31. Oktober 2008

Aberglaube Altruismus

Logische und ethische Widersprüche

Es gibt in unserer Kultur einen tief verwurzelten Altruismus-Glauben; um dessen logische und ethische Widersprüche geht es in diesem Text.

Für viele Menschen lässt sich das Problem der modernen Gesellschaft auf eine einfache Formel bringen: Eigennutz kommt vor Gemeinnutz. Uns allen öffnet sich das Herz, wenn wir Menschen beobachten, die anderen scheinbar selbstlos helfen: Wir bewundern den Blutspender, der die verdienten 20 Euro anschließend in die Dose für die Krebsforschung steckt; wir bestaunen den Angestellten, der seine Wochenenden bei der freiwilligen Feuerwehr oder den Rettungsschwimmern verbringt; wir empfinden Wertschätzung für den anonymen Helfer, der nach Umweltkatastrophen einen Teil seiner Ersparnisse auf ein Spendenkonto überweist und natürlich verehren wir den Kriegshelden, der unter Einsatz seines Lebens den verletzten Kameraden aus der Schusslinie zieht. Offensichtlich wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle Menschen die dahinter stehende soziale Gesinnung teilten.

In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff „Altruismus“. Eingeführt wurde er 1830 von Auguste Comte – und zwar als Gegenbegriff zum Egoismus. „Alter“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „der andere“. Als Synonyme werden gerne genutzt: Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit und Selbstaufopferung. Allgemein anerkannte und in Lexika genutzte Definitionen gehen in die gleiche Richtung. Stellvertretend sei hier die Definition des österreichischen Professors Ernst Fehr genannt:

„Eine Person handelt altruistisch, wenn die Handlung ökonomische Kosten hat und einer anderen Person einen ökonomischen Vorteil bringt und wenn die Handlung nicht durch psychologische Vorteile motiviert ist.“

Herbert Spencer hatte das Gleiche im Sinn und nannte jede Handlung altruistisch, „welche im normalen Verlauf der Dinge anderen Nutzen schafft statt dem Handelnden selbst.“

Ich möchte im Folgenden zeigen, was für ein Schindluder mit dem Begriff Altruismus getrieben wurde und warum Definitionen im Stile Fehrs oder Spencers den Weg bereiten, Menschen um ihr Selbstwertgefühl zu bringen und sie gegenüber Autoritäten gefügig zu machen. Analysieren wir zunächst den Gegenbegriff „Egoismus“, der im Zusammenhang mit dem Altruismus gern als die achte Todsünde dargestellt wird. Zwei grundverschiedene Definitionen sind denkbar:

1. Egoismus ist das Streben nach Vorteilen für die eigene Person ohne Verletzung der Rechte anderer.

Der Mensch muss täglich hundertfach ausschließlich in seinem Eigeninteresse handeln: Hat er Durst oder Hunger, muss er diesen löschen oder stillen. Ist er müde, sollte er schlafen. Überfordert ihn ein Problem, macht er sich auf die Suche nach einer Lösung. Hat er Angst, sucht er Schutz. Dächte ein Mensch nie an sich selbst, wäre er also im Sinne dieser Definition nicht im geringsten egoistisch, wäre sein Leben sehr kurz. Nach dieser ersten Definition ist egoistisches Handeln moralisch einwandfrei.

2. Egoismus ist das Streben nach Vorteilen für die eigene Person ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer. Definiert man Egoismus auf diese klassische Art (Duden, großes Wörterbuch der deutschen Sprache; Meyers Lexikon), ist er ethisch verwerflich. Beispiel: Ich parke mit meinem Auto in zweiter Reihe – wohlwissend, dass ich damit einen Stau verursache und unzähligen Menschen Minuten ihres Lebens stehle.

Egoismus im Sinne dieser klassischen Definition schließt auch Fälle ein, in denen der Schaden der anderen nicht bewusst in Kauf genommen wurde. Ein Beispiel hierfür: Ich parke mein Auto in einer Lücke zwischen anderen und übersehe das Schild „Anwohner-Parkplatz“.

Aber selbst wenn wir Unbewusstheit unterstellen, hat der Handelnde es zumindest versäumt, die eigene Persönlichkeitsentwicklung so weit voran zu treiben, dass ihm eine unbewusste Missachtung der Bedürfnisse anderer kaum noch möglich ist. Auch unbewusstes Schädigen anderer ist fast immer eine Frage der Prioritäten: Befände sich der Parker in einem totalitären Staat und wüsste er, dass Falschparken dort mit Gefängnis bestraft würde, übersähe er sicher keine Verbotsschilder. Bei kleinen Kindern verhält es sich etwas anders als bei Erwachsenen: Ihr rücksichtsloses Handeln ist oft völlig unbewusst, weil ihnen noch die Fähigkeit fehlt, sich immer so weit in andere hineinzuversetzen, dass deren Bedürfnisse erkannt werden.

Wenn man sich bei der Definition des Egoismus auf die zweite Version einigt, hat man zunächst einmal ein technisches Problem: Es bleib keine Bezeichnung für ein Handeln im Sinne der ersten Definition, bei der also nur der Handelnde profitiert, aber keinem anderen Schaden zugefügt wird. Ich halte es schon deshalb für sinnvoller, das bewusste eigennützige Handeln auf Kosten anderer „rücksichtslos egoistisch“ zu nennen und das unbewusste Handeln auf Kosten anderer „egozentrisch“. Der Begriff „egoistisch“ bliebe dann für das Eigeninteresse reserviert, das niemandem schadet.

