Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Gesellschaftspolitik: Umverteilung provoziert Kulturkämpfe

von Gérard Bökenkamp

Der Staat spielt unterschiedliche Lebensstile gegeneinander aus, um seine Macht in das Privatleben hinein auszudehnen

28. November 2008

Es gibt ein uraltes Prinzip: Soziozentrismus. Darunter versteht man, dass jede soziale Gruppierung ihre eigenen Wertvorstellungen und Lebensstile für die besten hält. Innerhalb der Gruppe herrscht darüber weitgehend Einigkeit. Aus der Sozialpsychologie weiß man, dass Menschen mit ähnlichen Vorstellungen sich gegenseitig bestärken, wenn sie zusammenkommen. Darum ist es ganz natürlich, dass Fußballfans sich ein Leben ohne ihren Sport und Bücherratten ihr Leben ohne Literatur nicht vorstellen können. Diejenigen, die es doch können, erscheinen ihnen als Menschen, die den Sinn des Lebens verfehlen, was aus ihrer Perspektive zu bedauern und auch abzulehnen ist.

In einem Land mit 80 Millionen Menschen gibt es sehr unterschiedliche Lebensstile. Die Menschen in der Stadt leben anders als die Menschen auf dem Land. Industriearbeiter haben andere Vorstellungen vom guten Leben als Landwirte oder Selbstständige oder Angestellte im Dienstleistungsbereich. Katholiken einen anderen als Protestanten, Atheisten oder Agnostiker. Jede Lebenswelt hat ihre eigenen Regeln und Maßstäbe. Wer in der einen Lebenswelt ein Held ist, ist möglicherweise in der anderen ein bedauernswerter Tropf, der belächelt, bemitleidet oder ausgestoßen wird. In den verschiedenen Lebenswelten gibt es unterschiedliche Familien- und Rollenmodelle sowie andere biographische Vorbilder.

Ein solcher Pluralismus ist konfliktträchtig. Gehen wir vom Ideal einer "freien Gesellschaft" aus, so  besteht dort eine große Wahrscheinlichkeit, dass zwischen den einzelnen Lebensstilen kein Konflikt, sondern schlicht und einfach Gleichgültigkeit herrscht. Eine freie Gesellschaft funktioniert nach dem Prinzip von Clint Eastwood: Jeder lässt jeden in Ruhe. Da nach dem Prinzip der Freiwilligkeit und der schier unendlichen Möglichkeiten einer freien Gesellschaft wenigstens im Privatleben jeder selbst entscheiden kann, mit wem er auf welche Weise Umgang pflegt, können Konflikte so vermieden werden.

Niemand ist dazu gezwungen, seinen Lebensstil zu verteidigen oder gegen andere zu polemisieren. Es steht jedem frei, sich an einem Diskurs zu beteiligen oder nicht. In einer freien Gesellschaft hat jeder auch die Möglichkeit, sich in seine eigene Lebenswelt zurückzuziehen und die Argumente gegen sein Denken, Leben und Handeln gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Es gibt ein Recht auf Ignoranz. Wer sich in die Kampfzone des freien Diskurses begibt, tut das auf eigene Gefahr und aus eigener Motivation. Das Risiko ist, dort bekehrt zu werden. Die Chance ist, dort selbst andere zu belehren.

Konflikte eskalieren dann zu Kulturkämpfen, wenn die Debatten über den richtigen oder falschen Lebensstil direkte Folgen für die staatliche Umverteilung haben. Die Regierung hat die Macht, dem einen Lebenswelt zu nehmen, der gerade in Ungnade gefallen ist. Sie lässt das Geld der Lebenswelt zukommen, die gerade in der Gunst steht.

Die Umverteilung sorgt dafür, dass überhaupt nur noch schwer erkennbar ist, wer auf wessen Kosten lebt. Jeder ist gezwungen, für den anderen zu zahlen. Und jeder ist gezwungen, von anderen Geld zu nehmen, über das Steuer- und Rentensystem, unzählige Abgaben und die staatliche Leistungen. Jeder fühlt sich in diesem System in ständiger Rechtfertigungsposition.

Dies zwingt die Bürger dazu, sich auf kulturelle Kämpfe einzulassen, die sie sonst nicht führen würden. Sie müssen den anderen Lebensstil attackieren und auf die Barrikaden gehen, um nicht selbst auf die kollektive Anklagebank zu kommen und für die Lebenstile fremde Leute zahlen zu müssen. Ganz unabhängig von den individuellen Lebensumständen bekommt jeder ein Etikett aufgeklebt und wird in eine Schublade gesteckt als „Karrierefrau“, „Single“, „alleinerziehend“. Jeder will den schwarzen Peter dem anderen zuschieben, um am Ende nicht selbst der Dumme zu sein.

