12. November 2008

Meinungsbildung Das Wirken von Memen und Politemen

Bausteine für politische Vorstellungen

Mit politischen Ansichten und politischer Handlung assoziierte Begriffe wie „rechts“, „links“, „sozial“, „gerecht“ oder auch „Liberalismus“, „Sozialismus“ und „Faschismus“ sind, so wie viele andere Abstrakta auch, anfällig für divergente, teilweise sogar gegensätzliche Interpretationen und Definitionen und eignen sich daher nur sehr bedingt für die brauchbare und allgemeinverständliche Kennzeichnung einer politischen Meinung oder eines politischen Programms. Im folgenden möchte ich einen Ansatz skizzieren, mit dem politische Meinungen, und zwar sowohl diffuse Ansichten als auch gefestigte ideologische Konzepte, mithilfe der Memetik dingfester gemacht werden können. Das Ziel dieser Methode ist eine schnellere und zuverlässigere Analyse politischer Ansichten von Individuen und Gruppen, was wiederum eine zielführendere Meinungsbildung und Meinungsbeeinflussung erlaubt.

In der Sprachwissenschaft beschäftigt sich die Prototypensemantik mit solchen Kerneigenschaften eines Gegenstands, die gegeben sein müssen, damit eine bestimmte Sprachgemeinschaft diesen Gegenstand einhellig mit einem bestimmten Wort benennt. Zum Beispiel gehören zu den prototypischen Kerneigenschaften des Gegenstands, den Sprecher des Deutschen mit dem Wort „Stuhl“ bezeichnen, das Vorhandensein einer Sitzfläche für eine Einzelperson, einer Lehne von der Länge eines Rückens sowie vierer Beine von der Länge eines erwachsenen menschlichen Unterschenkels. Fehlt etwa die Rückenlehne, haben wir es nicht mehr mit einem Stuhl, sondern mit einem Hocker zu tun, und wenn wir ein Bein abziehen und die übrigen Beine sowie die Lehne etwas kürzen, sind die betreffenden Sprecher sich auch nicht mehr sicher oder einig, ob sie einen Stuhl oder schon einen Schemel vor sich haben. Sehr viel schwieriger bis unmöglich erscheint es, einen Konsens über solche Kerneigenschaften bezüglich Wörtern wie „sozial“ oder „links“ zu erzielen. Mithilfe der Memetik können wir aber zumindest deutlicher bestimmen, welche Kerneigenschaften ein bestimmtes Individuum einem bestimmten abstrakten Begriff zuschreibt.

Die Methode der Memetik, eine vom Biologen Richard Dawkins 1976 begründete und somit noch sehr junge kulturwissenschaftliche Disziplin, besteht daraus, Kultur und Tradition in gedankliche Einheiten zu zerlegen, die Transporteure kultureller Konzepte sind – in Analogie zur Vererbung durch Gene. Die zufällige oder auch geplante Neukombination von Memen bewirkt daher einen kulturellen Wandel, wobei „Kultur“ im weitesten Sinne verstanden wird als die Summe von Ideen und Vorstellungen, die nicht genetisch, sondern durch Kommunikation oder Nachahmung weitergegeben werden. Ein Mem kann somit beispielsweise eine bestimmte Technik sein, Termiten aus einem Loch herauszuangeln. Ein Mem kann aber auch sowohl eine phonetische Folge als Bezeichnung für einen bestimmten Gegenstand als auch die Vorstellung über die prototypischen Eigenschaften eines Stuhls sein, aber auch eine Idee, die da heißt [„es ist gut, wenn man den Reichen gegen ihren Willen etwas abnimmt und davon den Armen gibt“] oder auch [„es ist gut, dass niemand zu etwas gezwungen wird, was er nicht möchte“]. Man kann nun dahingehen, Meme thematisch zu kategorisieren, was in der Memetik meines Wissens noch nicht konsequent erfolgt ist. Für Meme, die sich auf Humor beziehen, hatte ich bereits in ef Nr. 51 die Begriffe „Hum“ und „Humorem“ vorgeschlagen. Und für Meme, die als Bausteine für politische Ansichten dienen, bietet sich die Neuschöpfung „Politem“ an.