Es gibt neben diesem technischen Problem aber ein noch viel schwerwiegenderes inhaltliches Problem:

Bei der klassischen Definition des Egoismus werden zwei Dinge miteinander vermischt. Erstens: Ich tue etwas für mich. Zweitens: Ich schade anderen. Damit wird etwas ethisch völlig Unbedenkliches mit einer unethischen Handlung in Verbindung gebracht, und das Ganze bekommt einen Namen (Egoismus), der genauso gut auf allein die ethisch unbedenkliche Handlung passen würde. Nach dem gleichen Prinzip wurde bei der klassischen Definition des Altruismus verfahren. Es werden zwei Dinge zusammen gewürfelt. Erstens: Ich tue etwas für einen anderen. Zweitens: Ich darf von dieser Handlung nicht profitieren. Die Schwäche dieser Altruismus-Definition wird offensichtlich, wenn man verschiedene Handlungen auf ihren Altruismusgrad prüft. Stellen wir hierzu jeweils drei Fragen: Wem helfe ich? Aus welchem Antrieb helfe ich? Und: Was gebe ich dem anderen?

I. Wem helfe ich?

1. Ich helfe nur mir selbst.

2. Ich helfe Bekannten, Freunden, Verwandten.

4. Ich helfe Fremden.

4. Ich helfe Feinden.

Beim ersten Punkt kann natürlich nicht von Altruismus die Rede sein. Bei Verwandten, Freunden und Bekannten weiß man auch nie, ob es sich nicht um einen so genannten reziproken Altruismus handelt, also „ich helfe anderen, damit auch mir geholfen wird“. Erst beim Helfen von Fremden und Feinden ist die erste Voraussetzung für den klassischen Altruismus (anderen helfen ohne eigenen Vorteil) gegeben.

II. Aus welchem Antrieb helfe ich?

1. Ich helfe, weil ich mir materielle Vorteile erhoffe — entweder direkt (Tausch) oder in der Zukunft bei eigener Hilfsbedürftigkeit.

2. Ich helfe, weil ich mir ideelle Vorteile erhoffe — mein Ruf als guter Mensch verbessert sich und mein Selbstwertgefühl steigt, oder umgekehrt: Ich vermeide Verurteilungen, ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, mit denen ich zu kämpfen hätte, wenn ich nicht helfen würde.

3. Es existiert ein „wir“, bei dem die klare Trennung zum anderen verschwommen ist. Der Schmerz des anderen wird als eigener Schmerz empfunden und man investiert für dessen Beseitigung so selbstverständlich Energie, als empfände man selbst Schmerz. Bei dem „wir“ muss es sich nicht unbedingt um Freunde oder Bekannte handeln — das Wissen um das gemeinsame Menschsein kann schon genügen.

4. Ich bringe ein selbstloses Opfer und ich erziele dabei langfristig keinen eigenen Vorteil. Diese Motivation ist nur dann sicher authentisch, wenn ich jemandem helfe, mit dem ich mich nicht identifiziere, von dem ich keine Dankbarkeit zu erwarten habe und den ich wahrscheinlich in der Zukunft nicht mehr treffe; ferner dürfen andere von meiner Tat nicht erfahren.

Das Kriterium für klassischen Altruismus – Vorteil für andere, kein Vorteil für mich – wird nur beim letzten Punkt erfüllt. Bei den ersten beiden Punkten handelt es sich um reziproken Altruismus und beim dritten Punkt um einen Wir-Gefühl-Altruismus.

III. Was gebe ich dem anderen?

1. Ich spende Geld oder wende Zeit und Arbeit auf.

2.Ich opfere meine Gesundheit, eventuell mein Leben.

3. Ich opfere meine Überzeugungen.

Bei der Frage nach dem „was“ spielt auch der Wert der Gabe eine Rolle. Stiftet ein Millionär beispielsweise einen Euro für einen guten Zweck, würden die meisten das nicht als sehr altruistisch empfinden. Die Handlung wird also umso altruistischer, je wertvoller dem Spender das ist, was er spendet. Und da der klassische Altruist dabei keine psychologischen Vorteile erzielen darf, gilt: Tue das, was du am wenigsten magst, gib das, was dir am wertvollsten ist, und wähle als Nutznießer Fremde und Feinde. Unter dem Postulat des klassischen Altruismus ist ein Mensch also umso tugendhafter, je mehr er seine eigenen Bedürfnisse aufgibt. Zwei Beispiele von Menschen, die wirklich selbstlos handeln, sollen zeigen, dass das kein erstrebenswertes Ideal sein kann:

1. Der leidende Samariter

Wer kein Lebenskonzept gefunden hat, das ihn glücklich macht, tut vielleicht irgendwann aus Trotz genau das, was die Gesellschaft von ihm fordert: Er verhält sich altruistisch und opfert sich für andere auf. Natürlich macht ihn das bei seiner Art der Motivation auch nicht glücklich, aber genau das ist ja die Voraussetzung, um als Altruist im Sinne der klassischen Definition zu gelten. Der einzige Vorteil den er hat, besteht darin, dass er nun die Verantwortung für sein Leben abgeben und sein Unglück den anderen vorwerfen kann. Das verstößt aber noch nicht gegen die Forderungen des Altruismus, denn langfristig schadet sich der leidende Samariter durch sein Verhalten mehr als es ihm nützt.

