28. Oktober 2008

Ministerpräsident Seehofer Horst am Höhepunkt

Bayerns Neuer

Wer von Peter Sodann schrieb, darf vom Seehofer Horst nicht schweigen: An der Spitze der bayerischen Staatsregierung, die wieder identisch ist mit der Spitze der Regionalpartei CSU, steht seit Anfang dieser Woche der Gemütsmensch und notorische Außenseiter Seehofer.

Kein Tag verging nach dem Rücktritt der Herren Beckstein und Huber, ohne dass der Seehofer Horst uns an seinem Innenleben Anteil gewährte. Einen „Bammel“ habe er vor der gewaltigen Aufgabe, er wisse nicht, ob er ihr gerecht werden könne. Mit sehr wenig Schlaf habe er auskommen müssen in diesen Tagen, die dann zu einem „Höhepunkt in meinem politischen Leben“ führten. Eine „ungewöhnlich lange politische Wegstrecke“ erlebe ihre Krönung, „das ist für mich ein bewegender Moment“. Gleichwohl habe er „unangenehme Gefühle“, wenn er an die Verteilung der Ministerposten denke.

Das Programm des Seehofer Horst, so scheint es, passt auf eine Briefmarke. Es lautet: Ich. Wo die Programmatik schwächelt, soll das „Gesicht“ – so sagt er es selbst – reüssieren. Kaum jemand versteht es so wie der Seehofer Horst, das Gesicht als Spiegel der Seele zu verkaufen. Er kann famos besorgt dreinblicken, kann lausbubenhaft lächeln und großväterlich grummeln. Alles hat seine Zeit im Gesichtsspiegel des Seehofer Horst, das Zarte und das Harte, das Strenge und das Werbende, das Fühlen und das Führen.

Der Rhetor nennt captatio benevolentiae, der Politiker „fishing for compliments“, was der Seehofer Horst zelebriert. Sein planvolles Menscheln, seine kalkulierten Demutsgesten, seine routinierte Besorgtheit sind allesamt Waffen im politischen Daseinskampf. Ich bin ein Mensch, sagt jede Geste aus, schaut auf meine Nöte, hört auf meine Sorgen. Zwar ginge er nicht so weit wie Peter Sodann, der bei seiner Vorstellung rühmend auf sein morgendliches „Erfolgslebnis“ auf dem stillen Örtchen verwies – doch auch der Seehofer Horst verbirgt vor keiner Kamera sein Gefühlsmenschentum. Noch der Schweiß auf der Stirn und die Grübchen auf den Wangen werden einem politischen Machtwillen dienstbar: Können diese Züge lügen?

Natürlich können sie das, wie schlichtweg jede Gesichtszüge eines jeden Menschen lügen können. Indem der Seehofer Horst aber noch einmal den alten Traum uns vorträumen will, den Traum von der Unschuld des Menschen, von seiner Lauterkeit im Innern wie im Äußeren, den Traum von ganzheitlicher Integrität, den Traum einer Güte, die nicht an den Schein sich verrät, ja von einem Schein, der pures, echtes, wahrhaftiges Sein ist – geradeso betreibt auch der Seehofer Horst die Entkernung des Politischen.

Deshalb wird es keine Seehoferära geben, sondern ein Seehoferepisödchen. Ist es vorbei – nach Lage der Dinge: in wenigen Jahren – werden die, die dabei gewesen sind, peinlich berührt unter den Tisch blicken. Wie konnte es nur so weit kommen im Herbst 2008, wird man sich fragen, dass wir einen programmatisch unprogrammatischen Ich-Darsteller mit der Fülle der Macht ausstatteten? Einen öffentlich reuelosen Ehebrecher und Minderheitenprotegé, der mit kaum einer Position des CSU-Werteprogramms übereinstimmt – weder bei Gentechnik noch bei Sterbehilfe oder Embryonenforschung? Wie konnte es nur so weit kommen, dass wir uns ganz den öffentlichen Gefühlen eines ichverliebten Chamäleons auslieferten?

Das werden die Fragen sein alsbald, nach dem Ende eines Kapitels, das als Katharsis taugen sollte und eine Kapitulation wurde. Trösten wir uns einstweilen mit den Worten des Großen Vorsitzenden, des Seehofer Horst persönlich: „Sei bescheiden im Erfolg und stark in der Niederlage.“

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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