01. November 2008

Kreditkrise Gier, Vertrauen und Überschuldung

Zu Erklärungen der Krise mit psychologischen Pseudo-Argumenten

Die Gier ist schuld: Raffende Bankmanager wollten viel mehr Reichtümer anhäufen als ein normaler Mensch braucht. Diese populäre Argumentation bewirkt zweierlei. Erstens befriedigt sie das Bedürfnis nach Schuldzuweisung an die, deren tägliche Tätigkeit für Otto Normalverbraucher nicht besser zu verstehen ist als seinerzeit das Handeln der Götter im Olymp für den griechischen Sklaven. Zweitens eröffnet sie die Möglichkeit, durch politischen Aktionismus dem angeblich sozialschädlichen Verhalten dieser modernen Götter Grenzen ziehen zu können. Wer so argumentiert, der muss nicht mehr verlangen, als dem, der sich in seiner Gier die Taschen voll stopft, zukünftig Einhalt zu gebieten. Wer die Gier als Erklärung anbietet, der befriedigt das Bedürfnis der Massen nach Schuldzuweisung und Bestrafung und rückt gleichzeitig die Möglichkeit ins Blickfeld, dass so etwas nicht wieder passiert – weil dann ja endlich die geeigneten Verbotsgesetze erlassen worden sind. Psychologisierende Erklärungen dieser Art haben – im Gegensatz zur allgemeinen Wirtschaftslage – Konjunktur. Man findet sie überall. Wer etwa im unfreien und strangulierten deutschen Arbeitsmarkt keine Arbeit findet, der wird faul genannt. Wenn ein Vorstandsvorsitzender Millionen nach Hause nimmt, dann ist er gierig. Das negative Psychogramm der Betroffenen erklärt, was man sich anderweitig nicht erklären kann.

Neben der Gier der Verantwortlichen ist ihr fehlendes Vertrauen zur Kreditvergabe untereinander der zweithäufigste Erklärungsversuch der derzeitigen Bankenkrise. Weil die Banken sich untereinander nicht vertrauen, leihen sie sich keine Gelder und es fehle erst ihnen, dann allen Wirtschaftsakteuren an Liquidität. In Wirklichkeit ist es anders. Die Banken sind überschuldet. Niemand leiht Geld an jemanden, der pleite ist. Am 18. Oktober hat das Wall Street Journal Frau Anna Schwartz interviewt, die zusammen mit Milton Friedman Autor eines einflussreichen Werks über die monetäre Geschichte der Vereinigten Staaten verfasst hat. Frau Schwartz hält nichts von der Art und Weise, wie Regierung und Fed die Bankenkrise bewältigen, weil diese die Natur der Krise verkannt hätten. Banken liehen sich nicht aus einem Mangel an verfügbarer Liquidität nichts untereinander, sondern weil die Bilanzen der Finanzunternehmen unglaubwürdig seien. Trotz der Liquiditätsflut seien die Spreads zwischen den Zinsen, zu denen die Regierung borge, und den Zinsen, zu denen die Privaten borgen, auf historischen Höchstständen. Dies liege daran, dass die Banken nicht wüssten, welche von ihnen noch solvent seien. Diese Unsicherheit führe zum Einfrieren der Kreditmärkte. Das Problem liege auf der Aktivseite der Bilanz.

Dort sind die ABS und CDS der Banken verbucht. Ihre Bewertung bereitet Schwierigkeiten. Welchen Wert hat ein Kreditpaket mittlerer Qualität, das durch 20.000 non-recourse loans besichert ist, wenn unbekannt ist, wie viele von diesen non-recourse loans noch bedient werden? Welchen Wert hat ein Kreditpaket mit 10.000 Subprime-Hypotheken, wenn unklar ist, wann und zu welchem Preis die leerstehenden Gebäude in der Zwangsversteigerung verkauft werden? In welchem Umfang Abschreibungen vorgenommen worden sind und in welchem sie noch nötig sind, muss unbeantwortet bleiben. Dazu passt die Nachricht, dass die Deutsche Bank soeben von der durch das Panikgesetz angebotenen Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, Wertpapiere nicht auf den Marktwert abzuschreiben. Das Gleiche gilt für Credit Default Swaps. Angenommen, Bear Stearns hat Forderungen verbrieft und diese bei Lehman Brothers durch einen CDS gegen den Ausfall versichert. Lehman gehörten zu den aktivsten Anbietern von CDS. Weiter unterstellt, die Deutsche Bank habe die verbrieften und versicherten Wertpapiere gekauft. Nun ist Lehman pleite. Die Forderung gegen Lehman auf Zahlung der Versicherungssumme wird nur in Höhe der Insolvenzquote befriedigt. Dann müsste die Deutsche Bank wider Erwarten Abschreibungen in einem Umfang vornehmen, den niemand je vorhersehen konnte – denn wer hätte schon mit der Insolvenz einer der größten Investmentbanken gerechnet? Auch scheinbar bilanziell gesund dastehende Banken sind deshalb extrem gefährdet. Solange die Immobilienpreise fallen, wird der Interbankenkreditmarkt eingefroren bleiben, da niemand wissen kann, wie sich das auf die Bilanz der Vertragspartner auswirkt. Eine Bodenbildung der Preise am Immobilienmarkt ist nicht in Sicht. Ergo wird sich die Krise fortsetzen.

Es ist leicht, hier von einem Vertrauensverlust zu reden, dennoch falsch. Dadurch wird suggeriert, gutes Zureden und das Fassen frischen Mutes könnten an der Lage der Banken etwas ändern. Sie können es nicht. Das Teilreservesystem ist ein Banksystem, das dafür geplant ist, Banken die Möglichkeit zu geben, mehr Geld zu verleihen als sie an Einlagen haben. Es mangelt nicht an Vertrauen, sondern an Einlagen – immer und zu jeder Zeit. Meistens merkt es nur keiner. In der aktuellen Krise ist der Mangel an Einlagen jedoch ein Problem. Diesen Mangel beheben Fed und EZB, indem sie es den Banken ermöglichen, statt untereinander von den Zentralbanken zu leihen. Es irrt, wer von mangelndem Vertrauen spricht. Es irrt auch, wer die Gier als Ursache benennt. Es ist nicht Gier, wenn Banken ein Vielfaches ihrer Einlagen als Kredit vergeben können.

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