2. Der unbewusste Opportunist

Dem unbewussten Opportunisten wurde schon als Kind folgende Impfung zuteil: „Wichtig sind immer die anderen, und eigene Bedürfnisse gilt es unterzuordnen!“ Seine Eltern reagierten mit Liebesentzug, wenn ihr Kind nicht gehorchte. Der Opportunist hat also schon als Kind – meist unbewusst – alles getan, um die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen, auch wenn das seinen langfristigen Eigeninteressen zuwiderlief. Als Erwachsener wird das Programm weiter unbewusst abgespult. „Erfülle die Erwartungen der anderen, dann wirst du geliebt.“ Das klassische Beispiel ist eine Berufswahl wider die eigenen Interessen: Der Sohn übernimmt die Arztpraxis des Vaters, obwohl er lieber Musiker geworden wäre. Oder er heiratet eine Frau, die eher den Eltern gefällt als ihm. Die Liebe der Eltern ist also an Bedingungen geknüpft, bei denen sich der Sohn verstellen muss. Das kann ihn aber nicht befriedigen, und so bleibt auch der unbewusste Opportunist unglücklich und verbittert.

Die Advokaten des klassischen Altruismus wissen genau, warum sie nie explizit sagen, dass man ein umso besserer Altruist ist, je mehr man seine eigenen Bedürfnisse aufgibt: Jeder würde sofort erkennen, dass diese Moral widernatürlich ist. Der Mensch kann nicht selbstlos sein, wenn er überleben will. Die anderen müssten ständig erahnen, was er gerade braucht und seine Bedürfnisse befriedigen. Der Imperativ des klassischen Altruismus zwingt alle Menschen in die Hoffnung, dass andere etwas für sie tun.

Hier haben wir also das perfekte Rezept, um Menschen in ein lebenslanges Dilemma zu verwickeln und ihnen jedes Selbstwertgefühl zu rauben: Man definiert erstens den Egoismus so, dass diese Eigenschaft inakzeptabel ist wegen des Schadens, den andere erleiden. Zweitens definiert man den Altruismus auf eine Weise, dass kaum einer die Forderungen erfüllen kann, und die wenigen, die es tatsächlich schaffen, sicher unglücklich werden. Eine Ethik mit unerfüllbaren Forderungen führt entweder zur Heuchelei oder sie erzeugt Leid, weil wir irgendwann zu der Überzeugung gelangen, dass wir und all unsere Mitmenschen einen schlechten Charakter haben. Somit empfindet es fast jeder als normal, dass es für alle Menschen eine höhere Instanz geben muss, die ermächtigt ist, den Mangel an Altruismus mit Zwang einzufordern. Für Kinder ist diese höhere Instanz zunächst der Vater und die Mutter, später auch die Kindergärtnerin und die Lehrer. Für Erwachsene ist der Staat diese höhere Instanz. Er zwingt uns zur Solidarität. Männer müssen – ob sie wollen oder nicht – zum Kriegs- oder Zivildienst und mit ständigen Enteignungen wird permanent unser Eigentum dezimiert: Lohn- oder Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag, Kirchensteuer, Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer, Stromsteuer, Kfz-Steuer, Erbschaftsteuer – um nur einen Bruchteil der unzähligen Steuerarten zu nennen. Ein Teil des Geldes wird dann umverteilt in Form von: Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Rente, Kindergeld, Elterngeld und so weiter.

Nur wenige wissen, dass der Spruch „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ im 25 Punkte-Programm der NSDAP auftaucht. Altruismus ist eben eine perfekte Lehre, um Menschen unmündig zu machen und gehorsam für Autoritäten. Das wusste die Kirche übrigens schon lange. Aber auch in der Demokratie ist es es nicht nur recht, sondern sogar billig, wenn eine Gruppe von Menschen A schädigt, um B Barmherzigkeit zuteil werden zu lassen. Aus Sicht der klassischen Altruismus-Definition ist der moralische Wert einer Handlung nämlich unabhängig von der Art eben dieser Handlung; es zählt nur die Frage, ob Handelnder und Nutznießer identisch sind. Sind sie das nicht – wie in dem gerade genannten Beispiel –, ist die Handlung über jede Kritik erhaben. Sind Handelnder und Nutznießer jedoch identisch, tut also jemand etwas für sich, war die Handlung schlecht. Im Sinne der altruistischen Ethik unterscheidet sich ein kapitalistischer, profitorientierter Geschäftsmann nicht von einem Bankräuber. Beide handeln aus Eigeninteresse, um ihre persönliche Lage zu verbessern. Zugegeben, auch bei den Altruismus-Aposteln hinterlässt der Bankräuber einen unangenehmen Beigeschmack, weil er das Geld anderen wegnimmt. Aber haben die Bank und deren Versicherung ihre Gewinne nicht auch dadurch erzielt, indem sie mit überhöhten Gebühren andere gleichsam ungerechtfertigt ausgesaugt haben? Und beuten nicht alle kapitalistischen Firmenbesitzer ihre Angestellten aus, wenn die Firma ihre Gewinne nicht vollständig an die weitergibt, die die Arbeit machen, also die Arbeiter und Angestellten? Wenn der Bankräuber nun gar nicht für sich stöhle, sondern die Beute anschließend unter den Armen und Bedürftigen verteilte, erhöbe er sich aus Sicht der Altruisten moralisch weit über den Firmenbesitzer.

