann, der wiederum Bruno Ehrlichers schwierigster Fall ist. 45 Folgen lang, von Januar 1992 bis November 2007, durfte der Hallenser Schauspieler Peter Sodann im „Tatort“ des Mitteldeutschen Rundfunks den Leipziger Ermittler Bruno Ehrlicher mimen. Der Rollenname geht auf den Darsteller selbst zurück: „Ich wollte ehrlicher sein als die anderen Kriminalkommissare.“

Das und manche Schizophrenie mehr haben wir in der vergangenen Woche aus Peter Sodanns Mund erfahren. Sodann schickt sich an, im Auftrag der Partei „Die Linke“ im Mai 2009 gegen Horst Köhler anzutreten. Sodann will Bundespräsident werden. Doch eigentlich will Ehrlicher, nicht Sodann Chef der Republik werden. Ehrlicher aber ist Fiktion – oder etwa nicht? Eine vertrackte, eine komische Angelegenheit ist diese Causa.

Zumindest scheint festzustehen, dass das Ich, das sich jetzt nuschelig zu Wort meldete, so redet, wie Ehrlicher redete, als der MDR ihn noch reden ließ. Ehrlichersodann – so müssen wir das Wesen nennen – beklagte den Ruhestand, den er hasse, und die Welt, die er bessern wolle. Er könne nicht nein sagen und wolle darum der Herausforderung sich stellen. Das Leben sei kurz, da solle man keinen Unsinn machen wie Krieg oder Reichtum oder Ausbeutung. Der Sozialismus sei eine gute Idee, die die Politiker der DDR schlecht ausgeführt hätten. Er fahre gerne in den Westen, „das ist doch ein schönes Land“.

Außerdem will Ehrlichersodann, zur Macht gelangt, die „Kinderhymne“ des Stalinpreis-Trägers  Bert Brecht an die Stelle des „Deutschlandliedes“ setzen. Und weil es gerade so schön aus Sodann ehrlicherte, legte er nach: „Das, was wir haben“, sei „ja“ keine Demokratie. „Unser derzeitiges Leben“ gefalle ihm nicht, dem „betenden Kommunisten“ und „demokratischen Sozialisten“ Brunopeter Ehrlichersodann, der es gut fände, wenn Top-Banker Josef Ackermann verhaftet würde.

Jeder darf sich eigenhändig durch den Kakao ziehen, ohne Schläge auf den Hinterkopf befürchten zu müssen. Auch der Osten hat ein Recht auf einen Harlekin, auch 72-Jährige dürfen nörgeln, nuscheln, nerven. Zumal denn, wenn sie derart große Verdienste um ihr Vaterland sich erworben haben wie der Fernsehkommissar a.D.: „Ich habe das mit herbeigeführt, dass die DDR irgendwann einmal pleite macht.“ Weinerliche Alte gibt es ebenso zuhauf wie maßlose Junge und umgekehrt. Weder die eine noch die andere Schieflage dürfte jedoch für hohe politische Ämter qualifizieren.

Offenherzig gibt Ehrlichersodann zu, die nachberufliche Leere habe ihn zugreifen lassen. Das Bundespräsidialamt soll den Altersruhestand des doppelten Ostalgikers alimentieren. Ist es auch dreist, so hat es doch Methode: Bluten soll der undemokratische Staat, indem er einen wie ihn in einem gleichfalls doppelten Sinne aushalten, ihn ertragen und bezahlen muss. Dazu aber wird es nicht kommen. Selbst manchem Linken dürfte die irrlichternde Nabelschau wider die Sozialistenehre gehen.

Das ostdeutsche Realkabarett zeigt aufs Deftigste: Wer dem Boulevard die Türen öffnet und Gysi und Lafontaine Politik spielen lässt, der muss bei einem selbstverliebten Schauspieler landen. Erst mit ihm triumphiert jener schizophrene Narzissmus, der lange schon auf dem Weg ist, den politischen Diskurs abzulösen, dies- und jenseits der „Linken“. Insofern wäre Ehrlichersodann eine konsequente, ehrliche, avantgardistische Wahl.

In der letzten „Tatort“-Folge feierte der „Muffelkopp“ – so Freundin Frederike – seinen Ruhestandsbeginn. Lachstatar und Putenbrust sollten ihn erfreuen. „Muffelkopp“ bestand aber auf seiner Leib- und Magenspeise, auf der Fettbemme, dem Schmalzbrot. Die Fettbemme war und ist sein Schicksal – und mit ihr das Kleine, das sich universal dünkt, das Monotone, das Abwechslung vortäuscht, das Monologische, das Gespräche simuliert. Noch viele Clowns werden folgen auf dem langen Marsch in ein restlos entpolitisiertes 21. Jahrhundert.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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