17. November 2008

Sind unsere Schüler so? Männer, Frauen, andere Sklaven

Fernsehen und Fernsicht

Die Programmzeitschrift gab sich alarmiert: „Sind unsere Schüler so?“. Angekündigt wurde ein „heftiges TV-Jugenddrama“. Am vergangenen Mittwoch war es zu besichtigen, zur besten Sendezeit, viertel nach acht im Ersten. „Sklaven und Herren“ stellte zwei wahrlich beunruhigende Fragen: Entdeckt eine spätmoderne Gesellschaft die archaischen Muster von Dominanz und Devotion wieder? Und schaffen die abwesenden Männer, die verleugneten Väter die Leerstelle für eine solche katastrophale Zuspitzung?

Läse man nur den Plot des Drehbuches von Klaus-Peter Wolf, man legte es schnell zur Seite: zu spekulativ, zu voyeuristisch. Die Schüler eines Gymnasiums in Frankfurt/Main werden von einer kleinen Clique drangsaliert. Deren Chef, genannt Yogi, ist adrett und clever, vor allem aber sadistisch und geschäftstüchtig. Mit einer ihm ergebenen Corona zwingt er Schüler und Schülerinnen, ihm zu Gefallen zu sein, für ihn zu stehlen, zu lügen, zu lieben.

Sein Druckmittel sind Handyfilmchen aus sonst nicht zugänglichen Räumen, vorzugsweise Umkleidekabinen, Badezimmer, Toiletten. Diese stellt er auch dann, wenn man ihm gehorcht, ins Internet – ebenso wie die abgefilmten Unterwerfungsrituale, etwa das Jammern eines gefesselten Mädchens, dessen Bauch der Herr der Herren mit eigenhändig geernteten Brennnesseln traktiert.

Vermutlich muss der Online-User für die Zugangsrechte zu sklavenmarkt.de zahlen. Der Sadist lässt sich vom kranken Gaffer aushalten. Oder ist, wie es ein zwölfjähriger „Sklave“ andeutet, das Videobusiness nur ein besonders ertragsreiches Geschäftsfeld, das sine ira et studio betrieben wird? Führt also die bloße Habgier Yogi ins Abgründige?

Wir wissen es nicht. Psychologie ist nicht die Stärke dieses Filmes. Das Böse lebt, es braucht keine Rechtfertigung. Auch die Bereitschaft zur Unterwerfung erscheint als Faktum von geradezu tragischer Notwendigkeit. Das Herr-Knecht-Verhältnis sorgt für Strukturen, für Ordnung und Orientierung, und es formt eine fatale Symbiose. Man ist – auf völlig verschiedenen Ebenen, aber im doch gemeinschaftlichen Tun und Erleiden – Teil der einen Ertragsgemeinschaft.

Die kapitalismuskritische Spitze wird dem Spielfilmdebüt des Regisseurs Stefan Kornatz eine zusätzliche Prise Aufmerksamkeit beschert haben. Auch rührt Bosheit in kindlicher Gestalt an ein weitgehend intaktes Tabu. Darüber hinaus jedoch ist der Schritt bemerkenswert, den „Sklaven und Herren“ über den Mainstream hinaus wagt. Der Haushalt der beiden Protagonisten, des „Herren“ Yogi und der „Sklaven“ Tina und Klaus, ist männerfreie Zone.

Der sadistische Präzeptor kann seiner Mutter dreiste Lügen auftischen. Sie glaubt ihm, weil sie alle Realität jenseits von Tennisplatz und bulthaupt-Küche für irreal hält. Die Mutter von Tina und Klaus hingegen, wohlbestallt auch sie, ist blind für die Schneisen, die die Wahrheit in ihre ganz persönliche Erziehungskatastrophe schlägt. Als Quatsch tut sie die Hinweise auf das Ausgeliefertsein ihrer Kinder ab.

„Wir sind die Sklaven, er der Herr“ dichtete Rolf Dieter Brinkmann und meinte den Fortschritt, der „uns längst nicht mehr“ diene. Ein „kranker Gaul“ sei er geworden, „nach außen frisch, doch innen faul“. Auch die Früchte des gesellschaftlichen Fortschritts prangen nicht immer. Die in ihre vereinsamenden Freiheiten entlassenen Männer, Frauen und Kinder finden – so sagt es der Film – kaum zurück in die Annahme ihrer selbst. Die Strukturen und die Ordnung, die man überwand, kehren zurück als Tyrannei.

Das muss anno 2008 nicht immer, nicht überall so sein, und geschieht gewiss weit öfter im seinerseits herrischen Fernsehen als vor unser aller Augen. Die Zutaten einer solchen Volte aber, die sich gegen die Freiheit kehrt, liegen bereit: ein ehemals „schwaches“ Geschlecht, vom Zwang zur „Powerfrau“ ebenso in die Überforderung getrieben wie dessen einstigen Unterdrücker von der Pflicht, sich entbehrlich zu machen – und die flächendeckende Bereitschaft, alles, was sich rentiert, für bereits gerechtfertigt zu halten.

„Das ist die Zukunft“ sagt der zwölfjährige Klaus, als man ihn auf den Sklavenmarkt anspricht. Vielleicht hat er Recht.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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