Im Frühjahr 2007 ging ein aktuelles Beispiel dieser Robin-Hood-Moral durch die Presse: Der Intendant des Berliner Ensembles Claus Peymann sagt über die RAF-Terroristen, sie seien „keine gewöhnlichen Mörder, die töteten, um sich zu bereichern“, sondern fehlgeleitete Idealisten ohne materielle Interessen, die glaubten, „etwas gegen die Ermordung von hunderttausenden von Kindern und Frauen in Vietnam und gegen das Elend in der Dritten Welt tun zu müssen“. Die terroristischen Handlungen genügten übrigens allen Altruismuskriterien bei den Fragen nach dem Wem, Warum und Was: Die Terroristen helfen Fremden (vietnamesischen Frauen und Kindern), ihre Motivation war nicht eigennützig-materieller Art und es wurde Zeit wie Mühe investiert und sogar die eigene Freiheit und das eigene Leben riskiert.

Jede widersinnige Moral erzeugt einen Nebeneffekt, so auch der klassische Altruismus: Die Menschen spalten sich in zwei Gruppen. Die eine Gruppe versucht sich der Altruismus-Doktrin zu unterwerfen – wenn auch widerwillig –, die andere Gruppe verweigert sich und rebelliert. Die Unterwürfigen werden sich immer brav schämen, wenn sie etwas für sich tun, und sie werden ihren Eigennutz möglichst geheim halten. Wenn sie dann sehen, wie manche Rebellen erfolgreich sind, weil die anscheinend ohne Scham in ihrem Eigeninteresse handeln, breitet sich bei den Unterwürfigen Neid aus. Dieser Neid entsteht aus einem Ungerechtigkeitsgefühl heraus und er vergiftet nicht nur das Gemeinschaftsleben, sondern kostet volkswirtschaftlich auch unvorstellbar viel Geld; das zeigt eine neue Untersuchung der britischen Universität Warwick:

In einem Laborexperiment bekam jeder Proband etwas Geld, das er beim Glücksspiel einsetzen konnte. Manche willkürlich ausgewählte Teilnehmer erhielten einen zusätzlichen Betrag in unterschiedlicher Höhe. Später bekamen die Probanden die Möglichkeit, das Guthaben anderer zu verringern. Dazu mussten sie eine Art Neidgebühr entrichten, das hieß: Ein Neider hatte 25 Cent für jeden Euro zu bezahlen, der auf dem Konto eines anderen gelöscht werden sollte. Das Ergebnis des Experiments war erschreckend. Knapp zwei Drittel der Teilnehmer bestraften andere Teilnehmer und dabei wurde insgesamt ein Drittel des vorhandenen Vermögens vernichtet. Besonders rabiat gingen die zu Werke, die in der ersten Runde kein zusätzliches Geschenk erhalten hatten und offensichtlich das Gefühl nicht loswurden, zu kurz gekommen zu sein. Sie investierten besonders viel eigenes Geld, um das Vermögen der Glücklicheren zu verringern. Umgekehrt wurde einem desto energischer das Geld von Unterprivilegierten wieder abgeknöpft, je größer das eigene Anfangsgeschenk ausgefallen war. (Beim Ultimatumspiel kann man ganz Ähnliches beobachten.)

Es spricht einiges dafür, dass sich der latent vorhandene Neid in uns besonders gut entfaltet, wenn das an der Macht befindliche Regime gehörig umverteilt. In Europa herrscht traditionsgemäß eine viel größere Staatsgläubigkeit und eine entsprechend höhere Staatsquote als in den USA, und so steckt viel Wahrheit in dem folgenden Dialog, den Rolf Haubl erfunden hat:

„Geht ein US-Amerikaner mit seinem Freund spazieren. Kommt ein großer Cadillac vorbei. Sagt der Amerikaner zu seinem Freund: ›So einen Wagen fahre ich auch noch mal!‹ — Geht ein Deutscher mit seinem Freund die Straße entlang, fährt ein BMW vorbei. Sagt der Deutsche zu seinem Freund: ›Der Typ geht auch noch mal zu Fuß!“

Wie sähe nun ein nützlicher Umgang mit den Begriffen Egoismus und Altruismus aus?

Ich schlage vor, die Definition des Altruismus zunächst von dem Teil zu befreien, in dem es heißt, dass dem Handelnden keine Vorteile zuteil werden dürfen. Was sollte auch verkehrt sein an einer barmherzigen Tat mit „psychologischen Vorteilen“ beim Gebenden, weil der zum Beispiel Freude empfindet, wenn er das Leben eines anderen bereichert? Auch dürfte es dem Empfänger der altruistischen Handlung egal sein, wenn der Altruist anschließend sein gestiegenes Ansehen bei Dritten genießt. Wahrscheinlich ist es dem Nutznießer sogar recht, wenn der Gebende auch in irgendeiner Form profitiert, andernfalls würde der Nutznießer eine zu große Schuld spüren. Oscar Wilde hat diese Erkenntnis in folgenden Satz gegossen:

„Selbstaufopferung ist etwas, das durch ein Gesetz abgeschafft werden sollte. Sie ist so demoralisierend für die Leute, für die man sich aufopfert.“

Seit Mitte der 70er Jahre ist unter den Biologen das so genannte Handicap-Prinzip bekannt: Der Körper des Pfaus investiert große Stoffwechselreserven in luxuriöse Schwanzfedern, die männlichen Stichlinge haben eine rote Färbung auf der Haut, die danach schreit „hier bin ich, friss mich“, und die Laubenvögel stecken viel Zeit in den Bau eines kunstvoll verzierten Nestes mit seltenen Blüten als Dekoration. Sie machen das — natürlich triebgesteuert und unbewusst —, um den Weibchen zu signalisieren „ich bin so fit, ich kann es mir leisten, Energie zu verschwenden“. Das Weibchen bekommt hiermit ein fälschungssicheres Signal darüber, ob gemeinsame Nachkommen gute Gene bekämen und damit der Fortbestand der Art gesichert bliebe.

Was sollte moralisch bedenklich daran sein, wenn jemand zum Beispiel vor Zeugen Geld für karitative Zwecke spendet und damit implizit sagt „seht her, wie lebenstüchtig und potent ich bin, dass ich es mir leisten kann, Geld zu verschenken“?

Man kann davon ausgehen, dass auch Warren Buffett und Bill Gates nicht frei von diesen Einflüssen waren als sie sich entschlossen, einen Großteil ihres Vermögens zu spenden. Sie haben ihr Vermögen verdient, also verdienen sie auch ein gestiegenes Ansehen, wenn sie einen Großteil ihres Geldes für einen guten Zweck stiften. Wenn jedoch ein deutscher Bundeskanzler den Tsunami-Opfern eine halbe Milliarde schenkt, dann verdient das keinen Respekt, denn er spendet nicht sein Geld, sondern beraubt dafür Dritte, nämlich die Steuerzahler.

Schließt man bei der Altruismus-Definition eigene Vorteile nicht aus, kann es bei jeder altruistischen Handlung zwei Gewinner geben: den Handelnden und den Empfänger. Bei der klassischen Definition ohne Vorteile beim Gebenden, darf es nur einen Gewinner geben: den Empfänger. Wie das Beispiel Gerhard Schröders zeigt, sollte die Definition des Altruismus noch um die Bedingung der Freiwilligkeit ergänzt werden: Man kann Menschen nicht zu sozialem Verhalten zwingen. In dem Moment, da jemand zu sozialem Verhalten gezwungen oder erpresst wird, ist sein Verhalten nicht sozial. Wenn C beschenkt wird, weil A die Macht hatte, B zur Bezahlung des Geschenks zu zwingen, kann weder B sich des Altruismus rühmen, noch verdient A unsere Bewunderung — A muss sich vielmehr den Vorwurf des unmoralischen Handelns gefallen lassen. Schiller schrieb dazu:

„Zur moralischen Schönheit der Handlung ist Freiheit des Willens die erste Bedingung, und diese Freiheit ist dahin, sobald man moralische Tugend durch gesetzliche Strafen erzwingen will.“

Bei der Definition des Altruismus muss ein Schaden Dritter daher ausgeschlossen werden. Robin Hood wäre also kein Altruist, wenn diese Definition gölte:

Eine Person handelt altruistisch, wenn sie freiwillig das Leben anderer bereichert, ohne dabei Dritten zu schaden.

Es reicht jedoch nicht, Zwang auszuschließen, also die Drohung mit körperlicher oder seelischer Gewalt. Es gibt nämlich noch eine subtilere Form der Gewalt: die Belohnung. Manche Eltern möchten ihre Kinder zu Altruisten erziehen, lehnen Zwang ab, aber greifen zur Verführung und Bestechung: „Wenn du Oma im Garten hilfst, gibt es von uns einen kleinen Zuschuss zu deinem neuen iPod.“ Die Belohnung hat jedoch nicht den gewünschten Effekt, den Altruismus zu fördern. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit wandert von der intrinsischen Wirkung der altruistischen Handlung (ich habe Freude am Bereichern des Lebens eines anderen) auf die Belohnung (ich bekomme einen Zuschuss zum iPod). „Was aber“, so werden manche Eltern fragen, „wenn mein Kind keine Freude hat, anderleute Leben zu bereichern?“ Dann sind Zwang oder Belohnung auch keine Lösung. Man kann nicht mehr tun, als den anderen darüber zu informieren, wie er einem das Leben bereichern kann, wenn er das möchte. Die Definition muss also noch um die Eigenmotivation ergänzt werden. Ein Handeln, das anderen nützt, mag zwar nicht erzwungen, kann aber allein motiviert sein durch Belohnungen Dritter. Da handelt es sich also dann eher um bezahlten Altruismus. Mein vollständiger Vorschlag einer neuer Altruismus- und Egoistmus-Definition lautet daher:

Eine Person handelt altruistisch, wenn sie eigenmotiviert und freiwillig das Leben anderer bereichert, ohne dabei Dritten zu schaden.

Egoismus ist das Streben nach Vorteilen für die eigene Person ohne Verletzung der Rechte anderer.