Politeme können sowohl Vorstellungen sein, über die sich „politisch gebildete“ Menschen etwas mehr Gedanken gemacht haben und die somit Bausteine für Ideologen und Politologen sein können, als auch wenig reflektierte und undifferenzierte Vorstellungen bei politisch sonst nicht interessierten Menschen, die aber dennoch wesentlich zur politischen Meinungsbildung in einem Gemeinwesen beitragen, unter anderem auch weil sie von „Populisten“ als zugkräftige Politeme erkannt und instrumentalisiert werden.

Ein Politem, das da heißt [„wenn man die Unternehmer frei wirtschaften lässt, kommt es zur Konzentration von Macht“] oder [„ein Mindestlohn ist notwendig, da die Unternehmer die Löhne sonst gegen Null treiben“] wäre ein Beispiel für eine etwas differenziertere Vorstellung, die durchaus nicht nur von Demagogen, sondern auch von vielen Politologen und Ökonomen ernsthaft geteilt wird, selbst wenn es dafür keine stichfesten Beweise gibt. Noch undifferenziertere und unbewiesenere Politeme wie [„die Kapitalisten bringen den Arbeitern nur Unglück“] oder [„Spekulanten sind wie eine Heuschreckenplage“] sind gedankliche Konzepte, die von den Mem-Trägern mangels Interesse nicht weiter hinterfragt werden und gerade deswegen sehr virulent sind. In Verbindung mit Wörtern wie „sozial“ oder „links“ lassen sich diese gedanklich unausgegorenen Politeme einem vermeintlichen Oberbegriff zuordnen, der die Illusion eines logisch zusammenhängenden Meinungskonzepts vermittelt und dem Bedürfnis der Menschen nach Etikettierung und Orientierung entgegenkommt, obwohl diese Oberbegriffe insofern semantisch diffus sind, als sich aufgrund unstimmiger Kerneigenschaften schwer ein prototypisches Konzept dafür festmachen lässt. „Sozial“ beispielsweise ist ein politisches Etikettenwort, mit dem sich die Träger fast aller Politemkombinationen problemlos selbst charakterisieren würden, egal ob sie sich ansonsten „links“, „rechts“, „liberal“ oder sonst etwas fühlen. Auf die Frage nach der Definition von beispielsweise „sozial“ wären die meisten allerdings um eine spontane und eindeutige Antwort verlegen, so wie auch diejenigen, die sich zum Beispiel als „Linke“ bezeichnen, mehrheitlich keine ausreichende Palette von Politemen zur Charakterisierung des Links-Seins parat hätten. Etiketten-Begriffe dienen weniger der analytischen Kategorisierung eines Meinungskomplexes, sondern arbeiten dem Wohlgefühl zu, welches daraus resultiert, dass man sich in einer Gruppe von Gleichgesinnten geborgen fühlt.

Um eine klarere Begrifflichkeit herzustellen, die sowohl für Politologen als auch für all diejenigen, die ihren eigenen politischen Standpunkt deutlicher charakterisieren möchten, von Nutzen ist, wäre als erster Schritt eine Sammlung von Politemen erforderlich, die thematisch und logisch angeordnet werden, so dass eine nachvollziehbare Politem-Architektur entsteht. So lassen sich schlüssige Politem-Kombinationen isolieren, die wiederum einem Oberbegriff zugeordnet werden können, der keine Mehrdeutigkeiten in Bezug auf seine prototypischen Kerneigenschaften aufweist. Bei der Benennung solch charakterisierender und nicht-polysemer Oberbegriffe kann man entweder Wortneuschöpfungen verwenden oder auch auf vorhandene als Etiketten fungierende Wörter zurückgreifen und diesen somit eine Umdeutung angedeihen lassen.