Die Politik der Umverteilung schafft auf diese Weise Unfrieden im Land und zwingt harmlose Menschen, die nichts weiter wollen, als so zu leben wie es für sich für richtig halten, am Kampf um die Staatsressourcen zu beteiligen, um im Vergleich zu anderen nicht zu kuz zu kommen. Deshalb werden solche Auseinandersetzung mit äußerster Erbitterung geführt.  Die absurde Debatte der letzten Jahre um „Rabenmütter“, „Heimchen am Herd“ und „egoistische Singles“ ist das Ergebnis ideologisch motivierter staatlicher Umverteilungspolitik..

Natürlich, es wird immer Menschen geben, die nachts in ihrem Bett keine Ruhe finden bei dem Gedanken, dass Menschen anders leben wollen als sie selbst es für richtig halten. Es gibt das Sprichwort, dass der Mensch nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Besonders unangehm wird es, wenn der „böse Nachbar“ alle Hebel in Bewegung setzt, um den Staatsapparat für sich einzuspannen.

Radikale Feministinnen haben ein anderes Rollenideal als vermutlich eine Mehrheit der Bevölkerung. Sie wollen, dass es zwischen Männern und Frauen keine Verhaltensunteschiede mehr geben soll. Hausfrauen sind ihnen ein Dorn im Auge. Nun ist es natürlich das gute Recht der Anhänger des radikalen Feminismus, für ihre Ideale zu werben, in ihren Publikationen, in Seminaren, öffentlichen Auftritten usw. Solange sie die Kosten dafür selbst tragen, ist das völlig legitim. Sie können versuchen, Frauen und Männer dazu zu bewegen, freiwillig nach ihren Gleichheitsidealen zu leben, ihre Partnerschaft und ihre Karrierewege danach auszurichten.

Offenbar ist die Strahlkraft ihrer Ideen aber so begrenzt, dass es notwendig wurde, den Zwang und die Umverteilung an die Stelle der Argumente und Überzeugungsarbeit zu setzen.  So ist ihnen in den letzten Jahren viel gelungen, wenn man die Politik der „Vätermonate“, der staatlichen Kinderkrippen und des Antidiskriminierungsgesetzes der Großen Koalition betrachtet.

In der Öffentlichkeit wurde der Eindruck erweckt, es gehe um eine Auseinandersetzung zwischen Emanzipation und Tradition. Viele Gegner dieser Politik sind auch gleich voll in die Falle getappt und haben sich auf einen Kulturkampf zwischen christlichem Abendland und Frauenemanzipation eingelassen. Dies war genau die Spaltung, die Frau von der Leyen brauchte, um sich als „Modernisiererin“ und gesellschaftspolitische „Liberale“ darzustellen, während sie gleichzeitig den Grundsatz, dass den Staat das Privatleben der Bürger schlicht und einfach nichts angeht, mit Füßen trat.

In einem von der Regierung losgetretenen Kulturkampf ist die Verführung immer groß, sich auf eine Seite zu stellen, nämlich der, die einem selbst familiär, geistig und sozial näher steht. Die Diskussion wird dann um den Problemkreis geführt, ob Frauen lieber Karriere machen oder zu Hause bleiben sollen, welches Rollenmodell das richtige ist und welche Politik dazu führt, dass die Geburtenrate oder die Produktivität steigt. Die realen Lebensumstände der meisten Menschen haben mit diesen holzschnittartigen Darstellungen allerdings wenig zu tun.

In Wirklichkeit geht es gar nicht um die demographische Entwicklung oder um die Frage, welches Rollenverständnis, welches Familienbild und welche Erziehungsvorstellungen ethisch und wissenschaftlich am besten begründet sind.

Das alles sind inszenierte Scheindebatten, hinter denen etwas anderen steht,nämlich das vermeintliche Recht des Staates, den „richtigen“ Lebenstil zu fördern und den „falschen“ zu belasten. Es geht damit um die Aushebelung des Rechtes auf ein selbstbestimmtes Leben. Ein Prinzip, das wohl auch die Mehrheit derjenigen geachtet wissen will, bei denen die Politik von Frau von der Leyen Anklang findet.

Auch diese sollten sich darüber klar werden, dass es allein um folgende Frage geht: Wieviel Macht darf der Staat über unser privates Leben besitzen? Wollen wir den Staat in unserem Wohnzimmer, im Kinderzimmer und demnächst in unserem Schlafzimmer haben oder nicht? Wenn nicht, sollte man sich gegen Vätermonate, staatliche Krippen und Elterngeld aussprechen, egal welchen Lebensstil man selbst lebt, ob man Kinder hat oder nicht, verheiratet ist oder nicht, konfessionell gebunden oder nicht.

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