Wenn man diese beiden Definitionen akzeptiert, wird deutlich, dass eine Entweder-oder-Frage unsinnig ist. Es gilt vielmehr, den Egoismus zu integrieren und transzendieren. Man geht also mit dem Altruismus über den Egoismus hinaus, schließt ihn aber ein. Wer vor lauter Altruismus nicht mehr an sich selbst denkt, der hat seinen Egoismus nicht transzendiert und integriert, sondern dissoziiert. Diese Art der Abspaltung (Dissoziation) macht weder den Geber noch den Empfänger der altruistischen Handlungen glücklich. Wer an die anderen denken will, muss zunächst mal an sich gedacht haben — und das auch weiterhin tun. Man kann nur aus einem Gefühl der Fülle, des Reichtums und der Zufriedenheit andere so beschenken, dass es das Leben aller bereichert. Der leidende Samariter gibt oft aus einem Gefühl des Mangels und der unbewusste Opportunist aus einem Gefühl der Angst. Dafür muss irgendwann auch der Empfänger einen Preis zahlen.

Viel häufiger als eine Dissoziation wird aber eine Stagnation beklagt, wenn nämlich das Transzendieren des Egoismus ausbleibt. Wer beispielsweise in der Kindheit immer ermahnt wurde, an die anderen zu denken, noch bevor die eigenen Bedürfnisse befriedigt waren, bei dem wird sich eine Verknüpfung bilden, bei der der Einsatz für andere verbunden ist mit dem Gefühl, dass die eigenen Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Wachstum ist aber immer nur aus einer Position und einem Gefühl der Sicherheit heraus möglich. Das ist schon auf der Ebene der Zellen zu erkennen: Wie der Biologe Bruce Lipton in seinem bahnbrechenden Buch „die Biologie des Glaubens“ darlegt, wird ein Organismus bei Gefahr immer in einen Schutzmodus gehen und keinerlei Energie in Wachstum und Erneuerung stecken. Wer sich ständig in einem Stresszustand befindet — Kämpfen, Flüchten oder Totstellen — der wird aber nicht nur körperlich krank, sondern auch in seiner moralischen Entwicklung stagnieren. Das heißt er bleibt verhaftet im rücksichtslosen Egoismus oder der Egozentrik. Gesunder Egoismus (ich tue etwas für mich, ohne anderen zu schaden), reziproker Altruismus oder gar ein Wir-Gefühl-Altruismus werden sich nur verzögert oder überhaupt nicht einstellen.

Kann man Altruismus fördern?

Wer Altruismus erzwingt oder lediglich belohnt, der fördert ihn nicht, sondern schadet seiner Entwicklung, indem er eine extrinsische Motivation schafft: Vermeiden von Strafen beim Zwang, Ergattern eines Vorteils beim Loben oder Belohnen. Dieses Phänomen illustriert eine Geschichte von Alfie Kohn:

Ein alter Mann wurde täglich von den Nachbarskindern gehänselt und beschimpft. Eines Tages griff er zu einer List und bot den Kindern einen Euro an, wenn Sie am nächsten Tag wiederkämen und ihre Beschimpfung wiederholten. Die Kinder kamen, ärgerten ihn und holten sich dafür wieder einen Euro ab. Wieder versprach der alte Mann, wenn ihr wiederkommt, dann gebe ich euch 50 Cent. Und wieder kamen die Kinder und beschimpften ihn gegen Bezahlung. Als der alte Mann sie aufforderte, ihn auch am nächsten Tag zu ärgern, nun allerdings nur noch für 20 Cent, waren die Kinder empört: für so wenig Geld wollten sie ihn nicht beschimpfen. Von da an hatte der alte Mann seine Ruhe.

Wenn also weder Zwang noch Belohnungen altruistisches Verhalten fördern können, was kann man dann tun? Beginnen wir mit dem reziproken Altruismus: „Ich helfe jemandem, weil ich davon ausgehe, dass diese Handlung sich irgendwann in der Zukunft auszahlen wird. Dieses Verhalten ist schlicht und ergreifend rational, wenn man folgenden Zusammenhang versteht:

Oft wird das Geben den Geber viel weniger kosten als dem Beschenkten das Geschenk wert ist. Hat beispielsweise ein Mensch eine Wissenslücke, würde ihn das eigenständige Schließen dieser Lücke eventuell Tage kosten. Ein anderer, der bereits über dieses Wissen verfügt, kann mit einer Investition von wenigen Minuten der Erklärung dem ersten also eventuell Tage der Arbeit ersparen.

Es gibt jedoch zwei Voraussetzungen für diesen reziproken Altruismus: Man muss Belohnungen aufschieben können und man muss fähig sein, anderen zu vertrauen. Was die Psychologen mit dem Begriff „Belohnungen aufschieben“ meinen, lässt sich in vier Worten beschreiben: investiere jetzt, ernte später. Das ist nicht jedermanns Sache. Vielen Menschen fehlt es an der Selbstdisziplin – sie wollen ihre Belohnung immer sofort. Wie wichtig diese Fähigkeit aber ist, zeigt folgende Untersuchung:

Der Psychologe Walter Mischel hat in den sechziger Jahren den so genannten Marshmallow-Test ersonnen: Vierjährige Kinder aus der gehobenen Bildungsschicht wurden auf ihre Selbstbeherrschung hin untersucht. Den Kindern wurde der Vorschlag unterbreitet, entweder einen Marshmallow sofort zu bekommen oder sogar zwei, die aber nur, wenn es ihnen gelang, den ersten Marshmallow nicht zu essen bis der Experimentleiter nach zwanzig Minuten in den Versuchsraum zurückkehrte. Welche diagnostische Kraft dieser Test besaß, wurde 12-14 Jahre später deutlich, als man dieselben Kinder nunmehr als Jugendliche untersuchte: Zwischen denen, die sich das Bonbon geschnappt hatten und den anderen, die die Belohnung aufgeschoben hatten, zeigte sich ein auffälliger emotionaler und sozialer Unterschied: Diejenigen, die mit vier Jahren der Versuchung widerstanden hatten, zeigten jetzt als Jugendliche größere soziale Kompetenz. Sie waren selbstbewusst, durchsetzungsfähig und besser in der Lage, mit Drucksituationen, Stress und Frustration umzugehen.

Die Gruppe der Kinder, die nach dem Bonbon gegriffen hatte, zeigte dagegen die Tendenz, diese Vorzüge weniger ausgeprägt zu besitzen. Ihr Verhalten war eher entgegengesetzt: Sie waren druckempfindlich, weniger kontaktfreudig und mit ihrem eigenen Selbstbild unzufrieden. Die geduldigen Kinder hatten außerdem auf der Highschool die besseren Noten und schnitten beim Scholastic Assessment Test (SAT) für die Aufnahme bei amerikanisichen Universitäten signifikant besser ab.

Wer also nie richtig gelernt hat, dass man sein Lebensglück steigern kann, wenn man die sofortige Zufriedenheit bisweilen einem späteren Glück opfert, der wird natürlich auch mit reziprokem Altruismus Schwierigkeiten haben, denn auch hier heißt es „investiere jetzt, ernte später“, wobei die spätere Belohnung noch nicht einmal garantiert ist.

Es gibt mehrere Voraussetzungen, damit sich Selbstdisziplin entwickeln kann:

1. Ich darf nicht ständig in einem Gefühl des extremen Mangels leben, denn dann kann ich es mir gar nicht leisten, Belohnungen aufzuschieben.

2. Ich darf nicht unter Stress stehen und Angst haben, denn dann kann der Organismus nicht in Wachstum investieren, sondern hat das Gefühl, alle Ressourcen für seinen Schutz verwenden zu müssen.

3. In meiner Umgebung muss es Menschen geben, zu denen ich eine intensive Beziehung habe, die Belohnungen aufschieben und damit erfolgreich sind. Ein Vater, der von Sozialhilfe lebt, den ganzen Tag vor dem Fernseher hockt, raucht, trinkt, keinen Sport treibt, sich schlecht ernährt und immer dicker wird, ist kein gutes Vorbild, um dem Kind den Belohnungsaufschub zu vermitteln.

4. Ich muss selber oft erfahren haben, dass sich das Aufschieben von Belohnungen lohnt. Erst wenn man diese Erfahrung hundertfach gemacht hat, geht dieses Wissen ins Unterbewusstsein ein und man wird sich in zukünftigen Situationen fast automatisch gegen die sofortige kleine und für die zukünftige größere Befriedigung entscheiden.

Die zweite Voraussetzung für reziproken Altruismus ist die Fähigkeit, den Menschen zu vertrauen. Wer glaubt, in einer Welt von Verbrechern und schlechten Menschen zu leben, ist natürlich wenig geneigt, altruistisch zu handeln und auf Gegenseitigkeit zu hoffen. Die Spieltheorie hat bewiesen, dass man langfristig am besten fährt, wenn man den Menschen grundsätzlich erstmal vertraut. Wird das Vertrauen enttäuscht, sollte man dem gleichen Menschen erstmal nicht mehr vertrauen. Nach einer Weile vertraut man ihm dann noch einmal. Wird das Vertrauen erneut enttäuscht, vertraut man diesem Menschen nie wieder. Jemandem zu vertrauen bedeutet, sich verletzlich zu machen: Ich bringe eine Vorleistung und habe keine Garantie, dass dieses Vertrauen nicht missbraucht wird. Je mehr positive Erfahrungen jemand in der Vergangenheit mit Vertrauen gemacht hat, desto leichter wird er anderen vertrauen. Wenn man diese Erkenntnisse zum Altruismus zu Handlungsanweisungen für Eltern destillieren möchte, könnte das so aussehen:

- Sorge dafür, dass dein Kind – sofern in deiner Macht – keinen ernsthaften Mangel erleiden muss und keine unnötige Angst.

- Arbeite an deiner eigenen Selbstdisziplin und inszeniere sie nicht, um ein Vorbild zu mimen.

- Vertraue deinem Kind und missbrauche nicht das Vertrauen deines Kindes.

- Sei selbst vertrauenswürdig und vertraue auch anderen Menschen. Dein Kind wird sehr genau beobachten, ob du anderen Menschen vertraust und ob andere Menschen dir vertrauen. Ist dem so, ist das die beste Werbung für gegenseitiges Vertrauen. Inszenierungen haben auch hier keinen Sinn und werden sowieso früher oder später durchschaut.

Das sind übrigens keine Erziehungstipps oder -regeln, denn Erziehung funktioniert nicht. Das sind Anweisungen, die auch im Umgang mit jedem anderen Mitmenschen sinnvoll sind.

Je mehr man gute Erfahrungen mit dem reziproken Altruismus gemacht hat, umso größer ist die Chance, dass sich irgendwann auch Wir-Gefühl-Altuisimus entwickelt: zuerst mit Familienangehörigen, dann mit Freunden und Bekannten und irgendwann auch mit Fremden. Hier hilft man dem anderen nicht mehr, weil man direkte Gegenleistungen erhofft, sondern weil man Freude und Leid mit ihm teilt. Geht es dem Gegenüber schlecht, leidet man mit, und kann man sein Leid beseitigen, freut man sich genau so als wäre die eigene Situation verbessert worden.

