10. November 2008

Port-au-Prince Ein Haus in Haiti

Naheliegende Hintergründe vermeintlicher Fernstenliebe

Der Sack Reis, der in China umfällt, wurde sprichwörtlich: Er ist Symbol für einen irrelevanten, folgenlosen Vorgang weit weg, jenseits der Wahrnehmung dessen, der ihn im Munde führt. Das Haus in Haiti, von dem in den letzten Tagen so oft die Rede war, ist in fast jeder Hinsicht das Gegenteil des Reissackes.

Das Haus nämlich ist, nein: war eine Schule, die ihre Schüler unter sich begrub. Rund hundert Tote, über 150 Verletzte büßten für eine eklatant mangelnde Sorgfalt beim Bau – ein trauriger, tragischer, erschütternder Vorgang. Warum aber wird der mitteleuropäische Medienkonsument stündlich über die Fortschritte der Bergungsarbeiten unterrichtet? Warum liefern sich der 70. Jahrestag der Reichspogromnacht und die Korrespondentenberichte aus Port-au-Prince ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Ehrentitel ‚Nachricht des Tages’?

Zwei Antworten sind da möglich, eine sehr naheliegende und eine wahre. Naheliegend, doch eher oberflächlich als wahr, ist der Verweis auf die globale Empathie, auf unser vermeintliches Mitleid mit den Fernsten. Fern ist uns das ärmste Land Amerikas, fern sind uns die Slums von Haiti. Dadurch aber, dass Kinder betroffen sind, rückt das Elend in die Mitte unseres Seelenhaushaltes. Und dadurch, dass Pfusch am Bau die Ursache der Katastrophe gewesen sein soll, dockt das Unglück am deutschen Alltag an. Schließlich weiß hierzulande jeder, wie aufwendig es ist, eine Baugenehmigung zu bekommen, und wie teuer, sich hundertprozentig daran zu halten.

Hinzu kommt, ebenfalls an der Oberfläche, der religiöse Faktor. Der Betreiber der Schule mit dem bekenntnishaften Namen „Promesse Collège Evangélique“ war offenbar ein evangelikaler Pastor. Dessen Willen zur Nächstenliebe, lässt sich mutmaßen, war größer als die Einsicht in die Notwendigkeit solider Bausubstanzen. So verkehrte sich alle Absicht in ihr tödliches Gegenteil: Untergang statt Bildung, Verantwortungslosigkeit statt Caritas.

Was aber liegt jenseits der sentimentgeladenen Oberfläche? In Haiti leben 80 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. So unfassbar groß ist das Elend, dass Mütter ihre Kinder zu vergiften in Kauf nehmen. In Haiti stiegen Staub und Erde zum Nahrungsmittel auf. Aus Erde, Salz, Öl formen haitianische Mütter Kekse, die sie an der Sonne trocknen lassen. Damit lässt sich der Hunger betäuben, doch, einmal gegessen, sind schwarze Zungen, schwarze Münder, Magenschmerzen, Koliken und Seuchen die Folge. Tödliche Parasiten und Viren gelangen mit der Erde in den Magen.

Die Erdkekse sind der schleichende, der Einsturz war der plötzliche Tod. Nur Plötzlichkeiten erreichen unsere Wahrnehmungen, nur Grelles und Absonderliches schreckt uns momentweise auf. Plötzlichkeiten haben den Vorteil, dass man sie auf den einen Begriff bringen kann und dass dieser Begriff eine wohlige Erregung, keinen Schauer der Erkenntnis bewirkt.

„Pfusch am Bau“: dieses Label wird bleiben, wenn die Toten von Haiti versorgt sind und neue Erdkekse längst gebacken werden. „Pfusch am Bau“, das kennt man aus Südbayern und Ostholstein, das zeigt dem Betrachter, wie sinnvoll, ja lebensrettend unsere deutsche Bürokratie sein kann. „Pfusch am Bau“ schützt vor der Zumutung, sich fundamental beunruhigen zu lassen: Wo eigentlich wird das Elend der Fernsten zur eigenen Gewissensfrage?

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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