Beispielsweise ließe sich das Mem [„die Bedeutung eines Begriff muss einen Bezug zu seiner etymologischen Herkunft haben“] (etwa beim Postulat „Kunst kommt von Können“) als Basis für das Postulat verwenden, dass „sozial“ alles ist, was dem Bedürfnis des Menschen nach gesellschaftlicher Harmonie zugute kommt. Grundlegende Politeme für das Etikett „sozial“ wären dann [„niemand darf seine Mitmenschen schädigen“], [„niemand darf jemand ohne seinen Willen etwas abnehmen, um es jemand Drittem zu geben“] und [„niemand darf sich ohne Zustimmung in die freiwilligen und Dritte nicht schädigenden Interaktionen zweier Menschen einmischen“]. Ein erster einfacher Ansatz für eine solche Polit-Architektur wurde bereits mit dem „Staaz-O-Meter“ geschaffen, das eine politische Einordnung jenseits des diffusen Links-Rechts-Schemas erlaubt und zum Beispiel den vielen Menschen zunächst als widersprüchlich anmutenden Umstand erklärt, dass „Rechtsextremisten“ in sehr vielen Bereichen die gleiche Meinung vertreten wie „Linksextremisten“, also eine überwältigend große Schnittmenge gleicher Politeme aufweisen. Tatsächlich lässt sich hier auf Anhieb nur ein einziger wesentlicher Politem-Unterschied festmachen: „Rechtsextreme“ meinen [„der allmächtige und umverteilende Staat darf nur die Angehörigen der eigenen Ethnie begünstigen“], während das distinktive Politem bei „Linksextremen“ lautet [„der allmächtige und umverteilende Staat muss alle Menschen weltweit gleich behandeln“].

Bei der Erarbeitung einer Politem-Architektur ist es wohl am zielführendesten, wenn man von einfachen axiomatischen Basis-Politemen ausgeht, von denen man dann durch sukzessive Einschränkungen oder Erweiterungen weitere Politeme ableitet. Ein solches Basis-Politem wäre zum Beispiel [„jeder Mensch darf alles tun, wenn er dabei keinen Mitmenschen schädigt“]. Diesem Politem würden womöglich erst einmal Vertreter fast aller politischen Richtungen zustimmen. Einschränkende Politeme würden sich nun zum Beispiel aus den Auffassungen darüber ableiten lassen, was „schädigen“ konkret bedeutet. So lässt sich etwa eine Auffassung isolieren, die besagt [„wenn ein Mitmensch gleich viel arbeitet, aber mehr verdient als ich, dann gereicht mir das zum Schaden“] oder auch [„es ist kein Schaden für das Individuum, wenn der Staat ihm ohne dessen ausdrückliche Zustimmung einen Teil seines Einkommens abnimmt“].

Anhand einer solchen Politem-Struktur lassen sich Tests generieren, die sowohl für politisch Interessierte Bürger als auch für Politologen die Einordnung einer bestimmten politischen Haltung klären lässt und Widersprüche in dieser Position leichter herauszuarbeiten erlauben. Besonders interessant dürfte ein solches Verfahren für Politiker selbst sein, die sich sehr oft selbst weniger aus einer logisch strukturierten Überzeugung heraus, sondern im Zuge eines gruppendynamischen Prozesses und aus einem durch zufällige Prägungen entstandenem diffusen Gefühl heraus als „links“, „rechts“, „sozialdemokratisch“, „liberal“ oder „konservativ“ etikettieren. Vertreter gefestigter Ideologien wiederum können die Rechtfertigung für ihre Programme aus der Begründung der einzelnen von ihnen akzeptierten Politeme ableiten oder können etwa von kritischen Journalisten dazu angehalten werden, dies zu tun. Entsprechend lassen sich auch Nachschlagewerke für die Begründung von Programmen oder etwa auch so etwas wie ein „Lexikon der Politik-Irrtümer“ erstellen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von David Schah

Über David Schah

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige