Luis Pazos

Jahrgang 1974, Diplomkaufmann.

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Lateinamerika: No pay for me Argentina

von Luis Pazos

Tango tanzend der Finanzkrise trotzen

Argentinien ist ein Phänomen für sich. Einst gehörte das Land zu den reicheren der Erde. Für unzählige Auswanderer aus den überquellenden Metropolen Europas war Buenos Aires der erste Anlaufpunkt auf dem amerikanischen Kontinent. Und häufig genug auch der letzte. In den schmalen Gassen des Hafenviertels gerann die resignative Melancholie des einsamen Einwanderers und seiner zu scheitern drohenden Träume im Strudel einer Melange aus Rhythmen und Lauten duzender Nationen zum Tango Argentino. Jenes nationale Kulturgut, jener „traurige Gedanke, den man tanzen kann“ verhalf indes den Bewohnern des Landes zu jener Portion gesunden Fatalismus, an dem zumindest ein Teil der Unbilligkeiten des Lebens schlicht abzuprallen vermag.

Dies war und ist auch bitter nötig, schließlich vollzog sich Argentiniens Abstieg zur von Dauerkrisen geplagten Republik über viele Jahrzehnte. An Leidenspotenzial herrschte also beileibe kein Mangel. Resignation in Folge platzender Träume wurde so auch zum  politischen Markenzeichen einer Republik, der allein König Fußball zu euphorischen Glücksmomenten verhalf. Auf der anderen Seite können sich die Bewohner Argentiniens insofern glücklich schätzen, als dass sie den aktuell tosenden finanziellen und wirtschaftlichen Verwerfungen gelassen entgegenschauen können - nichts neues, am Rio de la Plata.

Im Gegenteil, schließlich hat Argentinien bereits einmal vorgemacht, wie man sich der finanziellen Überbelastungen einer interventionistischen Konjunktur-, sprich Schuldenpolitik entledigt. Nein, nicht durch Inflation, sondern viel einfacher, durch einseitige Zahlungseinstellung, natürlich nicht nur die Zinsen sondern natürlich auch die Tilgung betreffend. Wenn schon, dann richtig. So geschehen im Jahr 2001, unter der 5tägigen Präsidentschaft Adolfo Rodríguez Saás. Praktischerweise betraf dieses Moratorium auch zahlreiche im Ausland umlaufende Staatsanleihen Argentiniens, was die Kosten der Finanzoperation für die inländische Bevölkerung in Grenzen hielt. Erst 2005 gab es seitens Argentiniens eine Umschuldungsofferte, längere Laufzeiten gepaart mit niedrigeren Zinsen und ein zu verschmerzender Verzicht auf 70 Prozent des Nominalwertes inbegriffen. Die Annahme des nicht allzu verlockenden Angebotes war freiwillig. 70 Prozent der Gläubiger, allen voran Argentinier, griffen zu. Die restlichen 30 Prozent hoffen bis heute auf Nachbesserung. Dies hinderte die Emittentin freilich nicht, bereits kurze Zeit später dem Publikum neue Anleihen anzudienen, kurioserweise sogar mit Erfolg.

Das finanzielle Gebaren Argentiniens demonstriert vor allem eines: Entwarnung. Alle Kritiker die glauben, staatliche Bankenrettungspakete, Garantiezusagen, Konjunkturstützungsprogramme und die Übernahme fauler Kredite würde durch deren Schuldenfinanzierung die Kinder und Enkel der aktuellen Generation, die Steuerzahler von morgen, über Gebühr strapazieren, können beruhigt aufatmen. Niemand wird im Zins- und Tilgungsdienst ertrinken. Die Entschuldung des eh nicht mehr zurückzahlbaren wird keineswegs durch Leistung des Schuldners, sondern auch dieses mal durch freiwilligen oder eben erzwungen Verzicht des Gläubigers erfolgen. Die euphemistische Umschreibung für den in diesem Zusammenhang gemeinhin als unmöglich suggerierten Staatsbankrott lautet Währungsschnitt oder Währungsreform und trifft eben nicht die Steuerzahler, sondern völlig generationsunabhängig die Halter von Wertpapieren und Zahlungszusagen öffentlich-rechtlicher Schuldner. Und was diesen Aspekt angeht, kennen sich wiederum die Deutschen hervorragend aus.

Über das Thema ist Argentinien freilich schon längst hinweg. Hier wurde schon weitergedacht. Denn um den aktuellen fiskalpolitischen Herausforderungen gewachsen zu sein, plant Argentinien derzeit die Verstaatlichung der privaten Rentenversicherung. Diese wurde im Kapitaldeckungsverfahren bereits 1994 ins Leben gerufen und verfügt mittlerweile über eine lukrative Rücklage von umgerechnet über 20 Milliarden Euro. Wie die argentinische Regierung verlauten ließ geht es ihr bei dieser Maßnahme ausschließlich um den Schutz der Rentner angesichts der von der Finanzkrise ausgehenden Gefahren für das Rentenkapital. Dennoch gelang es ihr seltsamerweise nicht, die Bedenken der Opposition hinsichtlich der eventuellen Möglichkeit einer missbräuchlichen Verwendung der Gelder vollständig auszuräumen. Doch wie dem auch sei, der Wechsel hin zu einer gesetzlichen Rentenversicherung ist in jedem Fall problemlos möglich. Der Charme eines eventuell umzusetzenden Umlageverfahrens besteht ja gerade darin, dieses jederzeit und ohne irgendeine Mittelausstattung ins Leben rufen zu können. Eigentlich beneidenswert, denn diese Option steht der Bundesrepublik Deutschland leider nicht mehr offen. Zwar erwirtschafteten die deutschen Rentenversicherungsträger nach Einführung der gesetzlichen Versicherungspflicht ab 1891 tatsächlich Überschüsse, die vor allem den aus Sicht der Versicherten ungünstigen Bestimmungen geschuldet waren, doch diese mussten ja in zwei Schüben unbedingt zur Finanzierung anderweitiger politischer Visionen herangezogen werden. Indes, der Argentinier an sich wird auch mit diesem Schlag in seinen finanziellen Kontor umzugehen wissen. Wer Argentinische Pesos besaß, hat diese eh in den letzten Monaten sukzessive in Dollar gewechselt, was dessen Stärke auf dem Devisenmarkt dann auch wieder plausibel erscheinen lässt.

Fazit: Von Argentiniern lernen heißt, gelassen mit der Krise umzugehen. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, sich für einen Tangokurs anzumelden. Wenn schon die Erotik des Geldes verblasst, die des südamerikanischen Paartanzes wird immer einen Hauch Lebensfreude versprühen – Krise hin, Krise her.

Internet

Die Argentinienkrise und der Staatsbankrott von 2001 in Wikipedia 

die tageszeitung: Argentinien in der Finanzkrise – Die Rente wird gerettet vom 23.10.2008

29. Oktober 2008

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