Auch hier wird die Entwicklung beschleunigt, wenn einem selber diese Art des Altruismus zuteil geworden ist oder man zumindest oft Zeuge wurde, wenn andere Menschen aus dieser Motivation gehandelt haben. Ein Geheimnis, das den Altruismus wahrscheinlich schneller verbreiten könnte als alles andere, stammt von Marshall Rosenberg: Wenn die Menschen lernen, richtig „bitte“ und „danke“ zu sagen, kann man Erstaunliches erleben. Damit ist jedoch nicht das gemeint, was viele Eltern im Sinn haben, wenn sie ihren Zöglingen reflexartig die stereotypen Fragen entgegenwerfen: „Wie lautet das Zauberwort?“ oder „wie sagt man da?“ Diese Art der Dressur provoziert nur Widerstand, weil sie die Autonomie bedroht. Wer möchte sich schon gerne abrichten lassen wie ein Hund?

Der Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung zeigt sich an der Reaktion, wenn der Bittende eine Absage erhält: Ist eine Absage kein Problem, handelte es sich tatsächlich um eine Bitte. Formuliert der Bittende sein Anliegen nach einer Absage jedoch mit mehr Nachdruck oder versucht er dem Gegenüber wegen der Absage ein schlechtes Gewissen zu machen, handelte es sich in Wirklichkeit um eine Forderung.

Forderungen zu erfüllen, macht keinen Spaß. Wer macht sich schon gerne zum Befehlsempfänger? Was jedoch Spaß macht, ist anderen das Leben zu bereichern – vorausgesetzt es geschieht ohne Druck und Zwang. Um die Möglichkeit dieser Freude nicht zu zerstören, sollte der Bittende klarstellen, dass er sein Gegenüber nur darüber informiert, wie dieser sein Leben bereichern könnte und dass sich hinter dieser Information keine Forderung versteckt. Die meisten haben sich nämlich so daran gewöhnt, dass Forderungen meist als Bitten maskiert daher kommen – die alleinige Verwendung des Wortes „bitte“ reicht deshalb nicht.

Wer also die Verbreitung des Altruismus nicht behindern möchte, der verpackt seine Forderungen nicht mehr in Bitten, sondern reserviert dieses Wort für Angebote, die man auch ablehnen kann.

Viele Menschen hegen Argwohn, wenn es um Freiwilligkeit geht. Dem liegt meist die Überzeugung zugrunde, dass der Mensch eben nicht per se „gut“ sei. Ist er auch nicht. Er ist aber auch nicht per se „schlecht“. Er hat das Potenzial für beides. Wenn ich jedoch vom Schlechtsein ausgehe, erzeuge ich mit meinem Misstrauen genau die Dinge, vor denen ich mich fürchte. Menschen haben eine Veranlagung, anderen Menschen zu helfen, also sozial zu handeln. Der Deutsche Forscher Felix Warneken hat Videos ins Internet gestellt, die zeigen, dass bereits Anderthalbjährige anderen helfen – ohne Aufforderung und ohne in Aussicht gestellte Vorteile.

Wie tief dieses Muster verankert sein muss, zeigt die Tatsache, dass sich Schimpansen prinzipiell gleich verhalten. Wer würde seine Rührung verleugnen, wenn er von dieser Beobachtung des Psychologen Wolfgang Köhlers liest, die er 1925 in seinem Buch „The Mentality of Apes“ veröffentlicht hat:

„Einem Schimpansen, Chica, ist es nicht gelungen, ein Nahrungsstück zu erlangen, das außerhalb ihrer Reichweite jenseits des Käfigs lag. Ihr fehlte das Wissen, dass man zwei verfügbare Stöcke hätte zusammenstecken können, um sie als Angel zu benutzen. Köhler schaute sich Chicas erfolgloses Bemühen zunächst eine Weile an. Neben ihm hockte sein Lieblingschimpanse Sultan, der das ganze mit Interesse verfolgte und sich am Kopf kratzte. Igrendwann entschloss sich Köhler, Sultan die Stöcke zu geben, damit er als Vorbild dienen konnte für Chica. Wenn sie sähe, wie Sultan das Problem löst, könnte sie den Trick vielleicht auch verstehen. Wie erwartet steckte Sultan die Stöcke zusammen und griff nach dem Essensstück. Aber statt es zu sich hinzuziehen, schob er es zu Chica.“

Autoritäten hätten es viel schwerer, gefügige Untertanen zu finden, wenn allen Menschen klar wäre, dass unsere Spezies stark ausgeprägte Anlagen zur Hilfsbereitschaft und Kooperation hat. Willige Untertanen fänden sich noch schwerer, wenn die Menschen überdies wüssten, dass man diese Anlagen durch Förderung eher sabotiert als unterstützt. Das gilt gleichermaßen für die Förderung während der Erziehung, im Management oder in der Politik.

Internet

Das Ultimatumspiel

Der Video von Felix Warneken: Wäscheklammer.mpg

Ein ähnliches Video von Felix Warneken, das einen Affen zeigt, der einem Menschen hilft: Deckel-aufheben.mpg


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