24. November 2008

Wettervorhersage Unser kleiner täglicher Weltuntergang

Die Apokalypse wird sich vermutlich nicht eines Offenbacher Meteorologen als Sprachrohr bedienen

Es sei ihm gegönnt. Wen drängt es schließlich nicht nach Aufmerksamkeit, Rampenlicht, Anerkennung? Andreas Friedrich aus Offenbach ist da keine Ausnahme. Er suchte und er fand seinen Instant-Ruhm am Mittwoch vergangener Woche. Selbst am Donnerstag war sein Name, war sein Donnerwort in aller Munde. Andreas Friedrich, Diplom-Meteorologe, angestellt beim Deutschen Wetterdienst, prophezeite das „spektakulärste Wetterereignis seit Orkan ‚Kyrill’“. Für die Tage vom 21. zum 23. November 2008 müsse man mit dem Allerschlimmsten rechnen.

Geschehen ist dann: wenig mehr als Nichts. Es schneite, es wurde plötzlich recht kalt, hie und da verspäteten sich Züge, manches Auto soll gescheut haben. Von Massenkarambolagen war nichts zu hören, niemand starb des Wetters wegen, kein Landstrich musste evakuiert werden. Andreas Friedrich hat sich in diesem Fall als denkbar miserabler Prophet erwiesen. Die annoncierten „Pauken und Trompeten“ schlugen kammermusikalische Töne an. „So richtig die Post ab“ ging nur in der Simulation. „Kyrill“ hingegen forderte im Januar 2007 europaweit 47 Menschenleben. Auf mehrere Milliarden Euro addierten sich die Schäden.

Durch das groteske Missverhältnis von Vorhersage und Ereignis wurde uns dreierlei gewahr: Der staatliche Deutsche Wetterdienst, eine Anstalt des öffentlichen Rechts, bewegt sich auf einem wettbewerbsintensiven Markt. Um gegen die Konkurrenz, namentlich den umtriebigen Schweizer Wetterfrosch und Anzugbeau Kachelmann zu punkten, erscheint der Griff ins Grelle offenbar geboten. Winter war gestern, Weltuntergang ist heute, lautet die Parole.

Zweitens fügt sich der Sensationalismus, der gerne prospektiv aus Brisen Stürme und aus Winden Unheil macht, in unser abgesunkenes Reizempfinden. Wir sind umstellt von Katastrophen, die sekündlich an uns zerren, von schrillen Tönen, bunten Bildern, von medial verdichteten Elends- und Kriegsszenarien. Selbst die alltägliche Sprache der Politiker wird mehr und mehr aufgerüstet, ist ein verbaler Waffengang, kein Diskursfeld mehr. Wenn das Erhitzte zur Betriebstemperatur aufsteigt, das Exaltierte zur Norm, dann muss auch ein Diplom-Meteorologe schreien, um verstanden zu werden.

Und drittens ist es bezeichnend für den Gestaltwandel der öffentlichen Naturwissenschaft, wie leicht und gerne sie miteinstimmt in den Chor der Hysteriker. Zuweilen sieht man sie zwar heute noch, die Letzten ihrer Art, die Damen im blassfarbenen Kostüm, die Herren mit Schlips oder Fliege, die auf Wolkenbilder deuten, auf Pfeile, Kreise, Farbverläufe. Diesen Dinosauriern wird man aber bald ein Ehrenmal spendieren, und dann werden unumschränkt die Selbstvermarkter herrschen, wie sie in vielen Naturwissenschaften längst den Taktstock schwingen.

Der Biologe und Genombastler, der den Kittel trägt, um als Therapeut zu erscheinen; der Physiker, der mit lautem Aplomb allerletzte Gewissheiten verkündet; der Neurologe, der meint, das Wesen des Menschen entschlüsselt und die meisten Normen widerlegt zu haben: Sie alle haben wie der Wetterfrosch im Pech die Lektion verinnerlicht, dass ins Bewusstsein dann sich Botschaften graben, wenn sie Sinn verkünden und Wahrheit versprechen. Hier gilt das alte Komödiantenwort: Dezenz ist Schwäche.

Bisher jedoch wurde der Weltuntergang jedes Mal vertagt. Die Sintflut gab es nur einmal, und die Apokalypse wird sich vermutlich nicht eines Offenbacher Meteorologen als Sprachrohr bedienen. Pauken und Trompeten haben dann und erst dann ihren Platz. Die Erregungsgesellschaft sollte ihr Fieber bis dahin zu zügeln wissen. Abschalten, Abrüsten tut not, ganz unspektakulär.


Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


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